aus
El Alto / ila 327
Die fragwürdigen Zweifel der FDP
Wolfgang Gerhard und die Menschenrechtsverletzungen
von Erika Harzer Dass
es im mittelamerikanischen Honduras seit dem 28. Juni, dem Tag, als
bewaffnete Militärs den rechtmäßigen Präsidenten im Pyjama außer
Landes verschleppten, Tote, Verletzte und Vergewaltigungen gegeben habe,
bezweifelt der frühere FDP Vorsitzende Wolfgang Gerhardt am 13. August im
Deutschlandfunk. Der Vorsitzende der FDP nahen Friedrich Naumann Stiftung
für die Freiheit, kurz FNF, bezieht sich dabei auf Aussagen des
honduranischen Menschenrechtsobmanns Ramon Custodio, der Anfang August auf
Einladung der FNF in Räumen des Bundestags seine Sicht der Ereignisse in
Honduras schildern durfte, wonach es in Honduras seit dem Putsch keine
systematischen Menschenrechtsverletzungen gäbe. Zwar sei es hin und
wieder zu Stromabschaltungen gekommen und es hätte vereinzelt Einschränkungen
der Pressefreiheit oder auch der Bewegungsfreiheit durch verhängte
Ausgangssperren gegeben, aber dies sei im Wesentlichen denjenigen zu
verdanken, die den Widerstand gegen die de facto Regierung auf der Strasse
kundtun. So seien auch die Verhaftungen lediglich im Rahmen dieser
notwendigen „Ruhe schaffenden Maßnahmen“ vorgefallen. Und bei den
Todesfällen wisse man nicht, von welcher Seite aus die Kugeln tatsächlich
abgefeuert worden wären. Die Ergebnisse anders lautender Berichte internationaler Untersuchungs- und
Beobachtungskommissionen, könne er nicht bestätigen.
Soweit der Menschenrechtsombudsmann Ramon Custodio, auf dessen Aussagen
Wolfgang Gerhardt zählt und über den Martin Wolpold-Bosien, Mitarbeiter
der internationalen Menschenrechtsorganisation FIAN, selbst Teilnehmer
einer internationalen Beobachtermission in Honduras, sich empört.
Custodio,
„früher ein geachteter Menschenrechtler, versucht seit Wochen, den
Staatsstreich zu rechtfertigen und die seither begangenen
Menschenrechtsverletzungen zu leugnen". Das Ergebnis ihrer mehrtägigen
Untersuchung spricht von systematischen und gravierenden
Menschenrechtsverletzungen, angefangen von der widerrechtlichen Verhängung
der Ausgangssperre, über die Aussetzung von Verfassungsgarantien zur
Welle von willkürlichen Verhaftungen. Übergriffe auf Journalisten werden
darin ebenso dokumentiert, wie Eingriffe in die Pressefreiheit. Von
politischer Verfolgung und Einschüchterungen betroffen sind demnach
Parlamentsabgeordnete, Bürgermeister, Menschenrechtler und zahlreiche
Vertreter der Protestbewegung. 8 Tote und mehr als 2000 Verhaftungen sind
den Beobachtern in Honduras gemeldet worden.
Die
Einladung Custodios, der Teil einer vierköpfigen Delegation von
Putschunterstützern aus Honduras seitens der FNF war, scheint Teil der
eigenständigen Lateinamerikapolitik der FDP zu sein, die es laut Dr.
Werner Hoyer, dem außenpolitischen Sprecher der Partei, zu entwickeln
gilt. Denn nur darüber, und unabhängig von der spanischen Außenpolitik,
so Hoyer gegenüber WELT-Online am 7. August, könne man dieser wichtigen
Region gerecht werden. Auffällig stark ist das Interesse der Naumann
Stiftung von Anbeginn des Putsches in Honduras, den darin verwickelten
Personen und Gruppierungen eine moralische Legitimität zuzusprechen.
Christian Lüth, Projektleiter der FNF vor Ort, bezeichnete den Putsch als
Legende, die in der Form nur dem verschleppten Präsidenten dienen würde.
Dabei war Jose Manuel Zelaya bei seinem Wahlsieg 2005 der große
Hoffnungsträger der FDP, der, so Lüth in einem Hintergrundpapier vom
April 2009, „die Herzen und Erwartungen der internationalen
Gemeinschaft, vor allem der Liberalen in aller Welt“ höher schlagen ließ.
Noch am Tage seines Amtsantritts bekundete denn auch Zelaya, dass er nur
dank der Strategieberatungen des FNF Beraters Peter Schröder die Wahlen
gewinnen konnte. Rosbinda Sabillón, damalige FNF Projektleiterin freute
sich über „eine 39-köpfige Naumann-Fraktion“ im honduranischen
Parlament, darunter 4 Minister und 4 stellvertretende Minister innerhalb
Zelayas Regierungsmannschaft, die alle „Stiftungshintergrund“
vorweisen konnten.
Der
Bruch kam 2008, als Zelaya zunächst mit Petrocaribe und später mit ALBA
- dem von Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez initiierten Bündnis
Bolivarianische Alternative für America - Bündnisse schloss. Der
liberale Hoffnungsträger wandelte sich nicht nur für die honduranische
politische und unternehmerische Elite, sondern - wie Gabriele Reitmeier,
Referatsleiterin Politikberatung und Internationale Politikanalyse der FNF
und Christian Lüth nach dem Expertengespräch Anfang August
zusammenfassen - auch für die FDP „zum Unterstützer bzw. Protagonisten
eines ‚Sozialismus des 21. Jahrhunderts’ wie ihn Hugo Chávez
proklamiert“ und damit zu einem untragbaren politischen Partner.
Folglich suchte die FNF für ihre Zusammenarbeit in Honduras die liberale
Strömung innerhalb der Partido Liberal de Honduras, kurz PLH, der
liberalen honduranischen Partei, zu denen auch Roberto Micheletti, der
aktuelle de facto Präsident gehört.
Laut Reitmeier und Lüth steht für
Honduras viel auf dem Spiel, „man wolle sich nicht zum Satellitenstaat
von Hugo Chávez degradieren lassen“. So sucht die FDP mit den Unterstützern
des Putsches aus Honduras ihre Legende zu untermauern, dass der Putsch
zwar Schönheitsfehler in der Form der Machtübernahme habe, jedoch
ansonsten die Absetzung Zelayas legitim sei. „Man braucht Kompetenz im
Umgang mit der Realität Lateinamerikas“ bekräftigt Wolfgang Gerhardt
im Welt-Online Interview gegenüber Hildegard Stausberg am 6. August auf
die Frage nach einem kongruenten Lateinamerikakonzept. Darüber hinaus sei
ihm wichtig, dass die „lateinamerikanische Wirklichkeit von innen her
berücksichtigt“ werde.
Die
honduranische Expertenrunde Anfang August in Berlin kann sicherlich im
Kontext dieser Kompetenzaneignung in Sachen Menschenrechtslage in Honduras
auf der Grundlage der Schilderungen von Ramon Custodio eingeordnet werden.
Das Custodio mittlerweile das Visum der USA aufgrund seiner Verwicklung im
Putsch entzogen bekam, scheint dabei nicht zu stören.
In
ihrer am 19.8. veröffentlichten ersten Einschätzung beschreibt amnesty
international die Menschenrechtslage in Honduras als äußerst
besorgniserregend. Aktuell sind Mitarbeiter des Interamerikanischen
Menschenrechtskomitee, kurz CIDH, vor Ort, um die CIDH vorliegenden
Berichte über Misshandlungen, Verhaftungen, Einschüchterungen und
Morddrohungen, Vergewaltigungen, Willkür usw. zu untersuchen.
Zu
den „Aktivitäten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in
Honduras“ übergab
die LINKE am 19. August eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung, da sie
es „angesichts der aktuellen Äußerungen aus der FNF, in denen der
international verurteilte Staatsstreich in Honduras gerechtfertigt wird,
und angesichts der offenkundigen engen Zusammenarbeit der FNF mit führenden
Unterstützern des Putsches für angebracht (hält), eingehender zu
untersuchen, zu welchen Zwecken die FNF die ihr vom
Entwicklungsministerium überlassenen Steuergelder in Honduras verwendet
und ob die Verwendung der FNF-Mittel in Honduras den Zielen der Förderrichtlinien
des BMZ entsprechen,“ begründet Heike Hänsel diese von
Abgeordneten und der Fraktion DIE LINKE ihre Anfrage. „Insbesondere
stellt sich die Frage, in wieweit die FNF sich direkt in die
innenpolitischen Angelegenheiten von Honduras eingemischt hat bzw. gar mit
zur Eskalation der Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungspartei
beitrug und damit der nicht legalen Amtsenthebung des gewählten Präsidenten
Zelaya mit Vorschub leistete. Es stellt sich auch die Frage, ob die FNF
ihre derzeitigen Öffentlichkeitsaktivitäten vom Interesse leiten lässt,
eine Rückkehr des Präsidenten Zelaya nach Honduras zu verhindern.“
Die Autorin u Filmschaffende Erika Harzer lebte von 1997-2002 in Honduras
und hat seit diesem Aufenthalt unterschiedliche Geschichten aus Honduras für
Film, Radiofeature oder Printreportagen aufgegriffen. Mehr: www.eha-media.de
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