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Direkt von Brasiliens Stadtkriegsfront
Romanautor Ferrèz aus Sao Paulos
Slumregion Capao Redondo
von Klaus Hart
Der Irak und der Libanon sind täglich wegen der vielen unschuldigen
Gewaltopfer in den Schlagzeilen – Brasilien nicht. Obwohl in dem
Tropenland jährlich weit mehr Menschen umkommen als im Irakkrieg und die
Folter alltäglich ist. Ein bekannter brasilianischer Samba heißt „O
Iraque è aqui“, der Irak ist hier. Ferrèz, dreißig, mit bürgerlichem
Namen Reginaldo Ferreira da Silva, wurde unfreiwillig zum
Frontberichterstatter im brasilianischen Stadtkrieg, Guerra urbana, weil
er als einziger Romanautor an der von extremer Gewalt geprägten
Slumperipherie der Megacity Sao Paulo lebt. Ferrez, dessen Bücher bei
einem angesehenen brasilianischen Verlag erscheinen, bereits ins
Französische, Spanische und Italienische übersetzt wurden, erhält wegen
seines literarischen und politischen
Engagements derzeit Morddrohungen, war noch nie so in Lebensgefahr. In den
Slums ist Bücherlesen Luxus, die meisten Bewohner sind zudem funktionelle
Analphabeten. Ferrèz wurde deshalb auch zum Rapper, ist in den Ghettos
dadurch bekannter als durch seine Bücher.
Vom Goetheinstitut Sao Paulos bis zum Slumviertel Capao Redondo sind es
mit den entsetzlich lauten, überfüllten Vorstadtbussen etwa drei
Stunden. Aber wer in Brasilien nicht Bus fährt, sagt ein bekannter
Schriftsteller, weiß nichts vom wirklichen Leben. In Capao Redondo hausen
eine Million Menschen, darunter Ferrèz. Seit Mai führt das größte
brasilianische Verbrechersyndikat PCC, Erstes Kommando der Hauptstadt,
eine nicht endende Serie von Terroranschlägen gegen den Staat, erschießt
an der Peripherie täglich Polizisten, Gefängniswärter und deren
Angehörige - Ferrèz liefert als einziger fundierte Berichte von der
Front: In seinen Büchern, seiner Zeitschrift, seinem Blog analysiert er
Gewalt und Gegengewalt, die Rachefeldzüge der Polizei. Bisher wurden weit
über sechshundert Tote gezählt, die meisten in Capao Redondo.
--Krieg in den Slums, Panik in den Nobelvierteln—
Wir reden am Kaffeestand, im Krach einer vollen Bäckerei miteinander,
hier fühlt sich Ferrèz sicher. “Für mich ist das hier schon immer wie
im Krieg. Doch die Eliten haben es erst jetzt, in diesen Tagen, wegen der
Attentatswelle gespürt. Da haben sie in ihren Nobelvierteln die Panik
gekriegt, sich verbarrikadiert und versteckt. Nur – so leben wir doch
schon jahrelang. Durch Morde habe ich über zwanzig meiner Freunde
verloren, das ist normal hier. Man tötet wahllos, wegen Banalitäten. Als
ich mal in Spanien war, redeten die Leute, die Medien drei Wochen von
einer ertrunkenen Frau. Ich dachte anfangs, ertrinkt hier jeden Tag eine?
Bis ich mitbekam, es ist immer die selbe. Dort schockt die Leute noch der
Tod. Hier redet man nicht mal mehr von den Toten, weil es zu viele sind.
Wenn ich auf der Straße gehe, den Falschen treffe, killt der mich. Und
wenn ich mal mit einem Verkäufer diskutieren würde, wäre möglich, daß
der den Revolver zieht und mich erschießt, obwohl du neben mir stehst.
Kürzlich rede ich mit vier Bekannten auf der Straße. Als ich gerade weg
bin, kommt ein Killerkommando, erschießt die vier. Wäre ich noch da
gewesen, hätten sie mich mit erschossen. Dazu kann man doch nicht
schweigen. Capao Redondo – das ist wie ein Extra-Land, es ist dieses
Brasilien, das in Deutschland und anderswo gewöhnlich nicht wahrgenommen
wird. Dort denkt man bei Brasilien meist nur an Exotismus, Mulatinnen,
Tropenwälder. Das hier ist völlig anders.“
Als Ferrèz mit seinen Blog-Frontberichten beginnt, stellen Brasiliens
Medien die Sache noch so dar, als ob die Polizei lediglich auf die
PCC-Attacken reagiert, die gefährlichsten Verbrecher bekämpft. Doch
Ferrèz beobachtet, daß es meistens Unschuldige trifft, damit Haß und
Gewalt in der Gesellschaft weiter geschürt werden. “Ich mache den
Versuch, der herrschenden Elitemeinung etwas entgegenzustellen. Denn die
Eliten stimulieren ja das Morden, die Vorurteile gegen Slumbewohner.
Vierzig Prozent der Getöteten hier waren junge Pizza-Austräger, die
nachts mit ihren Motorrädern zu den Kunden fahren. Die Polizei feuerte
einfach auf Leute, die gerade auf der Straße waren. Niemand prangerte das
an, niemand sprach darüber, das hat mich beeindruckt. Und ich sagte mir,
dann muß ich es eben tun. Also habe ich den Mund aufgemacht, und das
hatte Wirkung. Die Polizei wurde angewiesen, vorsichtiger, weniger brutal
vorzugehen. Man sagte den Beamten, Vorsicht, da gibt es jetzt welche, die
darüber berichten. Doch mich bedrohen sie mit Mord.“
Ferrez, der früher Besenverkäufer und Bauhilfsarbeiter war, hat sich
deshalb eine Weile versteckt, geht jetzt nachts nicht mehr aus dem Haus.
Er wirkt fatalistisch, ohne Angst vor dem Tod. “Ich lebe mit Mord und
Tod seit meiner Kindheit. Als ich acht war, sagte mein Vater, vor unserm
Haus liegt ein Erschossener. Da bin ich hin und habe mir den genau
angesehen. Unglücklicherweise haben wir uns hier an die Gewalt gewöhnt.
Klar, ich hoffe, daß mir nichts passiert, aber ich mache mir um den Tod
auch keine Sorgen. Denn ehrlich gesagt, ich habe doch alles erreicht, was
ich wollte. Ich habe ein Buch geschrieben, das sich verkauft, ich habe
meiner Mutter, meiner Frau ein besseres Leben schaffen können. Jetzt habe
ich keine Träume mehr, ich bin hoffnungslos, weil sich diese Realität
hier nicht bessert, nur alles schlechter wird im Viertel. Ich sehe keine
Ehrlichkeit, keinen guten Willen bei den brasilianischen Politikern, den
Eliten, nicht mal in unserm Volk. Schau den Leuten ins Gesicht, da siehst
du Traurigkeit. Sie engagieren sich nicht, ergeben sich dem
Zuckerrohrschnaps, sind mutlos. Hier laufen nur Körper rum, haufenweise,
ohne Richtung, Orientierung. Da ist es schwierig, etwas zu erreichen. Gut,
andererseits kämpfe ich ja jeden Tag. Tagsüber würde mir die Polizei
nichts tun, da gäbe es zu viele Zeugen. Außerdem gibt es Polizisten, die
sehen die Lage wie ich. Aber nachts gehe ich nicht raus, oder übernachte
dort, wo ich grade bin.“
--Lula und die Slums—
In Deutschland denken viele, Staatschef Lula macht progressive Politik,
auch für einen wie dich, für die Leute im Slum. Lula spricht doch jeden
Tag in der Wiederwahlkampagne von Riesenerfolgen?
„Die Lula-Regierung ist weniger schlecht als die vorangegangene, ist das
kleinere Übel. Aber was hat sich denn seit Lulas Amtsantritt getan? Es
gibt nicht mehr Arbeit. Daß sich für die Slumperipherie was verbesserte,
ist einfach nicht wahr. Für die Unternehmer sieht die Sache natürlich
ganz anders aus.“
Drei Viertel der 185 Millionen Brasilianer, so sagen neue Studien, sind
nicht in der Lage, einen einfachen Zeitungs-oder Buchtext zu lesen und zu
verstehen. Das vereinfacht die Manipulierung der Pflichtwähler kolossal,
dient Neopopulisten wie dem Staatschef ungemein. (Wer nicht wählt, kriegt
auch unter Lula keine Arbeit im öffentlichen Dienst, keinen Reisepaß
etc.- wie wäre das in Deutschland?)
Aber wer sind dann die Leser von Ferrèz? Sein Buch „Capao Pecado“
produzierte er selber, zog fünfzig Kopien, verteilte es unter Freunden
und Bekannten des Viertels. Manche von denen arbeiten für die Mittel-und
Oberschicht als Hausdiener, Wächter, zeigten es den Arbeitgebern. Manche
bestellten „Capao Pecado“ daraufhin bei Ferrèz, der die Bücher
persönlich zu deren Villen brachte, sie dort den bewaffneten Wächtern
übergab, die Besteller nicht zu Gesicht bekam.
“Ja, so lief es – die Peripherie hat das Buch den Betuchten gezeigt,
jetzt ist es bei einem Verlag in der fünften Auflage. Das System hatte
für mich nichts vorgesehen, also habe ich mich auf meine Weise
organisiert, mache meine Literatur. Als ich in einer Bäckerei arbeitet,
habe ich nebenher was auf Zettel gekritzelt, daraus dann zuhause eine
Geschichte montiert. Das lesen jetzt sogar Leute aus der Upperclass.
Manche von denen sagen mir, Puta, du hast Recht, die Oberschicht ist
idiotisch, die will sich nicht ändern. Dreihundert Familien besitzen
achtzig Prozent allen Einkommens, allen Geldes – wir kriegen nur den
allerletzten Rest. Ja, unsere Eliten handeln selbstmörderisch, suchen
sich in ihren Privilegiertenghettos abzuschotten, langfristig planen die
ihren eigenen Tod. Das kann hier alles mal explodieren. Den Aufstand
dieses Verbrechersyndikats, das sich immer besser in den Slums
organisiert, konnten sie nicht verhindern – auf einen Schlag hundert
tote Polizisten, brennende Banken und Staatsgebäude. Morgen könnten sich
viele das als Beispiel nehmen, es intelligenter anstellen, eine
revolutionäre Organisation schaffen. Und wenn es dann losbricht, kann es
keiner aufhalten. Dann werden die Eliten wieder mit Gewalt antworten. Die
jungen Menschen hier haben doch keinerlei Perspektiven. Frag hier mal ein
Kind, was willst du denn werden? Da lacht es dich aus, sagt, ich will
nichts werden, wie sollte ich denn? Mein Bruder ist 18, kann nicht mal
richtig lesen – die öffentlichen Schulen formen doch nur funktionelle
Analphabeten.“
--Rap, Chico Cesar, Arnaldo Antunes, Paulo Lins—
Daher ist Rap an der Peripherie wichtiger als das Buch, um die Bewohner zu
erreichen. In Capao Redondo kennt man Ferrèz mehr wegen seiner
Rap-Konzerte, der Rap-CD „Determinaçao“, auf der er mit Chico Cesar
und Arnaldo Antunes zu hören ist. Beide suchten Kontakt zu Ferrèz,
wollten von ihm Texte, wollten mit ihm auftreten.
Ferrèz ist inzwischen mit dem Schwarzen Paulo Lins aus Rio de Janeiro
befreundet. Lins schrieb den Slum-Roman „Cidade de Deus“, Gottesstadt.
Der wurde verfilmt – war auch in Deutschland als „City of God“ ein
Erfolg, zeigte das andere Brasilien – und auch die Lächerlichkeit so
vieler Brasilienklischees von Traumstränden, Karneval und Lebenslust. Die
Produzenten von „City of God“ werden jetzt das neue Buch von Ferrèz
verfilmen – „Manual pratico do Odio“, praktische Anleitung zum Haß.
„Das Leben ist hart an der Peripherie. Die Leute lieben und hassen in
gleichem Maß.“
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