aus Universitäten / ila 349
Ende des
Friedensprozesses?
Guatemala nach den Wahlen
von Torge Löding Es kam nicht
unerwartet, schmerzt aber trotzdem: Das Wahlergebnis in Guatemala vom 11.
September 2011 besiegelt das Ende des Friedensprozesses. Die
Präsidentschaftskandidaten rechter und rechtsradikaler Parteien versammelten
bei einer Wahlbeteiligung von gut 60 Prozent rund 96,7 Prozent der
abgegebenen Stimmen auf sich, das Linksbündnis Frente Amplio mit seiner
Präsidentschaftskandidatin Rigoberta Menchú gerade einmal 3,3 Prozent. Am
6. November, dem gleichen Tag, an dem in Nicaragua Parlament und Präsident
gewählt werden, wird es in Guatemala zur Stichwahl kommen zwischen dem
ultrarechten und wegen Genozid verdächtigtem Ex-General und
Ex-Geheimdienstchef Otto Pérez Molina (37 Prozent) und dem Rechtspopulisten
und Unternehmer Manuel Baldizón (23 Prozent), der wegen Verbindungen zur
organisierten Kriminalität in der Kritik steht. Unübersichtlich wird es im
Parlament, in dem die sozialliberale Gruppe UNE-GANA, die ohne
Präsidentschaftskandidaten/in ins Rennen ging, mit 22,57 Prozent
zweitstärkste Fraktion nach der Patriotischen Partei (PP) von Pérez Molina
(26,62 Prozent) geworden ist. Die
politisch-ökonomische Macht teilen sich in Guatemala vor allem drei Akteure:
Da ist erstens das „traditionelle Kapital“ der alten Oligarchie, welche das
Land seit Dekaden beherrscht (und sich 1954 mit dem CIA und anderen Kräften
aus den USA zum Staatsstreich gegen Präsident Arbenz verbündete). Dieser
Sektor erlebt spätestens seit der Regierung Portillo und nun auch unter
Colom eine Schwächung zugunsten des aufstrebenden Unternehmersektors, dessen
ökonomischen Akteure sich vor allem durch Geschäfte mit dem Staat bereichern
(und Hauptprofiteure der Privatisierungen der vergangenen Dekade sind). Dazu
kommt ein dritter Sektor des Kapitals, der direkt mit der Organisierten
Kriminalität verbunden ist. Diese „Parallelmacht“ hat in der letzten Dekade
zunehmend Positionen in den politischen Institutionen gewonnen, sowohl auf
nationaler (Abgeordnete) als auch auf kommunaler Ebene (Bürgermeister). Die
Existenz dieser zwei neuen aufstrebenden Sektoren hat dazu geführt, dass
sich große Teile der politischen Kaste vom traditionellen Kapital
„emanzipiert“ haben und sich direkt mit einem der zwei aufstrebenden
Sektoren verbanden. Dazu entwickelten sie individuelle Mechanismen der
Akkumulation, insbesondere über öffentliche Aufträge in „ihren“ Gemeinden.
Mehr als 100 der 158 Abgeordneten des Nationalparlamentes verfügen über ein
Unternehmen oder eine NRO, welche Arbeiten im Auftrag des Staates
durchführen.
In einem Punkt unterscheiden sich diese verschiedenen Sektoren der
nationalen Bourgeoisie Guatemalas übrigens nicht: Sie teilen den Rassismus,
der konstituierende Grundlage des Kapitalismus in Guatemala ist und die
indigene Bevölkerungsmehrheit von sozialer, politischer und ökonomischer
Teilhabe und Teilnahme ausschließt.
Als Wunschkandidat des traditionellen Kapitals galt lange Zeit Harold
Caballeros, ein evangelikaler Prediger mit engen Verbindungen zur religiösen
Rechten in den USA. Lange sah es so aus, als ob sein Plan zur Kandidatur mit
Nineth Montenegro als Vizepräsidentschaftskandidatin scheitern würde, denn
ein Pastor darf nicht als Präsident kandidieren. Wenige Wochen vor der Wahl
erhielt der Ex-Pastor dann aber doch seine Einschreibung, zu spät, um noch
Hoffnung auf einen Sieg zu haben. Bei den Wahlen landete er mit 8,57 Prozent
auf Platz fünf. Harold Caballeros wird nun vor allem als Option für die
kommenden Wahlen gehandelt.
Nur vier Wochen vor der Wahl entschied das Oberste Verfassungsgericht, dass
die Kandidatur der ehemaligen First Lady Sandra Torres verfassungswidrig
sei. Auch in Guatemala – wie in verschiedenen anderen Ländern Lateinamerikas
– darf ein Präsident nicht direkt nach Ende der Amtszeit wieder antreten.
Gleiches gilt für enge Familienangehörige. Um ihre Kandidatur zu
ermöglichen, vollzog das Ehepaar Colom-Torres im April 2011 die
Ehescheidung. Aus dem Grund der Trennung machten sie keinen Hehl, was bei
nicht unbeträchtlichen Teilen ihrer UnterstützerInnen für Unmut sorgte. Was
für einige ein schlauer politischer Schachzug war, empfanden viele als
Respektlosigkeit vor der Verfassung. In der Regierung Colom war Torres
fraglos eine der stärksten Figuren, ohne ein demokratisch legitimiertes Amt
innezuhaben. Sie trug die Verantwortung für das Sozialprogramm „Soziale
Kohäsion“, dem sozialen Standbein dieser Regierung. Dieses bewahrte auf der
einen Seite viele Tausende Menschen vor dem Hunger und linderte Not, auf der
anderen Seite sollte es Torres helfen, eine Unterstützerklientel im ganzen
Land aufzubauen. Dem Programm fehlt Transparenz und entgegen dem Namen
brachte es durch die Begünstigung von einigen soziale Spaltung in viele
Gemeinden.
Die Regierungspartei des scheidenden Präsidenten Alváro Colom, UNE, war vor
den Wahlen eine Allianz mit der Partei des ehemaligen neoliberalen
Präsidenten Oscar Berger, GANA, eingegangen. Es ist unwahrscheinlich, dass
diese Gruppen im Parlament nun eine gemeinsame Fraktion bilden. Die Allianz
ist beendet und jede wird für sich über einen Stimmenpakt mit Pérez Molina
oder Baldizón verhandeln.
Nach dem Ausscheiden von Sandra Torres aus dem Wahlrennen hatten sich die
Umfrageergebnisse für den Ex-General Pérez Molina interessanterweise
verschlechtert. Erstmals in der Wahlkampagne sank er unter 40 Prozent, was
mit dem Ende der Polarisierungskampagne der Massenmedien gegen die
angebliche Annäherung von Torres an Hugo Chávez zu erklären ist. Pérez
Molina war Geheimdienstoffizier zu Zeiten des „internen bewaffneten
Konfliktes“ in Guatemala. Politisch stand er stets Expräsident Ramiro De
Leon Carpio nahe und er fungierte als Unterzeichner der Friedensverträge von
1996. Er wird aber auch mit Massakern während der Kriegsjahre in Verbindung
gebracht. Politisch verspricht er vor allem ein Vorgehen „mit harter Hand“
gegen das Verbrechen. Damit meint er aber vor allem Kleinkriminelle und
Jugendbanden; Korruption, Straflosigkeit und Übernahme des Staatsapparates
durch die Organisierte Kriminalität gehören nicht zu seinen Themen. Im
Gegenteil: BeobachterInnen befürchten einen schleichenden Abbau der Arbeit
von CICIG nach seinem möglichen Wahlsieg. Nach außen gibt sich der
Ex-General indes als ein Mann der Zivilgesellschaft mit liberalem Antlitz.
Sein Herausforderer im zweiten Wahlgang, Manuel Baldizón, ist Kandidat der
prinzipienlosen UNE-Abspaltung LIDER. Der Politiker fällt vor allem durch
seinen übertriebenen Rhetorikstil und das Fehlen einer klaren politischen
Positionierung auf. Er setzt sich indes für die Wiedereinführung der
Todesstrafe ein und verspricht allen ArbeitnehmerInnen ein zusätzliches
Jahresgehalt. Er stammt aus der Region Petén und wird mit dortigen dunklen
Geschäften und der Organisierten Kriminalität in Verbindung gebracht.
Auf Platz Drei landete mit 16,38 Prozent Eduardo Suger. Als Informatiker
stand der aus der Schweiz stammende Zivilist dem Terrorregime durch die
Entwicklung von Computertechnik zur Aufstandsbekämpfung zur Seite. Das
Symbol seiner Partei CREO ist in einer Abwandlung der deutschen
Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold gehalten und der stilisierte Händedruck im
Wappen lässt sich unschwer als abgewandelter „Hitlergruß“ interpretieren.
Dazu passt dann auch seine Vorstellung von „Volksgemeinschaft“: In einer
TV-Debatte schlug er vor, dass die Parlamentsabgeordneten nach der Wahl
allesamt aus ihren Parteien austreten sollten, um so nur der „nationalen
Sache“ verpflichtet zu sein. Auch wenn seine Anhänger sicher für den
Ex-General Pérez Molina stimmen werden, gibt es immer noch Unbekannte im
Rechenspiel für den zweiten Wahlgang. Es ist nicht auszuschließen, dass UNE
und/oder GANA zur Wahl von Baldizón aufrufen, um „das Militär zurück an der
Macht“ zu verhindern. Diese Frage wird derzeit sogar innerhalb der linken
Frente Amplio diskutiert. Das ist sehr zweifelhaft, denn in vielen
politischen Fragen ist Baldizón sogar noch reaktionärer als der Ex-General
einzustufen.
Am 1. Mai 2011 hatten vier Parteien und mehr als 60 soziale Organisationen
ein neues, breites Wahlbündnis – die „breite Front“ Frente Amplio – der
Linken in Guatemala aus der Taufe gehoben. Nicht viel hätte gefehlt und die
drei Parteien, die das Bündnis trugen (die linken URNG und ANN sowie die
indigene WINAQ) hätten bei den Wahlen den Parteistatus verloren. Aber da am
Ende einer langen Wahlnacht dann doch noch der WINAQ-Politiker Amilcar Pop
über die landesweite Liste ein Abgeordnetenmandat erringen konnte, kommt die
Frente Amplio nun auf drei. Damit behalten die Parteien ihren Status. Als
weitere Abgeordnete ziehen die URNG-Politiker Carlos Enrique Mejía
(Wahlliste San Marcos) und Walter Felix (Wahlliste Huehuetenango) in das
Parlament ein. Landesweit gewannen in nur vier von 333 Gemeinden linke
KandidatInnen die BürgermeisterInnenwahl, zudem wird das Bündnis einen
Abgeordneten in das zentralamerikanische Parlament entsenden.
Von den Massenmedien war die einzig linke Wahlalternative unter den
zahlreichen Parteien weitgehend ignoriert worden. Das Ergebnis von 3,3
Prozent für Rigoberta Menchú spiegelt die Anstrengungen der
parlamentarischen Linken in diesem Jahr bei weitem nicht wider.
Die Kandidatur der Frente Amplio beinhaltet indes wichtige Faktoren für die
fortschrittlichen Kräfte in Guatemala.
1. Die Kandidatur der indigenen Partei WINAQ
In jahrelanger Basisarbeit ist es der indigenen Organisation WINAQ und ihrer
Gründerin Rigoberta Menchú gelungen, die notwendigen Voraussetzungen für die
Einschreibung als Partei herbeizuführen. Nach Angaben von Menchú verfügt die
Partei über mehr als 75 000 Mitglieder. Historisch ist aber alleine schon
die Kandidatur von Bedeutung, denn es war das erste Mal in der Geschichte
Guatemalas, dass eine indigene Partei bei Wahlen antritt.
2. Umstritten ist indes die Politikerin Rigoberta Menchú. Die Kampagne für
ihren Friedensnobelpreis, den sie 1992 erhielt, wurde vor allem von der
damaligen Befreiungsarmee URNG geführt. Nach dem Erhalt der prestige- und
finanzträchtigen Auszeichnung kehrte sie URNG und sozialen Organisationen
den Rücken. Während und nach ihrer Zeit als UN-Beauftragte für die Rechte
indigener Völker ging sie Allianzen mit der Rechten ein, z.B. Mexikos
Präsident Salinas, und 2007 kandidierte sie für die bürgerliche Partei
Encuentro por Guatemala. Zudem arbeitete sie mit dem unternehmerfreundlichen
Präsidenten Oscar Berger zusammen. Innerhalb der Linken gibt es deshalb
viele, für die Menchú keine wählbare Alternative darstellt, auch wenn sie
ihre Wendung nach rechts mittlerweile korrigiert hat und diese heute als
Fehler bezeichnet. In ihrem Selbstverständnis als Partei stellt sich WINAQ
außerhalb des Links-Rechts-Schemas, da dieses nicht der Cosmovision der
Mayas entspreche. Ihre natürlichen Verbündeten sieht aber in den
fortschrittlichen, linken Kräften, welche sich die Überwindung des Rassismus
auf die Fahnen geschrieben haben.
3. Getragen wird das Bündnis Frente Amplio neben WINAQ von der
traditionellen Partei der Linken, der URNG. Die „Nationale revolutionäre
Einheit Guatemals“ ging 1996 aus dem 1986 gegründeten gleichnamigen
Dachverband der Guerilla hervor. Bei den Wahlen im Jahr 2007 war die
URNG-Abspaltung ANN (Neue Nationale Allianz) eigenständig angetreten.
Inhaltlich hatte sie sich in der Nähe der UNE von Alvaro Colom positioniert
und vertrat eine kritische Unterstützung seiner Präsidentschaft, was die
URNG zurückwies. Beide Parteien errangen ein einziges Parlamentsmandat und
entgingen so nur knapp dem Entzug des Parteienstatus. In Gründung befindet
sich die Partei MNR (Bewegung Neue Republik), deren Vorsitzender Anibal
García als Vizepräsident für die Frente Amplio antritt. García errang bei
den vergangenen Wahlen einen Parlamentssitz für Encuentro por Guatemala
(2007 mit Nineth Montenegro und Rigoberta Menchú als Spitzenkandidatinnen).
Im Parlament fiel der agile Anwalt durch detailliert ausgearbeitete
Gesetzesinitiativen auf, zeigte sich von seiner konservativen Fraktion aber
enttäuscht. Mit einer Gruppe vor allem jugendlicher Mitstreiter verschrieb
er sich einem links-sozialdemokratischen Kurs und gründete die MNR.
Auch konnte die Kandidatur nicht auf die Unterstützung wirklich aller
fortschrittlichen Kräfte in Guatemala zählen. Außer der Frente Nacional de
la lucha (FNL) hatten viele Basisgruppen, zum Beispiel einige feministische
aus dem Zusammenhang Sector de Mujeres, beschlossen, eine Kampagne zur
Abgabe ungültiger Stimmen durchzuführen. Rund 12 Prozent der Wählenden
stimmten ungültig.
Ein wichtiger Schritt für den Aufbau einer solchen neuen Formation der
guatemaltekischen Linken ist die Präsentation eines gemeinsamen
Regierungsprogramms. Dieses wurde indes von SpezialistInnen geschrieben und
es fehlt ein breit angelegter, demokratischer Diskussionsprozess um das
Dokument, welcher nicht nur die Parteibasis, sondern auch die
Zivilgesellschaft einbezieht. Durch eine solche breite Debatte könnte die
„Front“ auch für Schichten interessant werden, die sich von den
traditionellen Parteien abgewendet haben; und derer gibt es viele in
Guatemala.
In ihrem „Regierungsprogramm“ bezog sich Frente Amplio auf die
Vereinbarungen vom Friedensschluss 1996 und fordert die Umsetzung der
ausstehenden Reformen; vom Rassismus distanziert es sich klar. Zugleich
greift es drängende Probleme wie die Bekämpfung von Straflosigkeit und
Organisierter Kriminalität auf. Dafür setzt das Programm neben einer
Stärkung der rechtsstaatlichen Institutionen aber auch auf eine Aufrüstung
und Spezialisierung von Polizei und Militär; ein aus linker Sicht im besten
Falle fragwürdiger Ansatz.
Selbst ein Bein gestellt haben sich die Kräfte der Frente Amplio bei ihren
Kommunalkandidaturen: In ihrem Diskurs betonen die verschiedenen linken
Kräfte in Guatemala stets, dass der Weg an die politische Macht über den
Aufbau einer soliden Basis in Gemeinden und Munizipien gehe. Aber genau
hier, wo Wahlerfolge realistischer erscheinen als auf nationaler Ebene, hat
das Bündnis versagt. Die gemeinsame Kandidatur beschränkt sich auf die
Präsidentschaftskandidatin, das nationale und das zentralamerikanische
Parlament. In vielen Munizipien traten Kandidierende der Bündnisparteien
gegeneinander an. In totalen Stimmen konnte die Linke leicht zulegen. Gut
145 000 WählerInnen stimmten für die Präsidentschaftskandidatin der Frente
Amplio. Bei den Wahlen 2007 errangen URNG und ANN mit ihren getrennten
Kandidaturen knapp 86 000 Stimmen.
Achtungserfolge erzielt das Bündnis mit sieben, acht und 9,5 Prozent in den
Provinzen Sololá, Huehuetenango und San Marcos. Pérez Molina holte indes in
dem vom Bürgerkrieg stark betroffenen Quiché über 40 Prozent der Stimmen,
obwohl die Indigenen hier eine übergroße Bevölkerungsmehrheit darstellen.
Das Ergebnis kommentierte Anibal García, scheidender Abgeordneter und
Kandidat der Frente für die Vizepräsidentschaft wie folgt: „Sehr
bedauernswert, aber keine Niederlage, sondern ein Aufruf zur Reflexion über
die Notwendigkeit über eine grundlegende Reform des politischen Systems.“
Torge Löding leitet das Auslandsbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in
Mexiko-Stadt und betreut neben Mexiko auch die Länder Zentralamerikas und
Kuba |