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Panama / ila 270
Brief aus La Paz
„Und natürlich fragt man sich”, schreibt FR-Korrespondent Wolfgang Kunath aus Cochabamba kurz vor Sánchez de Lozadas Rücktritt, „wo das Geld herkommt, das nötig ist, um Zehntausende von Bauern aus den ländlichen Gebieten in die Städte zu bringen, wo sie dann gegen Goni (Sánchez de Lozada – die Red.) marschieren.” Terre des hommes-Projektpartner José Luis Núñez gibt in einem zur gleichen Zeit verfassten Brief, den wir auszugsweise dokumentieren, eine Antwort.
La Paz, 18. 10. 2003
Liebe Freundinnen und Freunde,
wir kommen gerade von der Demonstration zurück und finden unzählige Solidaritätsbriefe aus aller Welt vor, so dass es eine lange Nacht geben wird.
Trotz aller Anstrengungen von Sánchez de Lozada, in der internationalen Öffentlichkeit den Anschein der Normalität zu erwecken, ist der Generalstreik und der Widerstand der Bevölkerung in den Anden nach wie vor stark. Und das, obwohl wir in tiefer Trauer über die mehr als 70 Toten sind, besorgt über die ca. 400 Verletzten und eine große Zahl von Verhafteten. Trotz allem bleiben unsere Leute standhaft.
Das Militär ist auf die Straßen gegangen um die Protestmärsche der Kleinbauern und Bergarbeiter aufzuhalten, die Richtung La Paz ziehen. Aber viele dieser wunderbaren und gewöhnlich so schweigsamen Menschen haben Wege gefunden, um die Polizei- und Militärsperren zu umgehen, um uns hier in La Paz und El Alto zu unterstützen.
Es sind bereits Tausende, die zu essen benötigen, untergebracht werden müssen. Es ist verrückt, wie diese ganze Logistik funktioniert, obwohl niemand einen Pfennig dafür gibt. Obwohl Nahrungsmittelmangel herrscht, bringen bitterarme Menschen von dem Wenigen, was ihnen bleibt, um es mit den Demonstranten und
Demonstrantinnen zu teilen.
Die Mitglieder unserer Jugendgruppen organisieren an vielen Stellen der Stadt Mahnwachen und Ehrungen für die Toten. Wir haben uns insbesondere bemüht vor allem die Menschen aus der Mittelschicht zu sensibilisieren, die sich bis dahin aus dem Konflikt herausgehalten hatten. Und jetzt gibt es Protestdemonstrationen in allen möglichen Vierteln, sogar in den Wohngebieten der Reichen. KünstlerInnen, Intellektuelle, Kirchenleute haben mit Hungerstreiks begonnen. Allein in La Paz sind es 800 Menschen.
Sie sind Ausdruck eines gewaltfreien Kampfes, aber die Regierung beharrt auf ihrer Kampagne, die Volksbewegung als Terroristen, Feinde der Demokratie und Verursacher des Chaos zu diffamieren.
Gestern Nacht war eine Nacht des Schreckens. Bis in die entferntesten Viertel sind sie gekommen um herumzuschießen, in Häuser einzudringen, Frauen und Kinder zu schlagen, angeblich auf der Suche nach Waffen, die sie nicht gefunden haben, und auf der Suche nach den Anführern der sozialen Organisationen, die schon längst untergetaucht sind.
Sie haben auch versucht, die alternativen Medien zum Schweigen zu bringen, haben Exemplare der Wochenzeitung Pulso beschlagnahmt, haben die Anlagen von Radio Pio XII in Oruro gesprengt und in La Paz wollten sie eine ganze Reihe von Fernsehstationen zum Schweigen bringen. Aber die Menschen sind sofort zu den Stationen gelaufen um die Medienarbeit zu schützen.
Heute war ein bemerkenswerter Tag. Es gab eine gigantische Demonstration, zu der Menschen aus allen Richtungen zusammengekommen sind. Sogar die von den Unternehmern kontrollierten und der Regierung nahestehenden Medien haben anerkannt, dass es mindestens 50 000 Menschen waren. Die alternativen Medien schätzten die Zahl auf 150 000, die größte Demonstration der letzten 40 Jahre.
Es war ein Tag des Sieges, des Streiks, der Demonstrationen, der Hungerstreiks, der öffentlichen Erklärungen, der Nachtwachen und der Solidarität aus dem Ausland, all das stärkt den Willen und hilft, die Müdigkeit und Schmerzen zu überwinden. Die Gespräche und Diskussionen überall sind der authentische Ausdruck der Demokratie, denn die Menschen diskutieren über zentrale Fragen des Landes. In den Dörfern, in den Kirchengemeinden, in den Kulturzentren, an den Barrikaden drücken die Menschen ihren eigenen Willen und ihre Hoffnung aus: mit Parolen, mit Liedern, mit verstohlenen Blicken, mit ihrem Lächeln und mit ihren Ängsten...
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