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aus  Valparaíso / ila 267

33 Grad 0' 33” Süd, 71 Grad 38' 33” West
Position eines halbverlorenen Paradieses
von Omar Saavedra Santis

Möglicherweise wird Valparaíso demnächst von der UNESCO zum „Kulturerbe der Menschheit“ erklärt.
Die EinwohnerInnen der Stadt setzen darauf große Hoffnungen. Hoffnung haben sie auch bitter nötig, denn die wirtschaftliche Lage ist katastrophal und es deutet wenig darauf hin, dass sich das in absehbarer Zeit ändert.

An einem Septembertag 1998 übergab der stets verschwitzte Bürgermeister von Valparaíso dem Außenministerium Chiles eine voluminöse Aktenmappe mit goldenen Siegeln. Sie enthielt die offizielle Begründung, welche die chilenische Diplomatie bei der UNESCO in Paris vorbringen sollte, um die Organisation davon zu überzeugen, die mythische Stadt am südlichen Pazifik endlich zum Kulturerbe der Menschheit zu erklären. So begann ein langes Warten und es ist immer noch nicht zu Ende. Ähnlich wie bei den Kanonisierungsprozessen, in denen der Vatikan seine Heiligen ernennt, sind auch bei der UNESCO die Auswahlverfahren für die Städte, die in die Liste des Welterbes aufgenommen werden sollen, langwierig, kompliziert und erfordern mühselige Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Bis dato stehen 730 Kulturgüter, Naturschätze und deren Mischformen in 120 Ländern auf dieser Liste. Kandidaten, die solch eine Anerkennung anstreben, gibt es natürlich noch viel mehr. Allein in Deutschland bewerben sich 17 Städte und Stätten um die Aufnahme.

In Lateinamerika genießen eine solche Auszeichnung bereits die Altstadt von Havanna; in Ecuador die Stadt Quito und die Galapagos-Inseln, in Brasilien die historischen Stadtzentren von Salvador de Bahia, Ouro Preto, Olinda, Diamantina und das Brasilia des Architekten Oscar Niemeyer; in Peru Cuzco, Machu Picchu und das Lima der Vizekönige, die Jesuitenmissionen der Guarani-Indianer am Paraná in Paraguay und die von Nuestra Señora de Loreto sowie von Córdoba in Argentinien; in Mexico das schöne Oaxaca, die prähispanischen Metropolen Teotihuacán, Uxmal, El Tajín, Palenque, die historischen Zentren von Mexico-Stadt und Xochimilco, von Puebla, Guanajuato, Zacatecas und Campeche; in Bolivien die vormaligen Silberstädte Potosí und Sucre. In Chile zudem die ferne Osterinsel, jene scheue koloniale Enklave am Nabel der Welt, und die Holzkirchen auf dem Archipel von Chiloe.

In der Theorie und von einem naiv egalitären Standpunkt aus könnte es scheinen, dass jedwede von Menschen geschaffene und bewohnte Stadt ein Anrecht darauf hätte, als Kulturerbe betrachtet zu werden. Aber nur einige wenige schaffen es, in den edlen Kreis der Auserwählten Aufnahme zu finden. Was sind die Voraussetzungen, die ein Ort oder eine Stadt erfüllen müssen, damit die gelehrte Bürokratie der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation die Entscheidung fällt, ihm oder ihr den Ritterschlag für solch huldvollen und erhabenen Titel zu erteilen? Die Antwort birgt Material für jegliche Art von Interpretationen. Hoffnungen auf den Titel machen können sich nur „Ensembles oder Gruppen von Bauwerken, einzeln oder im Verbund, deren Einheit und Integration in die Landschaft ihnen einen außergewöhnlichen, universellen Wert vom Standpunkt der Geschichte, der Kunst oder der Wissenschaft aus verleiht“. Außerdem wird unter anderem verlangt, dass die Kandidatenstadt „künstlerisch einzigartig gelungen ist oder ein Meisterstück eines kreativen Geistes ist“ und sie „während einer bestimmten historischen Epoche oder irgendwo auf der Welt im kulturellen Bereich einen beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung der Architektur, die Denkmalkunst oder die Stadt- und Landschaftsplanung ausgeübt hat“. Oder auch „ein einzigartiges oder wenigstens außergewöhnliches Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation ist und beisteuert“.

Von Nahem betrachtet könnte freilich selbst das bescheidenste Zelt eines vorüberziehenden Nomaden diese Voraussetzungen erfüllen. Aber wenn man die Ehrentafel, auf der die UNESCO die Namen der als Kulturerbe Bezeichneten festgehalten hat, einmal genauer unter die Lupe nimmt, wird man bei allen – abgesehen von ihrem messbaren Wert – ein besonderes „Etwas“ erkennen, ein geheimnisvolles „Fluidum“, das alle durchdringt: eine gewisse Art exklusiver Extravaganz, kapriziösen Schaffenswillens. „Etwas“, das sie vollkommen einzigartig, unvergleichlich, mythisch macht. Von diesem Gesichtspunkt aus stehen die Chancen, dass Valparaíso die Ehrung der Unesco erhält, nicht schlecht. Schlussendlich ist jenes unfassbare „gewisse Etwas“ wohl der hauptsächliche Wert, den die Stadt aufweisen kann. Vielleicht der einzige.

Aber das Interesse Valparaísos daran, in den Rang eines  Kulturerbes aufzusteigen, geht über den Lorbeerkranz allein hinaus. Dass einer Stadt oder einem Ort eine solche Anerkennung zuteil wird, beinhaltet zugleich auch die weniger ätherische und immer willkommene Möglichkeit, ein paar materielle Vorteile zu ergattern. Die sogenannten Kulturgüter der Menschheit bieten die reizende Chance, dass irgendein transnationaler Konzern oder irgendein Multimillionär mit großem Herzen seine Nächstenliebe praktizieren und zeigen kann, dass auch die Kultur sie interessiert.  Wobei sich, wie nebenbei, eine elegante Verbeugung vor den Steuereintreibern anbietet.
Die EinwohnerInnen des heutigen Valparaíso mit ihrem schwitzenden Bürgermeister vorneweg kalkulieren, dass der begehrte Adelstitel für die Stadt gesalzene Investitionen bedeuten könnte, billige Kredite, Arbeitsplätze und andere himmlische Gaben. Kurz und gut, Träumen kostet so gut wie nichts.

Ein Blick auf die hässliche Statistik Valparaísos reicht, um den Ursprung solcher Hoffnungen zu begreifen, die zwar vage sein mögen, aber auch vollkommen verständlich. Die derzeitige katastrophale wirtschaftlich Lage der einstigen stolzen „Perle des Pazifiks“ hat sie aller ihrer Karate und ihres Glanzes entledigt. Die Arbeitslosenrate in der Region ist die höchste in ganz Chile, sie beträgt fast 20 Prozent. Die Industrie ging ein oder wanderte vor Jahren schon aus der Gegend ab. Die Hafenaktivitäten beschränken sich in der Praxis auf fünf oder sechs Monate im Jahr, wenn chilenisches Obst Richtung nordamerikanische, europäische und fernöstliche Häfen verschifft wird. Der regionale Tourismus liegt noch in den Windeln. Die Liste ihrer Malaisen ist lang. Es scheint, dass die Stadt sich von Nostalgie nährt. Ohne auf abgegriffene Euphemismen zurückgreifen zu wollen: Das dereinst hochgepriesene Tal des Paradieses ist heute heruntergekommen zu einem abgetakelten Saustall im neoliberalen Jammertal Lateinamerikas.

Zweifellos würde sich der prunkvolle Titel des Kulturerbes der Menschheit gut auf der Visitenkarte Valparaísos machen. Solche Stammbäume sind immer ein effizientes Schmiermittel für PR wie für internationale Beziehungen. Aber Nomen ist nicht immer Omen. Der Titel des Kulturerbes ist kein Zaubertrank gegen die Pest der Unterentwicklung. Er ist nicht nur Anerkennung, sondern vor allem auch Aufgabe.Anerkennung für jene Generationen umspannende anonyme Arbeit, die Valparaíso in fast einem halben Jahrtausend vom Meer bis in den Himmel erhoben hat, wie einen Turm zu Babel, schlecht gemacht vielleicht, aber mit untrüglicher Berufung zum Prometheischen.Und ein solcher Titel beinhaltet gleichzeitig die Aufgabe und Pflicht zu verhindern, dass ebendieses menschliche Werk durch die Unbarmherzigkeit des Elends zunichte gemacht wird. Es ist daher eine eminent politische Pflicht, die nicht mithilfe von feuriger Rhetorik nach Art von Wahlkampfsonntagen erfüllt werden kann, sondern nur und vor allem aufgrund von effektivem und wirklichem Engagement der politisch führenden Kaste in Chile.
Letztlich ist der wahre Sinn eines Kulturerbes seine Investition in die Zukunft der kommenden Generationen. 

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