Brasiliens Atomkraftpläne:
Neue AKW, Uranexport, Ausbildung
von
Nuklearfachleuten
Klaus Hart
Die Lula-Regierung sieht die Atomkraft international
wieder im Aufschwung und will davon profitieren - durch den Export
angereicherten Urans, die Montage von Atomreaktoren im Ausland. In
Brasilien stehen bereits zwei Atommeiler. Nun sollen ein von Siemens-KWU
begonnenes Atomkraftwerk fertig gebaut und vier weitere Meiler errichtet
werden. Die technologische Kooperation mit dem weltweit führenden
deutsch-französischen Atomkonzern Framatome wurde bereits intensiviert.
Entsprechende ausführliche Berichte der sich auf Regierungsquellen
berufenden Qualitätszeitung „O Globo“ sind von Brasilia nicht
dementiert worden, womöglich, um die Reaktion der öffentlichen Meinung
zu testen. Bereits lange vor den Präsidentschaftswahlen von 2002 war
bekannt, daß Lula und die Spitze der Arbeiterpartei PT die Nutzung der
Atomkraft keineswegs prinzipiell ablehnen. Und jetzt, nach rund zweijähriger
Amtszeit, fallen in der dreizehnten Wirtschaftsnation offenbar die ersten
Entscheidungen. Lulas Technologieminister Eduardo Campos von der
Sozialistischen Partei ging vor die Presse, erklärte die Phase des
Abwartens, Beobachtens, Sondierens für beendet. Brasiliens ziviles
Atomprogramm sei wieder aufgenommen worden, erlebe eine neue Konjunktur,
habe für die Regierung Priorität. “Brasilien braucht gut ausgebildete
Kernkraftfachleute, entsprechende technische Kapazitäten. Und die
bekommen wir nur, wenn wir unser Atomprogramm in allen Bereichen
fortsetzen.
Das Programm sah sieben
Atomkraftwerke vor – vier davon im Nordosten des Landes. Denn diese
Region litt am meisten unter unserer letzten Energiekrise – als vor drei
Jahren im ganzen Lande Strom fehlte.“
Und diese vier Atommeiler sollen in den nächsten
Jahren entstehen. Zwei davon bis 2010, mit einer Leistung von 1300
Megawatt, genau so viel wie das von Siemens-KWU errichtete Atomkraftwerk
Angra zwei des Biblis-Typs in einer Atlantikbucht bei Rio de Janeiro, das
seit vier Jahren Strom liefert. Inzwischen hat Siemens-KWU den
Kernenergiebereich mit dem staatlichen französischen Konzern Framatome
fusioniert – beide Unternehmen halten sich zu den neuen brasilianischen
Atomprojekten noch bedeckt. Doch das Technologieministerium erklärte auf
Anfrage, daß derzeit tatsächlich über neue Atomkraftwerke beraten
werde. Aber vorrangig gehe es um den Fertigbau
von Angra drei. Schließlich habe man dafür seit den achtziger Jahren
schon eine Menge Ausrüstungen gekauft.
Sie stammen von Siemens-KWU, sind abgesichert mit
Hermesbürgschaft und werden am Bauplatz in jener Atlantikbucht gleich
neben den Meilern Angra eins und zwei gelagert. Angra eins war vom
nordamerikanischen Unternehmen Westinghouse errichtet worden und braucht
eine Generalüberholung, Modernisierung. Dabei schlägt Brasilien derzeit
zwei Fliegen mit einer Klappe. Um künftig auch außerhalb des Landes
Atomreaktoren montieren zu können, kooperieren die brasilianischen
Staatsunternehmen Eletronuclear und Nuclep mit Framatome.
„Wenn Nuclep weiß, wie Atomreaktoren errichtet
werden, kann es dann natürlich auf diesem Markt mitkonkurrieren“, hieß
es aus dem Technologieministerium.
Der Atom-und Windkraftkonzern Siemens
sowie die Bundesregierung halten sich bei der nuklearen Zusammenarbeit mit Brasilien strikt an das von Helmut
Schmidt 1975 mit den Generälen der Militärdiktatur geschlossene
Atomabkommen, außerdem an den Atomwaffensperrvertrag. So hatte Rot-Grün
auf der New Yorker Überprüfungskonferenz dieses Vertrags , ohne durchaus
mögliche Gegenvoten Joseph Fischers, folgenden Text des Abschlußdokuments
unterzeichnet: “Die Konferenz erkennt die Vorteile der friedlichen
Atomenergienutzung und nuklearer Techniken an“, heißt es da, „und
ihren Beitrag, um in den Entwicklungsländern nachhaltige Entwicklung zu
erreichen sowie generell das Wohlergehen und die Lebensqualität der
Menschheit zu verbessern.“ Atomenergie sei daher überall auf dem
Erdball zu fördern. Auch Trittin hat sich davon nie distanziert.
Laut Minister Campos setzt man in der ganzen Welt
wieder auf die Atomkraft, werde sich ihr Anteil an der Stromerzeugung in
den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren von derzeit siebzehn auf25 Prozent erhöhen. In Frankreich liegt er bereits bei 75 Prozent.
Brasilien möchte da nicht abseits stehen und zudem am Geschäft mit
angereichertem Uran profitieren, dessen Weltumsatz derzeit bei jährlich
über sechs Milliarden Euro liegt. Konflikt wegen Uranfabrik bei Rio
Gerade hat in Resende bei Rio de Janeiro eine von den
Militärs entwickelte Anreicherungsfabrik den Betrieb aufgenommen, die zunächst
nur die eigenen Reaktoren mit Kernbrennstoff versorgen soll. Brasilien
besitzt die sechstgrößten Uranreserven der Erde -doch weil bisher nur
auf einem Viertel der Landesfläche nach dem edlen Rohstoffgesucht wurde, geht die Regierung von weit größeren Vorkommen
aus. Und möchte künftig besonders den wichtigen Wirtschaftspartner
China, der bis zu dreißig Atomkraftwerke plant,mit angereichertem Uran beliefern. Eine enge atomare Zusammenarbeit
hatte Lula im Mai während seines Chinabesuchs vereinbart.Indessen steht Brasiliens Atompolitik international
weiter im Zwielicht, weil die Lula-Regierung der Internationalen
Atomenergiebehörde IAEO nach wie vor keine lückenlose Kontrolle der
Anreicherungsfabrik erlaubt. Dort könnte selbst laut brasilianischen
Angaben auch atomwaffenfähiges Uran hergestellt werden. Brasilia
dementiert derartige Absichten. Der Atomwaffen- sperrvertrag werde natürlich
eingehalten.
Mehr als zehnmal waren Inspektoren der Wiener UNO-Behörde
bereits in Resende – doch auch bei der jüngsten Visite im Oktober wurde
ihnen nicht einmal ein Blick auf die wichtigsten Anlagenteile, vor allem
die Zentrifugen, erlaubt.
“Die mit sehr hohen Kosten entwickelte
Anreicherungsmethode“, so ließ die Regierung mehrfach offiziell erklären,
„wird auf jeden Fall geheimgehalten. „Brasiliens Zentrifugen arbeiten
weit energiesparender, mit höherer
Lebensdauer als die anderer Länder – der Schutz solcher
Industriegeheimnisse ist daher vordringlich. Schließlich handelt es sich
um einen wirtschaftlich so wichtigen Bereich wie die Energieerzeugung.
In den USA und Europa befürchtet man indessen, daß
ein gefährlicher Präzedenzfall entstünde, falls die IAEO Brasiliens
Haltung akzeptiert. Denn dann könnten Länder wie der Iran ebenfalls auf
eingeschränkten Kontrollen ihrer Anreicherungsfabriken bestehen.
Rückenwind
bekommt Brasilia jedenfalls von der Presse des eigenen Landes, besonders
vom führenden Medienkonzern „Globo“, der sogar nationalistische Töne anschlägt.
“Logisch, daß wir keine Atombombe bauen wollen, um
sie etwa auf Argentinien zu werfen“, betont Globo-Starkommentator
Arnaldo Jabor in Radio und Fernsehen. „Doch am wissenschaftlichen
Fortschritt wollen wir teilhaben. Hinter dem ganzen Streit um die
Inspektionen steckt doch nur der Wunsch des Auslands, unsere Industrie rückständig
zu halten, unsere Technologie zu überwachen – wir erleiden eine
deutliche geopolitische Diskriminierung – man will von Brasilien
politischen Gehorsam. Doch wir
zeigen ihnen nicht alles - Brasilien macht es genau richtig. “Selbst angesehene
Atomphysiker wie
Rogerio Cerqueira Leite nennen es extrem intelligent und opportun, die
Inspektoren nicht in den sensibelsten Abschnitt der
Urananreicherungsanlage zu lassen. Doch Öl ins Feuer goß jetzt die angesehene
Wissenschaftszeitschrift „Science“ aus den USA, der zufolge Brasilien
dank der neuen Anreicherungs- anlage von Resende in der Lage sei,
jährlich sechs Atomsprengköpfe herzustellen. Dafür gebe es
derzeit zwar keine Anzeichen, doch könnte das Tropenland ja künftig
seine Politik ändern. Denn unvergessen ist das geheime Atomprogramm der
Militärs aus der Diktaturzeit, das Atomtestgelände in Amazonien. Und
unvergessen sind auch Äußerungen von Staatschef Lulas erstem
Wissenschafts- und Technologieminister Roberto Amaral zugunsten des Baus
einer Atombombe. Brasilien, so Amaral letztes Jahr, müsse die nötigen
Kenntnisse besitzen – für den Fall, daß sich die Weltlage ändere.
Minister Amarals Nachfolger Eduardo Campos wies die Angaben der
Zeitschrift „Science“ auf der Stelle als falsch und leichtfertig zurück,
ebenso den Verdacht, daß Brasilien die wahre Herkunft seiner
Uranzentrifugen verschleiern wolle. Denn die Science-Autoren schlossen
nicht aus, daß Brasilien in Wahrheit Zentrifugen des europäischen
Anreicherungskonsortiums Urenco kopierte, über deutsche Fachleute an die
Technologie herangekommen war.
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