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Die dunkelhäutige Helena Rossi aus Sao Paulo hatte sich das Studium an der Privatuni regelrecht vom Munde abgespart, war schließlich aus der Unterschicht und saß dann im Kurs unter lauter Weißen aus der Mittelklasse. Die lachten sie jedesmal aus, weil sie Examensarbeiten jeder Art, und auch die Diplomarbeit selber schrieb. Denn die Mittelschichtler machten sich die Mühe nicht, beauftragten die Büros der landesweit operierenden Betrugsindustrie, solche Arbeiten anzufertigen. Und waren sicher, daß der jeweilige Professor womöglich den Betrug bemerken, aber nicht aufmucken würde. Nach dem Abschluß der Privatuni landeten alle weißen Kollegen dank guter Beziehungen in ordentlichen Jobs, nicht selten gar im Staatsdienst, Helena Rossi mußte sich schon dank ihrer Hautfarbe mit einem minderbezahlten Posten begnügen. Und sich damit abfinden, daß weiße Absolventen dieser Art auf der Karriereleiter immer wieder an ihr vorbeizogen. Letztlich fatal für die zehntgrößte Wirtschaftsnation, die von vielen hausgemachten Problemen tief gezeichnet ist. --Ethisch-moralische Krise—
Brasilien
ist nicht nur das größte Land Lateinamerikas, sondern gemäß neuesten
Studien auch das korrupteste – in der Öffentlichkeit, in den Medien
wird die tiefe ethisch-moralische Krise alle Tage heftig beklagt. Sie hat
indessen auch die Universitäten und Hochschulen heimgesucht. Ein Großteil
der Studenten fertigt akademische Arbeiten, sogar Dissertationen, nicht
selbst an, sondern kauft sie skrupellos bei einer regelrechten Industrie,
der „Industria de Trabalhos Academicos“, die sich auf dieses
profitable Produkt spezialisiert hat. Die öffentlichen Universitäten
kämpfen gegen die Plage an, die Privatunis drücken gewöhnlich beide
Augen zu. Bildungsexperten sehen in gekauften, erschlichenen Abschlüssen
eine Gefahr für die Entwicklung der Nation. Unternehmen, Institutionen,
die Arbeitskräfte suchen, müssen notgedrungen in aufwendigen, teuren Prüfungsverfahren
die Spreu vom Weizen trennen, da man Höchstnoten, scheinbar
ausgezeichneten Abschlüssen nicht trauen kann.
--An Privatunis wird am meisten betrogen—
In
Brasilien besuchen nur dreißig Prozent der Studenten öffentliche
Universitäten und Hochschulen, doch siebzig Prozent studieren an privaten
– vor etwa zehn Jahren war das Verhältnis noch genau umgekehrt. Über
vier Millionen sind derzeit immatrikuliert. Es dominiert Massenbetrieb.
“Der
Anteil der Studenten, die betrügen, sich Arbeiten anfertigen lassen, ist
erschreckend hoch – am höchsten an den Privatunis. Dort sind es mit
Sicherheit über fünfzig Prozent aller Studierenden. Die Professoren müßten
das verhindern. Doch sie sind nachsichtig – und wissen, daß das falsch
ist. Doch würden sie eingreifen, den Betrug stoppen, machten sie sich
unbeliebt, würden die Studenten deren Entlassung durchsetzen. Die
Professoren, Dozenten haben nur Zeitverträge, sind in ein perverses
System eingebunden, von der Akzeptanz durch die Studenten abhängig. Die
Studenten haben ja bezahlt, wollen rasch ihre Abschlüsse. Und die
Privatunis sind nur an Gewinn, nicht an Qualität interessiert. Das
Bildungsministerium kommt seiner Kontrollfunktion nicht nach. Alles sehr
schlecht für die Qualifikation der brasilianischen Arbeitskräfte, für
die akademische Ausbildung. Sie ist ein Gigant auf tönernen Füßen.
Dieses System ist nicht in der Lage, das Profil der Arbeitskräfte
Brasiliens radikal zu verbessern – wie es nötig wäre. “ --Konfessionelle Unis passen auf—
Brasiliens
angesehene katholische Universitäten, aber auch andere konfessionelle, zählen
zwar zu den Privatunis, arbeiten indessen laut Statut lediglich
kostendeckend. Sie setzen auf Qualität und haben deshalb sogar
Untersuchungskommissionen gegen studentischen Betrug installiert. An der
Katholischen Uni (PUC) von Sao Paulo zählt Professorin Anna Cintra zum
Direktorium und wurde notgedrungen zur Detektivin. “Natürlich fahnde
ich auch per Google im Internet, entdecke kopierte Abschnitte, kopierte
Arbeiten. Noch unlängst kamen Sonderbusse mit Studenten von Hochschulen
des Hinterlandes, die in unserer Bibliothek massenhaft Abschlußarbeiten
ausliehen, sofort kopierten und dann unter eigenem Namen einreichten. Wir
– und auch die Bundesuniversität – geben deshalb solche Arbeiten
nicht mehr heraus. Unsere eigenen Studenten begleiten wir intensiv und spüren
daher, wenn etwas nicht stimmt. Ich sagte schon einer Studentin auf den
Kopf zu: Das hast du nicht geschrieben! Sie gab es zu. Glücklicherweise
sind solche Fälle bei uns nicht häufig. Ich bin für strenges Vorgehen
gegen solche Studenten, denn solcher Betrug ist gravierend. Es handelt
sich um Erwachsene, die wissen, was sie tun. Lassen wir derartiges zu,
schaffen wir einen gefährlichen Präzedenzfall in einem so schwierigen
Land wie Brasilien. Anzeigen der Betrugsindustrie sah ich hier in der PUC
noch nie. “ |