Ein
Putsch ist ein Putsch
und eine Lösung doch nicht in Sicht
von Erika Harzer „Sie haben Angst vor uns,
weil wir keine Angst vor Ihnen haben“. Mit diesen Zeilen unterstützt
die mexikanische Sängerin Liliana Felipe die seit dreieinhalb Wochen Tag
für Tag ihren Widerstand auf die Straßen tragenden Menschen in Honduras.
Mehrere Filme mit bewegten und bewegenden Bildern sind mit ihrer Musik
gemischt worden und in youtube und den widerständischen internetportalen
einsehbar. Sie zeigen Szenen, die den honduranischen Alltag widerspiegeln
seit jenem Tag, dem 28. Juni 2009, an dem eine unheilvolle Allianz aus
Militärs, Unternehmern und konservativen Politikern dieses
mittelamerikanische Land ins Putschzeitalter zurückbeamten. Martialische
Aufmärsche von bewaffneten Soldaten und Polizisten, patrouillierende
Panzer, nächtliche Ausgangssperren sind die Stabilitätsträger der
Putschisten, die eine Normalität zu garantieren suchen, die seit dem 28.
Juni einer weit zurück liegenden Vergangenheit angehört. Diese sperren Radio-
und Fernsehstationen (dabei ist gerade das Radio die wichtigste
Informationsquelle innerhalb des Landes), verschleppen Journalisten,
Politiker, Anführer von sozialen Bewegungen, blockieren Demonstrationen
gegen den Putsch, verhaften deren Teilnehmer und Prügeln wild um sich. Tausende
von Honduranern ziehen seither tagtäglich auf die Strassen, stellen sich
mit Transparenten und Fahnen, getragen von einer unglaublichen Wut und Empörung,
den Waffengewaltigen in den Weg, drängen diese auch manchmal zurück,
setzen sich Tränengaswolken aus, werden mit Schlagstöcken
niedergeschlagen, von Militärstiefeln malträtiert, verschleppt.
Mehr als
1000 Personen sind bisher verhaftet worden, 59 verletzt und 3 Menschen getötet
worden, zitiert die Menschenrechtsorganisation FIAN aus dem ihnen von
honduranischen Organisationen zusammengestellten Daten. Der
Mittelamerikareferent von FIAN, Martin Wolpold-Bosien, hält sich seit dem
19. Juli als Teilnehmer einer internationalen
Menschenrechtsuntersuchungskommission in Honduras auf, um dort die
„zahlreichen Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen im Gefolge des
Staatsstreichs zu überprüfen und Schutzmaßnahmen vorzuschlagen.“ Nach
dem Scheitern der Vermittlungsversuche durch den Costaricanischen Präsidenten
Oscar Arias warnt die Menschenrechtsorganisation in einer ersten
Stellungnahme vor einem Bürgerkrieg in Honduras und Wolpold-Bosien
fordert den UN-Sicherheitsrat auf, sich einzuschalten, „um eine
Eskalation der Gewalt zu verhindern.“ Die Frustration über die
gescheiterte Mission war Oscar Arias anzusehen, als er am Wochenende vor
die Mikrofone trat und mitteilen musste, dass der gewählte Präsident
Manuel Zelaya seinem Plan zwar zustimme, allerdings der weder von der
internationalen Gemeinschaft noch einem Großteil der honduranischen Bevölkerung
im Präsidentenamt akzeptierte Roberto Micheletti diesen ablehne. Arias
blieb nichts anderes übrig, als die Mission bis einschließlich 22. Juli
zu verlängern und die Parteien zu weiteren Verhandlungen aufzufordern, um
einen möglichen Bürgerkrieg zu vermeiden.
„Tegucigalpa geht unter,
Honduras existiert nicht mehr. Wir sind ein verloren gegangenes kleines
Land im Bewusstsein der Menschen der Welt,“ beschreibt der honduranische
Karrikaturist Allan Mc Donald die Vorgänge im Land, die sich unter
lauthalser Intonierung der Nationalhymne ereignen. Die Zusammensetzung der
Chöre allerdings sind deutlich andere. Auf der einen Seite in weiß
gekleidet, die blau weißen Nationalfahnen schwingend, diejenigen, die
„Mel“, wie Manuel Zelaya in der Umgangssprache genannt wird, schlicht
und einfach zum Teufel wünschen, in ihm einen Vaterlandsverräter sehen,
der durch seinen Pakt mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez,
sprich dem Beitritt ins ALBA Bündnis und Petrocaribeabkommen, das Land
schnurstracks ins Verderben führte. Auf der anderen Seite der bunte,
gemischte Haufen von Menschen aller möglichen Schichten, die durch den
von „Mel“ vorangetriebenen neuen, für Honduras völlig ungewöhnlichen
politischen Diskurs, Hoffnung schöpften. Ein Präsident, der sich nicht
ausschließlich als Interessensvertreter der unternehmerischen Oberschicht
des Landes verstand, gehörte nicht unbedingt zur honduranischen Politik.
Durch ungewöhnliche Maßnahmen überraschte er alle, seine Gegner ebenso,
wie diejenigen, die jetzt auf der Strasse gegen den Putsch aktiv sind.
Allan McDonald unterstützte beispielsweise mit seinen Karikaturen die von
Zelaya angeschobene Initiative für eine verfassungsgebende Versammlung.
Er war dann auch einer der ersten, die gleich am Anfang des Putsches durch
die Lakaien der neuen Machthaber erstmal verschleppt wurden. „Sie wollen
uns einschüchtern, uns von der Strasse holen, den Widerstand brechen und
eine nicht mehr existierende Normalität vorgaukeln mit solchen Maßnahmen,
aber da täuschen sie sich,“ empört sich eine
Demonstrationsteilnehmerin. Das Gegenteil passiert: sie sind mehr
geworden, sind besser organisiert. Sie rufen zu Streiks auf, blockieren
die zentralen Zugänge der Innenstädte aber auch die Fernverbindungen des
Landes. Es sind gut 60 unterschiedliche Gruppen, die sich mittlerweile in
der Nationalen Widerstandskoordination zusammengeschlossen, haben,
vorneweg der Bloque Popular, ein linkes Bündnis zivilgesellschaftlicher
Gruppen, verschiedene Gewerkschaften, Bauern- und Umweltorganisationen,
indigene Bündnisse, Studentengruppierungen und auch kleine linke
Splittergruppen.
Viel steht auf dem Spiel, viel
mehr als „nur“ die Rückkehr Zelayas ins Präsidentenamt. „Es geht
den Erhalt der Demokratie, die seit dem 28. Juni durch Waffengewalt in
Frage gestellt wurde.“ Karla Lara gehört zu den Tausenden von
Honduranern, die dafür mobilisieren, auf den Strassen, über die
Netzwerke, mit den Mitteln, die ihre sind. Karla ist Künstlerin und öffentlich
aufzutreten ist sie gewohnt, allerdings unter völlig anderen Umständen.
Eigentlich sind es die Bühnen des Landes, auf denen sie Lieder von der
Liebe, von mitreißenden Alltagsgeschichten und den Utopien eines besseren
Lebens singt. Die 41jährige ist eine der bekanntesten Sängerinnen in
Honduras, mit zwei eigenen CD Produktionen und internationalen Auftritten.
Seit Ende Juni sind die Straßen der Hauptstadt Tegucigalpa ihre Bühne.
Am 5. Juli war sie mit ihren Kindern am Flughafen, wollte „Mel“ dort
empfangen. „Niemals hab ich mir so sehr wie an diesem Tag gewünscht,
dass wir nicht von der Angst eingeholt werden,“ erinnert sie sich an
diesen Tag, als der 19jährige Isis Obed Murillo Mencia aus der Provinz
Olancho durch eine Kugel der bewaffneten Kräfte erschossen wurde und
mehrere Mitdemonstranten verletzt in Krankenhäuser eingeliefert wurden.
Karla Lara war 17 als sie
Mitte der 1980er Jahre mit ihrer ersten Musikgruppe Protestlieder von
Latinogrößen, wie Mercedes Sosa und Amparo Ochoa zu singen begannen.
Lieder, die sich gegen die Militärdiktaturen, gegen die Oligarchien und
deren ausbeuterischer Unterdrückung der Bevölkerungsmehrheiten
richteten, „es war eine Musik, die gegen das, was damals an gnadenloser
Ungerechtigkeit passierte protestierte.“ Es waren die bleiernen Jahre in
Honduras, in Lateinamerika. „Die Zeit des Schweigens, der Angst, der
Verschwundenen“ erinnert sich Karla Lara an dieses damals, das plötzlich
wieder Zugang in die heutige Zeit gefunden hat. Am 28. Juni 2009 waren es
Militärs, die den gewählten Präsidenten verschleppten und den Präsidentenpalast
besetzt hielten. Es sind Militärs, die seither in den Strassen
patrouillieren, die mit ihrer Flughafenbesetzung die Rückkehr des gewählten
Präsidenten verhinderten und „die erfolgreich sein werden mit ihrem
Putsch, wenn eine Rückkehr Zelayas ins Präsidentschaftsamt nicht mehr
stattfinden würde und es zu vorgezogenen Neuwahlen käme.“ Ein Erfolg,
der für Lateinamerika zu einem bitteren Markierungspunkt in der aktuellen
Geschichtsschreiben werden könnte, würde er doch aufzeigen, dass
Putschisten auch heute noch mittels Gewehrläufe demokratisch legitimierte
Regierungen ad absurdum führen könnten. Und vor allem auch ein Erfolg für
die Falken von damals, die Mächtigen der „bleiernen Zeit“, deren
damalige Menschenrechtsverletzungen bisher juristisch nicht geahndet
wurden. Einer davon ist Billy Joya Améndola, damaliger Polizeikommandant
mit Kontakten zu den Todesschwadronen, dem aktive Beteiligung an der
Verschleppung und dem Verschwindenlassen etlicher Oppositioneller der
1980er Jahre und aktive Beteiligung am heutigen Putsch nachgesagt wird.
Es
steht viel auf dem Spiel in diesem bitterarmen Land, da nützt es auch
nicht viel, wenn Roberto Micheletti sich selbst und seiner Pseudoregierung
immer wieder vorsagt, es hätte kein Putsch stattgefunden, alles hätte
sich im Rahmen der Verfassung abgespielt. Wäre dem so, müsste diese
Verfassung eine dringende Überarbeitung erfahren. Zurück getreten ist
bereits der von Micheletti mit dem Etikett Aussenminister verzierte
Enrique Ortez. Sein Fernsehauftritt, bei dem er den US-Präsidenten als
„Negerlein, der nicht einmal weiß, wo Tegucigalpa liegt“ bezeichnete,
ging nun doch auch für ihn nach hinten los. Die innenpolitischen Gräben
in der ehemaligen Bananenrepublik scheinen mittlerweile kaum noch überwindbar
und doch wird mit jedem Tag der Fortsetzung dieses bitterbösen
Politikdramas die Situation komplizierter.
Die Organisation Amerikanischer Staaten
(OAS) schloss nach verstrichenem Ultimatum Honduras aus ihrer Organisation
aus. Die EU Außenminister verurteilten bereits am ersten Tag den Putsch
und beschlossen am 2. Juli ihre Botschafter aus dem Land abzuziehen. Nach
dem Scheitern der Arias Mission legt die EU-Kommission Finanzhilfen in Höhe
von 65,5 Millionen Euro auf Eis. Auch die USA droht damit, die Hilfen
einzustellen, wenn die Vermittlungsgespräche ergebnislos bleiben.
Einzig die FDP nahe Friedrich
Naumann Stiftung ist von Anfang an bemüht, den Putschisten moralische
Legitimation zu geben. Schon am 29. Juni titelte die Einschätzung des FNS
Repräsentanten Christian Lüth mit der Überschrift „Die Legende vom
Militärputsch in Honduras dient vor allem ‚Mel’ Zelaya“. Seinen
„Bericht aus aktuellem Anlass“ beginnt Christian Lüth denn auch mit
den einleitenden Worten „’Mel’ Zelaya ist angeblich Opfer eines
gewaltigen Putsches des Militärs geworden.“ Und „es herrscht derzeit
die Befürchtung, dass er versuchen wird, mit Hilfe von nicaraguanischen
Truppen und im südlichen Nachbarland stationierten venezolanischen
Truppen die Macht wiederzuerlangen.“ Am 2. Juli schreibt Lüth in seiner
zweiten Lageeinschätzung: „Als ungeschickt ist nach wie vor die Nacht-
und Nebelaktion der Staatsanwalt mit Hilfe des Militärs vom vergangenen
Sonntagmorgen zu bewerten.“ Welches Interesse seitens dieser deutschen
Stiftung in dem mittelamerikanischen Konflikt verfolgt wird, wäre
sicherlich eine Untersuchung wert.
„Es kann nicht sein, es darf
nicht sein, dass dieser Putsch auch nur in irgendeiner Form Legitimation
erfährt“, so die Gegner auf den Straßen des Landes, wo sie sich
weiterhin versammeln werden, Tag für Tag. Bis tatsächlich der
honduranische Alltag wieder einkehren kann, die Putschisten ihre Strafe
erhalten und die demokratisch gewählte Regierung ihre Geschäfte wieder
aufnehmen kann. „Viele von denen, die hier auf den Straßen gegen die
Putschisten demonstrieren, sind nicht unbedingt Zelaya Anhänger, aber sie
wissen, was auf dem Spiel steht für die Zukunft des Landes, wenn die
Militärs siegreich aus diesem politischen Disput hervor gehen“,
schreibt eine Aktivistin innerhalb des Netzwerkes zivilgesellschaftlicher
Organisationen. „Die Vorgabe für jede zukünftige Regierung wäre damit
manifestiert. Abweichler vom traditionellen Weg werden einfach
weggeputscht.“
Unklar ist allerdings gegenwärtig,
wie dieser Zustand erreicht werden kann. Viel wird dabei davon abhängen,
ob die Militärs als geschlossene Einheit gefestigt stehen bleiben und
wann und ob innerhalb der sich selbst ernannten Regierung die Erkenntnis
der internationalen Isolierung zu zukunftsorientierter Reflektion führt.
Eine große Rolle spielt dabei natürlich die Frage des Gesichtsverlustes,
ein Faktor, der bei den im Putsch involvierten nicht unterschätzt werden
darf.
Die Autorin u Filmschaffende Erika Harzer lebte von 1997-2002 in Honduras
und hat seit diesem Aufenthalt unterschiedliche Geschichten aus Honduras für
Film, Radiofeature oder Printreportagen aufgegriffen. Mehr: www.eha-media.de
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