Nueva York
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Quisqueya in Washington Heights
DominikanerInnen in New York
von Gesche Weiland
Alljährlich im August zeigt die dominikanische Community Flagge in der Wahlheimat „Nueba Yol“, wenn Zigtausende am Dominican Parade Day die Sixth Avenue entlang tanzen. An der Spitze des Zuges, zu heißen Merenguerhythmen und zwischen wedelnden dominikanischen Fähnchen, marschieren namhafte Politiker wie Gouverneur George Pataki und Bürgermeister Michael Bloomberg. Schließlich sind die DominikanerInnen die am schnellsten wachsende lateinamerikanische Bevölkerungsgruppe von New York. Und die Republikaner werben schon seit längerem um die Gunst ihrer potenziellen NeuwählerInnen.
Die größte Welle der Immigration aus der Dominikanischen Republik in die USA begann Anfang der 60er Jahre nach dem Ende des Trujillo-Regimes und erreichte ihren höchsten Stand in den 90ern. Seither gehen die Zahlen insgesamt leicht zurück, was auf die verschärfte Einwanderungspolitik der USA zurückzuführen ist. So wurde das Mindesteinkommensniveau für die Vergabe von Bürgschaften beim Nachzug von Familienmitgliedern drastisch angehoben und die Ausweisung von kriminell gewordenen MigrantInnen vorangetrieben. Doch die Wirtschaftspolitik des kürzlich abgewählten Präsidenten Hipólito Mejía auf der Karibikinsel, die zwar ein Rekordwachstum von über acht Prozent vorweisen konnte, hat die sozialen Missstände vor Ort nur weiter verschärft: Eine hohe Arbeitslosenrate, stagnierende Niedriglöhne, zudem die starke Abwertung des Dollar und die höchste Inflationsrate Lateinamerikas treiben weiterhin jährlich Tausende von DominikanerInnen in die USA.
Zwei Drittel der dominikanischen ImmigrantInnen in den USA leben in New York City und im Nachbarstaat New Jersey. Statistisch betrachtet bilden die PuertoricanerInnen weiterhin die stärkste Gruppe von EinwanderInnen in New York, aber während sie im letzten Jahrzehnt um 100 000 auf 789 172 (2000) zurückging, wuchs die dominikanische Bevölkerung in New York allein zwischen 1980 und 1990 um das Zweifache an – die Volkszählung von 2000 registrierte rund 407 000 DominikanerInnen (Census Report 2000). Doch der Soziologe John R. Logan an der State University in Albany beziffert die tatsächliche Zahl auf fast 600 000. Zurückzuführen seien diese abweichenden Zahlen auf die undurchsichtige Fragestellung bezüglich der Herkunft auf den Fragebögen zur Volkszählung. Während drei spezifische Untergruppen für PuertoricanerInnen, MexicanerInnen und CubanerInnen aufgeführt waren, hatte sich ein Drittel der befragten DominikanerInnen der Kategorie other Hispanic zugeordnet, ohne die Nationalität hervorzustellen. Dies hatte in New York führende Politiker der Latinogemeinschaft, Professoren und NRO auf die Barrikaden getrieben. Sie befürchteten, ungenaue Daten hätten negative Auswirkungen im Hinblick auf die Vergabe von öffentlichen Geldern und Zuwendungen für die dominikanische Community. Renommierte Institutionen wie der Dominican American National Roundtable in Washington D.C. und das CUNY Dominican Studies Institute in New York arbeiten seitdem daran, die Zahlen des Zensus 2000 von offizieller Seite korrigieren zu lassen. Bislang jedoch vergeblich.
Laut Zensus 2000 sind sieben Prozent aller New YorkerInnen DominikanerInnen. Jeder Dritte ist hier geboren, jedes zehnte Schulkind dominikanisch. Und die Zahlen wachsen kontinuierlich an: Eine Studie der Soziologieprofessorin Ramona Hernández am CUNY Dominican Studies Institute an der City University of New York schätzt, dass die DominikanerInnen in wenigen Jahren die stärkste hispanische Minderheit in New York stellen werden. Rund die Hälfte der dominikanischen Bevölkerung New Yorks lebt in Washington Heights, im Norden von Manhattan. Das Viertel erstreckt sich über vierzig Straßenblöcke von der 155. bis zur 190. Straße. Inwood an der Spitze Manhattans (190. bis 218. Straße) bildet den Abschluss. Rund um den Broadway spielt sich das tägliche Leben ab. Hier bietet sich dem Durchschnitts-New-Yorker weißer Herkunft, der in seinem Leben selten über die 125. Straße hinauskommt, ein ganz anderes Bild als das des reichen und repräsentativen Manhattans. Kurz hinter dem gewaltigen Bau des Columbia-Presbyterian Medical Centers auf der 168. Straße taucht man in die turbulente dominikanische Welt ein. Unzählige Restaurants, spezialisiert auf comida criolla, säumen den Broadway. An jeder Straßenecke finden sich bodegas (dominikanische „Tante-Emma-Läden“), die heimischen Produkte auf engstem Raum bis unter die Decke gestapelt. Obst und Gemüse wie yuca, chinola, guineo und guanábanas werden auf der Straße feilgeboten. Merengue und Bachata tönen lautstark aus den offenen Türen der Musikläden, selten nur American Pop and Soul. Reiseagenturen wechseln sich ab mit Geldtransferagenturen, Waschsalons und privaten Taxiunternehmen. Leuchtreklame blinkt in grellen Farben und die dominikanische Fahne ziert viele Fensterscheiben. Wer hier kein Spanisch spricht, kommt sich verloren vor, auch wenn die meisten Schilder zweisprachig sind.
Wenn nach dem kalten Winter der Frühling in die Stadt zieht, lebt Washington Heights auf. Denn das dominikanische Leben spielt sich größtenteils auf der Straße ab. Kinder toben auf dem Bürgersteig, Frauen bewältigen den täglichen Großeinkauf und halten längere Schwätzchen mit der Nachbarin, Männer jeden Alters finden sich zum Dominospiel mitten auf dem Gehweg ein, Jugendliche hängen vor den bodegas herum. Am Wochenende verwandeln sich die Grünanlagen des Inwood-Hill-Parks am Harlem River in einen großen Festplatz. Dann werden Tische und Stühle herangeschleppt, Decken ausgebreitet, Girlanden und banderitas von Baum zu Baum gezogen und Kindergeburtstage ausgelassen gefeiert. Die bandera dominicana, das dominikanische Leibgericht aus Reis mit Bohnen, Fleisch und Salat, wird in großen Aluminium-Behältern herangekarrt und auf Papptellern herumgereicht. Aus unzähligen Kassettenrecordern erschallt Merengue. Wo gerade mal keine Geburtstage gefeiert werden, vertreiben sich Frauen mit dem Bingospiel die Zeit, während die Väter ihre Jungs beim Baseball anfeuern. Kaum ein Junge, der nicht Mitglied in der Inwood Little League ist, denn Baseball ist Nationalsport, sowohl hier als auch in der Dominikanischen Republik. Nationalhelden wie Sammy Sosa von den Chicagoer „Cubs“ und Alex Rodríguez von den „Texas Rangers“ zählen zu den großen Vorbildern. Sonntags spät in der Nacht kehrt allmählich wieder Ruhe im Park ein. Zurück bleiben riesige Müllberge, die Montag früh von der New Yorker Müllabfuhr ohne mit der Miene zu zucken entsorgt werden.
Washington Heights beherbergt viele der wichtigen sozialen, kulturellen und politischen Organisationen der dominikanischen Gemeinde. Einrichtungen wie die Alianza Dominicana, die Community Association of Progressive Dominicans und die Esperanza Dominicana kümmern sich um die Belange der Kinder, Jugendlichen und Familien. Sie organisieren after school programs, kümmern sich um SchulabbrecherInnen, klären über AIDS und Drogen auf, thematisieren häusliche Gewalt und helfen bei Fragen zur Einwanderung und Einbürgerung. Das Dominican Women's Center hilft Frauen, die anfänglichen Schwierigkeiten in der Immigration sprachlich wie beruflich zu bewältigen, und setzt sich für die vielen Frauen ein, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Unterschiedliche Organisationen und Institutionen haben sich in der Washington Heights & Inwood Coalition Against Domestic Violence zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die ausufernde Gewalt in dominikanischen Familien vorzugehen. So scheint es auch nicht verwunderlich, dass fast der Hälfte aller dominikanischen Haushalte allein erziehende Mütter vorstehen. Trotz der schwierigen Lebensumstände sind es gerade die Frauen, die sich schneller integrieren, Schulabschlüsse nachholen und die seltener resigniert in die Dominikanische Republik zurückkehren. Alleinerziehende müssen oft mit weniger als 15 000 Dollar im Jahr auskommen, dem Einkommen, das rund einem Drittel aller dominikanischen Haushalte in New York zur Verfügung steht. Damit sind DominikanerInnen die größte und ärmste ImmigrantInnengruppe der Stadt. Dennoch zeichnen sich auch positive Trends ab. So wuchs das durchschnittliche Einkommen aller dominikanischen Haushalte in den boomenden 90er Jahren um stolze 16 Prozent, verglichen mit 20 Prozent für die weiße Bevölkerung von New York. Und auch die Arbeitslosigkeit sank um fünf auf rund zwölf Prozent. Zwar sind sie damit weiterhin die am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffene Gruppe. Doch die zweite und dritte Generation will weg von den unterbezahlten Jobs der Eltern in Dienstleistung und verarbeitendem Gewerbe und erhofft sich längerfristig bessere Chancen auf dem New Yorker Arbeitsmarkt. Über die Hälfte der in New York Geborenen geht aufs College, und am City College von New York sind über acht Prozent der Studierenden dominikanischer Herkunft.
Im Februar 2003, dem offiziell ausgerufenen Dominican Heritage Month, eröffnete Gouverneur Pataki das Community Network Office in Washington Heights/Inwood. Als eines von mittlerweile fünf lokalen Büros in der Stadt, die vom Bundesstaat New York verwaltet werden, will es nun auch in der dominikanischen Community insbesondere KleinunternehmerInnen den Zugang zu staatlichen Zuwendungen oder günstigen Bankkrediten ermöglichen. Auch in die politische Landschaft ist Bewegung gekommen: Im Sommer 2003 weihte Gouverneur Pataki das erste Republikanische Parteibüro im Herzen von Inwood ein, einer traditionell demokratischen Hochburg. Bürgermeister Bloomberg bleibt ebenfalls nicht untätig: Eine seiner sechs PressereferentInnen ist Dominikanerin und seit Bloombergs Wahl zum Bürgermeister von New York Anfang 2002 besuchte er die Dominikanische Republik öfter als Puerto Rico. Seit Guillermo Linares 1991 als erster dominikanischer Ratsherr für die Demokraten in den New York City Council zog, haben es ihm viele seiner Landsleute gleichgetan. Die Angst der Republikaner, ein Dominikaner, dazu noch ein Demokrat, könnte ihnen den Platz dauerhaft streitig machen, ist nicht ganz unbegründet. Denn die Dominikaner sind politisch ungewöhnlich aktiv. Sie wählen bekanntlich aus den eigenen Reihen, und die sind entschieden demokratisch.
Gesche Weiland ist Dokumentarin beim Deutschen Institut für
Entwicklungspolitik. Von1995 bis 2000 lebte sie in Inwood/Washington
Heights.
Castro, Max J. and Boswell, Thomas D., The Dominican Diaspora Revisited: Dominicans and Dominican-American in a New Century, The North-South Agenda, 53, January 2002. • Hernández, Ramona, Dominicans in the United States: A Socioeconomic Profile, 2000, Dominican Research Monographs, The CUNY Dominican Studies Institute, 2003.
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