„Hier gibt keiner
auf“
Der
honduranische Widerstand mehr
als 30 Tage nach dem Putsch
von
Erika Harzer
Vier Wochen nach Zelayas gewaltsamer Verschleppung
durch bewaffnete Militärs im Morgengrauen nach Costa Rica, unternahm der
honduranische Präsident am 24. Juli seinen zweiten Versuch, nach Honduras
zurück zu kehren. In einem Autokonvoi, in Gefolgschaft mehrerer Verbündeter
und einem Tross Journalisten, begab er sich zum
nicaraguanisch-honduranischen Grenzübergang in der Nähe von Las Manos.
Tatsächlich überschritt er auch die Grenze, nahm dort ein Bad in der ihn
erwartenden Menge, die es bis zur Grenze geschafft hatte, verkündete in
dieser Runde seinen Anhängerschafft, dass niemand ein sich erhebendes
Volk aushalte. Die Anwesenden antworteten mit: Zelaya aguanta, el pueblo
se levanta, sprich: Zelaya halte durch, das Volk erhebt sich. Nach einer
Stunde kehrte Zelaya jedoch zurück auf nicaraguanisches Terrain, für
viele nicht wirklich nachvollziehbar, welche Aussagekraft dieser Aktion
letztlich beigemessen werden sollte oder konnte. Er selbst begründete
seinen kurzen Grenzübertritt damit, dass er seine ihn unterstützenden
Landsleute nicht in Gefahr bringen wollte und da die Militärs wenig
Bereitschaft zeigten, ihre Waffen nieder zu legen und die Situation im
Grenzgebiet militarisiert war, ein Rückzug angemessener war.
Noch auf
honduranischer Seite forderte Zelaya die Allianz der Putschisten, konkret
den Generalstab der Militärs und die Gruppe um Roberto Micheletti auf,
mit ihm zu verhandeln und Lösungen für Honduras zu suchen. „Ihr könnt
nicht gegen das Volk regieren und ich nicht gegen die starke Opposition
der Machtgruppen des Landes.“ Danach zog er sich zurück nach Nicaragua.
Dort verbringt er seither die Tage und hofft auf die veränderte Situation
in Honduras, die es ihm ermöglichen könnte, die international unterstützte
Forderung nach seiner Rückkehr ins Präsidentenamt zu realisieren. Von
einem dort in Nicaragua errichteten Zeltlager aus, soll der pazifistische
Widerstand gegen die Putschisten gestärkt und weiter angeschoben werden.
Eine umstrittene Aktion, die ein stückweit hilflos wirkt, vor allem aber
die aktuelle Sackgasse aufzeigt auf der Suche nach einer Lösung, die
Zelayas Rückkehr ebenso beinhalten sollte wie die Absetzung und
strafrechtliche Verfolgung der Putschisten.
Was muss noch alles passieren, bis dahin, bis der Druck so groß sein
wird, dass die Allianz der Putschisten einbricht, ist eine der Fragen, die
in den Foren, auf den Demonstrationen, den Veranstaltungen, immer wieder
gestellt wird? Jeder weitere Tag im Ist-Zustand ist für die de
facto-Regierung ein Erfolg, gibt ihnen Recht in dem, wie sie den gewählten
Präsidenten gestürzt und die Macht sich angeeignet haben, auch wenn dies
international verurteilt wird und sie sich nach innen nur mit
systematischen Menschenrechtsverletzungen durchsetzen können. Letzteres
gehört zum Resümee der Internationale Beobachtermission, deren
Vertreterinnen und Vertreter aus europäischen, latein- und
nordamerikanischen Menschenrechtsorganisationen eine Woche lang vor Ort
Informationen zusammentrugen und „schwere und systematische Verletzungen
der Menschenrechte in Honduras nach dem Putsch“ festgestellten. Als eine
der Hauptursachen benennen sie die „willkürliche Anwendung von
Rechtsnormen, die den internationalen Verpflichtungen zum Schutz der
Menschenrechte entgegenstehen.“ So das von Micheletti am 30. Juni
ausgegebene Dekret 11-2009, das den Ausnahmezustand festlegt und damit täglich
von 20 Uhr bis 5 Uhr im gesamten Staatsgebiet die persönlichen Rechte
einschränkt, wie „Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, das Recht
sich frei im nationalen Territorium zu bewegen, dieses zu verlassen, es zu
betreten und in ihm zu verweilen.“ Dieses Dekret sollte 72 Stunden
gelten und ist heute, mehr als vier Wochen später noch immer in Kraft,
obwohl es qua Verfassung keine Gültigkeit besitzt, da es nicht im
Amtsblatt veröffentlicht wurde. Die täglich neue Festsetzung des
Ausnahmezustands wird willkürlich mal mit längerem, mal mit gerade mal
halbstündigem Vorlauf über Radiokanäle verkündet. Mehr als 1200
Personen sind seither hauptsächlich aufgrund vermeintlicher Verstoße
gegen die Ausgangssperre verhaftet worden.
In ihrer Stellungnahme wundert sich
die internationale Beobachtermission auch über „die unterstützende
Haltung gegenüber dem Putsch, (...) die von hohen Vertreter der
katholischen Kirche sowie einigen Vertretern der protestantischen Kirche
an den Tag gelegt wurde. Ebenso verwundert ist die Mission darüber, dass
die Kirchen an der Organisation von Demonstrationen beteiligt waren, die
den Putsch stützen und zu denen das de facto-Regime aufruft.“ Dazu sei
kurz daran erinnert, dass der honduranische Kardinal Rodriguez Maradiaga
Anfang Juli Präsident Zelaya vor dessen erstem Rückkehrversuch
aufforderte, diesen zu unterlassen, um Blutvergießen zu verhindern. Eine
entsprechende Aufforderung an die de facto Regierung, das Militär von den
Straßen abzuziehen war von ihm nicht zu hören. Rodriguez kritisierte
zwar die Umstände der Verschleppung Zelayas, wertete seine Absetzung
allerdings als verfassungskonform. Am 23. Juli erklärte sich der
Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM mit Kardinal Rodriguez solidarisch
und stärkte ihm somit den Rücken.
Dies und auch die eindeutige
Positionierung des Ombudsmann für Menschenrechte Ramón Custodio auf
Seiten der Putsch Allianz, ist für die innerhalb des Widerstands gegen
den Staatsstreich organisierten Menschen unterschiedlichster
Basisorganisationen ein Schlag ins Gesicht, bietet dieses Verhalten doch
einen schutzlosen Raum für Menschenrechtsverbrechen in Honduras. In der
Folge sind bis 23. Juli 6 Menschen zu Tode gekommen, 1275 wurden verhaftet
wurden und 2 sind verschwunden. Angesichts dieser Zahlen klingt es mehr
als zynisch, wenn der Ombudsmann davon spricht, dass es bisher keine
politischen Gefangenen gäbe.
Demgegenüber fordert die
Untersuchungsmission die internationale Staatengemeinschaft auf, alle
„zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu ergreifen, um die Garantie der
Menschenrechte in Honduras zu gewährleisten, ebenso wie die Verurteilung
des Putsches „und die Wiedereinsetzung Zelayas sowie die
Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung“.
Vor allem seit dem 24. Juli ist die Gewährleistung der Menschenrechte für
eine große, mehrere hundert Menschen umfassende Gruppe ausgesetzt. Sie
waren losgezogen, um Präsident Zelaya im Süden des Landes unweit der
honduranischen Stadt Las Manos an der Grenze zu Nicaragua zu empfangen und
sitzen seither eingekesselt zwischen Militärsperren, abgeschnitten von
Information und von überlebensnotwendigen Nahrungsmittel- und
Wasserlieferungen.
Von der Widerstandsbewegung
organisierte Konvois voller Lebensmittel und Getränke wurden von den
Militär- und Polizeisperren gestoppt und an der Weiterfahrt gehindert.
Die innerhalb des Widerstands organisierten Frauengruppen kritisieren
massiv das honduranische Rote Kreuz wegen unterlassener Hilfeleistung. Für
sie ist es nicht verständlich, warum nicht genügend Autos dieser
international anerkannten Hilfsorganisation für die Transporte zur Verfügung
gestellt worden sind, da die Militärsperren nur offiziellen Rot-Kreuz
Autos die Durchfahrt zu den eingekesselten Menschen gewährten.
Massenweise wurden Menschen zwischen Freitag und Samstag verhaftet,
darunter auch Rafael Alegria von der Bauernorganisation Via Campesina, der
aufgrund des internationalen Drucks jedoch bald wieder freigelassen wurde.
Während dieser Auseinandersetzungen an der Grenze wurde ein Demonstrant
von Militärs erschossen und die Leiche eines jungen Zelaya Anhängers
unweit der Grenze mit Spuren von schweren Misshandlungen aufgefunden.
Honduras im fortdauernden
Ausnahmezustand, versinkt im Chaos und generiert mehr und mehr straffreie
Räume für weitere Menschenrechtsverletzungen, die in alle Bereiche des
honduranischen Alltagslebens herein reichen. Und die Lebensbedingungen der
Armen des Landes, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen,
verschlechtern sich von Tag zu Tag.
Einen neuerlichen Höhepunkt der
Repression erfuhr die Widerstandsbewegung am Donnerstag, den 30. Juli. Der
honduranische Lyriker Samule Trigueros machte sich mit Freunden im Taxi
auf den Weg zur Strassensperre an der Ausfallstrasse Richtung Norden in
Tegucigalpa. Womit er nicht rechnete, war, dass der Taxifahrer die Gruppe
bei den dortigen Polizisten und Militärs denunzierte und er bei seiner
Ankunft an der Sperre umgehend verhaftet wurde. Ihm wurde alles abgenommen
und er musste sich in aller Öffentlichkeit bis auf die Unterhose
ausziehen, wurde mehr als eine Stunde dort so festgehalten, verhört und
als er dann wieder angezogen abtransportiert werden sollte, rief er laut
seinen Namen in die Menge und dass er ein honduranischer Autor sei. Dies
verschärfte zunächst seine Behandlung. Brutal wurde er zu Boden
geworfen, und verprügelt, bis dann der Leiter der Einheit ihn anbrüllte
mit den Worten, er zähle auf zehn und wenn er bis dahin nicht
verschwunden sei, würde er ihn verschwinden lassen. Worte, an denen
Trigueros in diesem Moment nicht zweifelte und ihn um sein Leben rennen
ließ.
Insgesamt wurde diese Blockade, an
der mehrere Tausend Menschen teilnahmen, mit bis dahin noch nicht erlebter
Gewalt auseinander getrieben. Aus Helikoptern wurde Tränengas auf die
Blockierenden abgeworfen. Mit Knüppelorgien gingen die Sicherheitskräfte
gegen die fliehende Menge vor, die in ihrem Rückzug Richtung Innenstadt
immer wieder auf neue, sie erwartende Polizei- oder Militärsperren traf.
Ein in der Lehrergewerkschaft organisierter Teilnehmer, Professor Roger
Abraham Vallejo Soriano, wurde durch einen Kopfschuss lebensgefährlich
verletzt. Die Zahl der Verletzten ist nicht bekannt, nur das auch Rafael
Alegria von Via Campesina zu den Verletzten gehört, ebenso wie Carlos H.
Reyes, der Anführer des Bloque Popular, einem Zusammenschluss linker
Organisationen, der wegen mehrerer Schläge gegen den Kopf und gebrochener
Hand im Krankenhaus behandelt werden mußte. 99 Personen wurden während
der Aktion verhaftet, darunter auch der Juan Barahona, ein weiterer Anführer
des Bloque Populars. Aufgrund der Interventionen der honduranischen
Menschenrechtsorganisationen COFADEH, CIPRODEH und CODEH waren die
Verhafteten am späten Nachmittag wieder freigelassen.
Ob dies als Demonstration der Stärke
oder als letztes Aufbäumen einer untergehenden Allianz einzuordnen ist,
sei dahingestellt. Die Vorfälle demonstrieren allerdings, dass das Ende
dieser Allianz dringend gefunden werden sollte, bevor in Honduras noch
mehr Blut vergossen werden wird. Aber wie, bei dieser festgefahrenen
Situation? „Der Hebel zur Lösung liegt in den USA“ – schreiben
Aktivisten des Widerstands und fordern mehr „hechos concretos“,
konkrete Maßnahmen, die die Putschisten isolieren sollten. Ein erster
Schritt in diese Richtung könnte die bereits vorgenommene Aberkennung der
Visa für vier am Putsch beteiligte Personen und deren Familien seitens
der USA sein, bei anderen wird gerade noch geprüft. Noch steht aber auch
die Frage im Raum, inwieweit zu den möglichen Drahtziehern des Putsches
auch Personen der Republikanischen Partei oder aus dem Diplomatischen
Corps der USA gehören. Um eine entsprechende Untersuchung dieser Vorwürfe
baten mehrere Frauenorganisationen Barack Obama in einem offenen Brief.
In ihren Empfehlungen schreibt die
internationale Beobachtermission u.a., die internationale
Staatengemeinschaft solle „die Ergebnisse von Wahlen, die von der de
facto-Regierung einberufen werden, nicht anerkennen – wie es auch der
Generalsekretär der Organisation Amerikanische Staaten forderte – und
keine Entscheidung, die von der de facto-Regierung getroffen wird, zur
Kenntnis zu nehmen.“
Eine klare und sehr weitgehende
Forderung, die in dieser Form an der Illegitimität der de facto-Regierung
festhält und sich damit gegen die vielfach auch in Deutschland
verbreitete Meinung stellt, dass, auch wenn die Mittel nicht die richtigen
gewesen seien, ja doch viele Menschen in Honduras Zelayas Absetzung begrüßt
hätten. Beispielhaft werden dafür auch die Demonstrationen der Befürworter
angeführt, die Stellungnahmen von Ramon Custodio und Kardinal Rodriguez.
Eine der wichtigen Unterstützer diese Position ist die FDP nahe Friedrich
Naumann Stiftung/FNS, die von Anbeginn des Putsches an Roberto Micheletti
moralische Legitimation
zuspricht. In mehreren Berichten „aus aktuellem Anlass“ sucht deren
Repräsentant Christian Lüth die rechtswidrigen Handlungen der
Micheletti-Gruppe zu legitimieren, verbunden mit Andeutungen zu möglichen
militärischen Einmischungen aus Mitgliedsländern des ALBA-Bündnisses,
dem Honduras unter Leitung von Zelaya im August 2008 beigetreten ist.
Schon ein Tag nach dem Putsch, am 29. Juni, titelte die Einschätzung im
FNS Bericht von Christian Lüth mit der Überschrift „Die Legende vom
Militärputsch in Honduras dient vor allem ‚Mel’ Zelaya“, dem dann
die Einleitung „’Mel’ Zelaya ist angeblich Opfer eines gewaltsamen
Putsches des Militärs geworden,“ folgte. Darüber hinaus konstatierte Lüth
am gleichen Tag, „es herrscht derzeit die Befürchtung, dass er (Mel
Zelaya) versuchen wird, mit Hilfe von nicaraguanischen Truppen und im südlichen
Nachbarland stationierten venezolanischen Truppen die Macht in Honduras
wiederzuerlangen.“ Am 2. Juli schrieb Lüth in seiner zweiten Lageeinschätzung:
„Als ungeschickt ist nach wie vor die Nacht- und Nebelaktion der
Staatsanwalt mit Hilfe des Militärs vom vergangenen Sonntagmorgen zu
bewerten.“ Und am 14. Juli beschreibt Lüth, „derweil ist Honduras zur
absoluten Normalität zurückgekehrt.“
Eine
Normalität, die bislang 8 Todesopfer forderte und mehr als 1200
Verhaftete, die Menschen einkesselt, verprügelt, verschleppt, die die
Pressefreiheit aushebelt und die den Ausnahmezustand mit seinen
Ausgangssperren im rechtswidrigen Raum fortsetzt. Eine Normalität,
getragen von der Allianz der Mächtigen des Landes, die im Interesse der
Erhaltung ihrer Privilegien, ihrer Besitztümer und Machtstrukturen dieses
Land zu einem der ärmsten der Region werden ließen – lange bevor
Zelaya die Amtsgeschäfte als Präsident des Landes übernahm - in dem
Gewaltverbrechen wie extralegale Erschießungen durch sich selbst ernannte
soziale Säuberungskomitees, Entführungen mit Todesfolge ebenso zur
Tagesordnung gehören wie tödliche Zusammenstöße von schwer bewaffneten
Jugendbanden oder Drogenclans und die überall anzutreffende Korruption.
Der straffreie Raum gegenüber diesen „Alltagsverbrechen“ wurde auch
unter der Regierung Zelaya nicht angetastet, und doch hat er mit seinem
unverhofft eingeschlagenen linken Diskurs begonnen, Räume zu öffnen für
neue Diskussionen. Diskussionen, die von Partizipation sprachen und die
tabu waren in Honduras bis ins Jahr 2005 und die, so zaghaft sie auch
bisher waren, doch die Allianz der Mächtigen auf den Plan rief.
Die Autorin u Filmschaffende Erika Harzer lebte von 1997-2002 in Honduras
und hat seit diesem Aufenthalt unterschiedliche Geschichten aus Honduras für
Film, Radiofeature oder Printreportagen aufgegriffen. Mehr: www.eha-media.de
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