aus
Karibik / ila 269
Zerstörung einer Hoffnung
Die abgebrochene Geschichte der Revolution auf Grenada
von Gert Eisenbürger
„Zehn Tage, die die Welt veränderten“ nannte der US-amerikanische Autor John Reed sein Buch über die Ereignisse im November 1917 in Petersburg, die als „Oktoberrevolution“ in die Geschichtsbücher eingingen. „Zehn Tage, die die Karibik veränderten“ könnte man in Anlehnung daran die blutigen Ereignisse der letzten beiden Oktoberwochen in Grenada nennen, die den Geschichtsbüchern höchstens eine Fußnote wert sind. Unser Redaktionsmitglied Gert Eisenbürger hat die zehn Tage in Grenada erlebt, aber auch die People's Revolution zuvor. Sie, wie ihr gewaltsames Ende, haben sein Leben nachhaltig geprägt.
Die Geschichte der Revolution in Grenada ist eine, deren Ende vielen bekannt ist, über deren Anfang und deren Verlauf aber die wenigsten etwas wissen. Ihre Ursprünge liegen schon in den sechziger Jahren. Damals begannen sich die US-amerikanischen Schwarzen organisiert gegen ihre Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Gewehrt hatten sie sich natürlich schon immer, seit den Tagen der Sklaverei. Aber der Widerstand jetzt war eine politische Bewegung mit konkreten Zielen und Kampfformen. Die AfroamerikanerInnen forderten volle Bürgerrechte, einen angemessenen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand und ihre Anerkennung als gleichwertige Menschen. Wie in jeder gesellschaftlichen Emanzipationsbewegung wirkte der Kampf zuerst einmal auf die Kämpfenden. Er stärkte ihr Selbstbewusstsein. Gegen das herrschende Paradigma, dass alles Schwarze minderwertig sei, setzten sie „Black Power“.
Die afroamerikanische Emanzipationsbewegung beschränkte sich nicht auf die USA, sondern erreichte auch die Karibik. Die gemeinsame Universität der englischsprachigen Karibik, die University of the West Indies, mit Niederlassungen in Jamaica, Trinidad und Barbados, wurde zum intellektuellen Widerstandsherd, wo Konzepte einer demokratischen und sozialistischen Umgestaltung der Region diskutiert wurden. Denn die Staaten wurden zwar nach und nach in eine formale Unabhängigkeit mit eigener Fahne und eigenen Briefmarken entlassen, doch die neuen Regierungen waren Geschöpfe der Kolonialmacht und das ganze jeweilige politische System eine Kopie des britischen. Wirtschaftlich bestand die Abhängigkeit ohnehin fort, die Kleinstaaten blieben Agrarproduzenten. Als neuer Wirtschaftsfaktor kam der Tourismus hinzu, wo die Hautfarben von Dienern und Bedienten die alte koloniale Hierarchie widerspiegelten.
Diese Kolonialstrukturen wollten die StudentInnen und ProfessorInnen an der University of the West Indies überwinden. Natürlich – und das haben wir vielleicht früher übersehen – planten sie auch ihre persönliche Zukunft. Sie sahen sich als neue gesellschaftliche Elite und forderten, wenn sie von Modernisierung und Sozialismus sprachen, auch ihren Anteil an der Macht. Viele von ihnen wurden MarxistInnen und begannen in den Studentenwohnheimen und Cafeterias über den Aufbau von linken Organisationen in ihren Heimatländern zu debattieren. Das galt auch für die StudentInnen aus Grenada. Dort waren die Kolonialstrukuren besonders prägnant, denn der Premierminister Eric Gairy war ein Diktator, die Wahlen, die ihn schon unter britischer Verwaltung und erst recht nach der Unabhängigkeit 1973 an der Macht hielten, eine Farce. Es gab auch keine sozialdemokratische Partei wie etwa unter Michel Manley in Jamaica oder den Gebrüdern Douglas in Dominica, von der man eine Änderung erwarten konnte, denn Gairys Partei war die einst sozialdemokratische „Grenada United Labour Party“ (GULP), der nur eine verknöcherte, konservative Opposition, die Grenada National Party (GNP) unter Herbert Blaize gegenüberstand.
Als sich 1974 aus zwei linken Zirkeln das New Jewel Movement (NJM) bildete, hatte die neue Bewegung – anders als auf den Nachbarinseln, wo sich marxistische Organisationen kaum verankern konnten - schnell großen Zulauf, besonders unter den Jugendlichen. Dazu trug von Anfang an auch die Popularität ihres Führers Maurice Bishop bei. Nach seiner Rückkehr vom Studium an der University of the West Indies ließ er sich in Grenada als Anwalt nieder und erwarb schnell große Sympathien, weil er kleinen Leuten zu ihrem Recht verhalf, was man üblicherweise von JuristInnen nicht gewohnt war. 1976 schloss die NJM ein Wahlbündnis mit der konservativen GNP und stellte Maurice Bishop als Spitzenkandidaten auf. Nur durch erhebliche Manipulationen gelang es Gairy seiner GULP einen knappen Wahlsieg zuzuschustern. Auf die Stärkung der Opposition reagierte Gairy mit Gewalt. Seine Schlägertrupps, die Mongoose Gang, griffen immer wieder Oppositionelle an und misshandelten sie. Mehrmals endeten solche Überfälle tödlich. Als Gairy im März 1979 bei der UN in New York weilte und das Gerücht umging, in seiner Abwesenheit würde die Mongoose Gang mit der Opposition aufräumen, überfielen NJM-AktivistInnen in der Nacht zum 19. März die einzige Kaserne und den Rundfunksender. Da die meisten Soldaten im Schlaf überrascht wurden, gab es kaum Kampfhandlungen. Über Radio verkündete Maurice Bishop den Sturz Gairys und die Bildung einer Revolutionären Volksregierung. Er rief die Leute auf, auf die Straßen zu gehen und die Macht zu übernehmen. Dies geschah tatsächlich: Mehr als zehntausend GrenadinerInnen (bei knapp 100 000 EinwohnerInnen) gingen am 19. März 1979 auf die Straße und demonstrierten für die neue Regierung. Die ursprüngliche Nacht- und Nebelaktion der NJM wurde tatsächlich eine „People's Revolution“.
Aus den AktivistInnen der NJM wurden nun Regierungsmitglieder, Maurice Bishop wurde Premierminister. Alle waren sehr jung und sehr unerfahren: Bishop war 35 Jahre alt, Landwirtschaftminister George Louison gerade mal 27. Ihr Ziel war ein modernes Grenada, was nichts Geringeres bedeutete als die Überwindung der Plantagenökonomie, die das Leben auf der Insel seit Jahrhunderten prägte. Das Land produzierte und exportierte wenige Agrarprodukte (früher Zucker, später Gewürze, v.a. Muskatnüsse, Kakao und Bananen) und importierte alles, was gebraucht wurde. Das sollte anders werden: Die Agrarprodukte sollten zumindest teilweise auf der Insel verarbeitet werden: Früchte zu Marmeladen und Säften, Gewürze zu Soßen, Chutneys oder Pasten, Kokosnüsse zu Öl, Holz und Kokosfasern zu Möbeln und Kunsthandwerk. Dazu wurden staatliche Betriebe aufgebaut (z.B. „Grenada Agro Industries“), aber auch Kredite an private Betriebe und Genossenschaften gegeben. Die Wirtschaft sollte drei Säulen haben, eine öffentliche, eine private und eine kooperative.
Die Bildung von Genossenschaften wurde gefördert, ein spezielles Programm unterstützte arbeitslose Jugendliche, die Genossenschaften in Landwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich aufbauen wollten, mit Geld und technischer Beratung. Das Privateigentum wurde garantiert, nur die Betriebe und Ländereien Gairys und einiger seiner Günstlinge, die nach der Revolution das Land verlassen hatten, wurden verstaatlicht oder den bisherigen ArbeiterInnen als Kooperativen übergeben. Anstelle von Wahlen und Parteien sollte ein System der „People's Partizipation“ stehen. Volksversammlungen, zunächst auf Gemeinde-, später auf Landkreisebene und schließlich auf Landesebene, sollten ein System direkter Demokratie schaffen – und natürlich auch verhindern, dass sich konkurrierende, von außen gelenkte Parteien konstituieren und zu Sammelbecken der Opposition gegen die Revolutionsregierung entwickeln konnten. Inwieweit das System wirklich basisdemokratisch war, ist nicht eindeutig zu sagen. Ich habe einige wenige Gemeindeversammlungen erlebt, die ich beeindruckend fand, weil die Leute die Probleme vorbrachten, die es vor Ort gab und die anwesenden Regierungsfunktionäre Lösungsvorschläge machten und versuchten, die Leute zur Mitarbeit dabei zu gewinnen, etwa dem Bau einer Gesundheitsstation oder der Ausbesserung einer Straße. Bis 1983 war das Partizipationssystem nur auf Gemeinde- und teilweise Kreisebene installiert. Es bedürfte noch mehr Zeit, um es vollständig umzusetzen, hieß es von offizieller Seite. Sicher braucht so etwas Zeit – das zeigen die Erfahrungen mit der partizipativen Haushaltsführung in Porto Alegre und anderen brasilianischen Städten – andererseits zeigt die Erfahrung, dass jede Bürokratie – sei sie auch noch so jung und revolutionär – dazu tendiert, je länger ein Prozess dauert, die Leute zu bevormunden und zu entmündigen.
Das New Jewel Movement als Partei spielte im Alltag der Leute meiner Erfahrung nach keine große Rolle. Die Identifikation mit der Revolution – oder auch deren Ablehnung – lief über die Regierung, vor allem über Maurice Bishop. Er war der geniale Kommunikator, der wusste, wie er die Leute ansprechen und begeistern konnte, und er konnte komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich darstellen. Seine Popularität war immens, auch bei vielen, die der Revolution eher kritisch gegenüberstanden. Manche beklagten fehlende Demokratie, andere störte die Anwesenheit der cubanischen Bauarbeiter und ÄrztInnen, die kein Englisch sprachen und vermutlich Atheisten waren. Viele GrenadinerInnen waren sehr religiös und obwohl es keinerlei Einschränkungen der Religionsfreiheit gab und auch viele religiöse AktivistInnen begeistert an den Programmen der Regierung teilnahmen, gab es große Vorbehalte gegen atheistische Marxisten – was auch immer darunter verstanden wurde. Andere mokierten sich über das arrogante Verhalten und die Privilegien von Regierungsvertretern – obwohl sich die meines Erachtens im Rahmen hielten. Aber ein Dienstwagen, der natürlich auch genutzt wurde, um am Wochenende mit der Family an den Strand zu fahren, weckte schon verständlichen
Neid.
Was hat die Revolution den Leuten gebracht?
Sozial einiges: vor allem eine bessere Gesundheitsversorgung. In jeder Gemeinde wurde ein Gesundheitszentrum aufgebaut, wo zumindest eine Krankenschwester fest angestellt war und ÄrztInnen regelmäßig Sprechstunden abhielten. Diese Angebote waren kostenlos. Dies war nur möglich durch die Präsenz cubanischer ÄrztInnen, weil die meisten der alten grenadinischen MedizinerInnen weiterhin ihre Privatpraxen betrieben und nur zahlungsfähige PatientInnen gegen Cash behandelten. Fortschritte gab es auch im Bildungswesen. Es wurden neue Schulen gebaut und auch eine Alphabetisierungskampagne durchgeführt. Allerdings waren die Analphabetenquote und die Einschulungsrate auch schon vor der Revolution relativ hoch. Im Bildungsbereich arbeiteten auch internationale Leute, vor allem aus englischsprachigen Ländern. Zum Teil im Rahmen von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit (v.a. mit Kanada), zum Teil als Freiwillige, die die Revolution unterstützen wollten, darunter auch einige US-AmerikanerInnen. Wirtschaftlich ging es vielen GrenadinerInnen besser. Die Arbeitslosigkeit ging zurück, vor allem durch öffentliche Programme. Die gab es sowohl für Projekte, die geeignet schienen, dauerhafte Arbeitsplätze zu schaffen, wie die schon erwähnten Kooperativen, als auch für kurzfristige Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa im Bau und der Ausbesserung von Straßen, Wegen und öffentlichen Gebäuden. Dazu kam, dass die Preise einiger Grundnahrungsmittel, wie Mehl, Zucker oder Öl deutlich gesenkt wurden. Dies wurde zum einen durch staatliche Subventionen möglich, zum anderen durch die Schaffung einer staatlichen Import- und Vermarktungsgesellschaft, die die Waren en gros importierte und über öffentliche Läden kostengünstig anbot.
Außenpolitisch war die Lage der Revolution schwierig.
Die Carter-Regierung, die im März 1979 noch in Washington amtierte, war über die Revolution wenig begeistert, aber ging auch nicht offen gegen sie vor. Das änderte sich mit dem Amtsantritt Ronald Reagans im Januar 1980. Seine Lateinamerika-Ideologen stellten Grenada auf die gleiche Ebene wie das sandinistische Nicaragua und hatten von Anfang an das Ziel die Revolution zu eliminieren. Der Bau des neuen internationalen Flughafens wurde als Errichtung eines cubanischen Stützpunktes denunziert. Dabei war er schon lange vor der Revolution geplant worden. Grenada hatte bis dahin nur eine Landebahn, auf der Maschinen mit bis zu 48 Passagieren landen konnten. Das Fehlen eines größeren Flughafens, über den die Nachbarinseln Barbados oder St. Lucia schon länger verfügten, war die Voraussetzung für jeglichen Ausbau des Tourismus, auf den auch die Revolutionsregierung setzte. Die Feindseligkeit der Reagan-Administration lag wohl maßgeblich in der Ausstrahlung der grenadinischen Revolution auf die karibischen Nachbarstaaten und auch auf die Schwarzen in den USA selbst begründet. Bishops Regierung versuchte außenpolitisch Bündnisse in verschiedene Richtungen einzugehen, um die Revolution abzusichern. Natürlich gab es enge Beziehungen zur cubanischen Führung, aber auch zu den Regierungen Kanadas und Venezuelas, vor dessen Küste Grenada liegt. Auch zu europäischen Ländern versuchte man die Beziehungen zu intensivieren, wobei die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien unter der Regierung von Margret Thatcher eine ähnlich feindselige Position wie die USA einnahm.
Hatte die Revolution überhaupt eine Chance?
Wäre es nicht auch ohne den blutigen Machtkampf und die Ermordung Maurice Bishops zu einer US-Invasion gekommen? Die Fragen sind schwer zu beantworten. Vielleicht nicht, vielleicht nicht gleich. Der wirtschaftliche und politische Druck wäre sicher stärker geworden und hätte – verbunden mit Schuldenkrise und ökonomischen Problemen in der gesamten Region – wirtschaftliche Fortschritte in Frage gestellt oder rückgängig gemacht. Das hätte natürlich wachsende Unzufriedenheit zur Folge gehabt, denn die Leute hätten für Versorgungsengpässe oder Stromausfälle (Grenada erzeugte den gesamten Strom aus importierten Erdöl) die Regierung verantwortlich gemacht. Beispiele für Korruption und Misswirtschaft in öffentlichen Unternehmen hätte man kaum zu suchen brauchen, denn die gedeiht immer, wenn politische Bürokratien große Gelder verwalten und ausreichende demokratische Kontrolle fehlt. Eine außenpolitische Absicherung ihrer Revolution hätte die Führung Grenadas wahrscheinlich nur über die Preisgabe der meisten Errungenschaften erreichen können. Nach dem bekannten Muster von Portugal bis Nicaragua hätte Hans-Jürgen Wischnewski oder ein anderer Abgesandter der Sozialistischen Internationalen (wahlweise auch des Vatikans) „vermittelt“, d.h. die Regierung Grenadas unter Druck gesetzt, einem Mehrparteiensystem zuzustimmen, baldmöglichst „freie“ Wahlen abzuhalten, Unternehmern die Herausgabe von Zeitungen und den Betrieb von Rundfunkstationen zu gestatten, Gairys Günstlinge ihren alten Besitz zurückzugeben oder sie großzügig zu entschädigen und die Anzahl cubanischer BeraterInnen zu reduzieren. Bei den Wahlen hätten die USA dann die rechte Opposition massiv unterstützt, und vermutlich hätte die irgendwann die Wahlen gewonnen – vielleicht nicht direkt die ersten (die dann natürlich als nicht „frei“ diffamiert worden wären), aber sicher die zweiten oder dritten. Keine berauschende Perspektive – und doch wäre alles ganz anders gewesen, als das, was im Oktober 1983 geschehen ist. Die GrenadinerInnen wären die Subjekte ihrer Geschichte geblieben – vielleicht manipulierte Subjekte – aber sie hätten nicht ohnmächtig zusehen müssen, wie alles, woran viele von ihnen mitgearbeitet hatten, kaputt gehauen wurde, zuerst von den eigenen Leuten, dann von den Besatzern. Revolutionäre und sozialistische Ideen hätten manche Blessuren hinnehmen müssen, wären aber keineswegs diskreditiert gewesen. Das sind sie aber heute – nicht nur in Grenada, sondern in der gesamten Region. Und wenn die revolutionäre Partei auch die Wahlen verloren hätte, die nächsten oder übernächsten hätte sie wieder gewonnen, weil keine bürgerliche Regierung in Lateinamerika und der Karibik in den letzten Jahrzehnten in der Lage war, die Bedürfnisse der Menschen, vor allem die sozialen, auch nur annähernd zu befriedigen.
So wie es in Grenada aber gelaufen ist, wurde den Menschen wieder einmal die Botschaft eingebläut: Widerstand bringt nichts und wer gegen die herrschende Ordnung rebelliert, wird die Konsequenzen in aller Härte zu spüren bekommen. Das war die Absicht Reagans und die „Revolutionäre“ Coard & Co. waren die nützlichen Idioten bei ihrer Verbreitung. Uns bleibt daran zu erinnern, dass die grenadinische Revolution nicht nur aus dem Oktober 1983 bestand. Und das nicht nur in einer Fußnote.
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