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Der wegen seines jahrzehntelangen Einsatzes gegen Hunger und Misere hochgeachtete brasilianische Bischof Mauro Morelli hat sich auf differenzierte Weise klar für eine Wiederwahl von Staatspräsidenten Luis Inacio Lula da Silva ausgesprochen. Morelli erklärte in Sao Paulo, falls Lulas Herausforderer Geraldo Alckmin in der bevorstehenden Stichwahl siegen würde, seien Rückschritte bei der Verteidigung des Menschenrechts auf Nahrung zu befürchten. Lula dagegen könne in seiner zweiten Amtszeit eine gute Regierungsarbeit leisten, falls er das Volk beteilige sowie mit der notwendigen Courage und Bescheidenheit agiere. Morelli, der als Ernährungsexperte der nationalen Bischofskonferenz fungiert, äußerte zugleich heftige Kritik an der Lula-Regierung. Durch den Staatschef habe Brasiliens "Kampf gegen den Hunger" sogar außerhalb der Landesgrenzen regelrecht Berühmtheit erlangt. Doch gleichzeitig sei vom ersten Moment an deutlich geworden, daß der Staat sich nur für die Bürgerrechte von lediglich einem Viertel der Brasilianer engagiere. "Zwar werden große Reichtümer produziert, doch gleichzeitig verschärft sich die Umweltzerstörung, wächst die soziale Ausgrenzung, werden Misere und Hunger erzeugt." Die brasilianische Gesellschaft sei zunehmend gewalttätiger und zynischer. "Mich empört, daß die Autoritäten über den Gesundheits-und Ernährungszustand der Export-Rinder besser informiert sind als den des eigenen Volkes.
Das
Tropenland ist seit Jahren weltgrößter Exporteur von Rindfleisch, Solange die hoch lukrativen Ausfuhren weitergingen, betonte Bischof Morelli, könne man den Hunger in Brasilien nicht austilgen, werde es ebensowenig ein "gesundes, intelligentes, kreatives und lebensfrohes Volk geben". Falls der Analphabetismus nicht ausgemerzt werde, bleibe das Land weiter im Morast von Korruption und Elend. "Papst Johannes Paul der Zweite hat uns stets gewarnt, daß der Analphabet fast immer wirtschaftlich und politisch ausgebeutet werde! Die Paläste der Regierenden strotzten normalerweise vor Arroganz, Mittelmäßigkeit, Kleinlich-und Schäbigkeit, Gemeinheiten, Intrigen und Korruption. Bislang ist Morelli der einzige brasilianische Bischof, der bei aller Kritik eine Wahlaussage zugunsten Staatschef Lulas getroffen hat. Die beiden bekannten Befreiungstheologen Frei Betto und Leonardo Boff argumentierten ähnlich. Der deutschstämmige Generalsekretär der Bischofskonferenz, Odilo Scherer, appellierte an die Brasilianer, vor der Stichwahl vom 29. Oktober die beiden Präsidentschaftskandidaten nach wichtigen Kriterien zu prüfen:"Mit welchen Maßnahmen soll eine echte Einkommensverteilung erfolgen, um die abgrundtiefe Distanz zwischen Reichen und Armen in Brasilien zu verringern? Welche Sozialpolitik ist vorgesehen, damit die Masse der Armen nicht nur Krümel vom Kuchen abbekommt, sondern wirkliche Teilhabe am Wohlstand hat? Scherer nannte positiv für Brasilien, daß es eine Stichwahl geben werde.
Beim
letzten großen Wahlkampfmeeting in Sao Bernardo bei Sao Paulo hatte
Lula wenige Tage vor dem Urnengang vom 1. Oktober seinen Anhängern
einzureden versucht, die Wiederwahl selbstverständlich schon im ersten
Durchgang zu schaffen. Doch die Stimmung im Lande war längst für
jedermann spürbar gekippt, wie auch Meinungsumfragen
sowie Analysen nationaler Politikexperten zeigten. Deshalb war keinerlei
Überraschung, daß Lula sein Ziel verfehlte und sich nun einer
Stichwahl stellen muß. Von den rund 126 Millionen Pflichtwählern
Brasiliens hatten gerade 46,6 Millionen für Lula votiert, also nur 37
Prozent aller Stimmberechtigten. Laut Odilo Scherer bekam
Lula die Quittung für zwielichtige Machtausübung und eine keineswegs
progressive Politik: “Staatspräsident Lula wird oft als links
eingestuft – doch in der Wirtschafts-und Sozialpolitik fährt er einen
Mitte-Rechts-Kurs. Lula und seine Arbeiterpartei griffen in den vier
Amtsjahren zu unethischen Methoden, haben in puncto Glaubwürdigkeit und
Ehrlichkeit viele Probleme – und das haben die Wähler an den Urnen
mit ihrem Votum ausgedrückt. Noch kurz vor den Wahlen wurde ein neuer
Schmiergeldskandal bekannt, in den enge Mitarbeiter Lulas aus der Spitze
seiner Arbeiterpartei verwickelt sind. Und daß Lula einfach nicht an
der Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten teilnahm, hat ihm mit
Sicherheit ebenfalls viele Wählerstimmen gekostet.“ |