Naht
das Ende der Putschisten oder
der Beginn eines Bürgerkrieges?
von Erika Harzer
Die Ereignisse überschlagen sich in Honduras 26 Tage
nach dem Putsch gegen Manuel Zelaya. „Hier gibt keiner auf“ und „weg
mit den Putschisten“, skandieren die sich erneut versammelnden Menschen
auf den Strassen des Landes. Ihre Wut ist gewachsen, ihre Bewegung auch,
nachdem die Vermittlungsgespräche in Costa Rica an der starren Haltung
der Putschisten gescheitert sind. Der Vorschlag des als Vermittler
agierenden costaricanischen Präsidenten Oscar Arias, eine Regierung der
nationalen Versöhnung unter Leitung des gewählten Präsidenten Manuel
Zelayas bis zu möglichen vorgezogenen Wahlen im Oktober dieses Jahres zu
bilden, betrachtet die die Delegation der defacto Regierung für sich als
inakzeptabel. Ein Standpunkt, von dem sie auch nach zusätzlichen 72
Stunden Bedenkzeit nicht abzuweichen bereit ist. Für die Bewegung des
nationalen Widerstands gegen den Putsch ein weiteres Zeichen dafür, dass
diese unheilvolle Allianz aus Militärs, Unternehmern und konservativen
Politikern, die am 28. Juni Präsident Zelaya mithilfe eines militärischen
Überfallkommandos außer Land verschleppen ließen, und seither im Namen
der Demokratie ihr Land zu regieren versuchen, die Demokratie mit Füßen
tritt. Um Honduras von diesem Trauma der diktatorischen Machtübernahme zu
befreien und zurück zur Rechtsstaatlichkeit zu führen, wird der Rahmen
immer enger und die Möglichkeiten, dies ohne weiteres Blutvergießen zu
schaffen, immer eingeschränkter.
Die international nicht anerkannte
defacto Regierung unter Roberto Micheletti rüstet auf. Verstärkte Militärpräsenz
im ganzen Land und vor allem an den Grenzübergangsstellen zu Nicaragua
sowie nächtliche Ausgangssperren im Grenzgebiet zu Nicaragua, und die
Ablehnung jeglicher Verantwortung für die Sicherheit von Personen, die in
gewalttätigen Auseinandersetzungen sich bewegen würden. Dazu die
Drohung, Zelaya sofort bei Grenzübertritt verhaften zu wollen. Ob es ein
letztes Aufbäumen ist einer eigentlich schon schwächelnden,
international isolierten und innenpolitisch trotz martialischem Auftreten
nicht zur Ruhe kommenden Putschgarde oder noch einer realen Stärke
entspricht, hängt stark von den Ereignissen bis Samstag ab. Dann will
Manuel Zelaya, begleitet von Verbündeten und einer Journalistenkolonne in
seinem zweiten Rückkehr Versuche nach Honduras die Grenze tatsächlich überschreiten.
Im Vorfeld versucht die nationale widerständische
Allianz aus Gewerkschaften, Bauernvereinigungen, dem Bloque
Popular, ein linkes Bündnis zivilgesellschaftlicher Gruppen,
Umweltorganisationen und Frauengruppen, indigenen Bündnissen,
Studentengruppierungen und kleinen linken Splittergruppen, mit vereinten
Kräften und vielfältigen Aktionen den Druck auf die Putschisten zu erhöhen.
Landesweit riefen die Gewerkschaften für Donnerstag und Freitag zu
einem 48stündigen Generalstreik auf. Mit Strassenblockaden in der
Hauptstadt Tegucigalpa und der Wirtschaftsmetropole San Pedro Sula und an
verschiedenen Verkehrsknotenpunkten des Landes und mit Besetzungen öffentlicher
Gebäude und den Büros von Dienstleistungsgesellschaften, sollen die
unternehmerischen Aktivitäten zum erliegen gebracht werden. Parallel dazu
bewegen sich viele der Widerständischen in Richtung nicaraguanischer
Grenze, um vor Ort zu sein, wenn Zelaya am Samstag die Grenze überschreiten
sollte.
Von Managua aus verkündete Zelaya am Donnerstag,
dass er nach dem Ablauf der Verlängerungsfrist der Vermittlungskommission
von Oscar Arias und der inakzeptablen Haltung der Delegation um Roberto
Micheletti, nicht länger seine Rückkehr nach Honduras verschieben will,
trotz aller Drohungen der Putschisten gegen ihn. Er fürchte sich nicht um
sein Leben, aber sollte ihm etwas zustoßen, liege die Verantwortung dafür
bei den Putschisten. Unbewaffnet und mit der Fahne des Friedens wolle er
in Honduras dafür sorgen, dass dieses Land wieder zur Normalität unter
ihm als dem gewählten und legitimen Präsidenten zurückfinden könne.
Die
Menschenrechtsorganisation FIAN warnte in einer ersten Stellungnahme nach
dem Scheitern der Vermittlungsversuche vor einem Bürgerkrieg in Honduras.
Martin Wolpold-Bosien, Mittelamerikareferent von FIAN, hält sich seit dem
19. Juli als Teilnehmer einer internationalen Menschenrechtsdelegation in
Honduras auf, um vor Ort die „zahlreichen Hinweise auf
Menschenrechtsverletzungen im Gefolge des Staatsstreichs zu überprüfen
und Schutzmaßnahmen vorzuschlagen.“ Angesichts der Zuspitzung fordert
er dringlich die Einschaltung des UN-Sicherheitsrat, „um eine Eskalation
der Gewalt zu verhindern.“
Innerhalb
der knapp vier Wochen, seit diese unheilvolle Allianz aus Militärs,
Unternehmern und konservativen Politikern dieses mittelamerikanische Land
ins Putschzeitalter zurückbeamten, wurden mehr als 1000 Personen
verhaftet, 59 verletzt und 3 Menschen getötet, zitiert die
Menschenrechtsorganisation FIAN aus dem ihnen von honduranischen
Organisationen zusammengestellten Daten. Vor allem im Landesinneren häufen
sich willkürliche Übergriffe der Sicherheitskräfte gegenüber den
Demonstranten. Und trotz martialischer Aufmärsche von bewaffneten
Soldaten und Polizisten, durch patrouillierende Panzer, nächtliche
Ausgangssperren und Gleichschaltung der Medien als Stabilitätsträger der
Putschisten, gelang es diesen bisher nicht, eine Normalität zu
garantieren, die sie gerne der internationalen Öffentlichkeit präsentieren
würden, dann, wenn sie davon reden, dass es sich bei ihrer Machtübernahme
in Honduras nicht um einen Putsch handele. Und sie können es auch nicht
verhindern, dass Informationen über verschleppte Journalisten,
Politiker und Anführer von sozialen Bewegungen an die internationale Öffentlichkeit
gelangen, ebenso wie die Bilder des Todesschusses am Flughafen Toncontin,
als ein 19jähriger Demonstrant gezielt von Militärs erschossen wurde.
So massiv sich auch der nationale Widerstand
organisiert und auf den Strassen agiert, eine Lösung ohne Zuspitzung der
Gewalt kann es nur geben, wenn die Allianz der Putschisten zu schwächeln
beginnt. Innerhalb der Militärs gibt es bisher keine Anzeichen von
Abgrenzungen gegenüber der Putschunterstützenden Rolle. Eine weitere
Zuspitzung der internationalen Isolierung, könnte, so die Hoffnung der
streikenden Gewerkschafter, die am Putsch involvierten Unternehmern zum
Umdenken bringen. Von daher fordern sie von sämtlichen Regierungen, von
der Weltbank, der interamerikanischen und zentralamerikanischen Bank und
der AID, dass sie sofort alle offiziellen Hilfeleistungen an die defacto
Regierung einstellen mit Ausnahme der Fonds, die direkt an
zivilgesellschaftliche Organisationen gerichtet sind und das sämtliche
mit der Regierung vereinbarte Kredite auf Eis gelegt werden.
Auch von Präsident Obama werden klarere Positionen
erwartet. Das machten Vertreterinnen der Frauengruppen im Widerstand bei
einer Aktion am 22. Juli vor der nordamerikanischen Botschaft deutlich. In
einem offenen Brief fordern sie Präsident Obama zu einer klaren Ablehnung
der Putschregierung auf, verbunden mit Maßnahmen seitens der
nordamerikanischen Regierung, die den Weg hin zur Wiederherstellung der
Verfassungsmäßigen Ordnung und der Wiederaufnahme der Amtsgeschäfte
durch den gewählten Präsidenten Manuel Zelaya öffnen. Und sie wollen
Klarheit darüber, welche Rolle verschiedene Personen und Instanzen der
Regierung Obama beim Putsch gespielt haben und immer noch spielen. “Es
kursieren Informationen, die offen legen, dass sowohl Diplomaten ihres
Landes, wie auch Mitglieder von Unternehmerkreisen und der
Republikanischen Partei, ebenso wie des Geheimdienstes Ihrer Regierung,
nicht nur über vorab Informationen bezüglich des Militärputsches verfügten,
sondern als intellektuelle Mitautoren dieses Putsches agierten,“ erläutern
die Frauen dazu in ihrem Brief und stellen fest: „sollte dies stimmen,
dann gelten die USA und Ihre Regierung als Verbündete des gewalttätigen
Bruchs der verfassungsmäßigen Ordnung in Honduras und des bereits
begonnenen Blutvergießens.“ Sie kritisieren die bisher nur zögerlich
vorgenommene Ablehnung des Putsches, die durch diese Indifferenz die
Putschisten stärkt und zu gewalttätigen Auseinandersetzung führen könne.
Moralische
Legitimation erhalten Roberto Micheletti und sein international nicht
anerkanntes Kabinett von Anfang an durch die FDP nahe Friedrich Naumann
Stiftung/FNS. In mehreren Berichten „aus aktuellem Anlass“ sucht deren
Repräsentant Christian Lüth die rechtswidrigen Handlungen der
Micheletti-Gruppe zu legitimieren, verbunden mit Andeutungen zu möglichen
militärischen Einmischungen aus Mitgliedsländern des ALBA-Bündnisses,
dem Honduras unter Leitung von Zelaya im August 2008 beigetreten ist.
Schon ein Tag nach dem Putsch, am 29. Juni, titelte die Einschätzung im
FNS Bericht von Christian Lüth mit der Überschrift „Die Legende vom
Militärputsch in Honduras dient vor allem ‚Mel’ Zelaya“, dem dann
die Einleitung „’Mel’ Zelaya ist angeblich Opfer eines gewaltsamen
Putsches des Militärs geworden,“ folgte. Darüber hinaus konstatierte Lüth
am gleichen Tag, „es herrscht derzeit die Befürchtung, dass er (Mel
Zelaya) versuchen wird, mit Hilfe von nicaraguanischen Truppen und im südlichen
Nachbarland stationierten venezolanischen Truppen die Macht in Honduras
wiederzuerlangen.“ Am 2. Juli schrieb Lüth in seiner zweiten Lageeinschätzung:
„Als ungeschickt ist nach wie vor die Nacht- und Nebelaktion der
Staatsanwalt mit Hilfe des Militärs vom vergangenen Sonntagmorgen zu
bewerten.“ Und am 14. Juli beschreibt Lüth, „derweil ist Honduras zur
absoluten Normalität zurückgekehrt.“ Man kann nur hoffen, dass diese
„Normalität“ der Putschisten mit ihren Panzern, Scharfschützen,
massiver Militär- und Polizeipräsenz und eingeschränkten Bürgerrechten
das kleine bitterarme Land nicht in einen Bürgerkrieg führt.
Die Autorin u Filmschaffende Erika Harzer lebte von 1997-2002 in Honduras
und hat seit diesem Aufenthalt unterschiedliche Geschichten aus Honduras für
Film, Radiofeature oder Printreportagen aufgegriffen. Mehr: www.eha-media.de
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