aus
Vernetzt, / ila 262
Der Kampf wird täglich ausgefochten
Interview mit Francisco Alvarez von ProMedios, Chiapas
von Anne Hild
Die Zapatistas wissen nicht nur das Internet gekonnt für ihren Widerstand und ihre Forderungen einzusetzen, sondern greifen seit einigen Jahren auch zu anderen Medien. Im folgenden Interview wird von der Video-Arbeit in und mit den autonomen Gemeinden erzählt: ein „empowerment“-Projekt, das mitunter auf andere Erzählweisen und Symboliken, vor allem aber auf die Dekonstruktion von revolutionärer Skimützen-Romantik setzt.
Seit wann besteht das Projekt und was ist das Ziel eurer Arbeit?
Die Idee entstand 1995. Es hat fast drei Jahre gedauert, bis wir Geld und Equipment zusammen hatten, um mit der Arbeit zu beginnen. Seit 1998 haben wir auch Kontakte zu den Verantwortlichen der Gemeinden aufgebaut.
Wir wollen die Gemeinden mit Equipment und der erforderlichen Ausbildung versehen, um Videos zu produzieren. Wir machen den Gemeinden das Angebot und sie entscheiden. Wir haben unser Angebot an die Aguascalientes1 gerichtet, um mit einer den Gemeinden übergeordneten Struktur zu arbeiten. Auf der Ebene der Aguascalientes wird die Verteilung von Ausrüstung und Ausbildung koordiniert. So müssen wir nicht mit jeder Gemeinde einzeln die Zusammenarbeit aushandeln. Das kommt zum einen unseren begrenzten Ressourcen entgegen, aber vor allem wollen wir in unserer Beziehung zu den Gemeinden ihren eigenen Strukturen und Dynamiken folgen.
Wie sieht eure praktische Arbeit aus?
Die erste Etappe bestand darin, Kurse zu geben und die Ausrüstung zu beschaffen, für eine begrenzte Anzahl von Leuten, die von den Aguascalientes ausgesucht wurden.
In den Kursen mit den Leuten aus den Basisgemeinden bringen wir ihnen den Umgang mit der Videokamera bei, ausgehend von den einfachsten Funktionen bis hin zu wesentlich fortgeschritteneren Techniken der Edition, wie digitale Schnittprogramme, Redaktion von Drehbüchern für Dokumentarfilme etc. Die Leute, die neu hinzukommen, werden von denjenigen mit mehr Erfahrungen ausgebildet. So werden die Kurse in der eigenen Sprache gegeben, von Leuten aus der eigenen Region, die ihre eigenen Erfahrungen erklären. In diesem Sinne beschränkt sich unsere Aufgabe auf die Ausbildung der Fortgeschrittenen, in spezifischen technischen oder theoretischen Gebieten der Kommunikation. Im Moment sind wir dabei, die Koordinatoren der verschiedenen Regionen auszubilden: in Verwaltung und Fundraising, um letztendlich das gesamte Projekt den Gemeinden und ihren Koordinatoren zu übertragen.
Was für Videos werden beispielsweise produziert?
Alle Videos haben mit dem Widerstand zu tun, wie er von den Basisgemeinden gesehen wird. Viele dieser Videos beziehen sich auch auf die landwirtschaftliche Produktion. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist ihre Identität als Bauern wichtig, zum anderen die Tatsache, dass innerhalb des zapatistischen Kampfes um Autonomie der Aspekt der Selbstversorgung die Hauptachse bildet. Ohne Nahrungsmittel werden sie den Widerstand nicht aufrecht erhalten können, also wird in den Videos von Gemüseanbaukollektiven, Bäckereikollektiven, Erfahrungen in der Produktion von Kaffee etc. erzählt. Es gibt auch politische Videos, die von speziellen Ereignissen erzählen, die Angriffe und Militarisierung dokumentieren. Diese Videos sind fertig geschnitten, aber es gibt auch Unmengen von Material, das weder veröffentlicht noch geschnitten wurde. Es zirkuliert innerhalb der Gemeinden und archiviert Veranstaltungen, Basketballturniere und politische Versammlungen. Dies wird dokumentiert und in andere Gemeinden getragen, um z.B. die Prozesse zu vergleichen. Dieses Material wird nicht veröffentlich und nicht übersetzt. Das Material, das nach außen gelangt, hat mit den verschiedenen Phasen und Formen des Widerstands zu tun oder es denunziert Menschenrechtverletzungen.
Wie nehmen die Menschen das Medium Video auf? Welche Unterschiede im Umgang hast du zwischen indigenen Gemeinden und Mestizen bzw. Weißen feststellen können?
Ich glaube, dass der fundamentale Unterschied in der Perspektive liegt. Die Produktionen, die von außerhalb kommen, betonen oft den Schmerz, die Unterdrückung, die Militarisierung, die Morde – alles Dinge, die der Realität entsprechen und die zur Anklage gebracht werden müssen. Aber die Basisgemeinden zeigen in der Regel eher den Widerstand als ihr Leiden. Die Videos erzählen von kämpfenden Menschen, von Menschen, die ihre Felder bestellen, von Menschen, die Alternativen aufbauen. Auf der anderen Seite gibt es oft eine sehr idealisierte Vision des Kampfes, laufende oder schreiende Leute mit Skimützen. Gut, das ist Teil ihres Kampfes, aber der reale Kampf einer sozialen Bewegung besteht im Alltag, besteht in jedem Maispflänzchen, das die Entwicklung eines eigenen Modells ermöglicht.
Natürlich gibt es auch viele andere kulturelle Zeichen, so ist z.B. der Rhythmus anders. Das ist ein bisschen zweischneidig, denn es gibt Produktionen für die Außenwelt und Videos, die für sie selbst bestimmt sind. Zum Beispiel das Video über den 1. Januar (2003, die Übersetzerin): Es gibt einen 15-Minuten-Clip für Indymedia, für die Kaxlanes, die Weißen und Mestizen, und eine Version für die Basisgemeinden, die eineinviertel Stunde dauert. Denn die Gemeinden wollen sich sehen, sie haben Geduld, sie haben einen anderen Rhythmus, sie sind neugierig. Es ist ihr Material und es ist ihre Zeit.
Sie sind dabei, sich in Kommunikation zu spezialisieren. Man muss sich dabei immer vor Augen halten, dass Leute, die dies an der Universität studieren, vier bis fünf Jahre brauchen, und um ihren eigenen Stil zu entwickeln, sind es noch mal ein paar Jahre. Was wir bislang in den Gemeinden sehen, spiegelt wider, was wir und alle, die an der Ausbildung beteiligt waren, beigetragen haben. Zweifellos hatten wir mit ihrer Stilbildung zu tun, mit ihrer Kameraführung etc. Carlos ist zwar Indígena, ich bin Nahuatl Indígena, aber sehr städtisch. Trotz unseres Einflusses sieht man ihre Identität. Wenn du dir ein Video anschaust, entdeckst du eine sehr interessante Verwendung ihrer Symbole. Wenn sie über Leiden sprechen, siehst du Leute, die Tostadas essen. Jemand, der sich ein wenig in der Maya-Kultur auskennt, weiß, dass Tostadas essen ein Symbol des Elends ist, denn es sind keine frischen Tortillas. Frauen waschen sich die Füße auf der Straße, was sie normalerweise nicht tun, es ist etwas Schamhaftes oder sie kämmen sich bei öffentlichen Veranstaltungen oder der Wache eines autonomen Landkreises.
Welche Schwierigkeiten habt ihr zu bewältigen?
Eine Schwierigkeit war unser Name. Wir hatten beschlossen, uns „Chiapas Media Project“ zu nennen. Hier hat aber die Regierung bereits ein Menge Konnotationen für das Wort „Projekt“ vorgegeben. Die Leute verstehen unter Projekt, dass man ihnen Geld hinterlässt. Ein Viehwirtschaftsprojekt z.B.: Hier habt ihr 10 000 Pesos, um vier Kühe zu kaufen. Es hat uns viel Arbeit gekostet, dieses Bild zurecht zu rücken. Wir haben zunächst unseren Namen geändert. Aber es ist manchmal immer noch schwierig, dass die Leute uns unter dem Namen ProMedios erkennen, viele sind bei unserem englischen Namen geblieben. Wir sind eine binationale Organisation, aber mit einer starken mexicanischen Identität.
Das Projekt wird aus den USA finanziert?
Fast die komplette Finanzierungsarbeit wird in den USA geleistet, aber sämtliche Arbeitsstrategien werden hier entwickelt. Unser Team besteht aus drei Mexicanern und einer Gringa. Schwierigkeiten gab es in erster Linie finanzieller Art. Abgesehen davon besteht unser größtes Problem darin, zu erreichen, dass die Leute von der Basis die Rolle der „comunicadores“ verstehen und dass sie in die autonomen Strukturen integriert werden. Wenn jemand z.B. zwei Wochen seine Gemeinde verlässt, um ein Video zu drehen, fangen die Gerüchte an, dass derjenige sicherlich Geld verdient, dass er im Dorf filmt und man nicht weiß, was mit den Bildern geschieht, denn oft gibt es keine Mittel, kein Fernsehen oder keine Zeit, um zu schauen, was derjenige aufgenommen hat. In dem Sinne herrscht weiterhin das große Ungleichgewicht, dass die Filme eventuell auf einem Festival in Frankreich, in vielen Basisgemeinden jedoch nicht zu sehen sind. Erst allmählich wird an der Basis verstanden, welche Möglichkeiten dieses Kommunikationsmittel bereit stellt. Die Leute merken nach und nach: „Ah, Jorge kommt heute nicht die kollektiven Felder bestellen, denn er muss eine Veranstaltung des Landkreises aufnehmen.“ Ihre Kollektivarbeit besteht also im Filmen. Das ist der komplizierte Part unserer Arbeit. Das ist nicht nur bei den „comunicadores“ so, das passiert auch den Bildungs- und den Gesundheitspromotoren. Dieser Prozess hat mit der Konsolidierung der autonomen Strukturen zu tun.
Der Staat war hingegen nie ein Problem. Dabei muss man sehen, dass das Medienprojekt Information erstellt. Information dient allen, einschließlich dem Staat. Ein Kommuniqué legt z.B. die Position der EZLN fest. Ein Video legt auch die Position der Basisgemeinden fest. Außerdem ist die ausgiebige Tätigkeit der Geheimdienste in Chiapas offensichtlich, so dass durch die Videos keine großen Neuigkeiten ans Licht treten. Wir waren also kein Ziel direkter staatlicher Repression. Aber vor kurzem sind z.B. zehn unserer Sendungen per Paketdienst auf der Strecke geblieben, die auf einem Festival gezeigt werden sollten. Es gibt Unregelmäßigkeiten, aber nicht in dem Maß, dass wir Alarm für unsere Sicherheit oder das Fortbestehen unserer Arbeit schlagen würden.
Was sind eure größten Errungenschaften? Und was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen?
Das Wichtigste ist, dass die Basisgemeinden gesehen haben, dass sie das Recht und die Fähigkeit haben, ihr eigenes Bild zu bestimmen, ihre eigene Stimme, ihr eigenes Gesicht. Lange Zeit haben Außenstehende, sei es in guter oder schlechter Absicht, das Bild der zapatistischen Gemeinden manipuliert, und jetzt gibt es Leute, die das Bild intern „leiten“ oder auch intern manipulieren, je nachdem, aber im Sinne der autonomen Landkreise. Außerdem die Tatsache, dass sie ihre eigene Kamera haben und bestimmen können, wann Externe filmen dürfen. Die Feierlichkeiten in den Aguascalientes zum Jahrestag des Aufstandes z.B. haben nur autonome Kameraleute aufgenommen. Die „combatientes“ sind in die Gemeinden gekommen, um ihre Grüße zu überbringen. Die Verantwortlichen haben später alle Kassetten eingesammelt: „Wir werden das archivieren, als Teil unserer Geschichte. Das geht nicht nach draußen.“ Das ist also die Möglichkeit zu sagen „Wir wollen die externe Presse nicht, das wird durch unsere eigene Presse dokumentiert.“ Zum anderen glaube ich, dass nach außen hin bestimmte Mythen über den Zapatismus und dessen Kämpfe dekonstruiert werden. Meine Hoffnung ist, dass die Leute in Zukunft dieses audiovisuelle Material in ihr Bild vom zapatistischen Kampf mit einbeziehen. Die Botschaft ist eindeutig: Der Kampf wird täglich ausgefochten. Die Gesellschaft kann diese Botschaft auf jeden Straßenzug der urbanen Regionen, auf jede Fabrik etc. übertragen.
Die Zukunft unserer Organisation besteht darin, unsere Erfahrungen in anderen Regionen zu nutzen. Wir arbeiten bereits seit einem Jahr in Guerrero. Die Situation dort lässt sich politisch und organisatorisch überhaupt nicht mit Chiapas vergleichen. Wir versuchen, die wachsenden Kommunikationsnetzwerke zu verbinden. Unser Traum ist, dass die Fortgeschrittensten in Zukunft Kurse in indigenen Gemeinden in Nayarit oder Ecuador oder sonst wo geben. Die Zukunft bedeutet, an einen anderen Ort zu ziehen und die Basisgemeinden beim Aufbau der Kommunikation zu unterstützen.
|