Guatemala /
ila 280
Vorsicht, der Machismus tötet!
Guatemaltekinnen organisieren sich gegen Frauenmorde
von Ines Rummel
Fotoausstellung zu Exhumierungen in Guatemala
Die Frauenmorde in der Stadt „Ciudad Juárez“, im Norden Mexicos, sorgen weltweit für Empörung. Im Nachbarland Guatemala sieht die Lage für Frauen nicht viel anders aus. Auch dort gibt es eine erschreckende Zahlen von Frauenmorden. Dieser Artikel ruft Frauen und Männer dazu auf, die Kampagne „Ni una muerte más“ („Nicht eine Tote mehr“), die vom lateinamerikanischen Frauennetzwerk gegen die Gewalt initiiert wurde, zu unterstützen. Auch will der Text dazu beitragen, über die Hintergründe des Femizids nachzudenken.
Seit 2001 eine Frauleiche aufgefunden wurde, der man „muerte a las perras” („Tod den Huren”) auf den Rücken geschrieben hatte, nehmen die Morde an Frauen in Guatemala stetig zu. Im laufenden Jahr 2004 wurden bis Mai bereits 200 ermordete Frauen registriert. Die gefundenen Frauen- und Mädchenkörper zeigen Merkmale von Folter, Vergewaltigung und bestialischer Misshandlung. Die Sonderbeauftragte der UNO, Yakin Ertürk, sprach im Februar davon, dass die Situation in Guatemala inzwischen weitaus schlimmer sei als in Ciudad Juárez. Zwischen Januar 2001 und Februar 2004 zählte man 1049
Frauenopfer. Frauen, die den Morden zum Opfer fallen, stammen meist aus ärmeren Verhältnissen, sind Hausfrauen, Arbeiterinnen, Studentinnen, junge Mädchen. Es sind Menschen, die im Wertesystem der Gesellschaft ganz unten eingeordnet werden, die mitsamt ihrer Arbeit (Reproduktions- und Hausarbeit etc.) als unproduktiv und entbehrlich gelten. Wird deshalb ihr Tod nicht geahndet?
Ernstzunehmende Untersuchungen zur Täterfindung gibt es nicht. Dies ist ein Indiz dafür, wie wenig Respekt den Opfern entgegengebracht wird. Sich zu den Verbindungen zwischen Tätern1 und dem Polizei- und Militärapparat zu äußern, trauen sich nur wenige. Es gibt inzwischen jedoch genug Hinweise, die auf die Mittäterschaft von Polizeikräften schließen lassen. Auch der Menschenrechtsbericht 2003 der Ombudsstelle Guatemalas (Procuraduría de Derechos Humanos) bestätigt dies.
Welche Motive oder Hintergründe gibt es? Warum werden Frauen ermordet? Was steckt hinter dem Femizid? Ist das systematische Ermorden von Frauen eine Form, die männerbeherrschte Welt und ihre Machtstrukturen wieder „in Ordnung“ zu bringen? Ist den Machthabern die Beteiligung von Frauen an politischen Prozessen zur Bedrohung geworden? Politische Aktivistinnen sind nur schwierig zu eliminieren oder zu bekämpfen, jedoch kann „mann“ durch Terror Zeichen setzen.
Frauenmorde nehmen von Tag zu Tag zu. In Guatemala und Mexico, aber auch in der Dominikanischen Republik und in Spanien werden Statistiken dazu veröffentlicht. Wie die mexicanische Soziologin Julia Monárrez Fragoso2 in einem Interview darstellte, ist Femizid ein Produkt des patriarchalen Systems mit vielfältigen Gesichtern der Gewalt. Die peruanische Juristin Cecilia Reynoso Rendón von der Frauenorganisation DEMUS bezeichnet Femizid als Ausdruck einer machodominierten Gesellschaft, die Gewalt toleriert und legitimiert. Der Zusammenhang zwischen Patriarchat und Gewalt lässt sich in Zeiten der weltweiten Vernetzung am Beispiel des zunehmenden Terrors gegen Frauen verfolgen. Meiner Ansicht nach sind es Formen der Gewalt, die Züge von Entmenschlichung angenommen haben. Im Fall Guatemalas ist die Entsorgung der Frauenleichen auf Müllhalden und in Müllsäcken an Straßenrändern ein gravierendes Beispiel dafür. Frauenkörper werden bewusst bis zur Identitätslosigkeit zerstückelt. Dies zerstört die Würde der Opfer und ihrer Familien und hinterlässt in den Gesellschaften symbolisch eine Nachricht der Frauenverachtung.
In patriarchalen Gesellschaften hält sich Männerdominanz durch verschiedene Formen der Gewalt aufrecht. Gewalt ist ein Instrument der Herrschaft. Frauen werden gedemütigt, missachtet oder getötet, sei es durch Abtreibung von weiblichen Föten, durch verschiedene Arten der Kontrolle über ihren Körper (z.B. Zwangssterilisation) oder eine Vielfalt von Manipulationen von Körper und Identität. Am Ende der Liste stehen Folter, Mord und Verstümmelung.
Frauen verkörpern das Weibliche, die Rolle der Mutterschaft und Befriedigung sexueller Lust – Symbole, die im Großteil der Weltkulturen Geltung haben. Frauenbewegungen und Feministinnen haben jedoch in den letzten drei Jahrzehnten versucht, diese weiblichen Symboliken zu brechen. Frauen erreichten auf internationalen Konferenzen und gemeinsam mit der UNO, dass internationale Gesetze zum Schutz der Frauenrechte verabschiedet wurden. Frauen bewegen sich seit langem auf männerdominierten Territorien und haben immer mehr Positionen gewonnen. Dadurch sehen Männer patriarchale Wertvorstellungen bedroht. Könnte sich da nicht der Gedanke aufdrängen, dass der Femizid eine Antwort darauf ist?
Gewalt gegen Frauen hat weltweit einen gemeinsamen Nenner: Aggressoren wollen Frauen beherrschen; Männer wollen die Welt regieren, sei es in Wirtschaft oder in Politik, in der Familie oder der Öffentlichkeit. Frauen sollen nicht auf ihrer Selbstbestimmung bestehen, geschweige denn auf Autonomie.
Gleichberechtigung für die einen, wird als Machtverlust für die anderen verstanden.
Mit der Forderung „Por la vida de las mujeres – Ni una muerte más” (Für das Leben der Frauen – Nicht eine Tote mehr) – ein Slogan, der von den Frauenbewegungen vieler lateinamerikanischer Länder geteilt wird – begann das guatemaltekische Frauennetzwerk „Red de la No Violencia contra la Mujer” (Nein zur Gewalt gegen Frauen) im Jahr 2003 seine Kampagne, um auf die Sicherheitsproblematik aufmerksam zu machen. Am 29. Juni dieses Jahres gingen Frauenorganisationen erneut auf die Straße, um gegen die steigenden Todesraten zu protestieren. Trotz Repressionen und Drohungen organisierten sich die Frauen und beteiligten sich am Forum „Femizid in Guatemala: die Opfer einer verborgenen Realität“.3
Der Staat wird von der Frauenbewegung aufgefordert, die Verantwortung für den Schutz der Frauen und für die Untersuchungen der Opfer zu übernehmen, Täter zu überführen und zu verurteilen. Im Parlament wurde schon im Jahr 1999 auf Druck der Frauenbewegung ein Gesetz verabschiedet, das Schadensersatz, Schutz und Reintegration der Opfer fordert. Frauen solidarisieren sich weiterhin und fordern Schutz und Gewaltfreiheit für alle, unabhängig von sozialer Schicht, ethnischer Zugehörigkeit, politischen Überzeugungen oder sexueller Orientierung.
Den Frauenmorden muss ein Ende gesetzt werden. Gewalt gegen Frauen zeigt sich nicht nur in blutigen Taten, sie ist in struktureller, politischer, sozialer, direkter und indirekter Form ständig präsent. Wirtschaftlich gemessen verursacht Gewalt dem Staat und der Familie hohe Kosten. Wenn Männer begreifen würden, dass geteilte Macht gemeinsamen Gewinn bedeutet, wären wir in der Gestaltung einer friedlichen Welt einen Schritt näher.
Anfang November schickten deutsche und österreichische Frauengruppen eine Petition mit über 600 Unterschriften an die guatemaltekische Regierung. Darin werden die Forderungen, die das „Frauennetzwerk gegen Gewalt“ in Guatemala erhoben hat, unterstützt:
Konkret wird gefordert wird, dass
- das Innenministerium eine Kampagne zur Sensibilisierung und zur Vermeidung der Gewalt gegen Frauen durchführt.
- eine geografische Übersicht die für Frauen gefährlichsten Zonen Guatemalas darstellt und dort eine konstante und effektive Polizeipräsenz garantiert ist.
- eine intensive Untersuchung gestartet wird, die die Verantwortlichen der Mordtaten genau bestimmt.
- die Untersuchungen der einzelnen Fälle in Koordination zwischen der Nationalen Zivilpolizei und dem Innenministerium stattfinden.
- das Innenministerium die Nachforschungen und Untersuchungen fortsetzt, die Verantwortlichen verfolgt und rechtmäßige Strafen erlässt.
Ende November wird das guatemaltekische Frauennetzwerk, diese internationale Petition auf einer Pressekonferenz in Guatemala-Stadt
vorstellen. Ines Rummel hat von 1993 bis 2003 in Guatemala gelebt; sie
war vor allem in Projekten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tätig
und war in der Frauenbewegung aktiv, im Rahmen der Lesbenorganisation
LESBIRADAS. 1) siehe auch "Fijate"Nr. 316/04 (www.nefkom.net/ottmar.zimmer/guatemala/Fijate.html)
2) Julia Monarrez Fragoso erstellte eine Studie über die Frauenmorde in
Ciudad Juarez, Mexico und die Gewalt gegen die Familienangehörigen der
Opfer (juliam@colef.mx)
3) organisiert von den parteienübergreifend vernetzten Frauen von
"Red Interpartidaria de Mujeres, el Programa Valores Democraticos y
Gerencia Politica" (UPD/OEA) und dem Frauenprogramm der
Menschenrechtsorganisation (CALDH)
Flüchtlinge über den Tod hinaus
Fotoausstellung zu Exhumierungen in Guatemala
von Jorun Poettering
Die von der Hamburger Guatemala-Koordinationsgruppe von amnesty international organisierte Wanderausstellung zeigt vierzig Aufnahmen des US-amerikanischen Fotografen Jonathan Moller. Sie war bereits in den USA, der Schweiz und Österreich zu sehen und wurde im Sommer dieses Jahres zum ersten Mal in Hamburg gezeigt. In den kommenden Monaten wird die Ausstellung in Rottweil, Münster, Nürnberg und Berlin zu sehen sein.
Jonathan Moller, Menschenrechtsaktivist, Dokumentar- und Kunstfotograf, arbeitete mehrere Jahre in Guatemala, unter anderem für das Team für Forensische Anthropologie des Büros für Frieden und Versöhnung der katholischen Diözese El Quiché. Die in der Ausstellung präsentierten Aufnahmen realisierte er in den Jahren 2000 und 2001. Sie berichten von dem Genozid an der indigenen Bevölkerung Guatemalas in den frühen achtziger Jahren, aber auch von den Anstrengungen um Gerechtigkeit, Wahrheit und Versöhnung in einer Umgebung, die bis heute von Straflosigkeit und Menschenrechtsverletzungen geprägt ist. Die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú erklärt: „Die Fotos klagen an, verbreiten aber auch die Botschaft vom Leben und halten die Schönheit eines kurzen Moments fest, der für immer im Gedächtnis bleibt. Jeder Moment setzt ein Zeichen für zukünftige Generationen, damit sie sich der Vergangenheit bewusst sind, die voll von Dunkelheit, aber auch Hoffnung, Bemühung und Optimismus ist.“
Mit dem Friedensprozess sind das Bedürfnis und die Möglichkeiten der GuatemaltekInnen gewachsen, die Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten. Dabei nehmen die Exhumierungen geheimer Grabstätten eine zentrale Stellung ein. Fotos von Exhumierungen können in Gerichtsverfahren als Beweismittel für die Menschenrechtsverletzungen verwendet werden. Doch die Bilder dieser Ausstellung zeigen nicht nur die sterblichen Überreste der Toten, sondern auch die Angehörigen der Opfer während der Öffnung der Gräber, der Freilegung der Funde und der erneuten Bestattung. Sie stellen Trauer und Erinnerung dar, zugleich aber auch Hoffnung und Anspruch auf Wiedergutmachung. Die Exhumierungen helfen, die Wahrheit aufzudecken und die „Historische Erinnerung“ zu bewahren. Das Recht auf Wahrheit, die Feststellung und Anerkennung von verübtem und erlittenem Leid, gehört zu den universellen Prinzipien der Menschheit, die unter allen Umständen zu gewährleisten sind, selbst wenn auch weiterhin die Mittel zur Durchsetzung von Gerechtigkeit fehlen.
Weitere Informationen:
amnesty international, CASA- und Guatemala-Koordinationsgruppe, Postfach 13 01 23, 20101 Hamburg, Email:
casa@amnesty-hamburg.de • Ansprechpartnerin: Kirstin Büttner
|