aus Rio de Janeiro / ila 347
Rio im Selbstversuch
Der Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ der
türkischen Autorin Asli Erdogan
von Gert Eisenbürger Wer Asli
Erdogans Roman „Die Stadt mit der roten Pellerine“ in die Hand nimmt, wird
zunächst einmal fremdeln, denn dieser Blick auf Rio unterscheidet sich
radikal von dem meisten anderen, was über diese Stadt geschrieben wurde.
Erdoðans Geschichte einer dramatischen Hassliebe eröffnet nicht nur einen
anderen Zugang zu der Stadt, sondern beleuchtet auch die Probleme einer
Migration in einen anderen Kulturkreis hinein.
Irgendwann Mitte der neunziger Jahre kommt die türkische
Naturwissenschaftlerin Özgür nach Rio de Janeiro, nicht als Touristin,
sondern mit einem Arbeitsvertrag einer brasilianischen Universität. Diesen
Job kündigt sie nach kurzer Zeit, bleibt aber in Rio und versucht, sich als
Englischlehrerin über Wasser zu halten. Dies gelingt ihr jedoch immer
weniger. Sie kann kaum noch die Miete für ihre Wohnung im Künstlerviertel
Santa Teresa aufbringen, fürs Essen reicht es häufig nicht mehr. Man könnte
sagen, Özgür ist in Rio gestrandet. Dabei ist sie dort alles andere als
glücklich. Sie fühlt sich dieser Stadt nicht gewachsen, kann sich mit dem
Elend, der Gewalt, der sexualisierten Atmosphäre sowie der für sie
unerträglichen Hitze auf der einen und der sozialen Kälte auf der anderen
Seite nicht abfinden. Rio nimmt ihr jede Form von Gewissheit – alles was sie
gelernt hat, was sie glaubte zu wissen und letztlich alles was sie ist,
erweist sich als untauglich, um dort zu bestehen. Das gilt auch und gerade
für die von den Frauen Rios gelebte Weiblichkeit, deren unbedingte
Körperlichkeit ihr bedrohlich und faszinierend zugleich erscheint. Dieses
Angezogen- und gleichzeitig Abgestoßensein bestimmt ihre gesamte Haltung der
Stadt gegenüber: „Rio, das Extreme, Widersprüche und die Maßlosigkeit liebt,
ist von betörender Schönheit. Es stürzt sich erbarmungslos auf den Menschen,
macht ihn trunken, treibt ihn in die Enge. Rio ist Herr über die
erschreckende Magie der Masken Afrikas. Die Stadt hingegen, in der Özgür
geboren und aufgewachsen war, glich einem silbernen Amethystarmreif: steif,
vornehm, geheimnisvoll, mit Patina überzogen.“ (S. 61)
Die Allgegenwart des Todes in Rio bildet das Kontinuum in der Beschreibung
verschiedener Szenen und Situationen: Erschossene, die auf der Straße
liegen, der verzweifelte Todeskampf verhungernder Obdachloser auf den
Bürgersteigen, die Gesichter der Todgeweihten, die in absehbarer Zeit an
Krankheit und Entkräftung sterben werden. All das ist in Rio sichtbar, die
Menschen gehen einfach vorüber, ihre entwickelten Selbstschutzmechanismen
lassen sie dieses Elend ausblenden. Auch Özgür bleibt nicht stehen, doch die
Bilder lassen sie nicht los, verfolgen sie in ihren Gedanken und Träumen. In
diesen Passagen wird das Buch sehr persönlich, mitunter verstörend
persönlich, denn auch die Autorin hat Mitte der Neunziger zwei Jahre in Rio
gelebt, dort zunächst an der Katholischen Universität gearbeitet, dann ihre
wissenschaftliche Laufbahn als Atomphysikerin beendet und sich dem Schreiben
gewidmet. Bei Asli Erdogan war es aber – anders als bei ihrer Romanfigur
Özgür – zumindest teilweise auch ein politisches Exil.
Die Favelas, die in Santa Teresa fast an ihre Wohnung grenzen, sind für
Özgür die Essenz ihres Rio, die Orte, wo Lebenslust, ja Lebensgier und der
Tod so unglaublich nahe beieinander liegen.
Dabei ist „Die Stadt mit der roten Pelerine“ alles andere als eine
Sozialreportage. Die beschriebene Gewalt und der sichtbare Tod – die
natürlich real sind und nicht imaginiert – sind für die Autorin auch
Metapher. Der Roman ist voller mythischer und religiöser Bezüge. In ihrem
sehr lesenswerten Nachwort stellt Karin Schweißgut diese Bezüge – sowohl auf
die Antike, das Christentum, afroamerikanische Spiritualität, nicht aber auf
den Islam – sehr anschaulich dar. Der immer beklemmender werdende
Spaziergang Özgürs durch die Stadtteile Santa Teresa und Lapa, der den
gesamten zweiten Teil des Buches ausmacht, wird so betrachtet zum Kreuzweg,
womit auch ein Hinweis auf das Ende des Romans gegeben ist.
Darüberhinaus ist „Die Stadt mit der roten Pelerine“ auch ein Roman über das
Schreiben. Denn um mit ihren Erfahrungen fertigzuwerden, beginnt Özgür mit
der Arbeit an einem Roman, der für sie zunehmend zum Halt in ihrem von Nöten
und Ängsten geprägten Leben wird. Im Buch sind immer wieder – kursiv gesetzt
– Passagen aus Özgürs Roman, deren Hauptperson die Ich-Erzählerin Ö. ist,
eingeflochten. Dies treibt die Handlung voran und ermöglicht einen
permanenten Wechsel der Perspektive
Je stärker man sich auf den Roman einlässt, desto mehr merkt man, wie
vielschichtig er ist. Trotz seiner depressiven und teilweise
selbstquälerischen Grundstimmung vermag er es zudem, die LeserInnen in
seinen Bann zu ziehen, auch wenn man sich mit Blick auf Özgür gelegentlich
die Frage stellen kann, warum sie sich das alles antut. Doch diese Frage ist
für MitgrantInnen und Exilierte müßig. Eben das unterscheidet Özgür von den
EuropäerInnen und US-AmerikanerInnen mit Rückflugticket, die Rio den Rücken
kehren können, wenn es ihnen zu heftig wird.
Erschienen ist „Die Stadt mit der roten Pelerine“ in der „Türkischen
Bibliothek“ des Unionsverlags, die in den letzten Jahren zwanzig wichtige
türkische Romane in deutscher Sprache zugänglich gemacht und damit die
Möglichkeit eröffnet hat, eine ungeheuer spannende Literaturszene
kennenzulernen und auf aufregende Bücher zu stoßen. Asli Erdogans Rio-Roman
gehört zweifellos dazu.
Asli Erdogan: Die Stadt mir der roten Pelerine, Übersetzung: Angelika
Gillitz-Acar und Angelika Hoch. Mit einem Nachwort von Karin Schweißgut,
Unionsverlag, 2. Auflage, Zürich 2008, 204 Seiten, 19,90 Euro |