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aus  Valparaíso / ila 267

(Un)Sinn und (Un)Form einer Stadt
Gespräch mit Virginia Vizcaíno, Grafikerin aus Valparaíso

Wie in der Literatur ist Valparaíso auch in der bildenden Kunst als ein ikonografisches Motiv stets gegenwärtig, ein unaufhörliches Ritornello. Im Laufe von Jahrhunderten haben MalerInnen, GrafikerInnen, ZeichnerInnen aus allen Ecken und Enden der Welt ihre Sichtweisen von der Stadt in Formen gegossen. Ihr Bild hat magnetische Kräfte, es zieht den Blick noch des unbedarftesten Passanten auf sich und zwingt ihn zu unvermuteten Übungen der Phantasie. Denn um diese Stadt besser betrachten zu können, ist es am besten, sie sich vorzustellen. Virginia Vizcaíno ist eine von denen, die die originellsten Einfälle in Bezug auf Valparaíso haben. Sie knüpft an die alte und stolze Grafiktradition der Stadt, in der sie lebt, an und erneuert sie, ihr Auge dringt in unbekannte Dimensionen der Stadt ein und schöpft ihre ureigenen Visionen aus einer ganz persönlichen Perspektive nach. Diese Nach-Schöpfungen gehen natürlich über die reine, konkrete Materie hinaus. Es sind weder fotografische Erinnerungen noch Melancholien nach Art vergilbter Almanache. So kommt es, dass die Titel ihrer Arbeiten nicht nur erfindungsreiche Definitionen ihrer inneren Landschaften sind, sondern vielmehr kurze poetische Manifeste, in denen sie die fließende Wirklichkeit interpretiert, die sie umgibt und von der Valparaíso ein unlösbarer Teil ist. Es ist wohl gerade diese Poetik, die aus ihrem Werk strömt, die sie lapidar sagen lässt, es gebe für sie keine „abgenutzten Themen“. Virginia Vizcaíno kann ein recht umfangreiches grafisches Werk ihr eigen nennen. Ihre Ausstellungen wurden in zahlreichen Ausstellungen und nationalen wie internationalen Werkschauen von Chile bis Japan gezeigt.


Ein deutscher Kunstkritiker hat Valparaíso einmal mit  einem kubistischen Werk verglichen. Unabhängig von dem tatsächlichen Wert dieser Aussage spielt sie auf jeden Fall offensichtlich auf den plastischen Charakter an, mit dem sich die Stadt dem Auge darbietet. Wie sehen die bildenden KünstlerInnen Valparaísos ihre Stadt?

Sie ist ein kubistisches Werk. Was man am meisten sieht, sind genau die Linien, die Formen, mehr als die Farben. Die geographische Anlage selbst suggeriert einen großen Felsen mit Einschnitten, auf denen die Häuser errichtet sind, die aussehen wie kleine Formen, die sich wie Projektionen in verschiedene Richtungen hin fortsetzen. Eine Bewegung, wo viele Linien auf bestimmte Orte auf den Hügeln hin zusammenlaufen, wie etwa die Strom- und Telefonkabel, in einer Unordnung, die wiederum neue Umrisse und Linien suggeriert und alles verschwimmen lässt.
Das gleiche geschieht mit ihren Treppen, Bäumen, Bächen, Gässchen und Grünflächen, in einer Unordnung, die ihr nur umso mehr Bewegung verleiht. Dieses Phänomen sehe ich perfekt widergespiegelt in dem Werk À Valparaíso, dem Schwarz-Weiß-Dokumentarfilm von Joris Ivens, in dem eine kubistische Bewertung der Stadt aus einem architektonischen und plastischen Blickwinkel heraus in den Mittelpunkt gestellt wird.

Zu bestimten Tageszeiten jedoch, in der Dämmerung oder von der Küstenlinie aus gesehen, scheint die Stadt vielmehr ein surrealistisches Werk zu sein. Dann verwischen sich die Linien und wenn man von den Hügeln aus schaut, glaubt man plötzlich Schiffe auf Dächern zu sehen, Menschen, die auf Orte zugehen, die grenzenlos sind, Fahrzeuge, die wie aus dem Nichts auftauchen, kurz gesagt, viele Objekte verschwimmen in den Farbtönen, die die Atmosphäre produziert.

Die Präsenz Valparaísos in der Literatur ist offensichtlich und es gibt sie seit langem. Auch in der Grafik und in der Malerei. Aber die Stadt ist auch ein Lieblingsobjekt für Kitsch. Ist Valparaíso ein Thema, das sich abgenutzt hat? 


Für mich gibt es keine Themen, die abgenutzt sind. Und Valparaíso ist es auch nicht. Selbstverständlich ist die Stadt ein Lieblingsobjekt für Kitsch aufgrund der vielen Sonntagsmaler. Genauso ist es in der Literatur (Valparaíso hat tatsächlich eine ganze Menge PseudolyrikerInnen). Viele Leute ohne Vorkenntnisse in bildender Kunst greifen in stereotyper Manier zum Thema Valparaíso, mit übertriebener Effkthascherei und Gemeinplätzen, um sich jenen Teil zunutze zu machen, auf den TouristInnen fliegen, ohne größeren Sinn für Ästhetik und ohne das wahre Valparaíso zu kennen.

Diese Stadt hat indessen große KünstlerInnen hervorgebracht, insbesondere auf dem Feld der Grafik. Hervorragende Beispiele für Künstler, die sich in ihren Werken mit dieser Thematik beschäftigt haben, sind Carlos Hermosilla, Ciro Silva, René Quevedo, Roberlindo Villegas, Medardo Espinosa, Sergio Rojas und andere. Zu den jüngeren Malern gehören Pepe Basso, Giancarlo Bertinni, Gonzalo Ilabaca, Mario Ibarra (der „Paté“) und viele andere. Das heißt, das Thema ist noch längst nicht am Ende.

Die Rettung der letzten noch zu rettenden Reste Valparaísos ist eine enorme öko-urbanistische Herausforderung. Anderswo werden alte Häuse sorgsamst bewahrt, in Valparaíso werden sie abgerissen. Beteiligen sich KünstlerInnen der Hafenstadt an Projekten zur Restaurierung und zum Unterhalt des städtebaulichen Erbes der Stadt, und wenn ja, in welcher Weise?

Das ist wahr. Viele Häuser und Gebäude im Zentrum sind aufgrund von Unsensibilität politischer Entscheidungsträger im Hinblick auf das Erbe und den Erhalt historischer Schönheiten ein für alle Mal verloren. Aber man muss auch mitbedenken, dass Jahr für Jahr im Sommer immer wieder starke Brände ganze Straßenzüge mit alten Gebäuden zerstören. Im Winter reißen heftige Regenfälle Wege, Straßen, Treppen, Häuser und Leute mit sich fort. Das liegt an der schlechten Bauweise, am Fehlen von Brand- und Überschwemmungsschutzwänden und an unzureichend abgesicherten Staubecken. Der Hauptgrund hierfür sind fehlende Finanzmittel bei der Bevölkerung wie auch bei den Ämtern. Dazu kommen dann auch noch die Erdbeben.

Was die KünstlerInnen betrifft, werden sie nicht konsultiert. Der Stadt stehen ihre Probleme bis zum Hals, hier gibt es eine zentralistische Politik und die höchste Arbeitslosenrate des Landes. Projekte gibt es in Valparaíso viele, an Projekten mangelt es uns nicht. Aber leider konkretisieren sich die meisten nicht. Und wenn die Stadt tatsächlich eines Tages zum Kulturerbe der Menschheit erklärt wird – dahin gehen jedenfalls die Bestrebungen der Stadt- und Zentralregierung – ist das vielleicht der Moment, wo diesbezügliche Initiativen auftauchen und hoffentlich eine größere Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft – KünstlerInnen eingeschlossen – möglich wird, um ein Valparaíso zu schaffen, wie wir es alle verdienen.

Das Interview führte Omar Saavedra Santis.

Übersetzung: Gaby Küppers

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