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aus Medien - Manipulation / ila 258

Die Enten in Reih und Glied
Falschmeldungen der US-Medien vor dem Putsch in Venezuela
von Al Giordano

Mit einschlägigen Zitaten aus den großen US-Medien, vor allem der New York Times, zeigt der Autor, wie der Putsch gegen Hugo Chávez am vergangenen 12. April, beginnend mit den ersten Kommentaren nach seiner ersten Wahl im Jahre 1998, medial auf den Weg gebracht wurde.

Der April-Putsch in Venezuela war von langer Hand vorbereitet. Gleich nach den Wahlen vom 6. Dezember 1998, die Chávez haushoch gewann, ließ Larry Rother in der New York Times (NYT) leichte Infanterie aufmarschieren, indem er Chávez als „den populistischen Demagogen, den autoritären Mann“ etikettierte. Rother betonte dessen „vergangene Mißachtung des Rechtsstaates“ und klagte, Chávez „scheint dazu zu neigen, auf der Grundlage eines mystischen Bandes regieren zu wollen, das er angeblich zu den 23 Millionen Menschen in Venezuela geknüpft haben will“. Rother verkündigte seine Schlussfolgerungen über Chávez, noch bevor der auch nur einen Tag regiert hatte. Das ging gerade so weiter bis zum 12. April 2002, an dem der Staatsstreich stattfand. Als die von ihm favorisierten Putschisten das Parlament auflösten, die Verfassung außer Kraft setzten und ihre politischen GegnerInnen jagten, machte sich Rother plötzlich keine Sorgen mehr um den Rechstsstaat. Er zog sogar Michael Shifter, den Autor des Plan Colombia, aus dem verseuchten Potomac, um den Putsch zu rechtfertigen: „Das ist eine andere Art, um in Ländern, die als unregierbar angesehen werden, eine Krise zu lösen. Herr Chávez ist ein linker Populist mit der üblichen Skrupellosigkeit.“ Selbst als Rothers anti-demokratische Tendenz deutlich geworden war, versuchte er sich mit Schadenskontrolle. Am 15. April schrieb er in der NYT: „Anders als in Guatemala 1954 oder in Chile 1973 gibt es keine offensichtlichen Fingerabdrücke der USA in dem Putsch, mit dem Chávez gestürzt wurde.“

Mehr noch als 1998 gerieten die etablierten Medien nach dem 31. Juli 2000, als Chávez mit noch überwältigenderer Mehrheit wiedergewählt wurde, in Aufregung, hatte die venezolanische WählerInnenschaft doch ihre hysterischen Vorhersagen dementiert. Drei Tage zuvor hatte Anastasia O'Grady im Wall Street Journal einen Artikel mit der Überschrift „Ein Sieg Chávez' wird die Probleme Venezuelas nur noch verschlimmern“ veröffentlicht, und am selben Tag titelte Brian Latell in der Washington Post: „Eine verdeckte Diktatur“. Aber die Vorhersagen über Chávez' Autoritarismus trafen nicht ein. Im Jahre 2000 nannte Human Rights Watch Venezuela das einzige lateinamerikanische Land, in dem sich die Lage der Menschenrechte verbessert hatte. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), vehement gegen Chávez eingestellt, schickte zu den Wahlen von 1998 und 2000 Wahlbeobachter, die von den Tatsachen zur Schlussfolgerung gezwungen wurde, dass beide Wahlen absolut fair waren.

Die Show vor dem Putsch

In der Regierungszeit von Chávez wurde kein Journalist und keine Journalistin verhaftet, so dass das ideologisch blinde „Komitee zum Schutze der Journalisten“ in New York lediglich darüber meckern konnte, dass Chávez in seinen Reden die notorisch korrupten venezolanischen Medien kritisierte. In den Wochen vor dem Putsch hob unter den kommerziellen JournalistInnen ein Geflüster an, das zum Geschrei anschwoll, wobei die Saat für die kommende Ernte gelegt wurde: sollte es einen Staatsstreich geben, würde er nicht als solcher, sondern als „Volksaufstand“ bezeichnet werden. Am 19. März 2002 leitete Juan Forero, bekannt dafür, dass er seine Interviews mit US-Söldnern in Kolumbien von Regierungsbeamten gegenlesen ließ, in der NYT den entschiedenen Schwenk in der medialen Botschaft ein. Jetzt reichte es nicht mehr aus, Chávez als links zu beschreiben und seine Meinungsverschiedenheiten mit Washington bezüglich des Plan Colombia, der OPEC und anderer politischer Fragen zu unterstreichen.

Jetzt begann die große Lüge, dass „Chávez' autokratischer Stil und seine linke Politik eine wachsende Anzahl seiner Landsleute entfremdet hat.“ „Obwohl er eine ',Revolution' versprochen hat, um die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern, hat es Chávez mit seinem kämpferischen Stil, seinen populistischen Reden und seinen Verbindungen zu Fidel Castro und den marxistischen Rebellen in Kolumbien geschafft, sich mit wohl jedem Sektor der Gesellschaft anzulegen – von der Kirche über die Presse bis zum Mittelstand.“ Zusammen mit anderen offiziellen „JournalistInnen“ begann Forero auch den Faden von „Angehörigen des Militärs“, die sich von Chávez abwandten, zu spinnen. Er zitierte einen Oberst mit den Worten: „Chávez hat gesagt, das Militär stünde hinter ihm. Ich möchte den Leuten sagen, dass sie es nicht tun.“ „Mario Iván Carratu, ein Vizeadmiral im Ruhestand mit engem Kontakt zu den Militärs, sagte, einige aktive Offiziere hätten darüber gesprochen, in Zukunft eine aggressivere Rolle zu spielen. Er sagte, einige hätten privat sogar über die Notwendigkeit gesprochen, einen Putsch zu machen, um Chávez abzusetzen.“ Forero versäumte es nicht, auf der inzwischen offensichtlich erfundenen Linie hinzuzufügen, die dissidenten Militärs „seien sich bewusst, dass die Vereinigten Staaten einen Staatsstreich nicht unterstützen würden.“ „Die Streitkräfte möchten nicht mit einem Putsch einen Platz in der Geschichte bekommen“, sagte ein hochrangiger Offizier, der anonym bleiben will. „Wenn sie in die Geschichte eingehen wollen, dann deshalb, weil sie die Zivilgesellschaft bei ihrem Protest unterstützt haben.“ Von da an war es den genaueren BeobachterInnen klar: „Zivilgesellschaft“ und „Volksaufstand“ sollten simuliert werden, um einen militärischen Staatsstreich zu „rechtfertigen“.

Die Revolte der verwöhnten Bälger

Am 9. April standen die Enten abmarschbereit in Reih und Glied. Forero mit einem Bericht in der NYT über den geplanten „ArbeiterInnen“-Streik mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammer, um die Ölindustrie lahm zu legen, an der Spitze: „Das kann nur mit der Abdankung des Präsidenten enden, sagte Humberto Calderón Berti, ein ehemaliger Energie- und Bergbauminister, zu einer versammelten Menge von protestierenden Managern der staatlichen Erdölgesellschaft Petroleo de Venezuela in Caracas. Alle Venezolaner, aus allen Schichten, aus allen politischen und ideologischen Strömungen, müssen an der Arbeitsniederlegung teilnehmen. Es geht um ihn oder uns. Es ist eine Wahl zwischen Demokratie und Diktatur.“ Wie viele Manager eine Menge bilden, müssen weitere Untersuchungen der Rhetorik der Mainstream-Medien und ihres Versuches, aus der Revolte der verwöhnten Bälger einen „Volksaufstand“ zu machen, herausfinden. Aber Foreros Quelle, der zitierte Ölmanager, behielt in einem Recht: In dem Drama, das sich jetzt entfaltete, ging es tatsächlich um „eine Wahl zwischen Demokratie und Diktatur“ – auch wenn die Orwellschen Massenmedien die beiden D's den Konfliktparteien falsch zuordneten.

Am 11. April gab Forero jeglichen Vorwand des Journalismus auf und wurde zum Propagandaminister eines Staatsstreiches, der die Uhren Lateinamerikas beinahe um 30 Jahre zurückgedreht hätte. In der Morgenausgabe der NYT schrieb er an diesem Tag: „Ein Großteil der Opposition wurzelt in dem weit verbreiteten Missfallen über Herrn Chávez' Politik. White-Collars sehen in ihm einen linken Autokraten. Gewerkschaften sind gegen seine Versuche, sie zu kontrollieren“. Forero und der ganze offizielle Medien-Chor, einschließlich AP und Reuters, den Agenturen, von denen die meisten Tageszeitungen, Radio- und Fernsehsender ihre internationalen Nachrichten beziehen, sind den Details des Streits zwischen den Erdöl-Gewerkschaften und der Chávez-Regierung nicht nachgegangen, dass nämlich die Gewerkschaftsbürokratie sich geweigert hatte, den neuen Gesetzen zu folgen, die faire und freie Gewerkschaftswahlen verlangen. Bedeutet es, die Gewerkschaften kontrollieren zu wollen, wenn man darauf besteht, dass ihre Führungen frei gewählt werden?

Am 12. April schließlich konnten die LeserInnen bei ihrer Morgenlektüre der NYT miterleben, wie Forero endgültig dem Journalistenhandwerk entsagte. „Herr Chávez, 47, ein heißköpfiger Populist, der Venezuela neu machen wollte für die Armen, wurde bei einem Treffen mit drei Offizieren heute früh um 3.00 Uhr gezwungen abzudanken.“ An diesem Freitag verhaftete eine Militärjunta Chávez mit vorgehaltenen Waffen, sperrte ihn ein, ohne ihn irgendeines Verbrechens zu beschuldigen, und installierte Pedro Carmona, den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer und Anführer des Putsches, als Präsidenten. Zu seinen ersten Amtshandlungen zählte die Auflösung des gewählten Parlamentes und des Obersten Gerichtshofes. So wurde, um einen „Autokraten“, einen „Diktator“, einen „starken Mann“ zu stoppen, ein wirklicher Diktator, Pedro Carmona, in die Präsidentschaft geputscht, nicht gewählt, aber so munter gleich das Parlament aufgelöst und eine Hexenjagd gegen Kabinettsmitglieder, Abgeordnete und politische Führer gestartet. „Wir können es nicht zulassen, dass ein Tyrann die Republik Venezuela regiert“, sagte Vizeadmiral Hector Rafael Ramírez in einem von Forero zitierten Statement – just in dem Augenblick, in dem er einen Tyrannen an die Spitze der Republik setzte.

Die Interamerikanische Pressevereinigung IAPA, die von den Eigentümern der großen Zeitungen in den USA beherrscht wird, die „Pressefreiheit“ als ihre Freiheit definieren, maximalen politischen und wirtschaftlichen Profit zu machen, veröffentlichte eine Erklärung zu den Ereignissen in Venezuela: „Präsident Robert J.Cox sagte heute, dass die politischen Entwicklungen in Venezuela allen Nationen auf der Welt gezeigt haben, dass es keine wirkliche Demokratie ohne freie Rede und Pressefreiheit geben kann“. „Das ist ein klassisches Beispiel für die neue Regierung unter Pedro Carmona, die die Dinge hoffentlich wenden, die Pressefreiheit respektieren, die Unabhängigkeit der Gerichte fördern und so die Wiederherstellung der wahren Demokratie sicherstellen wird“, fügte Cox hinzu. Wie es der mexicanische Herausgeber Mario Menéndez Rodríguez einmal formulierte: „Man kann den wahren Charakter eines Journalisten daran erkennen, wie er sich in einer Krise verhält.“

Am 13. April bekamen die LeserInnen der Morgenausgabe der NYT zum Frühstück ein weiteres Exemplar des Foreroschen Journalismus präsentiert. Unter der Überschrift „Manager und Versöhner – Pedro Carmona Estanga“ behauptete Forero noch einmal, Chávez habe abgedankt, und beschrieb den neuen Präsidenten als bescheidenen Manager: „Carmona ist kein Mega-Industrieller. Er ist ein Mann, der immer in der Wirtschaft gearbeitet hat, aber immer als Manager. Er gehört nicht zur Land-Oligarchie und hat kein eigenes Vermögen, keine eigene Bank.“
Im Nachhinein ist allerdings klar, dass die LeserInnen sich anderen Quellen, vor allem den Online-Nachrichten, zuwandten, weil die Berichte von Forero, AP, Reuters, CNN usw. ganz offensichtlich einseitig geworden waren. Die NYT und andere waren so arrogant, das Publikum zu unterschätzen und die eigene Fähigkeit, diesem Publikum einen Diktator als legitimen Präsidenten zu verkaufen, zu überschätzen. Aber die Armen „kamen von den Hügeln herunter“. Sie, von denen man in den englischen Medien nichts gesehen und nichts gehört hatte und die von den fünf venezolanischen Fernsehsendern der Oligarchie ausgeblendet wurden, traten vor und straften die monatelange Desinformationskampagne, wonach Chávez die Unterstützung des Volkes verloren habe, Lügen.

Quelle: Narco News White Paper: Three Days that Shook the Media, 15. 4. 2002

Übersetzt, gekürzt und bearbeitet von Eduard Fritsch.

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