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Nueva York - Gesichter ... / ila 277

Bessere Löhne und Papiere! 
Interview mit Mónica Santana vom Latinos Workers Center 

„Wir haben gute Gründe hier einzuwandern: Wir wollen einen Teil der Reichtümer, die uns geraubt 
wurden, zurückhaben, nicht nur Englisch lernen“, stellt Mónica Santana energisch klar. Seit sie denken kann, ist sie politisch aktiv. Seit 1994 ist die Dominikanerin in New York. Bei den Arbeitsbedingungen, die für Latinos ohne Papiere in den USA herrschen, ist es schwer reich zu werden. Doch wenn sie sich zusammentun, können sie sich für Verbesserungen einsetzen, z.B. im Latinos Workers Center. Die Organisation hat etwa 1200 Mitglieder, finanziert wird die Arbeit mit Spendengeldern. Die Strukturen sind basisdemokratisch, besonders die Beteiligung von Frauen soll erleichtert werden, indem für Kinderbetreuung gesorgt oder auch mal ein Treffen in einer Kirche abgehalten wird, da sich viele Latinas in einem katholischen Ambiente wohler fühlen. Außerdem sei es wichtig, die „Unterschiede innerhalb der Latino-Community New Yorks zu respektieren und gleichzeitig zu versuchen, Gemeinsamkeiten zu finden“, so Santana. 

Unsere Organisation sucht Lösungen für die Probleme, die die lateinamerikanische  ImmigrantInnen- Community in New York hat – im Arbeitsbereich und in Bezug auf aufenthaltsrechtliche Fragen. Am stärksten konzentrieren wir uns darauf, die Leute zu organisieren und zu mobilisieren im Hinblick auf die miserablen Arbeitsbedingungen – schlechte Behandlung am Arbeitsplatz, niedrige Löhne, prekäre und unsichere Arbeit. Viele ImmigrantInnen arbeiten zwischen 72 und 80 Stunden die Woche. Man kann vielleicht denken, die arbeiten so viel, weil sie mehr verdienen wollen, selber schuld – aber das ist ein  Irrtum: Sie verdienen nicht mehr Geld und sie haben sich auch nicht aus freien Stücken dazu entschieden, so viel zu arbeiten. Die Arbeitsmarktbedingungen verlangen dies von den prekär Beschäftigten. Und das sind nicht nur NeueinwanderInnen, sondern auch andere Minderheiten und vielleicht auch ein Teil der armen weißen Bevölkerung in den USA. 

Wir konzentrieren uns auf die lateinamerikanischen EinwanderInnen, die in den letzten 10 bis 15 Jahren gekommen sind, die noch Probleme mit der Sprache und somit auch mit der Informationsbeschaffung haben, z.B. darüber, wie man einen Arbeitgeber verklagt etc. Wir haben keinerlei Verbindungen zur Parteipolitik, was natürlich nicht heißt, dass wir apolitisch sind – im Gegenteil: Wir haben klare politische Positionen und spezifische Forderungen im Hinblick auf Gesetzesänderungen im Bereich der Migrationspolitik und der Arbeitsbedingungen. Die zentrale Idee ist, dass sich die Community selbst organisiert. 

Ein Beispiel wäre die Gewerkschaftsmitgliedschaft. In den USA sind die Gewerkschaften entlang der verschiedenen Industriebereiche aufgegliedert. Und hier haben unsere Leute ein Problem: Sie arbeiten eine Woche lang auf dem Bau, die nächste Woche als TellerwäscherIn oder Reinigungskraft, je nachdem, was es gibt. Für die Gewerkschaften lohnt sich der Einsatz für diese prekär Beschäftigten nicht, da sie vor allem Tarifverträge aushandeln. Außerdem haben die Gewerkschaften nicht den politischen Willen, sich für prekär Beschäftigte einzusetzen. Unser Verhältnis zu den Gewerkschaften könnte man als Hassliebe bezeichnen. Eine punktuelle Zusammenarbeit ist manchmal möglich, häufig gehen wir aber getrennte Wege, so auch zur Zeit in der Legalisierungsfrage. 

Auf euren Versammlungen habt ihr festgestellt, dass ein starkes Bedürfnis danach besteht, Fragen zur Legalisierung zu behandeln. Gibt es eine Verschiebung in eurer Schwerpunktsetzung? 

Das Latino Workers Center gibt es jetzt seit ca. zwölf Jahren. In den ersten vier Jahren haben wir uns hauptsächlich auf Arbeitsrechte konzentriert. 1996 gab es einige Gesetzesänderungen in der Migrationspolitik, z.B. wurden Strafen stark erhöht und vermehrt Razzien an den Arbeitsplätzen  durchgeführt. Auf unseren Versammlungen oder bei Beratungsgesprächen redeten wir immer von den  Arbeitsrechten, was sie einfordern können, welches der Mindestlohn ist, wie Überstunden bezahlt werden müssen etc. Nach dem Gespräch fragten wir die Leute, ob sie nochirgend welche Fragen hätten, und alle stellten immer wieder die Frage „Wie komme ich an Papiere ran?“, auch wenn wir vorher über etwas ganz anderes geredet hatten! Deshalb habe ich der Organisation vorgeschlagen, die Hauptbedürfnisse der Community ernst zu nehmen und dementsprechend zu handeln. Auf einer großen Versammlung 1996 beschlossen wir schließlich mit 99 Prozent der Stimmen, dass wir eine Legalisierungskampagne starten wollten: die „Kampagne für gerechte Löhne und Legalisierung“. Im ersten Jahr knüpften wir Kontakte zu anderen Gruppen, die zu Migrationsfragen arbeiteten, denn uns war klar, dass wir diese Forderungen nicht als einzelne Organisation aus New York stellen konnten. 1996 gab es eine große Demo mit der Hauptforderung nach einer Generalamnestie. Damals haben wir begonnen, mit anderen 
Latino-Gruppen an der Ostküste zusammenzuarbeiten. 

Unsere Bündnisse müssen breiter werden, denn es kann nur eine befriedigende Lösung geben, wenn sie alle ImmigrantInnengruppen einbezieht. Im Moment gibt es z.B. eine Initiative im Kongress, mit der wir überhaupt nicht einverstanden sind: Die Demokraten haben vorgeschlagen, dass alle Personen legalisiert werden, die bis 1999 gekommen sind. Für diejenigen, die danach eingereist sind, wäre die Situation die gleiche wie jetzt. Deshalb lautet unsere Forderung: Generalamnestie, ohne danach zu fragen, warum die Person eingewandert ist oder woher sie kommt, um zu vermeiden, dass das Aufenthaltsrecht nur für bestimmte Personen gilt. Damit haben wir schlechte Erfahrungen gemacht: Die Regierung ist stets dazu bereit gewesen, Flüchtlingen Dokumente zu geben, z.B.1998 den NicaraguanerInnen, OsteuropäerInnen und CubanerInnen. Die Kriterien dafür waren politisch und ideologisch motiviert: diejenigen zu begünstigen, die gegen den Kommunismus gekämpft hatten. Weitere Kriterien sind Naturkatastrophen oder Bürgerkriege – aber soll ich mir etwa wünschen, dass mein Land überflutet oder vom Hurrikan oder Krieg verwüstet wird, damit ich in den USA Papiere bekomme? Das ist grausam. Deshalb widersetzen wir uns dieser Art von Konditionierung der Aufenthaltsrechte, denn dies schließt die Mehrheit der ImmigrantInnen aus, 
die wegen ökonomischer Gründe ihre Länder verlassen müssen. 

Wie reagiert die etablierte Latinomittelschicht auf eure Forderungen? Und wie ist das Verhältnis zu anderen „Minderheiten“, AfroamerikanerInnen oder anderen ImmigrantInnen- Gruppen? 

In Bezug auf die Latinos, die einen gesellschaftlichen Aufstieg geschafft haben, kann ich dir Folgendes sagen: Erstens wird diese Gruppe immer relativ klein sein und zweitens gibt es unter ihnen kaum jemanden, der nicht einen Verwandten ohne Papiere hat. Natürlich gibt es auch Leute, denen unsere Situation egal ist. Aber viele Geschäftsinhaber z.B. sind auch selber betroffen: Häufig bevorzugen sie Angestellte aus der eigenen Community und wenn diese nicht an Papiere rankommen, haben auch die Arbeitgeber ein Problem. Klar haben sie den Vorteil, dass sie sie besser ausbeuten können, aber seit dem 11. September haben sie mehr Angst davor, dass es in ihrem Geschäft eine Inspektion gibt. Früher konnte der Arbeitgeber sich einfacher rausreden und sagen, dass er nichts wusste, aber jetzt gibt es ein neues System, mit Hilfe dessen sich der Arbeitgeber viel besser über den Status seiner Angestellten informieren kann, wozu er außerdem verpflichtet ist. In Bezug auf andere Minderheitengruppen kann ich dir sagen, dass es nicht einfach ist, Koalitionen zu schmieden: Die Sprache ist ein wichtiger Faktor, außerdem gibt es Ängste und Vorurteile – auf beiden Seiten. 

Die AfroamerikanerInnen sehen den Einwanderer oft als den Feind an, der ihm die Arbeit wegnimmt. Dabei ist eine Allianz zwischen uns und ihnen sehr wichtig, weil es ihnen genauso beschissen geht wie uns! Ihre Kinder gehen auf die gleichen Schulen wie unsere Kinder, nämlich die schlechtesten Schulen von allen. Häufig haben sie so wie wir keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Wir leben in den gleichen heruntergekommenen und überfüllten Vierteln wie sie. Sie haben ähnlich niedrige Löhne wie wir. Natürlich sind die ArbeitgeberInnen bei den AfroamerikanerInnen etwas vorsichtiger. Wenn sie etwas falsch machen, haben sie direkt einen Skandal am Hals. Die AfroamerikanerInnen lassen sich längst nicht mehr alles gefallen, im Gegensatz zu Latinos oder anderen ImmigrantInnen. Aber leider ist diese Einsicht kaum verbreitet, dass wir als ArbeiterInnen in der gleichen Situation sind. Innerhalb der Führungsgruppen der Afro-AmerikanerInnen hat sich diese Haltung mittlerweile durchgesetzt, aber das reicht noch nicht aus. Wir müssen von der Basis der beiden Communities aus ansetzen und gemeinsam kämpfen. Für die AsiatInnen und AraberInnen war es bis zum 11. September 2001 kein Problem, keine Papiere zu haben, sie wurden so gut wie nie kontrolliert – im Gegensatz zu den Latinos, die schon immer auf der Arbeit genau kontrolliert wurden. Oder wenn es irgendwo Ärger gab, kam die Polizei direkt mit einem Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde. Diese Unterschiede in der Behandlung erschweren natürlich den Aufbau von Bündnissen. Nach dem 11. September hat sich das geändert – jetzt engagieren sich AsiatInnen und vor allem AraberInnen sehr stark mit uns im Kampf um die Legalisierung. 

Welche konkreten Aktionsformen habt ihr? 

Wir machen z.B. Weiterbildungsworkshops, in denen die Leute lernen, welche Rechte sie als ArbeiterInnen haben, und was sie tun können, wenn eines dieser Rechte verletzt wird. Wir unterstützen die Leute dabei, wenn sie einen Arbeitgeber verklagen wollen, allerdings nehmen wir das nicht in die Hand, sondern lassen sie selber machen. Dieser juristische Weg reicht allerdings in den seltensten Fällen aus, deshalb kombinieren wir diese Schritte mit Öffentlichkeitsarbeit, kontaktieren die Medien, verteilen Infos darüber, dass an diesem oder jenem Ort Arbeitsrechte verletzt werden, und fordern die KundInnen auf, die entsprechende Firma bzw. ihre Produkte oder Dienstleistungen zu boykottieren. Diese öffentlichen Aktionen sind allerdings seit dem 11. September stark zurückgegangen, weil die Angst der Leute, sich ausweisen zu müssen, gewachsen ist. Vorher hatten wir fast wöchentlich eine Aktion vor einem Restaurant, einer Nähwerkstatt oder einem Geschäft. Außerdem wollen wir nicht auf Teufel komm raus in die Medien kommen. Es kann nicht darum gehen, rechtmäßig zustehenden Lohn, Entschädigungen etc. einzuklagen und danach verlieren die Betroffenen ihren Arbeitsplatz, und nichts ändert sich – das wäre ja nur Aktionismus, ohne die Probleme grundlegend anzugehen. Um die Situation wirklich zu verändern, muss eine Legalisierung stattfinden – denn die Grundlage für viele Arbeitsrechtsverletzungen 
ist die Tatsache, dass die ArbeiterInnen keine Papiere haben. . 

Das Interview führte Britt Weyde im Juni 2004 in Dortmund.