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aus Eigesperrt / ila 259

Anarchisten, Tupamaros und Ganoven
Das Gefängnis Punta Carretas in Montevideo
von Karl-Ludolf Hübener

„Punta Carretas Shopping“ in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Rolltreppen verbinden die Stockwerke. Durch die gewaltige Glaskuppel fluten Sonnenstrahlen, werfen Licht auf Auslagen in den Boutiquen. Menschen drängen vor Kinokomplexen. Kinder stehen Schlange vor Fast-Food-Restaurants, für „Glückliche Macs“. Zwei Ex-Häftlinge erinnern sich an die andere Zeit in Punta Carretas: „Hier im dritten Stock, wo die ganzen Fresslokale sind, genau dort; wo Mc Donald's ist, war meine Zelle“, so Ovidio Viña, ein ehemaliger Bankräuber. „Hier ist viel gelitten worden, ist viel Ungerechtigkeit geschehen. Die Leute begreifen das nicht. Einige wissen nicht einmal, dass hier ein Gefängnis war.“ Und Julio Marenales, der Ende der 60er Jahre wegen seiner Mitgliedschaft bei den verbotenen MLN-Tupamaros verhaftet wurde, meint zu der damaligen Verpflegung auf Staatskosten: „Das Essen war erbärmlich.“

Dreistöckig das Shopping Center, wie die einstige Strafanstalt. BesucherInnen flanieren vor den Auslagen. Früher waren dort die Zellengitter und Laufgänge für die Gefangenen. Im atriumartigen Zentrum des Komplexes gleitet der Blick bis ins Erdgeschoss. Wo einst die zentrale Wachstube lag, in der alle metallenen Treppen endeten, stoppt nun ein gläserner Aufzug. Der urugayische Schriftsteller Eduardo Galeano sieht die Umwandlung des Gefängnisses in ein Einkaufsparadies als „eine Form, der Geschichte zu entfliehen.“ Wer sich dort aufhalte, lebe in einer Art vergoldetem Exil. Das einstige neoklassizistische Gefängnistor ist herausgeputzt. Wo früher die Gefangenen ihre Habseligkeiten abgaben, ist ein Pub entstanden. Im dritten Stock sind mehrere Zellen weggerissen worden, um Platz zu schaffen für offene Restaurants und eine riesige Panorama-Scheibe mit Blick auf den Río de la Plata. Keine Spur deutet mehr auf eine Kohlenhandlung hin, die Schauplatz eines der spektakulärsten Gefängnisausbrüche des Landes war.

Die Flucht der Anarchisten im Jahre 1931 ist eine Legende in Uruguay, bekannt vor allem bei der Linken, aber auch darüber hinaus. „Das Gefängnis galt als absolut sicher. Und da die Anarchisten stets dämonisiert worden waren, war es natürlich ein fürchterlicher Schlag, dass ausgerechnet ihnen die Flucht gelungen war“, erzählt Gonzalo Fernández. Der bekannte Rechtsanwalt hat ein Buch über die Anarchisten in Montevideo geschrieben. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ergoss sich ein unaufhörlicher Strom von Menschen nach Uruguay und Argentinien. Arbeitslose, Handwerker und Bauern, vornehmlich aus notleidenden Regionen Südeuropas, hofften auf ein besseres Leben auf der anderen Seite des Atlantiks. Voller Träume und Illusionen wagten sie die mehrwöchige Schiffsfahrt. Bittere Enttäuschungen waren Stoff für manchen Tango.

 Unter den EinwanderInnen waren auch spanische und italienische Anarchisten, die der Arbeiterbewegung Argentiniens ihren Stempel aufdrückten. Allen schwebte eine freiheitliche Gesellschaftsordnung ohne staatlichen Zwang vor. Laut Fernández waren es Utopisten, die an Solidarität und kommunitäre Formen der Organisation glaubten und dem Staat misstrauten. Während Marxisten mit dem Absterben des Staates in ferner Zukunft rechneten, wollten die Anarchisten den Staat sofort zerstören. „Die anarchistischen Expropriateure wählten als Aktion ausdrücklich die Enteignung“, so der Buchautor. Unter den Anarchisten in Montevideo waren die Enteigner eine kleine Minderheit. Sie kamen zumeist aus Buenos Aires und suchten in der uruguayischen Hauptstadt Schutz vor Repressionen und Verfolgung durch die Polizei. „Verglichen mit Argentinien war Uruguay ein rechtsstaatliches Paradies“, erklärt Fernández den Exodus der Anarchisten in das kleine Nachbarland.

Das Gefängnis in Punta Carretas war nie ein Paradies, aber zu Beginn doch ein wenig humaner als vergleichbare Haftanstalten. Es wurde an einem Sonntag im Mai 1910 in Betrieb genommen. Es gab 380 Einzelzellen, zwei mal vier Meter groß und dreieinhalb Meter hoch – wie die alten Häuser in Montevideo. Das düster wirkende Gebäude war auf Brachland am Stadtrand errichtet worden, in der Nähe sind nur einige ärmliche Behausungen und eine Salzfleischfabrik.

Uruguay galt bereits in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts als „das kleine Modell-Land“. Das auf scheinbar endlosen Weiden grasende Vieh hatte die Devisenkassen gefüllt. Fleisch, Felle und Wolle brachten damals Höchstpreise auf dem Weltmarkt. Und Geld für einen einmaligen Wohlfahrtsstaat, von dem manches europäische Land nur träumen konnte. Auch der New Yorker Börsenkrach von 1929, in dessen Schlepptau weltweit Firmen Konkurs anmeldeten, Banken zusammenbrachen und die Arbeitslosigkeit Abermillonen in Armut stürzte, konnte dem kleinen Land nichts anhaben, was Gonzalo Fernández mit der weiterhin vorhandenen Nachfrage nach Fleisch und Wolle begründet. „Das war die Zeit, als das Wort von der ‚Schweiz Amerikas' auftauchte.“ Als Tempel des Reichtums wurde damals besonders die Wechselstube „Messina“ gefeiert – für anarchistische Enteigner ein lohnendes Objekt.

„Den Überfall auf die Wechselstube verübten drei Katalanen, die nach Uruguay geflohen waren“, so der Anwalt. Mit ihnen waren noch die Gebrüder Moretti aus Argentinien gekommen, die an einem Überfall auf ein Krankenhaus in Buenos Aires beteiligt gewesen waren. „Hier lernten sie in anarchistischen Zirkeln die Katalanen kennen. Diese überzeugten sie vom Überfall auf die Wechselstube ,Messina'.“ An einem Frühlingstag im Jahre 1928 fuhr dort ein Taxi vor. Die drei Katalanen und Vicente Moretti drangen mit Waffengewalt in den „Cambio“ ein. Die Ausbeute war gering, aber es floss viel Blut. Fernández zufolge endete das Ganze mit einem Massaker. „Sie töteten den Besitzer und ohne zu Zögern auch einen armen Schuhputzer, der dort gerade seine Siesta hielt. Es war der erste Fall von anarchistischer Enteignung in Montevideo. Ich erinnere mich an die Schlagzeilen der Zeitungen: ‚Das waren Anarchisten!' 

Das Land war erschüttert über den ersten Fall von politischer Gewalt.“ Belohnungen wurden für Hinweise auf die Täter ausgesetzt. Das „Haus der Verlobten“ bot Informanten ein „königliches Chippendale-Schlafzimmer“. Die „Tragische Bande“, wie sie die Presse nannte, wurde von Hunderten von Polizisten gejagt. Und schließlich gefangen. Daraufhin spendierte die Bierbrauerei „Oriental“ Polizisten und Presse eine feuchtfröhliche Fiesta. Die Anarchisten kamen im Gefängnis von Punta Carretas hinter Schloss und Riegel. Einer der Leute, die den Überfall geplant hatten, war nach Buenos Aires entkommen: Miguel Arcángel Roscigno, intellektueller Kopf der Expropriateure. Er organisierte eine „Enteignung“, um die Flucht der eingekerkerten Anarchisten zu ermöglichen, Opfer: die Niederlassung der deutschen Klöckner-Werke in der argentinischen Hauptstadt.

Im Mai 1930 ließ sich eine italienische Familie gegenüber dem Gefängnis Punta Carretas nieder. Gino Gatti hieß der Padrone. Seine Kohlenhandlung „Zur guten Bedienung“ versprach: „Schnelligkeit und Sorgfalt“. Häufiger Besucher: Rocigno. „Solidarität ist nicht nur ein geschriebenes Wort!“ Dieses Graffito entdeckte der Richter später in dem Geschäft. „Nach außen sah alles wie eine Kohlenhandlung aus“, beschreibt Gonzalo Fernández die raffinierte Vorgehensweise der Italiener. „Jeden Tag verließ nun ein Pferdekarren das Haus, beladen mit großen Säcken. Die Leute mussten annehmen, dass darin Kohle transportiert würde. Tatsächlich war es Erde, die vom Tunnelbau stammte. Der Tunnel unterquerte die Straße und mündete in der Toilette des Gefängnisses.“ Im März 1931 war die Verbindung hergestellt: Sieben Anarchisten und zwei gewöhnliche Gefangene flüchteten durch die unterirdische Verbindung – unbehelligt. Der erfahrene Fälscher von Banknoten und Ausweisen saß ebenfalls im Gefängnis von Punta Carretas. Wieder wurden die Flüchtlinge gejagt. Diesmal erwischte es auch Rocigno. Er wurde gefasst und einige Jahre später der argentinischen Polizei ausgeliefert. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. Der erste in einer langen Liste „Verschwundener“.

40 Jahre später

„Hier kreuzen sich zwei Generationen, zwei Ideologien und dasselbe Ziel: die Freiheit.“ Am Berührungspunkt zweier Tunnels ist dieser Spruch zu lesen. Julio Marenales und andere Tupamaros, so nannten sich die Untergrundkämpfer, waren auf den Fluchtweg der Anarchisten gestoßen, als sie 40 Jahre später selber einen unterirdischen Tunnel buddelten. Die Tupamaros hegten Sympathien für die Anarchisten. „Nicht so sehr wegen der Enteignungen, sondern auch wegen ihrer politischen Ansichten“, so Marenales. „Wir erkennen im Anarchismus sehr solide ethische Prinzipien wieder.“ In den sechziger Jahren waren die Weltmarktpreise für Fleisch, Felle und Wolle verfallen. Die Folge: sinkende Exporterlöse, sinkende Löhne und wachsende Arbeitslosigkeit in Uruguay. Sogenannte „Cantegriles“, Slums, begannen sich in Montevideo auszubreiten. 

Der schöne Schein einer „Schweiz Amerikas“ schimmerte nur noch matt. Die sozialen Gegensätze entluden sich in Streiks und Protesten. „Damals begannen die Zuckerarbeiter, eine Reihe von Märschen im Norden des Landes zu organisieren“, erinnert sich der ehemalige Tupamaro. „Die Zuckerrohrschneider marschierten mit ihren Familien über 600 Kilometer nach Montevideo und forderten dort ein Gesetz zur Enteignung des Großgrundbesitzes. Sie wollten Kooperativen gründen und selbst Zuckerrohr anpflanzen. Die Protestbewegung der Zuckerrohrarbeiter gab wichtige Anstöße für die Gründung der „Bewegung der Nationalen Befreiung – Tupamaros“. Namenspate war Tupac Amaru, ein Nachfahre der Incas, der im 18. Jahrhundert einen Guerilla-Krieg gegen die spanische Kolonialmacht organisiert hatte.

Nach der Geschichte Uruguays von ila-Autor Ernesto Kroch war dies „die Zeit, wo sie Lieferwagen von Lebensmittelgrossisten abfingen und deren Inhalt in den Cantegriles verteilten“. (Uruguay: Zwischen Diktatur und Demokratie, Frankfurt 1991) Doch die Aktionen á la Robin Hood sollten nicht lange dauern. Man bewaffnete sich, und es blieb auch nicht bei Forderungen nach verbesserten Lohn- und Arbeitsbedingungen und heftiger Kritik am korrupten politischen System. Großen Einfluss übte bald die cubanische Revolution aus. Zielscheibe wurden das kapitalistische System und der US-Imperialismus. Die Tupamaros kämpften nun für ein sozialistisches Uruguay. Doch bald kam es zu den ersten Verhaftungen von StaatsgegnerInnen.

Der Argentinier Ovidio Viña saß mit seinem Bruder bereits seit 1962 hinter Gittern in Punta Carretas. In Buenos Aires hatte er mit seiner Bande Geschäfte und Bankhäuser überfallen. Als ihnen das Pflaster in der argentinischen Haupstadt zu heiss geworden war, hatten sich die Brüder nach Montevideo abgesetzt. Beim Überfall auf eine dortige Wechselstube wurde ein Polizist getötet. Die Viña-Bande wurde geschnappt und aufs Polizeirevier geschleppt, wo sie laut Bandenchef aus Rache für den toten Polizisten gefoltert wurde. Dann überführte man sie ins Gefängnis in Punta Carretas. Die Anstalt war zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos überfüllt: Drei Häftlinge drängten sich in einer Zelle. Im Essen schwammen nicht selten Maden. Für die „Gefährlichen“ war der „Korridor 3“ eingerichtet worden, ein tunnlartiger feuchter Hofgang, in den kein Sonnenlicht fiel. Nach einem Fluchtversuch wurden die Brüder Viña im Sicherheitstrakt eingesperrt, total isoliert von den anderen Gefangenen. Dort war alles aus Beton, selbst Tisch, Stuhl und Bett. Das kleine vergitterte Außenfenster war mit Blech verschlossen worden. Kleine Löcher ließen ein wenig Frischluft herein. Die Zelle war nur noch halb so groß, denn ein weiteres Gitter war in die Zelle eingezogen. Nur mit einer Sondergenehmigung war ein Gespräch mit den Gefangenen im Sicherheitstrakt möglich.

Als Ovidio eines Tages zum Arzt geführt wurde, stieß er auf Julio Marenales. Er sprach ihn an und arrangierte ein Treffen. Ovidio Viña konnte sich mit den Idealen der „Politischen“ identifizieren, wurde selbst ein Tupamaro. 
Inzwischen bekleidete Jorge Pacheco Areco, ein reaktionärer Politiker und Ex-Boxer, das höchste Amt im Staat. Die Menschenrechtsverletzungen häuften sich, Todesschwadronen tauchten auf. „In Montevideo wurden die ‚Vereinten Kräfte' gebildet; Heer und Polizei kooperierten nun“, erzählt Marenales. „Kein Wunder, dass viele Tupamaros in die Fänge der Repression gerieten. Der städtische Kampf ist eben aufreibend. Und so füllte sich das Gefängnis von Punta Carretas.

Die Monroe als Tarnung

Wir zählten 180 Gefangene im September 1971, als wir den Tunnel buddelten.“ Die Vorbereitungen zur Flucht hatten bereits ein Jahr zuvor begonnen. Aber wie sollte man sich in die Erde graben? Die Zellen der Tupamaros lagen im zweiten und dritten Stock. Doch mit Hilfe eines unter ihnen eingesperrten Gefangenen, in dessen Zellendecke sie zuerst ein Loch bohrten, wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Anschließend wurden die Wände zwischen den einzelnen Zellen geöffnet und provisorisch wieder geschlossen. Zur Abdeckung der verräterischen Löcher wurden Pin-up-Bilder besorgt. Marenales zum Beispiel hängte eine nackte Marilyn Monroe an seiner Wand auf. Schließlich war es soweit. „Die Tunnelrichtung war perfekt ausgelotet, aber wir hatten übersehen, dass das Haus höher gelegen war als die Straße“, schildert Marenales die Flucht. „Wir hätten eigentlich um Mitternacht fliehen müssen, aber es wurde halb fünf. Es begann bereits zu dämmern. Wir mussten uns also auch noch nach oben buddeln.“ Das Haus, in dem sie schließlich emporstiegen, gehörte dem Onkel einer „compañera“. Als Marenales als erster aus dem Tunnel kroch, stieß er auf die Dame des Hauses, die in aller Gemütsruhe ihren Kakao schlürfte. 

Über 106 politische Gefangene entkamen durch den Tunnel. Doch die meisten fingen Militär und Polizei wieder ein. Einige wurden getötet oder zu Tode gefoltert. Andere retteten sich ins Exil. Bei einem zweiten Ausbruch der Tupamaros war Ovidio mit von der Partie, landete nach zwei Monaten aber wieder hinter Gittern. Sieben weitere Jahre hieß das richterliche Verdikt – nunmehr als politischer Gefangener. Die uniformierten Staatsterroristen hatten 1973 endgültig die totale Macht an sich gerissen. Oppositionelle aller Couleur wurden willkürlich verhaftet, bestialisch gequält und ermordet. Erst 1985 kehrten die Uniformierten in die Kasernen zurück. Und Viña wurde freigelassen, als letzter politischer Gefangener.

Er blieb in Montevideo und machte eine Weinhandlung auf, schräg gegenüber dem Gefängnis in Punta Carretas. Als er daraus ein Tango-Lokal machte, war das Gefängnis bereits für immer geschlossen. Einer der häufigeren Gäste im Lokal: Julio Marenales. Inzwischen 75 Jahre alt und als Tischler tätig, denkt er politisch immer noch in radikalen Bahnen. Eine Ausnahme in den Reihen der Ex-Guerilleros. Die Tupamaros haben sich inzwischen als Partei organisiert, sind Mitglieder des Linksbündnisses „Frente Amplio“, der „Breiten Front“. Sie drücken Senatorensessel, diskutieren als Abgeordnete über Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik und über die schwere Krise. Gemäßigte Töne herrschen vor. Keiner will mehr Banken verstaatlichen, geschweige denn „enteignen“. Dabei gäbe es Banken und Wechselstuben genug. Montevideo hütet das Bankgeheimnis besser als die Schweiz. Und der Staat stützt mit Geldspritzen die maroden Geldinstitute. 

Der Artikel ist eine gekürzte, schriftliche Fassung eines Rundfunk-Features, das am 13. August dieses Jahres im Deutschlandradio gesendet wurde.

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