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Die Integration von Hai und Sardinen
oder: Alle lateinamerikanischen und karibischen Ökonomien zusammen genommen bringen es auf etwa ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts der USA. Keine gewichtigen Partner also, die sich US-Präsident Bush da ins Boot holen will. Spätestens 2004, sagt George Dabbeljuh, ist die ALCA flott. Dann sitzen sämtliche Regierungen Amerikas von Kanada bis Chile zusammen in der Kajüte und drehen frei und gleich am Steuerrad der größten Freihandelszone der Welt. Alles gelogen, meint der ehemalige cubanische Wirtschaftsminister Osvaldo Martínez. Das Schiff hat von Anfang an Schlagseite. Bloß nicht einsteigen, ist seine Devise. Gaby Küppers sprach mit ihm über seine Argumente. Wenn er einen Tipp abgeben müsse, sagt Osvaldo Martínez, dann wird es die ALCA mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit geben. Nun ja, pariert er die staunend hochgezogenen Augenbrauen bei seiner Befragerin, man müsse durchaus davon ausgehen, dass das Projekt zustande kommt. Denn niemand lege sich wirklich quer. Das Hauptproblem sei in der Tat die Schwäche des Widerstands. Bis auf das Referendum in Brasilien im vergangenen Dezember, bei dem sich ohne Medienunterstützung 10 Millionen BrasilianerInnen gegen die ALCA aussprachen (siehe Beitrag in diesem Heft) würden kaum kritische Stimmen außerhalb der ohnehin „verdächtigen“ Kreise laut. RegierungsvertreterInnen von Mexico bis Uruguay sprächen immer nur von Chancen. Bei den Verhandlungsrunden seien die anglophonen Karibikländer die einzigen, die auf die sich abzeichnenden Nachteile hinwiesen und die damit Cubas ablehnende Haltung stützten. Aber was können wirtschaftliche Federgewichte und Flecken auf der Landkarte wie St. Lucia oder Jamaica schon ausrichten, wenn große Länder wie Kolumbien oder Peru sich auf die andere Seite der Waagschale schlagen? Doppelzüngige Botschaften Setzen wir einmal voraus, der Hai ist rhetorisch geschickt in der Beschreibung seines Integrationsprojekts. Das Grundprinzip einer Freihandelszone, führt er aus, besteht in der ungehinderten Zirkulation von Gütern und Dienstleistungen. Dazu müssen alle Handelsschranken wie Zölle, Kontingente oder Quoten abgebaut werden. Zudem müssen Gesetze über verbotene Zusätze, Qualitätsanforderungen, Inhaltskennzeichnungen usw. einander angeglichen werden – ein Prozess also, der etwa innerhalb der EU Jahrzehnte gedauert hat. Weiß der Hai, sagt er aber nicht. Die 32 glubschäugigen Fische sehen indessen quer über den Kontinent donnernde Lastwagen, die halbe Rinder aus Argentinien nach Kanada schaffen, chilenische Fischkonserven (au Backe, Kannibalen!) nach New York, brasilianischen Mandarinensaft nach San Francisco. Die Botschaft ist verlockend, die Bedingungen sind gestellt: mit der Aussicht auf die ALCA werden sie hurtig alles abschaffen, was die Lastwagen aufhalten könnte: Ausländische Unternehmer werden wie einheimische behandelt; Zölle werden eliminiert; das Wort Schutz wird aus dem Landesvokabular gestrichen. Genau so hatte sich der Hai das vorgestellt. Räubern im Revier Eigentlich wäre es gar nicht so schwer, aus Erfahrung zu lernen. Denn, wie schon erwähnt, soll die ALCA so etwas werden wie „TLCAN plus“. Eine Freihandelszone wie diejenige zwischen den USA, Kanada und Mexico, nur größer. Mexicos Bevölkerung aber, weist Osvaldo Martínez nach, hat mit TLCAN verloren. (vgl. Beitrag in dieser Ausgabe) Mexicos Wirtschaftsbasis erlebte einen Niedergang, ein kräftiger Sozialabbau ging damit einher. Mit TLCAN und der neoliberalen Phase ist das Wirtschaftswachstum des Landes nicht etwa gestiegen, sondern auf die Hälfte gesunken. Zwischen 1998 und 2000 sind gut 36 Mrd. USD ausländisches Kapital ins Land geflossen, aber 48 Mrd. wieder hinaus, ein Gutteil davon zurück in die US-amerikanischen Unternehmensstammhäuser. Die Handelsbeziehungen konzentrierten sich durch TLCAN noch stärker auf die USA. Das bedeutete statt der erwarteten Diversifikation eine Verengung der Produktionsbasis. Handelsströme kehrten sich zum Teil sogar um. 50 Prozent des im ehemaligen Reisexportland Mexico gegessenen Reis kommt heute aus den USA. Bei Kartoffeln verhält es sich ähnlich. Aus dem Baumwollexportland wurde ein Baumwollimportland. Fazit: seit TLCAN ist die landwirtschaftliche Anbaufläche Mexicos geschrumpft, der Landbesitz konzentriert. Sechs Millionen Bauern, Bäurinnen und LandarbeiterInnen setzte der freie Handel bislang frei. Der Basiswarenkorb wurde seit TLCAN um 560 Prozent teurer, die Gehälter stiegen hingegen nur um 135 Prozent. Mehr als 50 Prozent der mexicanischen LohnempfängerInnen verdienen heute weniger als die Hälfte von dem, was sie vor zehn Jahren nach Hause trugen. Ende 2000 hatte Mexico doppelt so viele Schulden wie 1982, als die Schuldenkrise ausbrach. Das, sagt Osvaldo Martínez, ist der Spiegel, in dem sich Lateinamerika vor der ALCA betrachten müsse. Geostrategische Absichten Richtig, meint Osvaldo Martínez, die ALCA ist auch kein Projekt der US-UnternehmerInnen, sondern muss geostrategisch gesehen werden. Konzernchefs setzen auch ohne Rahmenverträge durch, was sie für richtig und profitreich halten. Aber bei der ALCA geht es darum, die letzten Reste nationaler Souveränität in Lateinamerika auszuschalten. Etwa über die Übertragung des in TLCAN verankerten Streitschlichtungsmodells auf die ALCA. Laut TLCAN können Unternehmen Staaten verklagen – selbst in der ultraliberalen WTO existiert nur die Klageform Staat zu Staat. Damit werden Unternehmen juristisch Staaten gleichgesetzt. Solch eine juristische Neudefinition in einem internationalen Vertrag hat weitreichende Konsequenzen. Schließlich geht es in Lateinamerika vielleicht weniger um Kaufkraft bietende Absatzmärkte, als um Zugriff auf strategische Rohstoffe, um Öl, Holz, Biodiversität und um den Aufbau eines Netzes von Militärbasen. Nach Unterzeichnung des ALCA-Vertrages haben Länder keine Optionen mehr, sondern sie haben einen internationalen Vertrag einzuhalten. Und die Verletzung eines internationalen Vertrags wiegt schwer. Da können sich die Sardinen auf einiges gefasst machen. |