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Brasiliens Regierungen haben bisher mit falschen, geschönten Zahlen das wahre Ausmaß der Regenwaldzerstörung stets heruntergespielt - für Greenpeace, den WWF und befreiungstheologisch orientierte Amazonasbischöfe wie den Österreicher Erwin Kräutler seit Jahrzehnten ein alter Hut. Doch auch in Deutschland nahm man die offiziellen Abholzungsdaten aus Brasilia gewöhnlich für bare Münze, hörte nicht auf die wahren Urwaldkenner. Jetzt wird deren permanente Kritik an der Regierungspropaganda erstmals durch eine Studie nordamerikanischer und brasilianischer Wissenschaftler bestätigt, die kurioserweise in Europa Überraschung hervorruft, ein auffälliges Echo findet. Denn auch dank Mediensteuerung nimmt der Informationsgrad des Durchschnittsbürgers über Drittweltländer wie Brasilien seit den neunziger Jahren spürbar ab - die direkt lächerlichen Vorschußlorbeeren auch aus Berlin für den durch teure PR-Kampagnen zum „Hoffnungsträger“ aufgebauten Staatschef Lula zeigten die Mechanismen. Gemäß der neuen Öko-Studie wurde etwa doppelt soviel Wald vernichtet als bisher immer vermeldet. Denn die Überwachungssatelliten registrierten nur Flächen, auf denen kein Baum mehr steht, nicht aber die selektiven Abholzungen. Diese ließen sich nun durch präzisere Auswertung von Satellitenfotos erstmals quantifizieren. Stupide Fäll-und Transporttechnik
Kahlschläge fallen selbst in den Weiten Amazoniens leichter auf, könnten zu Ärger mit den Umweltbehörden führen. Deshalb verlegten sich die Holzfirmen seit den Neunzigern auf den illegalen „Corte seletivo“ – auch Bischof Kräutler im Amazonas-Teilstaat Parà hat die stupide
Fäll- und Transportmethode immer wieder als Umweltverbrechen angeprangert. „Besorgniserregend ist, daß man dabei sogar Sklavenarbeiter rücksichtslos ausbeutet.“ Mitteleuropäischen Holzfällern läßt das Vorgehen ihrer brasilianischen Kollegen die Haare zu Berge stehen: Diese arbeiten theoretisch zwar auf der Basis ähnlicher Gesetze und Vorschriften sowie mit Motorsägen derselben weltbekannten Marken, scheinen indessen am wundervollen, majestätischen, noch überaus artenreichen Urwald eine perverse Form von Zerstörungswut auszulassen. Lula und Cardoso
Brasiliens rechtssozialdemokratischer Staatschef Lula setzt, wie es aussieht, nicht nur die neoliberale Wirtschaftspolitik seines ebenso rechtssozialdemokratischen Vorgängers Fernando Henrique Cardoso fort, sondern auch dessen Umweltpolitik. Im Jahre 1500 wurde das heutige Brasilien entdeckt - damals fackelte man zuerst die ausgedehnten Atlantikwälder ab, von denen heute gerade noch ganze drei Prozent stehen. Dann war das Hinterland dran – und schließlich Amazonien. Agrarwissenschaftler des Tropenlandes von der 24-fachen Größe Deutschlands argumentieren seit Jahrzehnten immer eindringlicher, daß die archaische Methode der Brandrodungen, der Queimadas, nicht nur Natur, sondern auch die Bodenfruchtbarkeit zerstört. Die Humusschicht ist sehr dünn, wird zudem durch die heftigen Tropen-Regenfälle rasch abgetragen. „Bereits der erste Guß nach dem Feuer nimmt einen Großteil der Nährstoffe mit“, betont Paulo Torres Fenner, Queimada-Fachmann aus Sao Paulo. Klimaveränderungen, Epidemien, krebserzeugender Qualm
Wegen der Brandrodungen ändert sich auch das Klima, treten Krankheiten wie Malaria wieder epidemienartig auf. Denn krankheitsübertragende Insekten, die sich zuvor vom Blut bestimmter Waldtiere ernährten, greifen nach deren Verschwinden notgedrungen den Menschen an, verbreiten sich erstmals stark am Rande von Großstädten und neuen Siedlungen. In mehreren Teilstaaten kam es zu Tollwutepidemien, weil der Überträger, eine Fledermausart, aus demselben Grunde wie Insekten erstmals massiert Menschen attackiert. Aus all diesen Gründen nennen die Experten das alljährliche, mutwillige Feuerlegen stupide und verantwortungslos, Brasilien habe als große Wirtschaftsnation die Mittel, um eine adäquate, nachhaltige Nutzung des Bodens durchzusetzen, den sehr niedrigen Bildungsstand auch der Kleinbauern und Neusiedler zu heben. Doch Staatschef Fernando Henrique Cardoso, selbst Großgrundbesitzer, und seiner Mitte-Rechts-Regierung fehlte dafür jeglicher politische Wille, wie die alljährlichen Urwaldfeuer seit dem Amtsantritt von 1995 zeigten. Cardoso, immerhin Ehrendoktor der Freien Universität Berlin, ging als Rekordhalter bei der Amazonasvernichtung in die Geschichte ein. Die Urwaldfeuer hüllten schon in dessen achtjähriger Amtszeit Amazonasstädte in dichten, krebserzeugenden Qualm. „Zerstörerische Flammen der Dummheit“ Queimadas werden nicht erst seit heute von Umweltschützern und Agrarexperten als „irrational und stupide“ gebrandmarkt. Das taten sogar Vorkämpfer der Unabhängigkeit Brasiliens wie Josè Bonifacio, Freund Alexander von Humboldts, seit 1780. Das Entstehen von regelrechten Steppen und Wüsten – siehe Parà und der Nordosten – wurde ebenso vorhergesagt wie extrem negative Klimaveränderungen, besonders fehlender Regen. Bonifacio sprach von „zerstörerischen Flammen der Dummheit“ – sie wüten bis heute. Ausgesprochen überlebenswichtige Ratschläge von Padre Cicero, des verehrten Wunderheilers und nordöstlichen Regionalpropheten, wurden ebenfalls konsequent in den Wind geschlagen. Der längst verstorbene messianische Volksprediger aus Juazeiro do Norte hatte bereits in den Zwanzigern permanent gefordert, Wald und Buschwerk weder zu fällen noch abzubrennen, systematisch aufzuforsten, Rinder und Ziegen nicht frei in der Landschaft weiden zu lassen. Andernfalls werde sich die Region zum Schaden aller in eine Wüste verwandeln. Der Padre hatte recht – doch die Mentalidade predatoria, Zerstörungsmentalität herrscht weiter ungebrochen – mit den bekannten sozialen Folgen. Trittin, Fischer & Co. schwiegen – Wirtschaftsinteressen haben absoluten Vorrang
In der vernetzten Welt von heute hätten die grünen Minister Jürgen Trittin und Joseph Fischer während ihrer Amtszeit reichlich Grund für heftige Kritik an den brasilianischen Mitte-Rechts-Regierungen von Cardoso und Lula gehabt, da die tolerierten alljährlichen Großbrände immerhin das Pilotprojekt der G-7-Staaten zum Schutze der brasilianischen Regenwälder ad absurdum führen. Schließlich zerfällt da zu Asche, was angeblich geschützt werden soll. Über 250 Millionen Dollar öffentlicher Mittel flossen bereits nach Brasilia, Deutschland ist der Hauptgeldgeber, rühmt sich dessen immer wieder. Als ob es dem Berliner Ehrendoktor Cardoso an Mitteln gefehlt hätte. Pro Jahr verpulverte seine Regierung allein für Propaganda und Personenkult umgerechnet etwa eine Milliarde Mark – unter Lula läuft es ebenso. Auch deutsche Medienkonsumenten haben davon etwas: Selbst im hinterletzten kostenlosen Wochenblättchen Thüringens erschienen ganzseitige, letztlich vom brasilianischen Steuerzahler finanzierte Anzeigen, die Brasilien sogar als „Bioland“ preisen. Der unbedarfte Leser, zum Investieren auf brasilianischem Wachstumsmarkt eingeladen, ahnte nicht, daß dahinter Brasilias Propagandakompanie stand– jeder Hinweis darauf fehlt. Zitat:“Brasilien verfügt heute über einen sehr fortschrittlichen
Umweltschutz... Berliner FU-Pfeifen Natürlich ließen auch die Freie Universität Berlin und ihr Studentenverband auf den hehren Ehrendoktor, gegen dessen Menschenrechtspolitik andere Unis von Europa protestierten, absolut nichts kommen. Auf Anfrage hieß es, man habe auf die Anschuldigungen gegen Cardoso nicht reagiert. Was von Cardosos Umweltpolitik zu halten war, erläuterte Maria Cecilia Wey de Brito, Expertin der größten, angesehensten nationalen Naturschutzstiftung „SOS Mata Atlantica“, in Sao Paulo: „Nach wie vor domininiert die Vorstellung, daß Land nur dann etwas wert ist, wenn auf ihm kein Wald mehr steht. Und Feuer gilt nach wie vor als die billigste Art , den Wald zu beseitigen – trotz eventueller Strafen und Bußgelder. Daß solche Brände in allen brasilianischen Ökosystemen gelegt werden, ist für die Umwelt der Horror. Und nicht mal in den Nationalparks, Naturschutzgebieten gibt es eine moderne, technisierte Brandbekämpfung – obwohl darüber seit vielen Jahren diskutiert wird.“ Also nach wie vor Feuerklatschen und Spaten – statt Feuerlösch-LKW oder gar Löschflugzeuge. „Was in Brasilien fehlt, ist die Anwendung der Gesetze, nicht nur gegen Brandrodungen. Denn nicht einmal im relativ hochentwickelten Teilstaat Sao Paulo werden die Gesetze befolgt, greift also die Polizei ein, faßt und bestraft die Täter.“ „Perverse Strukturen“ Bei Umweltdelikten werden in Brasilien meist nur Bußgelder verhängt – doch nicht einmal fünf Prozent davon auch wirklich gezahlt. Gravierend für die renommierte Expertin Wey de Brito – der fehlende politische Wille:“Wenn die Regierung wirklich energischer, härter vorgehen wollte, könnte sie das durchaus – trotz unterentwickelter Strukturen, fehlenden Personals. Sie könnte beispielsweise die Streitkräfte einsetzen. Doch Brasiliens Strukturen aller Ebenen sind direkt pervers, ändern sich kaum. Beim CO2-Ausstoß stellt sich Brasilien stets sehr positiv dar, die offiziellen Daten sind sehr gut. Doch die Wirkung der Brandrodungen wird viel zu wenig berücksichtigt. Denn dann müßte man die Zahlen nach oben korrigieren.“ Brasiliens Umweltbewegung betont, daß seit dem Rio-Gipfel von 1992, in den acht Amtsjahren Cardosos sehr wenig, fast nichts geschah. „Zwar wurden Gesetze besser, wird mehr geforscht – doch in vielen Bereichen wird deutlich, daß es überhaupt keine Fortschritte gab, ganz im Gegenteil. Der Umweltschutz, alle entsprechenden Institutionen, Behörden sind noch schwach. Es bleibt bei der Politik, so zu tun, als ob die Umweltproblematik den Alltag, das Leben der Brasilianer nicht tangiert, nur Thema für ein ganz spezielles Publikum ist.“ |