Home | Presseschau | Aktuelle Ausgabe | LeseprobenTermine | TV/Radio | Archiv | LinksBestellungen


Entwicklungs
energie / ila 273

Schwerfälliger Riese
Die Energiewirtschaft Brasiliens
von Dirk Assmann

Brasilien ist mit einer Fläche von 8,5 Mio. km2 und einer Bevölkerung von etwa 175 Mio. EinwohnerInnen einer der größten Staaten der Erde – und gleichzeitig ein wichtiger Markt und Wirtschaftsfaktor. Doch 20 Millionen BrasilianerInnen haben keinen Zugang zu Elektrizität. In einzelnen Regionen Brasiliens, z.B. im Nordosten, beträgt der Elektrifizierungsgrad sogar nur gut 35 Prozent. 81 Prozent des Stroms wird durch Wasserkraftwerke erzeugt. Der Rest wird vor allem durch fossil betriebene und einige biomassenutzende thermische Kraftwerke sowie wenige nukleare Anlagen und ein paar Windkraftanlagen bereitgestellt. Im Vergleich mit Deutschland zeigt sich, dass Brasilien mit zwei Dritteln der installierten Leistung auskommt, um rund doppelt so viele Menschen zu versorgen. Doch als sozial und ökologisch nachhaltig kann die brasilianische Energieversorgung nicht bezeichnet werden.

Bestimmt wird die brasilianische Energieversorgungsstruktur weitgehend durch große Wasserkraftwerke deutlich über 1000 MW, allein die größte Anlage Itaipú erzeugt 12,6 GW. Brasilien baute demnach eine im Vergleich zur Größe des Landes und zur geringen Bevölkerungsdichte äußerst zentrale Energieversorgungsstruktur auf. Brasilien stellt sich allerdings auch unter dem energetischen Gesichtspunkt nicht als einheitliches Gebilde dar. Im relativ reichen Süden entsprechen die Versorgungsstandards derjenigen, die die nötige Kaufkraft haben, durchaus dem Niveau von Industriestaaten. Der Rest des Landes ist hingegen zum Teil stark vernachlässigt, was sich schließlich in dem geringen Elektrifizierungsgrad bzw. der schlechten Versorgungsqualität, z.B. über anfällige Dieselgeneratoren, bemerkbar macht.
Die große Abhängigkeit von der Wasserkraft hat in den letzten Jahrzehnten bei Niedrigwasser immer wieder zu Versorgungsengpässen geführt, die sich ab Ende 2000 und vor allem im Mai 2001 dramatisch verschlimmert haben. Selbst im volkswirtschaftlich so wichtigen Süden konnte die Stromversorgung nicht sichergestellt werden, so dass Zwangsabschaltungen nötig wurden und eine Wirtschaftskrise die Folge war.  Zur Vermeidung solcher Situationen wurde bereits zu Beginn des Jahres 2000 ein Plan von der Regierung verabschiedet (Plano Prioritário de Termelétricas PPT), der einen zügigen Ausbau von thermischen Kraftwerkskapazitäten zur Folge haben soll. Danach sollen in den nächsten 20 Jahren mindestes 49 Gaskraftwerke mit Leistungen zwischen 200 und 1500 MW in Betrieb gehen. Zudem kamen erneut Überlegungen auf, die Nutzung der Kernenergie ausgehend von den unter der Militärdiktatur gebauten Anlagen in Angra dos Reis in der Nähe von Rio de Janeiro weiter voranzutreiben. Erste Ansätze einer stärkeren Nutzung neuer Erneuerbarer Energien und hier vor allem der Windenergie fanden ebenfalls Eingang in politische Initiativen und führten zum Markteinführungsprogramm PROINFA (siehe Artikel von J. Kissel in dieser Ausgabe). 

Auch wenn der größte Teil der Stromversorgung über Wasserkraft sichergestellt wird, so liegt dies nicht an ökologischen Gesichtspunkten. Im Gegenteil; diese Anlagen waren oftmals weltweit in der Kritik, da sie ohne Rücksicht auf die lokale Umwelt errichtet worden waren. Versauerung, Überschwemmungen und zunehmende Krankheiten wie Malaria-Epidemien, Veränderungen der empfindlichen Ökosysteme waren ebenso die Folge wie soziale Probleme aufgrund von Zwangsumsiedelungen. Große brasilianische Anlagen waren wie andere der Grund für die Einrichtung der „World Commission on Dams“, die sich mit diesen Problemen befassen sollte und Lösungsvorschläge und Kriterien dazu erarbeitet hat. Der weiteren Ausbauplanung Brasiliens liegt trotz aller Anstrengungen zugrunde, dass erneuerbare Energien nur als Zusatz gesehen werden und Energieeffizienz nicht als wirtschaftsfördernd erachtet wird. In dieser Logik ist es somit konsequent, dass auf gasbefeuerte Kraftwerke gesetzt wird, wie es die brasilianische Energieministerin Dilma Rousseff im Juli 2003 in ihrer nationalen Energiestrategie noch einmal unterstrich. Zudem versucht die brasilianische Regierung die Versorgungssicherheit auch an anderen Stellen zu erhöhen. Das Übertragungsnetz erwies sich als Engpass während der Notabschaltungen, so dass seit Juli 2003 neue Verbindungen ausgeschrieben werden. Die brasilianische Vereinigung für Basisinfrastruktur und Industrie rechnete aus, dass bis zum Jahr 2020 jährlich 4,8 Mrd. US-Dollar investiert werden müssten, um eine ähnliche Krise wie 2001 zu vermeiden und gleichzeitig ein moderates Wachstum zu haben.

Bei der Betrachtung des brasilianischen Energiesektors und der Energiepolitik Brasiliens ist insbesondere zu beachten, dass Brasilien nach Venezuela über die zweitgrößten Ölvorkommen Südamerikas verfügt. Dadurch hat das in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts lancierte Alternativprogramm PROÁLCOOL gegenüber den 80er Jahren, als diese Ölvorkommen noch nicht exploriert waren, in den 90ern auch stark an Bedeutung verloren (siehe Artikel von F. Dünckmann). Die Bedeutung des Ölsektors für die brasilianische Wirtschaft (aber auch die des Gassektors) wird aus der folgenden Übersicht klar. Zu über 72 Prozent ist Brasilien Öl-autark und immer noch zu 62 Prozent Erdgas-autark. Bei den heutigen Produktionszahlen und den bekannten Reserven würde das Öl noch 144 Jahre (Welt: ca. 40 Jahre) und das Erdgas sogar noch knapp 400 Jahre (Welt: etwas mehr als 60 Jahre) reichen. Die Kohlevorkommen Brasiliens wiederum sind die größten Lateinamerikas, allerdings ist die Qualität nur mäßig (niedriger Heizwert, hohe Schwefel- und Ascheanteile). Daher wird Brasilien auf absehbare Dauer noch Nettoimporteur bleiben (hauptsächlich aufgrund des Bedarfs der Stahlindustrie), auch wenn zunehmend Kohle in Kraftwerken eingesetzt werden soll. Bei Betrachtung der Zahlen im Öl- und Erdgasbereich, v.a. im Vergleich mit den Weltreserven, wird nachvollziehbar, dass Brasilien versucht, die Exploration und Produktion fossiler Energieträger auszuweiten und letztlich zu einem Nettoexporteur zu werden. So zielen die Anstrengungen der letzten Jahre auch vermehrt darauf ab, die so genannten „Extractive Industries“ effizienter zu gestalten. Dazu gehören Liberalisierungs- und Privatisierungsmaßnahmen genauso wie Ausschreibungsrunden für neue Öl- und Erdgasfelder und die Steigerung der Ausbeutungseffizienz von Lagerstätten. Die Privatisierungen sind nach einer Reihe von nationalen Diskussionen und Protesten allerdings nicht in den „Upstream“-Bereich, also die Produktion, gelangt. Das weitgehend staatliche Unternehmen Petrobrás ist auch weiterhin der Hauptproduzent, internationale Firmen finden nur langsam Eingang in diesen Markt. Der Downstream-Bereich, also Raffinerien und Weiterverteilung des Öls, zeigt ein nicht ganz so klares Bild. Während auch weiterhin 99 Prozent der Raffineriekapazitäten in den Händen von Petrobrás liegen, wird der Import nach dem Fallen des Monopols im Jahr 2000 nun auch über andere Firmen getätigt. Vor allem aber ist die Weiterverteilung von Öl-Endprodukten nicht mehr eng an Petrobrás gebunden.

Eine ähnliche Entwicklung ist auch im Elektrizitätssektor zu erkennen. Dieser war bis 1995 vollkommen in staatlicher Hand und streng reguliert. Danach begannen mehrere Schritte zur Liberalisierung und Privatisierung, auch mit dem Ziel, ausländische Investoren anzulocken. Diese Strategie wurde allerdings ebenfalls nur mäßig umgesetzt, so dass immer noch über 80 Prozent der Erzeugungskapazitäten und sämtliche Übertragungskapazitäten in staatlicher Hand sind, mehr als die Hälfte der Erzeugungs- und fast alle Übertragungskapazitäten allein in der Hand von Eletrobrás. Ähnlich wie Petrobrás im Öl- und Erdgassektor hat diese Firma damit eine marktbeherrschende Stellung im Stromsektor. Zum Teil wurden größere staatliche Unternehmen in kleinere Einheiten zerschlagen (wie Eletro-norte, Furnas und Chesf), die weitere Privatisierung allerdings unter der Regierung von Lula gestoppt. Viele Akteure erwarten von Eletrobrás eine neue Dynamik in Hinblick auf klimaschützende Aktivitäten, da der neue Präsident Luiz Pinguelli Rosa in Brasilien für sein Umweltengagement bekannt ist und an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro Leiter eines Klimaschutzprogrammes war. Die nächsten Jahre werden zeigen, inwiefern dies Auswirkungen auf die Energiepolitik Brasiliens und seines Unternehmens haben wird. Abgesehen von der grundsätzlichen Ausrichtung, Versorgungsengpässe durch den vermehrten Neubau von thermischen Kraftwerken zu beseitigen und damit die Entwicklung des Landes zu forcieren, versucht Brasilien mit einer Vielzahl von Aktivitäten, existierende Probleme der nationalen Energieversorgung zu beseitigen und zudem weiter in die Zukunft zu wirken.

Ein Feld ist der bereits genannte Ausbau Erneuerbarer Energien, hier zunächst allerdings nur beschränkt auf den Stromsektor und auch vorerst nur sehr begrenzt in seiner Reichweite. Ein weiteres Feld ist die ländliche Elektrifizierung mit Hilfe des Programms PRODEEM. Während man allerdings bei der Nutzung Erneuerbarer Energien versucht, Rahmenbedingungen konsistent zu gestalten, ist die ländliche Elektrifizierung sehr stark von direkten staatlichen Zuschüssen abhängig. Eine Politik, die Rahmenbedingungen bereitstellt, damit aus diesem Ziel ein einträgliches Geschäft für private Investoren wird, fehlt bisher. Im Juni 2003 wurde zwischen dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush und dem brasilianischen Präsidenten ein bilaterales Abkommen zur Kooperation im Energiesektor unterzeichnet. Thematisch geht es dabei um Wasserstoffwirtschaft, CO2-Sequestrierung1, Modernisierung des Elektrizitätssektors, Deregulierung, Erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Wie sich dies in Zukunft auswirkt und wo tatsächlich Schwerpunkte liegen werden, kann derzeit nur vermutet werden. Gleichzeitig versucht Brasilien, sich international als treibende Kraft beim Ausbau Erneuerbarer Energien zu profilieren, auch wenn die Politik de facto zurzeit eher gegensätzlich verläuft. Die tatsächliche Position Brasiliens in Hinblick auf zukünftige Energiestrategien ist daher relativ diffus und nur schwer festzumachen. Dies mag daran liegen, dass derzeit viele verschiedene Interessen im Land miteinander ringen. Das Fehlen einer eindeutigen Ausrichtung der Politik bei einer äußerst großen Vielzahl an Programmen und Projekten erschwert die klare Einordnung zusätzlich. 

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Energieversorgung Brasiliens und ihr geplanter Ausbau abgesehen von einzelnen Maßnahmen und Programmen derzeit kaum den Nachhaltigkeitskriterien entspricht und ökologisch problematisch, sozial unausgewogen und auch ökonomisch nur bedingt tragfähig ist. Absichtserklärungen der Regierung weisen jedoch zum Teil auf eine mögliche Entwicklung hin, die diese Einschätzung mildern. Mit Spannung kann daher das Verhalten Brasiliens auf der Internationalen Konferenz für Erneuerbare Energien Renewables 2004 erwartet werden.

Der Autor arbeitet bei der GTZ als Berater für Energiepolitik.

www.aneel.gov.br
http://ecen.com
www.eia.doe.gov/emeu/cabs/brazil.html
www.mme.gov.br/ministerio/legislacao/TleisSEE.htm
www.whitehouse.gov/news/releases/2003/06/20030620-12.html