aus
Obamania / ila 322
Die „Doktrin
der
Nationalen Unsicherheit“
Bei den USA-Lateinamerika-Beziehungen
gibt das Pentagon den Ton an
von Juan Tokatlian
Auf die neue US-Regierung werden viele Hoffnungen
gesetzt, nicht zuletzt die, dass sich die Beziehung zwischen Washington
und den Ländern Lateinamerikas und der Karibik demokratisiert. Aber könnte
Barack Obama, falls er es wollte, das auch schaffen? In den letzten Jahren
hat zunehmend das Pentagon und nicht, wie zu erwarten, das State
Department die Weichen für die Lateinamerikapolitik gestellt. Wichtigstes
Organ dafür ist das US-Southern Command, das seine Mission durch so
genannte „Servicekomponenten“ erfüllt. So werden die gigantischen
Einheiten von Armee, Luftwaffe, Marine sowie das Kommando für
Spezialoperationen bezeichnet, aus dem das US-Südkommando besteht. Außerdem
gehören auch drei Joint Task Forces dazu, weltweit bekannt ist die von
Guantánamo. „Lateinamerika und die Karibik sind für die nationale
Sicherheit und die wirtschaftliche Zukunft der USA strategisch bedeutend.
(...) Gemeinsam werden wir die Herausforderungen der Region angehen:
Armut, Ungleichheit, Korruption, Terrorismus und Verbrechen.“ Dies ist
die Devise der aktuellen Militärstrategie, die für die nächste Dekade
gilt.
Außen- und Verteidigungspolitisch hat Washington seine
Strategie, Doktrin und diplomatischen Instrumente merkbar verändert. Während
des Kalten Krieges dominierte eine Strategie der „Eindämmung“. Es
ging darum, die Expansion der Sowjetunion zu bremsen und – soweit möglich
– die Konsolidierung ihres Einflussbereiches einzuschränken. In dieser
Zeit herrschte eine Abschreckungsdoktrin vor. Sollte die UdSSR einen
nuklearen Angriff starten, würde sie der Gegenschlag vernichten
(Umgekehrt: Schon vor einem möglichen Angriff sollte sie ein nuklearer
Erstschlag seitens der USA vernichten – d. Säz). Strategie und Doktrin
stützten sich auf ein Netzwerk von Bündnissen mit starken und klaren
Verpflichtungen. In Lateinamerika wurde die Gesamtstrategie der USA von
einer subalternen Doktrin ergänzt. Für Washington hatten den Streitkräften
der Region keine fundamentale Rolle beim Kampf gegen die UdSSR. Aber es
zwang sie mit der „Doktrin der Nationalen Sicherheit“ auf, den
„inneren Feind“ zu bekämpfen. Damit war der lokale Kommunismus (oder
was man dafür hielt) gemeint.
Nach dem 11. September 2001 und noch mehr nach dem Angriff auf Afghanistan
und der Besetzung des Irak veränderten die USA ihre Außen- und
Verteidigungspolitik. Die neue Strategie orientiert sich an der
Vorrangstellung der USA: Washington wird keinen Akteur von gleicher Größe
tolerieren, egal ob Freund (z.B. die EU) oder potentieller Gegner (z.B.
China). Nach der neuen Doktrin des präventiven Krieges maßt sich
Washington an, seine kriegerische Macht gegen jedes Land einzusetzen,
unabhängig davon, ob sich ein solches wirklich anschickt, unmittel- und
nachweisbar die USA anzugreifen. Die soliden Bündnisse der Vergangenheit
werden neu definiert und durch ad hoc-Koalitionen (coalitions of the
willing) ersetzt. Washington wird die Mission allein festlegen und zu
ihrer Durchführung dementsprechend die Koalition zusammenstellen.
Obwohl die untergeordnete Doktrin für Lateinamerika, die diese neu
definierte „große Strategie“ begleitet, noch nicht endgültig
abgestimmt und aktiviert ist, zeichnet sich ein deutlicher Wandel ab.
Vieles weist darauf hin, dass Washington in der Region eine Art „Doktrin
der Nationalen Unsicherheit“ einrichtet, was Anlass zu Besorgnis
gibt.
Einerseits hat Washington es geschafft, in Lateinamerika die allgegenwärtige
Idee von „neuen Bedrohungen“ zu verwurzeln, von der Verbreitung aller
möglicher Arten von Gefahren: dem globalen Terrorismus, dem transnational
organisierten Verbrechen und dem weltweiten Rauschgifthandel. Diese
operieren (angeblich) in „leeren Räumen“, dort, wo sich der Staat
verflüchtigt hat oder in einem Prozess der Auflösung befindet. Das
Pentagon insistiert darauf, dass diese Bedrohungen erfordern, die Trennung
zwischen innerer und äußerer Sicherheit aufzuheben und infolgedessen die
Arbeit von Sicherheitsbehörden, Polizei und Streitkräften zu verzahnen.
Die Grenzen zwischen Polizei- und Militäraufgaben sollen beseitigt
werden. Der sog. Plan México von 2008 (der der gleichen Straflogik beim
Antidrogenkampf folgt wie es beim Plan Colombia von 2000 der Fall war) und
die militärische Beteiligung beim Kampf gegen die Rauschgifthändler in
den Favelas von Brasilien zeigen, dass die strikte Trennung zwischen (äußerer)
Verteidigung und (innerer) Sicherheit immer mehr verwischt wird.
Gleichzeitig hat Lateinamerika – wenn auch nur zum Teil und widersprüchlich
– die These von der „Koalition der Willigen“ akzeptiert. Einerseits
erzielte das Pentagon die direkte militärische Beteiligung von El
Salvador, Honduras, Nicaragua und der Dominikanischen Republik beim Krieg
gegen den Irak. Auch erreichte es die explizite politische Unterstützung
von Kolumbien und Costa Rica bei der coalition of the willing, die 2003
den Irak attackierte. Darüber hinaus schaffte es Washington, dass sich zwölf
Länder der Region für die polizeilich-militärische Mission in Haiti ab
2004 verpflichteten. Natürlich gibt es einen klaren Unterschied zwischen
dem Krieg, den Washington und seine Verbündeten im Irak entfesselten, und
dem UN-gestützten Truppenaufgebot in Haiti. Aber unabhängig vom humanitären
Sinn einer Beteiligung am Haiti-Kontingent ist es ein Fakt, dass viele
lateinamerikanische Länder ihren Streitkräften eine wachsende Bedeutung
bei Befriedungs-, Stabilisierungs- und Wiederaufbauprozessen außerhalb
ihrer Grenzen zuweisen.
Die Rolle des US-Southern Command in Lateinamerika soll detailliert
betrachtet werden. Unterteilt man die Interaktion zwischen den USA und der
Region in drei Gruppen, zeichnet sich folgendes Panorama ab: a) Die Geschäfte
werden mittels multi- oder bilateraler Handelsverträge abgewickelt
(NAFTA, CAFTA, Chile, Peru, Kolumbien und Panama). b) Die militärische
Dimension wird im Pentagon konzipiert und vom US-Südkommando artikuliert.
Es nimmt in der Regionalstrategie Washingtons einen zunehmend zentralen
Platz ein. c) Der politische Austausch ist schwächer geworden und ist auf
einige „Problemfälle“ (Venezuela, Kolumbien etc.) konzentriert. Hier
fehlt eine positive Agenda.
Im März 2007 veröffentlichte das US-Southern Command einen Bericht, der
den Titel „Partnerschaft für die Amerikas“ trägt.1 Dabei handelt es
sich um den ehrgeizigsten Strategieplan, den eine offizielle US-Agentur
seit Jahren für die Region formuliert hat. Instrumente wie das
Interamerikanische Abkommen über gegenseitige Hilfe (TIAR), die
Interamerikanische Verteidigungsjunta (JID) und die multilateralen
Organisationen (OAS und UNO) glänzen darin durch Abwesenheit. Aber auch
interne politische Instanzen (wie das US-Außen-, Justiz- und
Finanzministerium) tauchen in dem Dokument nicht auf. Das US-Südkommando
kündigt seine Rolle in der Region für die nächsten zehn Jahre an, wie
es ein kontinentaler Prokonsul machen würde.
Der Text beginnt damit, die wichtigsten Herausforderungen für die USA in
Lateinamerika und der Karibik hervorzuheben. Dabei ist es bezeichnend,
dass die zwei größten Gefahren für die US-Sicherheit in der Region überhaupt
nicht bestehen: Es gibt weder Tyrannen mit Massenvernichtungswaffen noch
Formen von transnationalem Terrorismus mit globaler Auswirkung. Im
Dokument findet sich lediglich ein Verweis, dass schwach regierte Räume
„potentiell“ dafür genutzt werden könnten, vitale Interessen der USA
zu schädigen. In keinem einzigen Absatz wird die konkrete Existenz und
das Operieren radikaler islamischer Gruppen gegen US-Ziele in der Region
nachgewiesen. Gleichzeitig werden Armut, Ungleichheit, Korruption und
Kriminalität als bedeutende „Herausforderungen“ benannt.
Sowohl Mission als auch Vision des US-Süd-Kommandos sind dreist: Es maßt
sich unter den bestehenden Agenturen eine Führungsrolle an, um
„Sicherheit, Stabilität und Prosperität in ganz Amerika“ zu
garantieren. Den „normalen“ militärischen Aufgaben wird die Unterstützung
regionaler und globaler Koalitionen für Friedenseinsätze beigeordnet. Außerdem
sollen „alternative Nationen“ ausgemacht werden, um MigrantInnen
aufzunehmen und Einrichtungen zu schaffen, die das Problem der massiven
Wanderungsbewegungen angehen.
Für die „Förderung der Stabilität“ sieht das US-Südkommando unter
anderem die aktive Einbindung diverser staatlicher Behörden, NRO und öffentlicher
und privater Institutionen vor. Es schlägt vor, „Sicherheitsabkommen in
der ganzen Hemisphäre“ auszuhandeln sowie neue Länder mit einem „außerhalb
der NATO“-Verbündeten-Status zu versehen und gemeinsame Anstrengungen
staatlicher und nicht-staatlicher Akteure bei humanitären Aufgaben
anzuregen. Um „die Prosperität zu fördern“, sollen
Ausbildungsprogramme im Bereich der „Inneren Sicherheit“ der Länder
durchgeführt werden. Die Zahl der sog. „Standorte für kooperative
Sicherheit“ (in Wirklichkeit Militärbasen, wie Manta in Ecuador, Reina
Beatrix in Aruba, Hato Rey in Curaçao und Comalapa in El Salvador) soll
erhöht und die Initiative für ein gemeinsames zentralamerikanisches
Streitkräftebataillon für „Stabilisierungsoperationen“ unterstützt
werden. Des Weiteren will das US-Südkommando bei der Ausarbeitung der
„nationalen Sicherheitsstrategien“ mitwirken. Die Rolle des
US-Verteidigungsministeriums bei den „politischen, sozialen und ökonomischen
Entwicklungsprozessen“ der lateinamerikanischen Länder soll besser
definiert werden.
Diese neue Strategie des US-Southern Command wird im Kontext der
zunehmenden Bedeutung des US-Verteidigungsministeriums für Lateinamerika
und die Karibik verkündet. Zwischen 1997 und 2007 belief sich die
Polizei- und Militärhilfe der Vereinigten Staaten für die Region auf ca.
7,3 Mrd. US-Dollar. Zwischen 2005 und 2007 waren vier lateinamerikanische
Länder unter den wichtigsten Empfängern von US-Militärhilfe: Kolumbien
mit Rang 5, Bolivien mit Rang 8, Peru mit Rang 10 und Mexiko mit Rang 12.
In den letzten fünf Jahren wurden im Schnitt jährlich Waffen im Wert von
1,1 Mrd. US-Dollar an die Region verkauft. Zwischen 2001 und 2005 wurden
85 820 lateinamerikanische Militärs in den USA ausgebildet (von 1946 bis
2000 trainierte die berühmt-berüchtigte School of the Americas ca. 61
000 Soldaten und Polizisten).
Für all diese Vorhaben braucht die Strategie, die für ein ganzes
Jahrzehnt (bis 2016) geplant ist, mehr materielle Mittel und Autonomie. Es
handelt sich um einen ehrgeizigen und umfassenden Plan, dessen Ausführung
anscheinend unabhängig von der politischen und militärischen Zukunft von
Irak und Afghanistan sowie der politischen Couleur des neuen US-Präsidenten
ist. Implizit wird angenommen, dass auch eine von einem Demokraten geführte
Regierung den Kurs der Militärdiplo-matie für Lateinamerika für das nächste
Jahrzehnt nicht ändern wird.
Vor diesem Hintergrund ist vorauszusehen, dass es mehr Kontinuität als
Wandel geben wird. Die Sensibilisierung der Zivilgesellschaft nach dem 11.
September 2001 lässt den jeweiligen Präsidenten fast nur die Option,
„hart“ mit den Terroristen umzugehen. Den PolitikerInnen setzt das
11/9-Trauma Grenzen und die Militärs sind süchtig geworden nach dem
neuen „Krieg gegen den Terrorismus“. Beide sind hypnotisiert von der
Idee der „Vormacht USA“ auf globaler Ebene. Kurz gesagt, das ganze
Land ist in der Logik des 11/9 gefangen.
In Anbetracht der um sich greifenden Angst, von Wirtschaftsrezession und
Finanzkrise ist an der Außenfront schwerlich eine substanzielle
Kehrtwendung zu erwarten. Während des Wahlkampfes schien kein/e
Kandidat/in und keine politische Kraft bereit zu sein, die Rolle der
Gewalt in der externen Strategie zu hinterfragen. Die Hypermilitarisierung
der Außenpolitik zeichnet sich immer klarer ab: Alle Indikatoren (Budget,
Doktrin, Aufgebot, Reichweite, Gewicht, zivil-militärische Bilanz) zielen
in diese Richtung. Demokraten und Republikaner, Neukonservative und
Liberale vertrauen heute exzessiv auf den Wert der Gewaltanwendung in der
Weltpolitik und sind dagegen zurückhaltend, was internationales Recht und
Vorschriften betrifft.
Die wirtschaftliche Verschlechterung im Inneren und ihre Projektion nach
außen werden einen guten Teil der Agenda des neuen Präsidenten
bestimmen. Er muss notwendigerweise zuerst das eigene Haus in Ordnung
bringen, bevor er versucht, das von anderen zu ordnen. Während des
Wahlkampfes gab es in einigen strategischen Fragen eine Art von
stillschweigendem Konsens: China bremsen, Indien kooptieren, Russland
abschrecken, Europa kontrollieren, Pakistan in Quarantäne setzen, Iran in
die Schranken verweisen, Saudi-Arabien unterstützen, Israel verteidigen,
Venezuela isolieren, Kolumbien unter die Arme greifen. Bei diesen Themen
war bei den Wahlauftritten allgemein eine relative Übereinstimmung
auszumachen. Die wichtigen KandidatInnen äußerten sich dazu wenig und
wenn sie es machten, unterschieden sie sich in der Form, aber nicht im
Inhalt. Die Verteidigungspolitik substanziell zu modifizieren hängt außerdem
nicht von einigen Individuen ab. Die Kontinuität wird von einer Menge von
Kräften, Faktoren sowie internen und externen Phänomenen bestimmt.
In Anbetracht dieses Panoramas zeigt Lateinamerika seine sprichwörtliche
Fragmentierung. Dabei wird die Konfliktgeladenheit der Andenregion
potenziert. Dies wirkt wie ein Magnet, der Washington jeden Tag mehr zur
Region hinzieht. Paradoxerweise geschieht das in einem günstigen Moment:
Nur selten zuvor hat es so gute Bedingungen gegeben, um die Unterordnung
Lateinamerikas gegenüber den USA abzuschwächen und die Autonomie Südamerikas
im Weltgeschehen zu erweitern. Die Gelegenheit dafür ist da – sie gut
oder schlecht zu nutzen, hängt von den Ländern Südamerikas ab.
Die mangelnde Aufmerksamkeit der USA für die Region nach dem 11.
September 2001, ihr Verlust an Glaubwürdigkeit nach der Invasion des Irak
und ihr schlechtes Wirtschaftsmanagement in den letzten Jahren bieten
Lateinamerika einen ungewöhnlichen Aktionsradius. Der so bezeichnete
Linksrutsch in Südamerika ist die natürliche Folge einer
Demokratisierungsbewegung, die mit der Krise der Diktaturen mit der
Unterstützung der USA rechnete. Die aktuelle Aufwertung des Staates in Südamerika
resultiert aus einer Politik, die im sog. Washington-Konsens verankert
war. Dessen Abnutzungserscheinungen sind nun in der ganzen Region
sichtbar. Der Versuch, soziale und wirtschaftliche Maßnahmen anders
auszurichten, konnte von einem Washington, das unfähig war, sein eigenes
Haus in Ordnung zu bringen, nicht in Frage gestellt werden. Die Obsession
der USA mit dem Mittleren Osten und Zentralasien sowie ihr internationaler
Prestigeverlust führten speziell in Südamerika in den letzten Jahren zu
ungewohnt zahlreichen Initiativen, die ohne Beteiligung der USA konzipiert
worden sind.
Insgesamt betrachtet zeigen die Bewegungen in der Region einen wachsenden
Realismus gegenüber den USA. Der „Koloss im Norden“ wird weder als
unerbittlicher Feind noch als exzellenter Verbündeter gesehen. Die
geopolitische Projektion und das militärische Aufgebot der USA in Südamerika
werden jedoch immer mehr zu einem Problem.
1) US Southern Command Strategy 2016, Partnership for the Americas, US Southern Command, Miami 2007.
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