aus
Chile / ila 345
Die Schlacht um
Chile
Patricio Guzmáns monumentales Filmepos
in der „Bibliothek des Widerstands“
des LAIKA-Verlags
von Gert Eisenbürger
Im Oktober 2010 startete der neu gegründete
LAIKA-Verlag seine „Bibliothek des Widerstands“. Darin sind bisher elf
kombinierte Buch-DVD-Editionen erschienen. Die Filme sind ältere
Dokumentationen, die fürs Kino oder Fernsehen entstanden sind, die Bücher
sind Neuveröffentlichungen. Das Themenspektrum ist breit, es finden sich
Titel zur westdeutschen und US-amerikanischen Studentenbewegung, zu Angela
Davis, zur Stadtguerilla in den USA, zur Jugendrebellion in Griechenland
oder zu attac.
Vier Bücher/Filme beschäftigen sich mit Lateinamerika, konkret den
Militärdiktaturen in Argentinien und Chile (vgl. auch Seite 56 in dieser
ila). Das filmische highlight ist dabei Patricio Guzmáns
viereinhalbstündiges Dokumentarfilmepos „Die Schlacht um Chile“, das
jüngst auf zwei DVDs mit einem dreihundertseitigen Begleitbuch erschienen
ist – in diesem Fall ist der Terminus „Begleitbuch“ angemessen, bei
anderen Titeln der „Bibliothek des Widerstands“ sind die Bücher durchaus
eigenständige Publikationen.
Der 1941 geborene Patricio Guzmán begann nach dem Amtsantritt der
Regierung der Unidad-Popular (UP) im Oktober 1970, deren Politik filmisch
zu dokumentieren. 1971 stellte er El primer año (Das erste Jahr) als
ersten Film dieses Projekts vor. Ende 1972 folgte La respuesta del octubre
(Die Antwort im Oktober) über den Widerstand der organisierten
ArbeiterInnen gegen den Unternehmerstreik, mit dem die Regierung Allende
zu Fall gebracht werden sollte. Die Belegschaften besetzten die Betreibe
und hielten die Produktion aufrecht, der Boykott der Bosse endete mit
einer Niederlage. Doch ihre aggressive Destabilisierungspolitik gegen die
Regierung Allende ging weiter, bis im September 1973 die Lage reif war für
den Putsch. Dies alles haben Guzmán und sein Team mit der Kamera
dokumentiert, sie filmten die Veranstaltungen der Rechten und der Linken,
drehten im Kongress, interviewten Leute auf der Straße, vor allem aber die
organisierten AnhängerInnen der Unidad Popular in den Fabriken und den
Armenvierteln.
Natürlich waren sie auch bei Massendemonstrationen und Protestaktionen
dabei. Nach dem Putsch wurde Patricio Guzmán festgenommen. Da er neben der
chilenischen die spanische Staatsangehörigkeit besaß, wurde er, wie viele
andere „Ausländer“, nach einigen Wochen entlassen, musste aber aus Chile
ausreisen. Sein filmisches Material konnte er mitnehmen. Daraus erstellte
das Team zwischen 1974 und 1978 in Cuba und Frankreich die dreiteilige
Filmdokumentation „Die Schlacht um Chile“.
Der erste Teil „Aufstand der Bourgeoisie“ beschreibt die Mobilisierung der
rechten Parteien und Unternehmerverbände gegen die UP-Regierung. Bis zu
den Parlamentswahlen am 4. März 1973 setzte sie auf eine politische
Strategie zum Sturz Allendes. Weil dieser 1970 mit nur 36,3 Prozent der
Stimmen stärkster Kandidat geworden war, hofften die rechte Nationalpartei
und die ins rechte Lager übergelaufene Christdemokratische Partei (PDC),
die Allende 1970 noch im Kongress unterstützt hatte, bei den März-Wahlen
in Zeiten der Krise eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Damit hätten
sie den Präsidenten im Kongress abwählen können. Doch entgegen den
Erwartungen der Opposition verlor die UP keine Stimmen, sondern gewann
fast acht Prozent hinzu und erreichte knapp 44 Prozent. Da damit eine
legale Möglichkeit, Allende aus dem Amt zu drängen, für die nächsten drei
Jahre ausgeschlossen war, setzte die Rechte nun auf seinen gewaltsamen
Sturz.
In „Aufstand der Bourgeoisie“ kommen in den Interviews, stärker als in den
beiden anderen Teilen, auch AktivistInnen der Rechten zu Wort. Ihre
Aussagen und die Reden ihrer FührerInnen auf Versammlungen und
Kundgebungen belegen das vollständig instrumentelle Verhältnis dieser
Leute zur Demokratie. Sobald sie ihre Interessen bedroht sahen, wurden
ihnen demokratische Spielregeln egal. Die verschiedenen Filmsequenzen
machen deutlich, wie stark sich Nationalpartei und Christdemokraten 1973
radikalisierten und in den Monaten vor dem 11. September 1973 nur noch auf
die politische Vorbereitung eines Militärputschs setzten, während Allende
verzweifelt versuchte, eben den zu verhindern und die Christdemokraten
durch politische Zugeständnisse von ihrer putschistischen Linie
abzubringen.
Der zweite Teil, „Der Staatsstreich“, beginnt dort, wo der erste endet,
nämlich mit dem ersten – noch von loyalen Militärs zurückgeschlagenen –
Putschversuch am 29. Juni. Er rekapituliert die zehn Wochen zwischen dem
29. Juni und dem 11. September, als das Militär erfolgreich putschte.
Durch die Zuspitzung ihrer wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen suchten die
Unternehmerverbände die wirtschaftliche Krise zu vertiefen, während die
von US-Agenten finanzierte und ausgebildete rechtsextreme
Terrororganisation Patria y Libertad UP-AnhängerInnen angriff und
Sabotageaktionen durchführte. Im Militär wurde der Putsch systematisch
vorbereitet. Die verfassungstreuen Militärs wurden isoliert oder wie im
Falle des Admirals Arturo Araya Peters ermordet. Um die einfachen Soldaten
auf den Einsatz gegen linke ZivilistInnen vorzubereiten, besetzten
Militäreinheiten im Juli und August 1973 fast täglich kämpferische
Betriebe, angeblich um sie nach Waffen zu durchsuchen.
Ein einziger Querschuss aus dem bürgerlichen Lager kam im Juli von der
katholischen Kirche. Auf Initiative des aufgeklärten Erzbischofs von
Santiago, Silva Henríquez (der nach dem Putsch eine wichtige Rolle als
Verteidiger der Menschenrechte spielen sollte), rief die Kirche am 20.
Juli zu Gottesdiensten für den Frieden auf und forderte ein Ende der
politischen Polarisierung. Dies brachte die Christdemokratische Partei
kurzfristig unter Druck. Denn die PDC war in gewisser Weise der politische
Arm der Katholischen Kirche und konnte es sich daher nicht leisten, deren
Appell einfach zu ignorieren. Andererseits aber wollte die PDC-Führung um
Frei und Aylwin den Putsch. Um der Aufforderung der Kirche Genüge zu tun,
trafen sie sich mit Allende zum „Dialog“. Für ein Übereinkommen stellten
sie ihm allerdings Forderungen, die auf die Rücknahme fast aller seit 1970
von der UP-Regierung ergriffenen Maßnahmen hinausliefen.
Natürlich konnte Allende dies nicht akzeptieren, woraufhin die PDC das
Ende des „Dialogs“ verkünden und den Putsch mit vorbereiten konnte. Was
der Film nicht zeigt, ist, dass sich die chilenischen Christdemokraten,
eine von ihrem Charakter eher reformistische Partei sozialdemokratischen
Zuschnitts, bezüglich ihrer politischen Möglichkeiten für die Zeit nach
dem Putsch völlig verkalkuliert hatten. Sie hatten gehofft, nach Allendes
Sturz und einem kurzen militärischen Zwischenspiel als Kraft der „Mitte“
die Macht übernehmen zu können. Stattdessen fanden sie sich nach dem 11.
September 1973 in der Illegalität wieder und etliche Mitglieder ihres
linken Flügels sogar in den Kerkern der Diktatur. Die Christdemokraten
waren für die Rechte nichts Anderes als nützliche Idioten im Kampf gegen
Allende gewesen.
Während die Rechte und das Militär den Putsch vorbereiteten, versuchte die
Linke ihre AnhängerInnen zur Verteidigung des Veränderungsprozesses zu
mobilisieren. Am 4. September 1973 demonstrierte fast eine Million
Menschen für die Regierung. Allende, Allende – El Pueblo te defiende
(Allende, Allende – das Volk verteidigt dich) intonierte ein riesiger Chor
von Hunderttausenden. Ich fand diese Bilder der entschlossenen Menschen –
die meisten aus den Arbeiter- und Armenvierteln – und von der Rede
Salvador Allendes extrem berührend. Wenige Tage später war Allende tot und
viele DemonstrantInnen in den Folterkammern und Konzentrationslagern der
Diktatur. Der Film endet am 11. September 1973!
Während der erste und zweite Teil der Trilogie „Die Schlacht um Chile“
eine Einheit sind, ist der dritte Teil „Die Macht des Volkes“ (span. Poder
Popular, also Volksmacht) ein eigenständiger Film. Darin geht es um die
Selbstorganisation der ArbeiterInnen und BewohnerInnen der Armenviertel
nach dem Oktober 1972. Wie oben dargestellt, hatten viele Belegschaften
während des Unternehmerstreiks im Oktober 1972 die Betriebe übernommen.
Dieses selbstbestimmte Arbeiten setzen sie auch nach dem Ende des
Ausstandes fort. Um die erforderlichen Vorprodukte und Ersatzteile zu
bekommen, schlossen sie sich mit den KollegInnen der Fabriken zusammen,
die eben diese Teile herstellten. So entstanden die Cordones Industriales,
Netze selbst verwalteter Betriebe. Weil die Geschäfte und Händler ihre
Waren zurückhielten oder nur zu erhöhten Preisen über den Schwarzmarkt
verkauften, organisierten die Leute in den Armenvierteln ein System von
„Direktversorgung“, Verteilungsstellen unter der Kontrolle gewählter
Stadtteilkomitees. Während in den Betrieben vor allem Männer aktiv waren,
engagierten sich in den Comandos Comunales in den Vierteln viele Frauen.
Der Film „Die Macht des Volkes“ zeigt fast ausschließlich Interviews mit
AktivistInnen aus den Parteien der UP bzw. Aufnahmen von Diskussionen in
Betrieben und Kooperativen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, was sich
die Kollegen zutrauten. Jenseits der Aktivitäten einer linken Regierung
hatten in Chile 1972/73 die ArbeiterInnen und Menschen in den
Armenvierteln begonnen, ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen (vgl.
dazu auch den Beitrag „Sie mussten alles selber machen“ in dieser ila).
Trotz des ideologischen Geschwätzes von der „kommunistischen Gefahr“ lag
in dieser entschlossenen Selbstorganisation die eigentliche Bedrohung der
bürgerlichen Herrschaft.
Die Trilogie „Die Schlacht um Chile“ ist ein einzigartiges filmisches
Dokument. Ich hatte vorher vermutet, dass ein Film, der in den Jahren nach
1973 fertiggestellt wurde, als Zeitdokument gesehen werden müsste und aus
heutiger Sicht ideologischen Ballast enthalten würde. Weit gefehlt!
Lediglich mit der häufig verwendeten Charakterisierung „faschistisch“ für
die Strategie der Rechten hatte ich meine Probleme, weil es in Chile zwar
eine rechte, teilweise terroristische Mobilisierung gegen die UP-Regierung
gab, aber keine faschistische Massenbewegung existierte – weder vor und
erst recht nicht nach dem Putsch.
Verstörend an dem Film ist jedoch, dass er erschreckend aktuell ist. Es
braucht kaum Phantasie, um sich vorzustellen, dass die rechten Kräfte
heute keinen Deut anders reagieren würden, sollten sie ihre Macht in
Gefahr sehen. Und der Film verstört auch, weil er zeigt, was möglich ist,
wenn Menschen kollektiv beginnen, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu
nehmen.
Das begleitende Buch enthält neben dem kompletten Text des Films Aufsätze
von Francisco Letelier, dem Sohn des 1976 in Washington ermodeten
UP-Ministers Orlando Letelier, über die Rolle der USA (insbesondere Henry
Kissingers) bei der Destabilisierung und dem Sturz der UP-Regierung, einen
„Nachruf auf Salvador Allende“ von Tomás Moulián, der darin die These
vertritt, Allende hätte, um politisch zu überleben, in die Rolle des
starken Präsidenten schlüpfen und zugleich gegen die Sabotage der Rechten
und die Selbstorganisation von unten vorgehen müssen, sowie einen Text von
Régis Debray aus dem Jahr 1974 über die Frage Reform versus Revolution
bzw. warum diese Frage unsinnig ist, weil gerade die reformistische
Allende-Regierung revolutionäre Veränderungen eingeleitet habe, die sie
dann freilich nicht verteidigen konnte, weil ihr eine revolutionäre
Strategie fehlte.
Dem LAIKA-Verlag kommt das große Verdienst zu, „Die Schlacht um Chile“ neu
veröffentlicht und der linken Debatte zugänglich gemacht zu haben!
Die Schlacht um Chile. Der Kampf eines Volkes ohne
Waffen, LAIKA-Verlag, Hamburg 2011, 300 Seiten geb. und 2 DVDs mit den
Filmen „Aufstand der Bourgeoisie“ (90 Minuten), Der Staatsstreich (90
Minuten), „Die Macht des Volkes“ (83 Minuten), 29,90 Eurogoogle.
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