HipHop und Rap zum Draufschlagen
Brasiliens Massendiscos „Baile Funk“
von Klaus Hart
Millionen
von dunkelhäutigen Kids strömen jedes Wochenende an den Slum-Peripherien
der brasilianischen Großstädte zu ihren
gewalttätig-machistischen HipHop-und Rap-Feten, Verletzte und Tote
sind normal. Die nie auf
kommerzielle CD gepreßten Texte der populären
Gangsta-Raps sind weit brutaler, sadistischer als die Vorbilder aus
den USA. Einen oberflächlichen Eindruck vermittelt die jetzt in
Deutschland veröffentlichte CD „Baile Funk – Favela Booty
Beats“(Essay Recordings/Universal)
In der Escola Estadual
„Julio Ribeiro“ von Sao Paulo heizen die Rapper oben von der Bühne
ein, unten im Publikum beginnt irgendwann die übliche
Massenschlägerei, Revolver werden gezogen, der 24-jährige
Funkeiro Carlos Roberto Marino fällt nach einem Kopfschuß tot um – in
Rio de Janeiro werden am selben Tag gleich
drei Funkeiros erschossen, dort ist die Todesrate stets höher. Schauplatz
Nordzone, weitab von Copacabana und Ipanema. Mehrere tausend Dunkelhäutige
drängen in den Clube Chaparral des Viertels Bonsuccesso nahe Rios
internationalem Flughafen, schwülheiße Luft um dreißig,
vierzig Grad, Adrenalin. Rechts von der Bühne mit den
Lautsprechertürmen konzentrieren sich Kids jener Elendsviertel, die vom
Verbrechersyndikat“ Comando Vermelho“, Rotes Kommando, dominiert
werden, links bauen sich feindselig Heranwachsende aus dem
Herrschaftsbereich des rivalisierenden „Terceiro Comando“, Drittes
Kommando, auf. Die DJs starten mit HipHop, Techno, neuesten Gangsta-Raps,
die Lautstärke übertrifft Hardrock-Konzerte. Auch sinistre Töne werden
angeschlagen: „Jetzt wirst Du sterben, sterben, sterben
– wenn Du weißt, was ein Neunziger-Patronengurt ist.“
Die Spannung steigt, der freie meterbreite „Corredor da Morte“
zwischen den Tänzermassen von rechts und links wird enger, erste
Fausthiebe, Tritte, Schlägereien zwischen Gruppen, den Galeras.
Sicherheitspersonal geht nach einer Weile dazwischen, trennt die Gegner
– bis zum nächsten Gewaltausbruch, im Slang „Saddam Hussein“
genannt. . Die Kids springen ähnlich Boxern beim Kampf, doch stets im
Rap-oder Techno-Rhythmus, versuchen auch, dem Feind, der im Rio-Slang
stets „Alemao“, Deutscher, heißt, irgendetwas zu entreißen. Vor
Mitternacht hat die Baile-Funk-Ambulanz schon Arbeit, blutende Kopfwunden,
ein Knochenbruch. Bis zum Baile-Schluß wird hier Bruno Lopes Escobar, 16,
erschlagen, Braulio Vieira dos Santos, 12, und Bruno de Souza Machado, 15,
werden erschossen.
Die DJs stimulieren auch auf den anderen über 150 Massendiscos der
Sieben-Millionen-Stadt zur selben Zeit Gewalt meist direkt, fordern, falls
der Baile Funk „mole“, lahm zu werden droht, per Mikro zu Attacken
auf, widmen Titel nur den Galeras einer Hallenseite, was die andere in
Rage bringt. Als das Ganze auf ein „Massacre“ zudriftet, wie man im
Baile-Funk-Slang sagt, verstummen die Wummerbässe abrupt, leiten die DJs
zu sexistischen Einlagen über, folgt Sacanagem, Sauerei.
Der MC in den gleichen Rapperklamotten wie an der US-Westküste
schreit ins Mikro “Eta, eta,
eta“ – aus tausenden Kehlen
kommt „Pau na Buceta“ zurück.
Auf der Bühne beginnen minderjährige Mädchen Striptease, manchmal ist
es auch nur eine Professionelle, mit deren Auftritt ein
Erektionswettbewerb gekoppelt wird. Hit
der Bailes Funk sind auch superfeminine Gays, die auf der Bühne mit
Partnerinnen einen Coito simulieren.
Elf-Zwölfjährige schauen reichlich
zu, eigentlich dürften auch im Clube Chaparral nur fast Erwachsene sein.
Koitus-ähnliche Bewegungen der Jugendlichen,
zu zweit, zu dritt sind normal. Mädchen in knappen Tops,
mit superkurzen Röcken provozieren die Jungs vor ihnen, indem sie
sich immer wieder raffiniert so in die Hocke fallen lassen, daß für
einen Moment ihr winziges
Tangahöschen sichtbar ist. Obszönitäten
beinahe jeder Art am laufenden
Band. Claro, daß selbst Zwölfjährige
auf Bailes Funk schon zur
Prostitution oder für Pornofilme angeworben werden.In den Hallenecken dealen sie Kokain und Crack, der DJ jagt das
Rap-Stakkato „Vai dancar“, x-mal viederholt, mit finsterem
Höllenecho in die Menge. Klingt mechanisch übersetzt harmlos,
dieses vai dancar, du wirst tanzen - doch
alle Welt in Rio nutzts im Slang-Sinne: Du wirst sterben, gekillt werden,
Blei fressen. Tudo mundo vai dancar – alle sind dran.
Brasiliens Bailes
Funk, Bailes do Corredor enden meist gegen fünf – davor liegen noch
einmal Stunden mit Tumult, Risiko, Enthemmung,
mit ritualisierter Macho-Gewalt und der sogenannten
„Viertelstunde der Fröhlichkeit“. Das häufig sogar mit Revolvern
bewaffnete Hallenpersonal zieht sich zurück – zu den härtesten,
aggressivsten Hits schlagen die Funkeiros ungehindert aufeinander, auch Mädchen
sind darunter. Funkeiros sagen es offen:“Die Disco ist gut, weil es Schlägereien
gibt, die gehören einfach dazu. Wir
imitieren hier das Videospiel „Mortal Kombat“. Wer zu einer Galera gehört,
muß zum Schlagen und sogar Töten bereit sein.“ Und wenn es am berühmten
Ipanema-Strand von Rio ist, wo sich häufig verfeindete Funkeiro-Haufen
bekämpfen. Schüsse fallen, Omnibusse
gehen zu Bruch oder in Flammen auf - die romantischen
Girl-from-Ipanema-Zeiten sind lange vorbei
Schwer zu übersehen,
daß blutende Baile-Wunden Eindruck
bei vielen Mädchen schinden,
die dann nicht selten „Siegertrophäen“
werden. “Mir gefällt das, mit dem Gewinner zu bleiben“, meint eine
Vierzehnjährige. Eine
Freundin widerspricht:“Die Typen sind unheimlich machistisch – es gibt
welche, die dich schlagen, wenn du nicht einwilligst. Dann muß man einen
vom Sicherheitspersonal rufen. Mist, wenn mein Klo ausgerechnet neben der
gegnerischen Galera liegt.“ Baile Funk ist Rivalenkampf, auch um den schärfsten
Typen. „Ich ziehe immer ganz
enge Sachen an, das macht mich sinnlich“, erklärt Ana Paula, „anders
gehts garnicht, würde ich mir niemanden angeln, keinen abkriegen.“ Sie
blinkert einen Jungen an, damit der weiß, daß sie will. Denn noch
schmust er mit der Freundin. Kein Hinderungsgrund, in der Erwachsenenwelt
außerhalb der Bailes Funk ja auch nicht: Für viele brasilianische Frauen
ist es geradezu ein Sport, die „Treue“ verheirateter Männer zu
testen, mit ihnen zu schlafen – wegen der Genugtuung, es „geschafft“
zu haben. Oder der anderen den
Partner wegzuschnappen.
Ein Ehering gilt gewöhnlich als Beleg dafür, daß
dieser Mann bereit ist, feste Beziehungen einzugehen, es ernst meint.
Einer in Sao Paulo kommentiert:“ Einen Ehering anzustecken, zieht Frauen
magisch an, da kommen sie in Scharen und greifen an.“
Wie
Soziologen herausfanden, hat die Mehrheit der weiblichen Funkeiros von
elf, zwölf Jahren an Geschlechtsverkehr, verzichtet meist
auf Verhütung - Frühschwangerschaften
sind entsprechend häufig. Es gibt Bailes Funk, bei denen draußen in heißer
Tropenluft Matratzen ausgelegt werden. Mädchen betreiben
sogar Gruppen-Mobbing gegen mißliebige
Funkeiras, haben dafür drastische, unerhört sexistische Songs, die man
nur übelsten Machos zutrauen würde.
Die Rhythmen der
Bailes Funk wurden in Los Angeles und der Bronx erfunden, von der
Musikindustrie auch nach Brasilien durchgeschaltet. Die Texte der
US-Gangsta-Rapper sind verglichen mit denen Rios eher fürs Poesiealbum.
Unterlegt mit Geräuschen von Mpi-Salven und Granatenexplosionen, singen
Rios Rapper übers Töten, lebendig Verbrennen, Stapeln von Leichen, den
Spaß am Kidnappen , Foltern. Im „Rap da Bandida“ ist vom Vergnügen
die Rede, Leute mit der Mpi zu durchsieben, sie aufzuhängen. Zitat:“Ich
bin Rauschgifthändler und Straßenräuber, mache massenhaft Entführungen
– ich will dich an meiner Seite, Banditin von guter Rasse.“ Solche
Songs sind auch in Kolumbien und Mexiko populär, gehören inzwischen zur
Alltagskultur. Rapper
Jefferson Sapao in Rio, derzeit superbeliebt bei den Kids, gehört selber
zu einer Banditenmiliz, mag besonders das
deutsche Bundeswehr-Sturmgewehr „G 3“ – wie das wohl in so
großer Zahl in die Hände der Gangster gerät? Rappend preist er
natürlich die brutalsten Banditenchefs
über alle Maßen:“Wenn die Polizei sich in einem Slum wagt, muß
sie mit Mpi-Salven empfangen werden.“ Was ja auch stets passiert.
Schauplatz Antares,
ebenfalls Rio-Peripherie. Das lokale „Radio radical“verbreitet auf UKW
und übers Lautsprechernetz
den neuesten Gangsta-Rap, nachts läuft er auf den Bailes – eine
Botschaft des Banditenbosses Magno vom Comando Vermelho an einen
Rivalen:“Es gibt ein Blutbad, wenn er nicht Antares in Ruhe läßt –
die Leute von Magno werden töten, köpfen, vom Friedhof bis zur
Gerdau-Fabrik Leichen stapeln.“ Die Drohungen sind kaum übertrieben –
in der Woche vor der ersten Rap-Ausstrahlung fallen sechsundzwanzig
Gangster bei Schießereien, für die Slumbewohner Tage und Nächte des
Terrors. Flüchtet ein bekannter Gangster aus den Hochsicherheitstrakten
Rios, meist durch Wärterbestechung, feiern die Slums seines Comando
tagelang, machen frischkomponierte Gangsta-Raps die Runde, werden von den
Heranwachsenden gleich in Gruppen, auch in Bussen und Vorortzügen
gesungen, rühmt man die „Heldentaten“ des Entwichenen.
Kein Rio-Wochenende
ohne tote Funkeiros. Im Slum Formiga gegenüber Borel
werden auf einer einzigen Massendisco elf Minderjährige, Mädchen
und Jungen, darunter eine Elfjährige,
mit großkalibrigen Waffen erschossen. Der Polizeichef
reagiert vor den Journalisten grob:“Soll ich eine Atombombe auf
Rio werfen, damit sowas aufhört?“ Auf einem anderen Baile
sterben sechs. Einmal wirft
eine Funkeiro-Gruppe drei selbstgebastelte
Bomben am „Todeskorridor“
in tanzende Gegner – zwei vierzehnjährige Mädchen sterben, eines
verliert das Augenlicht, ein weiteres den rechten Arm. Schon in den
Zubringerbussen, oft von Gangstersyndikaten gesponsert, ist die Stimmung
aufgeheizt. Die in einen überfüllten Funkeiro-Bus geschleuderte
Spezialgranate der Armee hätte gemäß einem Offizier alle getötet,
explodiert gottseidank nicht. Molotov-Cocktails auf
Rivalen-Busse zu werfen, ist nichts Besonders mehr Auch das gibts:
Funkeiros wollen den von einem rivalisierenden Verbrechersyndikat
beherrschten Slum Antares provozieren, hängen beim Vorüberfahren aus dem
Busfenster die nackten Hintern
heraus. Auf diese schießen Banditen
sofort mit Mpis – neun Funkeiros landen schwerverletzt im
Hospital. Eine schwarze Menschenrechtsanwältin kennt einen Zeugen,
demzufolge inmitten von Bailes Funk Jugendliche lebendig verbrannt wurden.
Fotos verkohlter Opfer veröffentlichen die Horror-und Crime-Boulevardblätter
Rios allen Ernstes fast jeden Tag. Funkeiro-Galeras haben nach der Disco
wiederholt Bettler verbrannt. Die Reste des vierzigjährigen Joel da Silva
aus dem Rio-Slumgürtel Baixada Fluminense werden in Großaufnahme
abgebildet. Kirchliche Sozialarbeiter sagen, auch andere Obdachlose
endeten genauso.
Seit Jahren lassen die
Baile-Veranstalter Tote, Schwerverletzte, Jugendliche im Koma,
clever „verschwinden“: Ein Spezialteam, genannt „Servica de
Desova“, schafft sie in öffentliche
Hospitäler, gibt dort stets zu Protokoll, alle irgendwo in dunklen Straßen
aufgefunden zu haben , weit entfernt vom nächsten Baile Funk. Gleice, 16,
ließ man liegen. Auf dem berüchtigten Baile des Country Club von
Jacarepaguà wird sie von einer gegnerischen Galera zuerst
zusammengeschlagen, dann ins Klo geworfen. Das reichte nicht – auf
Gleice wird uriniert, man beschmiert sie mit Kot. Julio, 15, wird beim „Mortal
Kombat“ im Country Club erschlagen, Mauricio, 16, erschossen – in
wenigen Jahren sterben allein auf diesem Wochenend-Baile über zwanzig
Jugendliche.
Das organisierte
Verbrechen finanziert, veranstaltet viele Bailes Funk, läßt sogar populäre
Sambistas gegen Höchstgage auftreten, wirbt dort Bandenmitglieder an.
Kokain, Crack oder Heroin werden selbst an Kinder häufig kostenlos
verteilt, bis es zum verführerischen Angebot kommt:“Wenn du mitmachst,
kriegst du die Drogen immer gratis, hast viel Geld und eine Waffe, kannst
dich schick anziehen, nimmst dir die Frauen, die du
willst.“Comando-Leute sind in der Menge leicht zu erkennen – sie
tragen Goldkettchen und teure Ringe, sind am besten gekleidet, werden als
Idole, Aufsteiger angesehen und behandelt, „erobern“ die meisten Mädchen.
Üblich ist, der Logik des Bosses der jeweiligen Favela auch in puncto
Machismo zu folgen: Man hat drei bis vier Geliebte, die voneinander
wissen, und eine Namorada de Fè, Geliebte des Vertrauens, zum Heiraten,
mit der man Kinder haben will.
Die Baile-Funk-Realität
erscheint absurd bis irrsinnig, zumal sie von den Autoritäten hingenommen
wird. Marcia ist Soziologin, forscht in
der Baile-Funk-Szene, dachte
anfangs, mit progressiven Baile-Projekten ein Gegengewicht, Alternativen
schaffen zu können. An einer Straßenbar von Lapa schüttet sie mir ihren
Frust vor die Füße, ist nur noch pessimistisch. „Das alles ist die
Antwort unseres neoliberalen Staates auf die Verhältnisse – es gibt
keine Politik, um die Jugendlichen für die Gesellschaft zurückzugewinnen.
Fast dreißig Prozent der Heranwachsenden Rios sind ins organisierte
Verbrechen verwickelt, hier geschieht ein Genozid an den jungen Leuten!“
Die Kugel sei die erste Todesursache in dieser Altersgruppe.
Nach jahrelangem Zögern
haben auch andere brasilianische Sozialwissenschaftler das Kulturphänomen
Baile Funk schließlich
intensiv untersucht. Selbst Therapeuten und Musikexperten nennen die
Massendiscos Feste einer „Jugend ohne Perspektive“, die
zynisch-nihilistische Antwort der jungen Generation auf eine Gesellschaft
ohne Projekte – eine Ablehnung sozialer Werte und eine Form der
Entfremdung. Inzwischen frequentieren auch zunehmend weiße Jugendliche
der Mittelschicht die Bailes Funk, damit, so heißt es, wollten sie eine
tiefe innere Leere und Einsamkeit überdecken..“Die gefährliche Seite
dieser Annäherung“, so der renommierte Jugendpsychiater Christian
Gauderer, „ist die Anziehungskraft, die der Kriminelle auf die
Mittelschichtskids ausübt – diese versuchen, Freunde der Drogengangster
zu werden, um Waffen und Status zu bekommen.“
Claro, die Bailes Funk
machen an der Peripherie dem Samba den Garaus.
Wieder dröhnt mir auf
einem Baile Sinistres um die Ohren – die „Montagem do Aviso“.
Monoton die zigmal geflüsterte, geschriene Botschaft „Paß sehr gut
auf“, gewöhnlich die Ankündigung, daß man der nächste ist, der
umgelegt werden soll. Aviso – das kennen die im Slum sehr gut.
Dann heißt es nur, alles stehen und liegen lassen, sofort abhauen,
nie mehr in der Gegend auftauchen.
Österreicher,
Schweizer, Deutsche, die Leme, Laranjeiras oder
im Bergstadtteil Santa Teresa wohnen, hassen die Bailes Funk der
umliegenden Favelas, besonders jene vom Morro da Coroa. In einer
Novembernacht werden dort vier Funkeiros angeschossen, in Bauch und Rücken,
eine Zwölfjährige und ein etwas älterer Junge fallen tot auf den
Baile-Beton. „Guilherme Augusto Salvador hat einen Schuß in die Eier
gekriegt“, amüsiert einen von der gegnerischen Galera.
Eigentlich sind die Lärmschutzgesetze streng, ist Rios Umweltchef
immerhin ein sogenannter Grüner, dennoch dröhnen HipHop und Rap von
Freitagnacht bis Montagmorgen in Hardrock-Lautstärke
über die Hügel. Ausländerinnen fliehen deshalb
regelmäßig mit ihren brasilianischen Geliebten in die Bungalows
außerhalb der Stadt, andere schlafen bei Freunden. Und alle fragen sich,
wie eigentlich die Slumbewohner mit dem Krach klarkommen, all die Kranken,
Alten, am Schlafen gehinderten Babies. In einem Hangslum des
Mittelschichtsviertels Tijuca ist der Chef der Bewohnerassoziation, mit
schwerkranker Frau in der Kate, mehr als genervt, hat wegen der letzten
Baile-Funk-Nacht Ringe unter den Augen, erklärt mir die Lage: “Was soll
ich machen? Die Leute kommen zu mir, wollen, dass ich mich bei den
Veranstaltern beschwere. Mache ichs, werde ich erschossen. Denn der
Veranstalter hier ist das Comando Vermelho.“
In einer Uni-Fakultät
Tijucas unterrichtet ein auswärtiger Dozent den ersten Tag, fährt sechs
Uhr abends wegen einer nur zweihundert Meter entfernt abgefeuerten
Mpi-Salve erschreckt zusammen. Seine Studenten im Hörsaal klären ihn
lachend auf. Gerade hat in der nahen Favela der Baile Funk begonnen, die
Gangster schießen deshalb immer am Anfang in die Luft, tuns auch
zwischendurch, mitten in der tanzenden, wogenden Menge. In Sichtweite ist
das weltgrößte Fußballstadion Maracanà. Als drinnen beim Baile Funk
mit sieben DJ-Teams unter den über
6500 Jugendlichen die ersten Massenschlägereien losbrechen, mache ich
mich lieber aus dem Staub, komme aber nicht weit. Denn rund ums Maracanà
bekämpfen sich bereits über zweitausend Funkeiros, sogar Schüsse
fallen. „Bleib lieber drin, Gringo, bist du verrückt!“, sagt der
Stadionwächter, öffnet aber das dicke Vorhängeschloß, damit ich
rauskann. Wenige Sekunden später flehe ich ihn an, mich wieder
reinzulassen, denn eine Galera rennt auf mich zu, sichtlich nicht in
friedlicher Absicht. Das geht über eine Stunde so, bis das Abtauchen in
dunkler Nacht gelingt. Hinter mir werden noch Autos umgeworfen, Busse und
Telefonzellen ruiniert, angeblich gibt es nur Angeschossene, keine Toten.
Mir gellen die Galera-Schlachtrufe noch in den Ohren – auf Comando
Vermelho oder Terceiro Comando gemünzt. Besonders aktiv ist
mal wieder die über hundertzwanzig Köpfe starke Galera des
Borel-Slums, in Tijuca besonders gefürchtet. „Wir schlagen zu, weils
uns gefällt“, sagt Pedro, siebzehn.
„Unsere Galera hat die öffentlichen Busse im Griff – steigt ein
Alemao zu, hauen wir ihn zusammen.“ Borels berühmteste Rapper waren das
Duo Willian und Duda, die zum Karrierestart vom Comando Vermelho bezahlt
wurden, auf deren Bailes auftraten, deren Taten verherrlichten. Reich
geworden, zogen beide in
bessere Viertel.
Als
sich erster öffentlicher Protest gegen die Bailes Funk regt, auf
Verwicklungen zwischen Politik, Gangstern und Disco-Betreibern verwiesen
wird, wollen Funkeiro-Galeras spätnachmittags vor Oper und
Parlamentspalast im Stadtzentrum aller Welt zeigen, was für
grundfriedliche, harmoniebedürftige Jungs sie sind. Der Evento mit
Rappershow geht nach hinten los, ich sehs mir aus der Nähe an, renne vor
fliegenden Pflastersteinen davon. Wie auf den Bailes kriegen sich die
Galeras sofort in die Haare;
wer nicht mitprügelt, reißt solange schwangeren Frauen, alten Leutchen
die Taschen weg, macht teils bewaffnet Straßenüberfälle. Ein Greis wird
direkt vorm Parlament nicht
nur beraubt, sondern auch noch zu Boden gestoßen und getreten, Hunderte,
auch Zufallspassanten, schauen zu.
Natürlich sind die
Bailes Funk auch ein Riesengeschäft, eine Industrie, an der wenige
verdienen. Monatsumsatz in Rio – umgerechnet weit über dreißig
Millionen Mark. Soziologin Marcia erklärt mir die Strukturen:“Romulo
Costa, Pastor einer Sektenkirche, ist Marktführer, hat sogar eine mehrstündige
TV-Sendung. Das ist dermaßen absurd – fast schon komisch bis grotesk,
wenn nicht alles so tragisch wäre.“ Auf einem Video ist zu sehen, wie
Prediger Romula Costa ungerührt einer Massenschlägerei auf einem seiner
Bailes zuschaut, der im Maracanà war auch sein Werk. Anfang Zweitausend
findet man seine Firma erstmals schriftlich in der Buchhaltung einer
Gangstermiliz festgehalten, die
zu selber Zeit dem Militärpolizisten Marco de Oliveira den Kopf abschlägt.
In den Zeitungen steht, für
Romulo Costas längst fast
jedermann bekannte Verwicklungen gebe es damit erstmals einen
„technischen Beweis“. Folgenlos. Seine DJs schreien in die Massen:“Tötet
die Deutschen, schnappt euch die dort, bildet Gruppen!“
Romula Costa konkurriert mit Josè Claudio Braga, der sich
ironisch-zynisch selber einen „Empresario des Teufels“ nennt. Über
seinen Bailes schwebt eine fünf Meter lange Riesenpuppe, die den berüchtigten
Gangster Bagulhao verherrlicht. Bragas tägliche Seite im Sex-, Crime-und
Horror-Blatt „O Povo de Rio“, Volk von Rio, ist aufschlußreich. Ein
mit Bild vorgestelltes Galera-Mitglied erklärt:“Unser Wahlspruch ist
Terror“. Und ein Kommentar
von Veranstalter Braga beginnt so:“Die schönste Waffe, die es gibt, ist
die nordamerikanische Heeres-Mpi AR – 15. Schön in Größe und Form,
auch der Art, wie sie zerstört, nämlich auf der Stelle. Vapt-vupt –
und die getroffene Person leidet nicht einmal, fühlt keinerlei
Schmerz.“ Wenn ihm Konkurrent Romulo Costa öffentlich vorwirft,
Gewalt-Bailes zu veranstalten, haut Braga in seiner Kommentarspalte zurück,
beschreibt Panik und Schießereien auf
dessen Discos.
Funkeiros tragen
massenhaft Gewalt in die Stadien, was selbst
Multimillionär und Ex-Fußballstar Pelè hart reagieren läßt:
„An den Schlachtrufen ist zu erkennen, daß viele Gewalttäter zu den
Fans der Bailes Funk zählen, sich kaum für Fußball interessieren, dafür
um so mehr für Brutalitäten.“ Schuld an den Zuständen sind die führenden
egoistischen und korrupten Politiker, donnert Pelè, denen die Zukunft des
Landes schlichtweg egal ist. Was sich bei europäischen Fußballmatchs
abspielt, sind Peanuts gegen die brasilianischen Verhältnisse: In Rio
oder Sao Paulo gehen Hunderte, oft sogar Tausende mit Revolvern,
Molotovcocktails, selbstgebastelten Bomben und Messern aufeinander los –
Busse von Fanclubs werden sogar mit Maschinenpistolen beschossen. Üblich
sind inzwischen sogenannte Arrastoes, Fischzüge, in den Stadien: Einer
Menschenwalze gleich fallen Ungezählte über zumeist ältere,
friedfertige Fußballanhänger her und rauben diese unter Schlägen
restlos aus. Ein Glück, daß wenigstens in Sao Paulo die Rap-und
Funk-Szene teilweise politisiert
ist, radikalen Protest äußert. Keine Rappertruppe agiert radikaler,
erfolgreicher als die „Racionais MC`s“, aus den gefährlichsten,
elendesten Favelas der reichsten lateinamerikanischen Metropole, unweit
von VW, Mercedes-Benz und Ford. Grünenpolitiker wollen nicht anders als
ihre Klientel der weißen Mittelschichtsviertel die Freigabe und
Entkriminalisierung von Drogen
– die „Racionais MC`s“ sind radikal dagegen, sehen in
Rauschgifthandel und – konsum das Hauptübel der armen Vorstädte
Brasiliens. Bereits Kinder unter zehn Jahren rauchen Crack, nehmen Kokain,
Heroin, LSD, ganz zu schweigen von den Älteren – und überhaupt kein
Vergleich mit Europa. Im Drogenrausch wird Entsetzlichstes begangen –
kaum ein Tag ohne Zerstückelte, lebendig Verbrannte.
Die Besserbetuchten,
auch jene der Ersten Welt, verdrängen diese Realität, die Rapper von
Racionais MC`s haben sie kontinuierlich vor Augen, sehen in Aufklärung,
Politisierung ihre Mission. Sänger Mano Brown, der früher mit einem
Revolver am Gurt herumlief, schreit von der Bühne, daß Drogen betäuben,
debil und stupide machen. „Das System hat kein Interesse an Armen, die
intelligent sind!“ Die Schwarzen müßten endlich erkennen, in welch
tiefer Dekadenz sie stecken – und die Dinge ändern. Lernen, zum Buch
greifen, anstatt in die Kriminalität abzurutschen.
Zwar rasch mehr Geld zu haben, dafür aber früh, mit zwanzig, fünfundzwanzig
Jahren bereits ins Gras zu beißen. Die Racionais MC`s wollen ein Beispiel
geben, rauchen nicht, trinken nicht, manche wurden Vegetarier. Drogen sind
sowieso out. Die CDs
der Gruppe verurteilen nicht
nur Drogen, deren Nutzer und Profiteure, sondern vor allem die Eliten, die
sozial unsensible Mittelschicht. Biblische Salme über göttliche
Gerechtigkeit fehlen nicht –
Slumbewohnern, meint Mano Brown, bleibt heute im Grunde
nur die Alternative, kriminell zu werden, mit dem Crime organizado
zu kollaborieren – oder sich entschieden der Kirche zuzuwenden.
Im „Tagebuch eines Gefangenen“ rappt Mano über den ersten
Oktober 1992, als eine Spezialeinheit der berüchtigten Militärpolizei im
Carandirù-Gefängnis von Sao Paulo mindestens 111 Insassen erschießt, in
weniger als dreißig Minuten auf die Unbewaffneten über dreitausend Schuß
abfeuert, viele durch Bluthunde zerreißen läßt:
“Du weißt nicht, wie
das ist, ein deutsches oder israelisches Maschinengewehr auf deinen Kopf
gerichtet, das einen Dieb in Stücke fetzt wie Papier... Der Mensch ist
Wegwerfware in Brasilien, wie Slipeinlage, das System verheimlicht, was
die TV-Serien nicht zeigen. Blut rinnt wie Wasser aus Ohren, Mund und
Nase, der Herr ist mein Hirte, Kadaver im Brunnen, im ganzen Gefängnishof,
Adolf Hitler lacht in der Hölle, Gouverneur Fleury und seine Gang werden
in einem Becken voller Blut schwimmen, aber wer wird meinen Worten
glauben?“ Das Massaker blieb bisher ungesühnt, der befehligende
Offizier wurde Politiker, Abgeordneter. Interessant, bezeichnend – die
so hochpopulären Racionais MC`s schaffen es nicht, an der Rio-Peripherie
aufzutreten. Denn die soziale Kontrolle der Gangstersyndikate ist
so effizient, daß Rapper-Kritik an Banditen und Drogen nirgendwo
zugelassen wird, wirklich sozialkritische Bands keine Auftrittschancen
haben. Wenige Jahre zuvor gibts dort ein großes Rapper-Festival, die
Banditenmilizen machen den Ordnungsdienst. Also wagt niemand, etwa die
massenhaft Anwerbung von Straßenkindern für Verbrechen zu kritisieren.
Um so heftiger wird der Polizeiterror angeprangert, das gefällt den
Comandos. Daß Banditen Rios
minderjährige Mädchen vergewaltigen, zum Mitmachen bei Pornofilmen
zwingen, die man später in ihrer eigenen Favela öffentlich zeigt, ist
ebenfalls kein Thema. Wenigstens rappt
„Justica Negra“, Schwarze
sollten sich nicht gegenseitig, wegen ein paar Tennisschuhen, einer Uhr,
einer schicken Rappermütze umlegen, zuviele seien deshalb schon im Knast.
Auf den Bailes Funk in Sao Paulo manifestiert sich in Ansätzen wachsendes
Selbstbewußtsein der dunkelhäutigen Unterschicht, kaum aber in Rio.
Sänger
Ice Blue von den Racionais MC`s ist lieber
vorsichtig, spricht nur von einer gewissen „Bequemlichkeit“der
Slumjugend am Zuckerhut. Arnaldo Jabor, Starkolumnist von Brasiliens
auflagenstärkster Qualitätszeitung „Folha de Sao Paulo“ nimmt
dagegen kein Blatt vor den
Mund, reflektiert den Abstand der Reichen, der Mittelschichtler, der
Intellektuellen wie er selber, von der Peripherie-Realität: “Auf den
Bailes Funk pulsiert ein brutaler Strom des Wollens, der Lust – die
Gewalt als Hunger nach Ausdruck, das Töten als Erleichterung, Trost,
Erholung nach Erniedrigungen. Eine Normalität des Mordens entsteht, bar
jeder Schuld und Sünde. Die Masse der Unglücklichen wächst jeden Tag,
wir können sie nicht mehr ignorieren. Erinnert sich jemand an den
Videoclip der Racionais MC`s im MTV, die Faszination der privilegierten
Mittel-und Oberschichtskids für die rohe, viehische, brutale Ethik der
Slumkids? Die Peripherie wird zur Avantgarde der Verhaltensnormen. Unser hübschen
kleinen Sozialprojekte -–wie sind die doch lächerlich. Aber die
Regierung steht nun einmal zur Avenida Paulista(Sao Paulos
Straße der Großbanken, Konzerne und Multis, der Verf.).
Wahrscheinlicher ist, daß dort in ein paar Jahren eine Wissenschaft der
Ausrottung hochsprießt, entwickelt wird – anstatt eines radikalen
Projektes zur Rettung dieser Unglücklichen. Die Idee einer Lösung ist
immer weiter weggerückt. Eine Lösung? Zu spät, vorbei...“
|