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aus Karibik / ila 269

Wir Comandantes waren wie Heilige
Interview mit dem ehemaligen Guerillakommandanten 
Eduardo Sancho aus El Salvador

Im Juni hatte die ila Besuch von Eduardo Sancho aus El Salvador. Möglicherweise wird der Name wenigen etwas sagen. Denen, die in den achtziger und neunziger Jahren in der El Salvador-Solidaritätsbewegung aktiv waren, sagt der Name Ferman Cienfuegos dafür umso mehr. Cienfuegos war während des Krieges in El Salvador der Deckname von Eduardo Sancho. Er war einer der fünf Comandantes der FMLN, Oberkommandierender der sozialdemokratisch orientierten Mitgliedsorganisation Resistencia Nacional (RN). Heute hat sich Sancho völlig aus der Politik zurückgezogen und ist als Historiker und Schriftsteller tätig.

Sie haben sich 1997 aus dem politischen Leben zurückgezogen. Was hat Sie dazu bewegt und warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

1997 ging meine Zeit als Vorsitzender der gesetzgebenden Versammlung zuende. Wir hatten das Gesetzgebungspaket für das Friedensabkommen – immerhin insgesamt 100 Gesetze und Dekrete – praktisch vollendet. Wir hatten die notwendige Aufgabe, dem Land einen neuen institutionellen Rahmen zu geben, erfüllt, und ich wollte mich mehr meinem Privatleben widmen. Außerdem hatte ich keinen Platz mehr in der FMLN, da die Kommunisten langsam die Kontrolle über die Partei übernahmen. Für einen Sozialdemokraten machte es keinen Sinn mehr, in der Partei zu bleiben und weiterhin zu streiten. Ich glaube, persönliche Beweggründe spielten die größte Rolle. Ich war Schriftsteller, und nach 25 Jahren Pause wollte ich es wieder sein.

Sie sagen, um Ihr Buch „Crónica entre los espejos“ schreiben zu können, mussten Sie sich von Vorurteilen und dem Trauma des Kriegs befreien. Auf welche Vorurteile beziehen Sie sich?

Ich musste mich von den Ideologien, der Politik, dem Verdruss und dem Hass lösen, die einen fesseln: von blockierenden Ansichten und Erinnerungen, die man auf der „Festplatte“ gespeichert hat. Es muss aufgeklärt werden. Ich habe damit angefangen, indem ich Sachen veröffentlichte, die als verboten galten oder Staatsgeheimnisse waren. Dieses Buch ist der erste Versuch, Geheimnisse des Kriegs aufzudecken. Es ermöglicht eine Katharsis, eine Reinigung.

Warum haben Sie bis 2002 mit der Publikation gewartet?

Weil gerade kein Wahlkampf war (lacht)! Das Buch hat eine starke Polemik in den Medien hervorgerufen, vor allem die Sache mit Roque Dalton1. Ich wurde wieder zu einem Menschen, der in der Öffentlichkeit stand. Die Leute fragten mich, was mein Plan wäre. Sie glaubten, dass ich auf öffentlichem Terrain etwas loswerden wolle, oder dass ich immer noch politische Interessen hegen würde, aber darum geht es mir nicht mehr. Ich habe allerdings festgestellt, dass ich noch einen Platz habe, eine Zuhörerschaft, besonders bei der Mittelschicht. Ich glaube, wir haben vielen Menschen ermöglicht, ihr eigenes Zeugnis abzugeben. Das ist das Wichtige an diesem Buch. Mich interessierte nicht, ob das Buch die Linken oder die Rechten betroffen machen würde – oder vielmehr die Linken, nicht wahr?

In dem Buch berichten Sie, dass der Gründer der ERP (Ejército Revolucionario del Pueblo), Sebastián Urquilla (Deckname: Rivas Mira), der Drahtzieher und damit auch der Verantwortliche für den Mord an Roque Dalton war. Sie drängen ihn dazu, bei dessen Familie um Entschuldigung zu bitten. Glauben Sie, dass Urquilla diesen Schritt tun wird?

Das war so etwas wie der letzte Schritt, damit weltweit und national die Sache mit Roque Dalton aufgeklärt wird. Er (Sebastián Urquilla) war unser Anführer, er soll die Wahrheit sagen, dann wird ihm auch vergeben werden. Das Wichtigste nach einem Bürgerkrieg ist nicht das Vergessen, sondern das Vergeben. Ich glaube, dass wir dazu beigetragen haben, den Raum dafür geschaffen haben, und Sebastián hat die Möglichkeit es zu tun. Ich weiß nicht, ob er diesen Schritt machen wird, aber für ihn wäre es das Beste. 

In Ihrem Buch scheint es so, als ob Sie das Bild von Dalton objektivieren und ihn befreien möchten von dem Märtyrertum, das auch gar nicht nach seinem Geschmack wäre. Sie meinen auch, dass man das Werk und das Leben von Dalton kritisieren kann. Welche Kritik haben Sie denn?

Man kann unsere Kultur nicht von Roque Dalton trennen. Unsere Kultur ist die des Märtyrertums. Nach einem Krieg und so viel Leid können wir nicht weiterhin glauben, dass unser Schicksal Märtyrertum und Leiden ist. Aus diesem Grund nutze ich die Gelegenheit, um Roque zu entmystifizieren. Die Idee dabei ist, weitere Türen zu öffnen, damit unsere Kultur auf eine andere Art und Weise wahrgenommen wird. Roques rebellischer Geist galt der Befreiung, nicht dem Märtyrertum. Dies soll in all seinen Facetten herausgearbeitet werden. Roque war kein Heiliger. Ich glaube wir haben es erreicht, denn die Debatte hat bereits begonnen.

Sie sind Gastprofessor an verschiedenen Universitäten. Ihr Thema ist die Verhandlung und Lösung von Konflikten. Was halten Sie von den aktuellen Versuchen Konflikte zu lösen?

Als wir in dieses Thema einstiegen, gab es noch keine Aktionen gegen den Irak. Die Alleingänge der USA hatten ihre Zeit und ihren Raum, aber die Zeit der unilateralen Kriege ist bald vorbei. Ich glaube, im Moment wäre es sehr schwer einen neuen Krieg anzuzetteln, sagen wir gegen Cuba, Korea, Iran oder Syrien. Neue Kriege können ausgeheckt werden, aber Zeit und Raum dafür sind nicht unendlich. Man glaubte, dass der Krieg in El Salvador Produkt des Ost-West-Konflikts war. Meine Theorie ist, dass wir einen gewissen Freiraum zwischen den zwei Großmächten nutzten. Zentralamerika stand unter dem Einfluss der USA, und stellte eine ideologische Außengrenze für die USA dar. Dennoch wurde hier der Torrijos-Carter-Vertrag geschlossen und die sandinistische Revolution konnte stattfinden. Nach der salvadorianischen Konfliktlösung löst die UNO nun Konflikte in Timor, Kambodscha und Angola auf politischem Weg. Auch wenn die Vereinigten Staaten beschließen alleine zu handeln, folgt zum Ende des Kriegs immer der politische Teil. Das passierte in Jugoslawien und in Afghanistan. Im Irak bisher noch nicht, aber auch dort ist eine politische Lösung notwendig. Jetzt gilt es zu beobachten, wie lange der Alleingang der USA dauert. Die militärische Macht hat eine Grenze, sie ist nicht unendlich. Das Wichtigste für die Welt sind Politik und Ökonomie.

Hätte man den Konflikt in El Salvador in den 60ern auf eine andere Weise lösen können, ohne Krieg?

Es wäre kein Krieg in El Salvador ausgebrochen, wenn es einen Dialog gegeben hätte. Aber weder die Institutionen, noch wir selbst waren für den Dialog bereit. Deshalb gab es keine Möglichkeit, den Konflikt auf friedliche Weise zu lösen. Der einzige Ausweg war der Krieg.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass die Comandantes der FMLN eine „demokratische Diktatur“ führen würden. Was verstehen Sie darunter?

(Lacht) Im Fall von El Salvador und Nicaragua stellten die Revolutionsführer eine Supermacht dar. Es war eine Form von demokratischer Diktatur, da sie nicht erzwungen wurde. Die Mehrheit akzeptierte die Comandantes als Führungskraft – deswegen eine Diktatur, jedoch eine demokratische, weil niemand dagegen war.

Wie in Cuba...

Nun ja, wie Fidel. Fidel ist der Anführer aller CubanerInnen. Er steht über der Partei. Wir, die Streitkräfte, waren die Spitze der Partei. Wir, die Comandantes, waren wie Heilige. Das hat mit unserer christlichen Kultur des Märtyrertums zu tun. Wir waren Caudillos (Anführer), Heilige und politische Führer, oder so etwas ähnliches.

Kann man sagen, dass bei Ihnen der Poet den Kämpfer besiegt hat, dass Eduardo Ferman besiegt hat?

Nein... Ferman hat sich noch nicht besiegen lassen. In mir ist etwas von beiden. Es ist notwendig, dass der Kämpfer weiterhin existiert. Aber einer, der für Wissen, Neuerung und Aufbau kämpft. Also ein schöpferischer Kämpfer, und nicht ein zerstörerischer. Und jeder Krieg ist zerstörerisch. Ich kann keinen einzigen Krieg nennen, der konstruktiv war. Diesen schöpferischen Kämpfer kann man sich bisher nur vorstellen oder davon träumen.

Was sind die Herausforderungen für El Salvador?

Die erste Herausforderung ist die Verwaltung des politischen Systems. Die Linken haben immer noch nicht die politische Führungsrolle gelernt. Sie verstehen nichts von Verwaltung und erkennen den Schatz nicht, den sie mit dem System in den Händen halten. Die Herausforderung besteht in der Erstellung eines neuen ökonomisch-sozialen Bündnisses. Ein politisches System besteht ja bereits. Wir brauchen einen neuen Vertrag, ähnlich dem von Chapultepec2, um die Probleme des Landes zu lösen. Und wir müssen uns darüber einig werden, wie wir uns in den Globalisierungsprozess einfügen. Eine weitere Herausforderung ist die zentralamerikanische Integration, soll eine Föderation, ein Staatenbund oder die Koordination von Mikrostaaten entstehen. Es existiert zwar ein zentralamerikanisches Parlament, das aber noch keine richtige Funktion hat.

Im Prolog Ihres neuen Buches sagen Sie, dass Eduardo und Ferman sich gegenseitig geholfen haben, die 20 Jahre Ihrer Teilnahme am Krieg zu beschreiben, und laut Text, dass „20 Jahre gar nichts sind“. Machen Sie eine Anspielung auf den Tango von Gardel?

(Lacht) Ja, weil ich genau 20 Jahre „mitgemischt“ habe, von 1971 bis 1991. 20 Jahre sind gar nichts. Das mit Eduardo und Fernando ist ein literarisches Stilmittel, aber es reflektiert die Bewusstseinsstadien. In dem Buch helfen sie sich, weil Ferman, der Politiker und Kämpfer, die Staatsgeheimnisse nicht rausrückt. Eduardo meint schließlich: „Nein, das sind keine Staatsgeheimnisse mehr. Das ist Sache der Öffentlichkeit.“ Das Buch bricht ein kulturelles Schema.

Diese 20 Jahren müssen sehr hart gewesen sein. Wen hat es mehr desillusioniert: Sie selbst, d.h. Ferman, das Volk oder Ihre Parteigenossen?

Die größte Enttäuschung für mich waren die Kommunisten. Ich glaubte, dass die Kommunisten in El Salvador sich ändern würden. Shafik (Handal) hat sich nicht verändert. Meine größte Enttäuschung im politischen Bereich ist, dass eine der Gruppen und einer der Führer (der FMLN) sich bis heute nicht weiterentwickelt haben und dies dem Land, der Bewegung, einfach allen großen Schaden zugefügt hat.

Die rechte ARENA-Partei hat seit dem Abschluss des Friedensabkommens alle Präsidentschaftswahlen klar gewonnen. Die vielen Stimmen für die extreme Rechte – nach allem, was Sie in diesen 20 Jahren geopfert haben. Haben Sie nicht erwartet, dass es eine andere Reaktion geben würde? Mehr Leute, die für die FMLN stimmen?

Leider nicht. Ich hatte bereits die Ergebnisse von Nicaragua vor Augen, die Sandinisten, die 1990 die Wahl verloren hatten. Das Wahlspiel läuft anders ab, da gibt es andere Regeln. Die Bevölkerung kommt mit ins Spiel, beeinflusst von Kandidaten, nicht von Projekten und Programmen. Die FMLN scheiterte immer schon an den Kandidaten, sie hatte nie einen Kandidat, der für die Mehrheit der Bevölkerung akzeptabel war.

Heute gibt es in El Salvador zwar keinen Krieg mehr, die ökonomische und soziale Dominanz der alten Eliten ist aber ungebrochen. Das ist nicht das, wofür Sie gekämpft haben. Wenn man an die 80er zurückdenkt: Wäre es nicht besser gewesen, sich mit der christdemokratischen Regierung von Duarte und den Nordamerikanern zu einigen, dann wäre womöglich mehr rauszuholen gewesen, als später, als dann ernsthaft verhandelt wurde...

Ja, aber die Vereinigten Staaten wollten in den 80ern nicht mehr verhandeln. Wir haben es ihnen vorgeschlagen. Bischof Rivera übergab der US-Botschaft einen Brief. Wir hatten Verbündete im US-Kongress, die Liberalen innerhalb der Demokratischen Partei. Aber am 4. Januar 1981 gab Carter die Macht ab und sein Nachfolger Reagan war nicht an einer politischen Lösung in El Salvador interessiert. Ich glaube nicht, dass eine linke Regierung in El Salvador viel ausrichten kann, wenn sie nicht paktiert. Es muss ein Bündnis mit den privaten Unternehmen geschlossen werden. In El Salvador gibt es eine rechte und eine linke Partei. Wo bleibt da die Mittelschicht? Die Herausforderung, die sich uns stellt, ist ein neues Bündnis vorzubereiten, das den Reichtum umverteilt.
Wir haben in El Salvador eine konservative Linke und eine konservative Rechte. Es gibt keinen Raum, in dem eine Lösung innerhalb des Systems entworfen werden kann.

Also gibt es keine sozialdemokratische Alternative...

Nein, es geht darum, die Bedingungen für ein sozialdemokratisches Projekt zu erstellen. Dazu bedarf es wie in Costa Rica einer Fraktion von Unternehmern, die eine Sozialversicherung – die Verteilung von Reichtum – akzeptiert.

Wo sehen Sie die Schwächen der heutigen Linken in El Salvador?

Die Linken haben keine neuen Ideen. Sie sagen, „Nein zur Globalisierung“, „nein zu einem Bündnis mit den Unternehmern“, da es „Versöhnung“ bedeute. Also bleibt der Klassenkampf. Ich bin kein Antikommunist. Ich habe den Marxismus studiert, aber den ursprünglichen Marxismus, nicht den leninistischen. Die Guerilla kam aus der kreativsten Ecke des Marxismus, sie hatte einen lateinamerikanischen Weg gefunden. Es ist wichtig, dies zu verstehen, denn dies ist unsere Denkweise, mit der wir zur Zeit in der Minderheit sind. 1971 sagten wir uns: „Uns können weder Moskau, noch Havanna, noch Washington und auch nicht Peking Befehle geben“.

Du hast mich gefragt, warum ich ausgestiegen bin. Aus mentaler Erschöpfung, wegen den ständigen Diskussionen mit Shafik, die wir 20 Jahre lang über die gleichen Themen führten. Wir haben 15 Jahre diskutiert und es hat sich gelohnt, wir befanden uns im Krieg. Aber nach dem Krieg noch einmal zu diskutieren, ob man den sozialistischen Weg gehen soll... Ich schrieb im Jahr 1983 ein Buch, in dem ich der Guerillabewegung sagte, dass sie auf die Diktatur des Proletariats und den Sozialismus verzichten und eine demokratische Republik aufbauen sollte. Das war mehr als Verrat. Die Comandantes versammelten sich in Morazán. Die politische Führung ordnete an, dass das Buch aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Sie befahlen, die Bücher zu verbrennen. Ich habe jetzt genug von dieser Diskussion und das ist der sehr persönliche Grund gewesen mich aus der Politik zurückzuziehen. 

Glauben Sie, dass die FMLN Chancen hat, die Wahlen zu gewinnen?

Die FMLN hat die Möglichkeit, aber es hängt vom Kandidaten ab. Wenn sie Hector Silva vorschlagen würden, wäre der Weg geebnet. Er würde sofort gewinnen.

Das Interview führten Alicia Rivero und Henry Schmahlfeldt

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