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Gemeingüter / ila 323
Diebstahl an unserem Kollektivbesitz
Enclosure: Wie Gemeingüter zurückgedrängt
und privatisiert werden
von Silke Helfrich
Enclosure bezeichnet in der Sozialgeschichte vor
allem die Auflösung der Allmenderechte (commons) in Mittelengland, die
ihren Höhepunkt zwischen 1760 und 1832 erreicht. Vorher gemeinschaftlich
genutztes Land wurde eingezäunt. Dafür brauchte es zwei Dinge: Macht und
eine schlichte Technologie – Hammer, Pfähle und Draht. Solche
Einhegungen fanden allerdings schon lange vor dieser Zeit statt.
Geschichtsbücher datieren den Beginn der enclosure-Bewegung auf das 15.
und 16. Jahrhundert. Der US-Historiker und Commonsexperte Peter Linebaugh
bringt gar den historischen Robin Hood als eine der ersten Figuren in
Erinnerung, die für die Verteidigung der Rechte der commoners (der „Gemeinen“)
an der Nutzung der Wälder eintrat. Die Wälder waren damals so wichtig
für die Versorgung wie heute das Erdöl. Sie lieferten Bauholz,
Knüppelholz, Eicheln zur Schweinemast, Beeren als Vitaminquelle, etwas
Fleisch für die Küche und vieles mehr. Commons sind das Netz des Lebens,
wie die indische Alternativ-Nobelpreisträgerin Vandana Shiva sagt. Sie
sind eine Krisenversicherung und waren es schon immer.
The law will jail the man or woman
Who steals the goose from off the common
But leave the greater villain loose
Who steals the common from the goose
(Autor unbekannt)
Das Gesetz sperrt ein, ob Mann ob Weib
wer der Allmend 'ne Gans entwendet,
doch lässt's die großen Gauner ziehen,
die die Allmend den Gänsen stehl'n.
(Übersetzung S.H.)
Wenn man sich dafür interessiert, wann der nächste
große Transfer von Reichtum vom Öffentlichen an das Private stattfinden
wird, muss man sich den Prozess der Einzäunung ansehen. Im England des
17. und 18. Jahrhunderts war es die Einzäunung von gemeinsam genutztem
Land. Heute sehen die Einzäunungen der Gemeingüter ganz anders aus.“1
Der Prozess der enclosure trieb die Intensivierung und Kommerzialisierung
der britischen Landwirtschaft voran. Enclosure steht also nicht nur für
„Eingrenzung“, sondern auch für „Produktivitätssteigerung“. Die
Logik war: Privateigentum führt zu besseren Erträgen und versorgt damit
mehr Menschen. Zugleich aber wurden durch diesen Prozess die Rechte der
commoners beschnitten und soziale Bindungen – oft gewaltsam –
aufgelöst. Im Zusammenhang mit den Highland Clearances, der
Hochlandräumung zur flächendeckenden Einführung intensiver Schafzucht
in Wales und Schottland im 19. Jahrhundert, wurden ganze
Dorfgemeinschaften nach Australien und Amerika zwangsdeportiert oder zur
Emigration gezwungen. Auch der deutsche Begriff lässt in seiner
Doppeldeutigkeit aufhorchen: Bauernlegen heißt die Eingliederung (das
Zusammen„legen“) bäuerlicher Einzelbetriebe in Gutsherrenbetriebe.
Wobei viele Bauernhöfe ganz verschwanden. Der ländliche Feudaladel
brauchte – im Zuge des Erstarkens der Städte – mehr Geld. Den Bedarf
danach „konnte er am besten befriedigen, wenn er das Hofland auf Kosten
des Bauernlandes ausdehnte und seine vergrößerte Gutswirtschaft durch
erhöhte Arbeitsleistungen der übriggebliebenen Bauern und der neuen
Leibeigenen unterhielt“.2 Dies geschah im deutschsprachigen Raum seit
dem 15. Jahrhundert. Enclosure meint somit auch: Konzentration und
zunehmende Produktion für den Verkauf statt für den Gebrauch oder
Eigenbedarf.
Enclosure-Bewegungen betreffen jeweils die Ressourcen (und unsere Zugangs-
und Nutzungsrechte an ihnen), die die jeweilige Basis des wirtschaftlichen
Reichtums bilden. Im Zuge der Ausweitung der enclosure auf die
produktiven Ressourcen der Informations- und Wissensgesellschaft hat der
US-amerikanische Jurist James Boyle in seinem 2003 erschienenen Aufsatz
zur Analyse des gegenwärtigen Umgangs mit Wissen, genetischem Code und
kulturellen Inhalten den Begriff der Second Enclosure Movement geprägt.
Was geschieht derzeit anderes, fragt Boyle, als eine „Einzäunung“
unserer Gene, unserer Ideen, unserer Forschungsergebnisse, Daten und
Geschichten? Alles Dinge, die bislang gemeinfrei waren und damit Teil
dessen, was wir nicht für privataneignungsfähig hielten. Boyle
beschreibt die permanente – oft schleichende und von der Öffentlichkeit
weitgehend unbemerkte – Ausweitung des Patentrechts und anderer so
genannter „Geistiger Eigentumsrechte“ auf Software, Daten, Zellen oder
Materie. Nichts bleibt ausgenommen. Dabei ist das Konstrukt des „Geistigen
Eigentums“ ein eigenwilliges. Die Realität der „Geistigen
Eigentumsrechte“ ist besser mit „Geistigen Monopolrechten“
beschrieben.
„Die Expansion der intellektuellen Eigentumsrechte war bemerkenswert –
von Patenten auf Geschäftsmethoden bis zum Digital Millennium Copyright
Act, den Regelungen zur Nichtverwässerung von Handelsmarken (to trademark
antidilution rulings) oder der Europäischen Richtlinie über den
rechtlichen Schutz von Datenbanken. Zudem stehen die alten Grenzen
intellektueller Eigentumsrechte – die Antierosionsdämme rund um die
Public Domain – unter Beschuss. ... Ich kann nur einen nostalgischen
Blick zurück wagen auf einen fünf Jahre alten Text, mit einer
vertrauenswürdigen Liste von Dingen, auf die sich intellektuelle
Eigentumsrechte nicht beziehen konnten, mit der Aufzählung von
Privilegien, die mit den existierenden Rechten verbunden waren, oder der
Benennung des Zeitpunktes, zu dem ein Werk in die Public Domain fiel. In
jedem Fall sind die Grenzen verzehrt worden.“3
Mit der Revolution in der Landwirtschaft änderten sich die
Landbesitzstrukturen. Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert
brachte die massive Nutzung des Patentsystems für intellektuelles
Eigentum mit sich. Die Informationsrevolution im 20. Jahrhundert
motivierte die Ausweitung dieses Systems auf Software und Daten. Die
Revolution der Bio- und Nanotechnologie trieb und treibt die Anwendung des
Patentrechts auf Leben und Materie voran. 1988 wurde das erste Patent auf
ein Lebewesen ausgestellt, die Harvard Oncomouse. Heute gibt es Patente
auf Züchtungsverfahren für Hausschweine (EP 1651777, vom 16. 7. 2008)
oder den Brokkoli (EP 1069819, vom 24. 7. 2002). Die enclosures
folgen dem Takt des „technologischen Fortschritts“. Neue Technologien
ermöglichen durch das Entschlüsseln und Fragmentieren der Ressourcen,
dass immer mehr Elemente dem Verwertungsdruck unterworfen werden können.
Die Frage, ob Gensequenzen patentierbar sind, stellt sich erst seit
wenigen Jahrzehnten. Die Frage, ob Bausteine der Materie auf Nanoebene
privat angeeignet werden können, ist derzeit aktuell. Und die
Bodenschätze des Mondes werden als „Gemeinsames Erbe der Menschheit“
(nach dem Mondvertrag der Vereinten Nationen von 1979) genau dann in Frage
gestellt, wenn diese Bodenschätze tatsächlich abgebaut und zur Erde
transportiert werden können.
Die bisher benannten Formen der Einhegung sind klassische
Privatisierungen, die über „die Macht des Stärkeren“ und den
Rechtsweg durchgesetzt werden. Wobei sich der Schutzbereich des
Eigentumsrechts über Sachen und Inhalte immer weiter ausweitet. Enclosure
ist aber mehr als Privatisierung. Es ist ein Prozess des Zurückdrängens
der commons, ein Prozess der Konzentration und des autoritären Entzugs
der Verfügungsgewalt der jeweiligen Gemeinschaften über ihre Ressourcen.
Er kann bis zur Zerstörung von Ressourcen und Sozialstrukturen
voranschreiten. Einhegung kann aber auch anders erfolgen als durch
klassische Privatisierungspolitik. Das macht die enclosures oft schwer
identifizierbar. Gesetze kann man übertreten. Technologisch
erzwungene Zugangs- und Nutzungsbeschränkungen (enclosures) hingegen
verlangen besondere Fertigkeiten, um sie zu „knacken“. Deswegen hat
etwa die Musik- und Softwareindustrie den Urheberrechtsschutz durch
Kopierschutzmechanismen verschärft. Kopierschutzmechanismen und
geschlossene Standards verhindern nicht nur die unerlaubte Nutzung
digitaler Inhalte, sondern sie ermöglichen auch, dass bestimmte Programme
nur noch auf bestimmten Geräten laufen und auf anderen nicht. Nicht der
Bürger/die Bürgerin bestimmt, was er/sie nutzen möchte, sondern die
Industrie sagt ihm/ihr: Wenn du Zugang zu einem bestimmten Inhalt haben
willst, so bist du gezwungen, ein bestimmtes Gerät zu erwerben.
Kopierschutzmechanismen und proprietäre Standards sind also
technologische Formen der Einschränkung unserer Nutzungsrechte an
digitalen Inhalten und unserer Entscheidungsfreiheit. Für
HackerInnen sind Kopierschutzmechanismen allerdings eher eine
Herausforderung denn ein Schutz. Neue Technologien sind nämlich auch
dafür einsetzbar, die Grenzen der Einhegungen erneut aufzubrechen und die
Wissensallmende (über die kooperative und inkrementelle Produktion freier
Inhalte) schneller zu füllen denn je.
In ähnlicher Weise ist die so genannte Terminatortechnologie eine
gentechnologische Maßnahme zur Einschränkung der Nutzung von Genen.
Saatgut wird sterilisiert und um seine Keimfähigkeit gebracht. Damit
werden die Bauern gezwungen, jährlich neues Saatgut zu kaufen, statt
einen Teil ihrer Ernte einzubehalten. Es ist ein – im Wortsinn –
tödlicher Mechanismus, der nicht nur dem Saatgut das Leben nimmt, sondern
auch viele Bauern in den Entwicklungsländern in den Ruin und den Freitod
getrieben hat. Die Terminatortechnolgie ist der Kopierschutzmechanismus
für Saatgut. Der Prozess der Einzäunung funktioniert demnach über
ökonomische Konzentration (Aufkaufen, Korruption u.a.), über klassische
Privatisierungspolitik und über den Einsatz von Technologien. Und
schließlich gelingt er auch durch soziale Kontrolle darüber, wie wir
über die uns umgebenden Ressourcen denken. Was verstehen wir als
öffentlich, was als Gemeingut, was als privat? Wieso haben wir uns so
schnell an den Zustand gewöhnt, dass die Nutzungsrechte der Allgemeinheit
am ursprünglichsten aller commons – der Erdoberfläche (Land und Boden)
– fast flächendeckend durch private Eigentumsrechte beschränkt werden?
Wieso gelingt es der „convenience food industry“ weltweit,
Ernährungsgewohnheiten rapide zu verändern und damit die Bindung zu
lokal verfügbaren Ressourcen (deren Pflege und Nutzung) zu schwächen?
Warum gibt es keinen kollektiven Aufschrei darüber, dass Walt Disney fast
all seine Geschichten der Allmende entnommen, aber keine in die Allmende
zurückgegeben hat? Warum halten nach wie vor viele (progressive)
politische Institutionen die Nutzung aggressiv auf den Märkten
durchgesetzter und mit Monopolmacht über unser Kommunikationsverhalten
versehener „proprietärer Software“ (ja, wir sollten in der ila auch
mal darüber diskutieren, ob wir weiter mit Microsoft-Produkten arbeiten
– d. Säz.) oder die Anwendung des restriktiven Urheberrechts für
eigene Werke für politisch hinnehmbar? Es gibt keine substantiellen
gesellschaftlichen Veränderungen mit Technologien, die dafür geschaffen
sind, die Allmende zu plündern. Wer Monsanto kritisiert, muss sich auch
kritisch mit Microsoft auseinandersetzen.
Enclosure heißt – egal ob getragen von Saatgut- oder von
Softwarekonzernen, vom Staat oder von Einzelnen – marktvermittelte
Beziehungen, die mit dem absoluten Eigentum über Dinge und Ideen
verbunden sind, die Breschen in die commons schlagen. Eine um die andere.
Die Wissensallmende ist im Ergebnis dieser Einhegungen in ähnlicher Weise
durch Unternutzung bedroht (überall lauern Ver- und Gebote von „Rechteinhabern“
und damit verbundene Kosten) wie die klassische Allmende Gefahr läuft,
übernutzt zu werden, wenn entsprechende Zugangs- und Nutzungsregeln nicht
greifen. Bei den commons geht es aber grundsätzlich darum, die
Nutzungsrechte und -möglichkeiten so demokratisch und offen wie möglich
zu gestalten. Es geht um den Erhalt der gesellschaftlichen
Verfügungsgewalt über das, was uns zusteht. Den Menschen sind „in
jenem Ausmaß Entscheidungen über diese Ressourcen“ zuzugestehen, „wie
sie durch diese Entscheidungen betroffen werden“. „Wenn man von einer
Entscheidung nicht beeinflusst wird, dann hat man kein Recht darauf, mit
zu entscheiden. Wenn man beeinflusst wird, dann hat man ein Recht“, sagt
John Hepburn. Commons sind somit Räume der partizipativen Demokratie und
Selbstverwaltung. Die Einhegung der commons steht dem diametral entgegen.
Um ihr entgegenzutreten, müssen wir zunächst drei Dinge tun: Erstens
Gemeingüter als solche erkennen, benennen und als „unser“
identifizieren. Zweitens analysieren, wo Einzäunungen dieser Gemeingüter
mit welchen Mitteln (Technologien) und Strategien stattfinden. Und
drittens müssen wir enclosures als das bezeichnen, was sie sind:
Diebstahl an unserem Kollektivbesitz.
1) John Hepburn: Die Rückeroberung von Allmenden – von alten und von
neuen. 15.09.2005 —Znet.
http://zmag.de/artikel/Die-Rueckeroberung-von-Allmenden-von-alten-und-von-neuen
2) www.ernst-moritz-arndt-gesellschaft.de/ema4/ema424.htm
3) James Boyle: The second Enclosure Movement and the Construction of the
Public Domain, 2003. Diesem Text ist auch das oben zitierte Gedicht
entnommen.
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