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aus  La Música / ila 264

So herb wie ihr Leben
Chavela Vargas' Stimme fasziniert seit über 40 Jahren
von Claudia Valenzuela

Wenn sie schreit, fleht und mit ihrer herben, rauchigen Stimme flüstert, sind es einfach ihre Gefühle, die singen. Die Themen in ihren Liedern sind nicht neu, im Gegenteil, sie wurden und werden immer wieder in boleros, tangos und rancheras besungen. Allerdings noch nie von einer so sinnlichen und herzzerreißenden Stimme, die Zeugnis ablegt von dem, was die Sängerin selbst erlebt hat. Chavela Vargas hat weder geschrieben noch komponiert, aber die Art, wie sie ihr leidvolles Leben in ihren Liedern einfängt, macht sie zu einer besonderen Interpretin.

Isabel Vargas Lizano wurde am 17. April 1919 in Costa Rica geboren. Ihre Lebensgeschichte erinnert an den magischen Realismus eines García Márquez, der bekanntlich über wahre Begebenheiten schreibt. Ihre Kindheit verbrachte sie in einem kleinen Dorf an der Pazifikküste. Ihre Eltern waren Rancheros (Bauern) und hatten wenig Zeit für die Kinder. Als Chavela noch klein war, ließen sie sich scheiden, ein Skandal für die damalige Zeit. Drei Jahre lang litt sie unter Kinderlähmung, ihre Beine zwischen Schienen eingezwängt. Ohne richtig laufen zu können, bekam sie auch noch eine Augeninfektion, die kein Arzt heilen konnte. Schamanen aus der Umgebung nahmen sich des Mädchens an und heilten es. Noch heute glaubt sie fest an die Wirkungskraft der Götter und die Weisheit der Schamanen. Wenn sie von dieser Zeit erzählt, spricht sie offen von Einsamkeit und Schmerz. „Es war nicht genug, in einem kleinen abgelegen Dorf geboren zu sein, es war nicht genug, arm zu sein – ich war auch als Mädchen geboren und daher verachtet und der Ausbeutung ausgeliefert.“ Ihre Mutter schickte sie noch als Kind auf den Bauernhof der Geschwister, wo sie in der Kaffee- und Orangenernte arbeitete. Sie wusch, machte sauber, holte Wasser und kümmerte sich um die Tiere. Es war eine harte Zeit, ohne Liebe und in Einsamkeit, „daher erwartet nicht, dass ich über etwas singe, worüber ich nicht singen kann“, erinnert sie sich in ihrer Biographie. Sie war jähzornig, rebellisch, arrogant und tapfer, denn nur so konnte sie überleben.

Niemand in der Familie konnte musizieren, dennoch glaubte sie an eine Karriere als Sängerin und fantasierte auf Spaziergängen in der Kaffeeplantage über ein besseres Leben. „Meine Familie hat sich um mich nicht gesorgt, daher musste ich, wie alle Kinder auf dem Land in Amerika, auf mich selbst acht geben. Sie zeigten uns, wie man mit Schusswaffen umgeht: Zuerst bekamen wir eine kleine 22er Pistole, danach eine 45er. Meine Kindheit war so einsam, dass diese Waffen mir Gesellschaft leisteten, und hier sage ich nur, dass ich gelernt habe sie zu gebrauchen, um die Schlangen im Klo zu töten.“ Ihre Vorliebe für Schusswaffen war Anlass für mehrere Legenden, Chavela Vargas hat jedoch keine davon bestätigt. Die Gerüchte, Lügen und Legenden über das Leben der Sängerin sind unzählbar, weil sie sowohl die Höhen wie die Tiefen des Lebens intensiv durchschritten hat. Mit vierzehn Jahren beschloss sie ihr Land zu verlassen, um eine Karriere in Mexico zu starten. Den Bauernhof des Onkels hatte sie schon vorher verlassen, in der Hoffnung, bei ihrem Vater leben zu können. Doch der verstand die Tochter nicht und schämte sich wegen ihrer Merkwürdigkeit. Also durchquerte sie Zentralamerika zu Fuß und ohne Geld. 

In Mexico City begann sie auf der Straße zu singen. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete sie als Haushaltshilfe. Die ersten Erfolge waren ihr erst Anfang der fünfziger Jahre beschieden. Bekannt wurde sie, weil ihr Gesang schwermütig und verzweifelt klang, sie litt im Leben und litt, wenn sie sang. Heute meint sie, ihr Gesang sei wie ein Opfer zu bringen oder wie ein Ritual zu zelebrieren. In der Hauptstadt Mexicos lernte sie unter anderem Frida Kahlo, die von den melancholischen Gesängen der Musikerin beeindruckt war, Diego Rivera und den Schriftsteller Juan Rulfo kennen. Die Liste der Bekannten ist lang, denn sie sang in Kneipen, Bars und auf Plazas, bis sie nach harter Arbeit in den sechziger Jahren den Durchbruch feiern konnte. Ihre erste Platte nahm sie 1961 auf. Es folgten große Auftritte in Paris, New York und Mexico. Zwei Jahre verbrachte sie auf Cuba. Dort schrieb sie die Melodie für „La Macorina“, einen Bolero, der von einem unehelichen Sohn und einer verbotenen Liebe erzählt. 

Mit steigender Berühmtheit sieht sie sich auch wachsender Kritik ausgesetzt. Sie lebe jenseits von moralischen Normen, sie sei zu frei und zu wenig anständig. Selbst heute noch stellen viele Interviews ihre Alkoholexzesse in den Mittelpunkt, es wird viel zu viel darüber spekuliert, wie viele Liter Tequila sie nun im Leben getrunken hat. Wenig amüsant klingt es jedoch, wenn sie singt: „Trink diese Flasche mit mir und beim letzten Schluck, da küsse mich. Wollen wir hoffen, dass keiner uns sieht, falls du dich dessen schämst.“ Dieses Lied ist aus dem Film „La Flor de mi Secreto“ von Pedro Almodóvar, der sie wiederentdeckte, nachdem sie fast elf Jahre lang gegen den Alkohol gekämpft und in bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte. Humorvoll antwortet sie auf die Frage über ihre „wilde Zeit“: „Ich habe Tequila getrunken, ich habe alles getrunken, deswegen ist nichts mehr übrig geblieben.“

Als sie im Februar 2001 in Spanien für ihr Lebenswerk mit dem Orden „Isabel La Católica“ ausgezeichnet wird, schreibt man wenig über ihre musikalische Entwicklung, dafür um so mehr über Gerüchte und Legenden. So wurde über ihre Liebesgeschichten gegrübelt, und in manchen Zeitungsartikeln stellten sich die Schreiberlinge die Frage, mit welchen Frauen sie wohl ins Bett gegangen sei. Nur wenige waren daran interessiert, dass sie als junges Mädchen seitens der Familie wegen ihre „Seltsamkeit“ diskriminiert worden war. Homosexualität wurde und wird heute noch – in Lateinamerika und anderswo – als Krankheit angesehen. Die Homophobie in der Gesellschaft und in der Kirche spiegeln sich in den Auseinandersetzungen wieder, die Chavela Vargas jahrelang ausstehen musste, weil sie wegen ihrer Homosexualität und Kinderlosigkeit pathologisiert wurde. Als starke Kämpferin erzählt sie jedoch stolz, dass sie nun mal so ist, wie sie ist. Dass sie nichts bereue und dieselben Frauen noch mal lieben würde, obwohl sie in manchen Beziehungen stark gelitten hat. 

„Niemand stirbt aus Liebe oder wegen zu wenig oder zuviel Liebe, Julia starb an Zahnschmerzen“, kommentiert sie humorvoll in einem Auszug aus ihrer Biographie, erschienen in der spanischen Zeitung El País.
Ihre Emotionen und Erfahrungen sind nicht nur von Schmerz geprägt, sondern auch von einem langen Kampf. Eine Heulsuse ist sie nicht, sie ist zugleich zerbrechlich und melancholisch, stark und lustig. Offen spricht sie über Einsamkeit und Bitternis, damit die Menschen verstehen, warum sie so singt. „Mein Gewissen ist so rein oder schmutzig wie das von jedem anderen, ich habe keine Angst und schäme mich nicht. Ich bin ein Zugvogel und lebe da, wo ich leben will.“ 

Ihre Biografie trägt den Titel „Y si quieren saber de mi pasado” (Und wenn ihr etwas über meine Vergangenheit wissen wollt). Als wollte sie damit betonen, dass nur sie ihre eigene Wahrheit erzählen kann. Allerdings verrät der Klang ihrer herben Stimme das Leiden und den Genuss eines intensiv gelebten Lebens.

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