Die offizielle Visite von Kulturminister Gilberto Gil und Arbeitsminister Ricardo Berzoini in Rios Slum „Complexo da Marè“ (siehe auch „Demokratischer Staat und Banditendiktatur in Brasilien“, Brasilientexte 2004) ist bei Intellektuellen des Landes auf äußerst scharfe Kritik gestoßen. Laut Landespresse hatte man von Regierungsseite die lokalen Verbrecherbosse der Favela um eine Besuchserlaubnis gebeten und diese auch bekommen. Zum Banditen-Okay gehörte natürlich, auf Polizeischutz völlig zu verzichten . „Ein Skandal erster Ordnung“,
betonte im Januar Professor Paulo Sergio Pinheiro, renommierter Experte für
Gewaltfragen an der Universität von Sao Paulo auf Anfrage. „Geschähe
derartiges in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, würde das im
Parlament heiß debattiert, würde die Regierung gestürzt! Käme – rein
hypothetisch – ein deutscher Minister auf die Idee, in Berlin auf
gleiche Weise ein von Drogengangstern beherrschtes Viertel zu besuchen, gäbe
dies natürlich enorme Aufregung in der Politik!“ Doch in Brasilien
passiere gar nichts, als wären Ministervisiten mit Banditenerlaubnis das
Normalste von der Welt. Für Pinheiro und zahlreiche andere
Sozialwissenschaftler wurde damit die neofeudale Diktatur der
Banditenmilizen über ihren Parallelstaat der Armenviertel sozusagen
offiziell anerkannt. Beide Minister hätten
sich zudem im Slum von fünfzehn Männern unterstützen lassen, die just
von den Banditenmilizen ausgesucht worden seien. „Die Gangsterkommandos
verbreiten in ihrem Territorium des Terrors Angst, foltern und morden,
beherrschen das gesamte Leben der Slumbewohner – alles toleriert vom
Staat, von den Autoritäten.“ Durch Gil und Berzoini sei bestätigt
worden, daß der brasilianische Staat große Teile seines Territoriums
nicht mehr kontrolliere. Im „Complexo da Marè“, unweit des
internationalen Flughafens, hausen immerhin mehr als 135000 Menschen. „Ein gravierender Fall“ Josè Murilo de Carvalho, Historiker und Mitglied
der nationalen Dichterakademie, verurteilt ebenfalls scharf, daß die
Minister ausgerechnet mit berüchtigten Gangstern eine Abmachung trafen.
„ Ein gravierender Fall – die Minister begingen einen schweren Fehler
– alles unakzeptabel, durch nichts zu rechtfertigen, unvereinbar mit der
Demokratie im Lande. Der Staat muß doch die Gesetze verwirklichen, solche
Gangster dingfest machen. Stattdessen wurde das organisierte Verbrechen
vom Staat als Parallelregierung, als Institution legitimiert –
ein Eingeständnis der Schwäche, der Niederlage. Ein Eingeständnis der
Schwäche, der Niederlage durch die Regierung. Leider kein Einzelfall -
die lokalen und regionalen Autoritäten schließen mit den Gangsterbossen
häufig solche Abkommen – das zeigt die Probleme unserer Demokratie,
unsere Realität - ich bin
tief pessimistisch, sehe keinerlei Lösung.“ Rätselhafter Musiker Gil In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Gilberto Gil
auch als Star der Weltmusik sehr bekannt. Seit seinem Amtsantritt
holte er indessen zur Freude der Fans einen ganz alten, sehr
sozialkritischen Song wieder hervor, singt ihn kurioserweise derzeit alle
paar Tage bei Konzerten in Rio. „ Nos Barracos da Cidade“ setzt sich für
die Rechte der Slumbewohner ein, beschreibt deren ausweglose Lage. “In
den Hütten der Stadt“, heißt es da,
„hat niemand mehr Illusionen über die Macht der Autoritäten, Maßnahmen
zu ergreifen, sich den Haien entgegenzustellen, etwas für die Favelados
zu tun. Die Profite sind hoch, doch niemand will davon etwas abgeben–
obwohl doch nur ein kleiner Teil davon schon die Lösung bringen könnte.
So viele stupide, scheinheilige Leute...“ Und immer wenn die Stelle mit
dem bösen System kommt, das Nein sagt zu sozialen Verbesserungen für die
Slumbewohner, hebt Gil betonend, anklagend den Zeigefinger in die Höhe.
Nach seiner Slumvisite wirkt der Text auf manche wie böse Ironie,
denn der begnadete Musiker gehört ja jetzt zum System, ist einer von den
Autoritäten... |