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aus  Zucker / ila 266

Der Mythos der Monokultur
Fragen an die brasilianische Zuckerindustrie
von Ingo Melchers

João Cabral de Melo Neto hat 1955 in seinem berühmten Epos „Tod und Leben des Severino“ den Weg des Landflüchtlings mit dem Allerweltsnamen Severino beschrieben, den zunächst naiven und dann tief verzweifelten Migranten aus dem trockenen Sertão, der sich auf den Weg und auf die Suche nach Arbeit und Leben macht. Als er – nahe der Küste – das feuchte Klima und die feuchte, weiche Erde und die überschießende Vegetation wahrnimmt, da glaubt er sich am Ziel seiner Reise. Überall sieht er Zuckerrohr, nur Zuckerrohr. Und er sieht fast niemanden arbeiten und denkt sich, das Land sei wohl so fruchtbar, dass die Menschen hier nicht jeden Tag des Monats und nicht alle Monate des Jahres und nicht alle Jahre des Lebens arbeiten müssen. Doch bald schon merkt Severino, dass der süße Reichtum der Zuckerregion nur sehr wenigen zugute kommt und ansonsten auch hier nur bittere Armut und nicht das von ihm ersehnte Leben herrscht. Die Erzeugung von Zuckerrohr und seiner Folgeprodukte hat sich im Brasilien der vergangenen Jahre verändert und modernisiert. Der folgende Beitrag fragt nach der brasilianischen und internationalen Zucker- wie Bioethanolkonjunktur und ihrer möglichen Auswirkungen auf die sozialen Auseinandersetzungen.

Das Zuckerrohr hat seit fast 500 Jahren etwas wie eine mythische Macht. Das in der Zeit und in der Fläche ewige Zuckerrohr, die monströsen Zuckerfabriken, die Sklaverei, die Unterbeschäftigung und elendige Bezahlung für körperliche Schwerstarbeit, die ausgemergelten 30-Jährigen, die wie 60 aussehen, etwas, gegen das sich zu wehren sinnlos schien. Und wenn es versucht wurde, hat es immer Polizei, Militär, Anwälte oder auch private Kommandos gegeben, die den Zuckerherren dienstbar und ergeben waren. Zu dem Mythos gehört auch, dass es keine landwirtschaftliche Alternative zum Zucker geben soll. Das Zuckerrohr reicht bis an die Baracken der Arbeiter heran, die meisten wissen kaum, wie Bohnen, Reis oder Yucca oder Yam angebaut werden, von Tierhaltung verstehen sie wenig und sie sind keine Bauern, die es gewöhnt sind unternehmerische Entscheidungen zu treffen, weil sie nur Zuckerrohrschneiden kennen und nur dafür bezahlt werden, und das auch nur für vier oder sechs Monate pro Jahr, wenn sie Glück haben.

Alternativen denken ist ein Wagnis. Geld und Arbeitskraft in etwas Unbekanntes zu investieren kann morgen Hunger bedeuten. Viele, die Zugang zu einem Flecken eigenes Land haben, produzieren daher häufig wiederum Zuckerrohr und liefern es bei der alten Fabrik ab. Es ist das einzige Produkt, von dem sie wissen, wie es erzeugt, und vor allem, wie es vermarktet wird. Die Monokultur auf dem Land und in der Agrarpolitik und in den Köpfen. Die, die Alternativen denken und umsetzen wollen, wie die Landlosenbewegung MST und die Landpastoral CPT, wollen mit der Oligarchie auch das Zuckerrohr entmachten, wollen Diversifizierung der Kulturen, wollen Grundnahrungsmittel zur Abschaffung des Hungers mit dem Anbau von Marktfrüchten mischen. Aber die wenigen Techniker, die zur Verfügung stehen, sind meist nicht ausreichend qualifiziert um auf den vom Zucker ausgelaugten Böden etwas anderes anzubauen, wissen nicht, welche Methoden notwendig sind um die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu verbessern. Und die öffentlichen Förderbanken sind unflexibel und verschreiben nicht-angepasste Technik- und Produktpakete und geben oft die Kredite erst frei, wenn die Aussaatzeit vorbei ist. Monokultur.

Einige Nichtregierungsorganisationen arbeiten an Agroforstsystemen, die MST realisiert den Anbau von Heilpflanzen und tastet sich in ihren Ansiedlungen an ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Alternativen heran, einiges davon mit Unterstützung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Ein Förderprogramm der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IBD) sieht 18 Millionen US-Dollar für die Diversifizierung der landwirtschaftlichen und nichtlandwirtschaftlichen Aktivitäten vor. Eine systematische Förderung und Absicherung von alternativen Formen der Bodennutzung in der Zuckerrohrregion im Nordosten durch eine abgestimmte Agrarpolitik ist jedoch nicht erkennbar.
Seit Jahren wird der Krise des Zuckerrohrs im Nordosten das Wort geredet. Schon als Cabral sein Werk über Severino schrieb, überholte der Bundesstaat São Paulo den historischen Zuckerproduzenten Pernambuco und danach fiel der Nordosten immer weiter zurück. 

Während São Paulos Zuckerproduzenten modernisierten, mechanisierten und die Produktion ausdehnten, nahmen ihre Kollegen im Nordosten wie gewohnt Kredite auf, selten in der Absicht, diese zurückzuzahlen, und nicht immer, um tatsächlich in die Produktion zu investieren. Bis heute erhalten die Zuckerproduzenten im Nordosten dank ihres politischen Einflusses auch in der fernen Hauptstadt Brasília die so genannte Preisangleichung, eine Subvention, die die höheren Kosten gegenüber produktiveren Regionen in Brasilien ausgleicht. Keine andere Kultur demonstriert krasser die historische Verbindung von Landbesitz und politischer Macht als eben das Zuckerrohr, wenngleich der Staat ab 1997 seine Intervention zugunsten der Zuckerproduzenten und –industrie deutlich reduziert hat. 

1975 legten die Militärs das Proalkohol auf, das Programm zur Produktion von Alkohol als Biokraftstoff, um das nach dem Ölschock teuer gewordene Benzin zu ersetzen. 1986 hatten nach Angaben des Automobilverbandes ANFAVEA 76% aller in Brasilien produzierten Kraftfahrzeuge (einschließlich LKW) Alkohol-Motoren. Die Agonie des Zuckerrohrs und das Leiden der Severinos und der Severinas fand wiederum keinen Ausweg. Im Jahr 2000 hatte der Anteil der erzeugten Alkoholmotoren mit unter einem Prozent seinen Tiefpunkt erreicht. Die Experten kündigten das nunmehr endgültige Ende des Zuckers an. Beschäftigungsalternativen müssten geschaffen werden zu einem Zeitpunkt, als die Arbeitslosigkeit weiter angestiegen war und der Index für menschliche Entwicklung in der Region den vieler afrikanischer Länder unterbot und die Schulden der Zuckerproduzenten ins Unermessliche gestiegen waren. Allein bei der Sozialversicherung haben 25 große pernambucanischen Zuckerproduzenten und Destillierfabriken mindestens 362 Millionen Reais (ca. 120 Mio. Euro) Schulden, nicht abgeführte Sozialabgaben. 
Welche Perspektiven haben das brasilianische Zuckerrohr und seine Derivate?

Präsident Lula hat bereits vor seiner Wahl gesagt, dass der „alte Diskurs” von den Zuckerherren, die ihre Schulden nicht zurückzahlen, nicht in alle Ewigkeit wiedergekäut werden solle. Die industrielle Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe biete Brasilien die Chance, Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern, und das Zuckerrohr und seine Folgeprodukte dürften da nicht ausgenommen werden. Und in der Tat hat in großen Teilen der brasilianischen Zuckererzeugung eine administrative und ökonomische Modernisierung stattgefunden, insbesondere in São Paulo und anderen südlichen und zentralen Bundesstaaten. Der Staat fungiert nicht mehr als der totale Preis- und Abnahmegarant, wie es zu Zeiten des Proalkohol und eigentlich zu allen Zeiten war. 

Es ist richtig, dass die Kosten der Zuckerproduktion im Nordosten mit ca. 300 US-Dollar pro Tonne fast doppelt so hoch sind wie in São Paulo, aber immer noch deutlich billiger als in der Europäischen Union mit 480 bis 710 US-Dollar (Agroanalysis, vol 23). Und hier, hauptsächlich in Frankreich und Deutschland, liefern sich Zuckerrübenerzeuger und die Zucker verwendende Industrie seit Jahren eine Schlacht der Lobbyisten. Die EU-Zuckermarktordnung mit ihren Quoten, produktions- und exportstimulierenden Subventionen ist erst einmal bis Ende Juni 2006 verlängert, aber das mag vielleicht der letzte Sieg der Rübenbauern sein. Global Alliance, ein potenter internationaler Lobbyverband, sowie die meisten Entwicklungsländer (außer den ehemaligen europäischen Kolonien Afrikas, der Karibik und des Pazifik, kurz AKP-Staaten) und Australien machen in der WTO Druck zugunsten einer deutlichen Reduzierung der Zuckersubventionen.

Das Infozentrum Zucker, ein Lobbyverband der deutschen Lebensmittelindustrie, gibt an, dass von den 2,8 Mio Tonnen Zucker, die in Deutschland jährlich konsumiert werden, lediglich 22 Prozent in die Haushalte gehen, der Rest findet in der Lebensmittelindustrie Verwendung. 26 Prozent allein in die Erzeugung von alkoholfreien Getränken. Zucker repräsentiert hier 10-15 Prozent des Verkaufspreises und es ist denkbar, dass Coca-Cola den Zucker aus Brasilien für 200 bis 300 US-Dollar dem europäischen für 500 bis 700 US-Dollar pro Tonne vorzieht. Der Selbstversorgungsgrad in der EU liegt bei etwa 130 Prozent, die entsprechenden Überschüsse werden subventioniert auf dem Weltmarkt abgesetzt. Es gibt mehr Interessen als gute Argumente um die Zuckermarktordnung in der bisherigen Form auch nach 2006 beizubehalten.

Die Studie über die Neuordnung des europäischen Zuckermarktes auf Brasilien, die von FIAN und GTZ in Auftrag gegeben wurde (vgl. vorgangegangenen Beitrag von Klemens Laschefsky), kommt zu dem Ergebnis, dass die Zuckerproduktion im brasilianischen Nordosten mit ihren meist veralteten Anlagen und dem hügeligen Anbaugebiet, das eine Mechanisierung kaum zulässt, keine Perspektiven habe. Vielleicht. Aber werden die alten und die modernisierten „Grundherren” in Pernambuco und Alagoas das ebenso sehen? Werden sie nicht ihren Anteil der sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene insgesamt doch viel versprechenden Konjunktur beanspruchen wollen? 

1997 wurde das Kyoto-Protokoll unterzeichnet, das unter anderem den Handel mit CO2-Emissionsrechten in die Debatte wirft. Reiche Länder mit hohem CO2-Ausstoß sollen demnach Kohlenstoff-Reduktions-Projekte in armen Ländern finanzieren, um sich ihren hohen Energie-Konsum zu erkaufen. Das Zuckerrohr wittert eine weitere Chance. Französische, deutsche und andere Konzerne kaufen sich in Brasilien in die Zucker- und Bioethanolproduktion ein, große Ölkonzerne beginnen ohnehin in alternative Energiequellen zu investieren. Brasilien scheint prädestiniert hier eine Vorreiterrolle zu spielen. Ein riesiger Markt, der bereits breite Erfahrung mit Alkohol betriebenen Autos hat. VW bietet als erster Autokonzern in Brasilien die sogenannte Flex-Fuel-Technologie an, die es erlaubt, dass ein Auto mit Benzin oder Bioethanol oder einer beliebigen Kombination beider Kraftstoffe angetrieben werden kann. Auf dem Johannesburger Umwelt-Gipfel unterzeichneten Deutschland und Brasilien 2002 eine Vereinbarung neuen Typs: Deutschland investiert 40 Mio Dollar zum Ankauf von Quoten zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen. Im Gegenzug verpflichtet sich die brasilianische Regierung zur Zahlung von 100 Millionen Reais, mit denen der Kauf eines alkoholbetriebenen Fahrzeugs mit je 1000 Reais subventioniert wird. Die Frage, ob dabei eine bestimmte Marke bevorzugt werden wird, kann niemand beantworten. 

Hinzu kommen neue oder alte Subventionen, Förderungen und internationale Konjunkturen. Die erlaubte Zumischung von Alkohol zum Benzin wird in Brasilien von 20 Prozent auf 25 Prozent erhöht. Und es werden wieder mehr Alkoholfahrzeuge gekauft, Tendenz deutlich und vermutlich schnell steigend. Am 28. Mai 2003 wurde entschieden, dass 500 Millionen Reais an Subventionen für die Lagerhaltung von Bioethanol für die beginnende Ernte bereitgestellt werden. Der Präsident des Verbandes der Zuckerrohrproduzenten von São Paulo, Eduardo Pereira de Carvalho, freut sich über den „risikofreien Vertrag”, denn die Vermarktung von 97 Prozent der zusätzlichen Produktion ist abgesichert. Die brasilianische Regierung will offensichtlich der Erfahrung von 1989 vorbeugen, denn damals haben die Produzenten ihr Alkoholangebot reduziert, weil die internationalen Zuckerpreise gestiegen waren und der Zuckerexport damit lukrativer war als die einheimischen Autos mit Bioethanol-Kraftstoff zu versorgen. 

Die Vorstellung ist bestechend und besticht offenbar auch: Brasilien ist ein Land, in dem der weit überwiegende Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen (Wasserkraftwerke) getätigt wird. Innerhalb einiger Jahre kann auch bei den Kraftstoffen für PKW in hohem Maß auf erneuerbare Quellen umgestellt werden. Ihre Nutzung erfolgt ohne die Freisetzung fossiler Treibhausgase. Damit qualifiziert sich Brasilien politisch und umwelttechnisch für die Produktion und den Export eines hochmodernen Produktes. Kein Zweifel, auch ein attraktiver volkswirtschaftlicher Vorteil, muss doch Brasilien auf Teufel komm raus eine positive Handelsbilanz erzeugen. 

In den USA wird ab 2004 zur Erhöhung der Oktanzahl das MTBE (Methyl-Tertiär-Buthyl-Ether), ein umweltbelastender und – wie jüngste Studien ergeben – krebserzeugender Zusatzstoff im Benzin, durch Alkohol ersetzt werden, was die Nachfrage nach Bioethanol sicher erhöhen wird. Zwar sitzen auch die US-Produzenten (Bioethanol aus Mais) in den Startlöchern, aber werden sie den gesamten Bedarf abdecken? Und werden sie sich langfristig gegen Importe aus anderen Ländern abschotten können? In Brasilien wird der Liter Bioethanol für 0,19 US-$ erzeugt. In den USA für 0,33 und in Europa für 0,55 US-$. Und so kommt auch ein im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) erstelltes und im Mai 2003 vorgestelltes Gutachten zu dem von Skeptikern bereits erwarteten Ergebnis: Ein Blick auf den wirtschaftlichen Kontext zeigt, dass zwar der Bedarf an Ethanol unter den veränderten Rahmenbedingungen erheblich steigen wird, seine Produktion jedoch in der EU zu kostspielig sei. Beim momentanen Rohölpreis von ca. 25 $ je Barrel sei Bioethanol etwa zwei- bis dreimal so teuer wie herkömmlicher Ottokraftstoff. 

In Deutschland werden zur Zeit etwa 450 000 Tonnen MTBE dem Kraftstoff zugesetzt, die durch ca. 200 000 Tonnen Ethanol ersetzt werden könnten, informiert die KVG, ein Biokraftstoff-Unternehmen. Eine sehr niedrige Menge, wenn nicht nur die Zumischung von Bioethanol zu Benzin, sondern die Möglichkeit berücksichtigt wird, dass er den fossilen Kraftstoff an der Zapfsäule zumindest partiell ersetzen kann.

Der internationale Handel mit Bioethanol steckt noch in den Kinderschuhen, doch aus einem Nischenmarkt kann sich in vergleichsweise kurzer Zeit ein großer Zukunftsmarkt entwickeln. Die Steuerbefreiung für Biokraftstoffe in Deutschland und die EU-Biokraftstoff-Richtlinie, die einen Zielwert von 5,75 Prozent Marktanteil für grünes Benzin bis zum Jahre 2010 vorsieht, weisen in diese Richtung. Nicht von der Hand zu weisen ist dabei die Möglichkeit, dass die Subventionen für die europäische Landwirtschaft sich auf diese neuen Produkte und die Beitrittsländer ausdehnen könnten und den Produzenten anderer Länder damit den Zugang erschweren oder verweigern. Konkret denken Interessenverbände bereits darüber nach, wie ethische Argumente gegen die Bioethanol-Erzeugung aus Roggen widerlegt werden können.

Entwicklungspolitische Aktionsgruppen wie FIAN und die BUKO-Agrarkoordination sowie Entwicklungstheoretiker fordern seit langem die Rückführung der produktions- und exportstimulierenden Subventionen in den USA und der EU, um den Produzenten aus Entwicklungsländern – und hier wird jeweils explizit der Zucker aus Brasilien erwähnt – einen größeren Anteil an den Internationalen Agrarmärkten zu garantieren. Eine Reduzierung der Zucker-Subventionen würde vermutlich weltweit, zumindest aber in Europa und den USA, zu einem Rückgang der Konsumentenpreise führen. In Brasilien zunächst wohl eher zu einer Stabilisierung althergebrachter Machtverhältnisse. Und zu einer Schwächung der Bemühungen der sozialen Bewegungen auf dem Land um soziale, ökologische und ökonomische Alternativen.

Wenn die Richtung der hier grob skizzierten Vermutungen zu Perspektiven der brasilianischen Zuckerwirtschaft stimmt, dann wird dies über kurz oder lang Auswirkungen auf die Art und Zielsetzung der sozialen Auseinandersetzungen in der Zuckerregion des brasilianischen Nordostens haben. Betriebswirtschaftlich bedeutet dies, dass durch höhere Preise die relative Vorzüglichkeit des Zuckers gegenüber den – meist zumal unsicheren – anderen Produkten steigt. Ein verstärkter Anbau von Zucker und eine De-Stimulierung der Alternativen ist die Folge. Viele Zuckerfabriken sind in Pernambuco in den letzten zehn Jahren geschlossen worden, meist mit immensen Schulden, andere haben in neue und hochmoderne Anlagen investiert. 

Nach dem Vorbild der sog. „Usina Catende” (vgl. vorangegangenen Beitrag und die ila 255) könnten erstens Gewerkschaften oder die Landlosenbewegung in anderen Fabriken die Erklärung eines Konkurses anstreben, weil in einem solchen Fall die aufgelaufenen Ansprüche der ArbeiterInnen Priorität vor denen der Banken und Zulieferer haben. Politische Verhandlungen, öffentliche Investitionsförderung und intensive Basisarbeit könnten dann dazu führen, dass die alten Fabriken durch Selbstverwaltung der ArbeiterInnen weitergeführt oder wieder neu betrieben werden, weil oft die aufgelaufenen Ansprüche der ZuckerarbeiterInnen so hoch sind wie der Restwert der zu erwartenden Konkursmasse.

Zweitens könnte in diesen „Usinas” – ebenfalls nach dem Vorbild von Catende – neben dem Hauptprodukt Zucker eine allmähliche Diversifizierung der landwirtschaftlichen Kulturen und verstärkte Bodenkonservierung erfolgen. 
Wo der Großgrundbesitz in der Zuckerregion nicht genutzt wird, muss drittens das Verfassungsgebot der Enteignung unproduktiven Grundeigentums entschieden zum Einsatz kommen, um die Sozialbindung des Landbesitzes zu garantieren. Dort, wo modernisierte Zuckerrohrproduzenten sich in die Konjunktur einklinken, produzieren und Arbeitskräfte einstellen, werden sich die Möglichkeiten der gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen und Lohnkämpfe gegenüber den Jahren des Niedergangs und steigender Arbeitslosigkeit von 1998 bis 2002 vermutlich verbessern. 

Der Justizapparat, traditionelle Domäne des Zuckers, muss viertens dringend und radikal modernisiert werden. Die anstehenden Verfahren zu Konkurs, Enteigung und Erfüllung der verfassungsmäßigen Rechte der Arbeiter müssen spürbar beschleunigt werden. Insbesondere die traditionelle Straflosigkeit bei politisch motivierten Gewalttaten gegen Führungspersonen der sozialen Bewegungen muss beendet werden. 

Und schließlich muss die Politik in Brasília all dies mittragen und aktiv unterstützen. Die Zuckerbarone, die sich in „normale” Zuckerunternehmer verwandelt haben, werden von der Politik nicht eingeschränkt, sondern begünstigt. Die anderen muss die Kraft der programmatischen brasilianischen Verfassung zugunsten einer Agrarreform treffen, um den alten Traum Severinos zu realisieren. 

Ist eine solche Perspektive des Zuckers ohne Barone möglich? 

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