Folter
in Brasilien weiter häufig Menschenrechtsorganisationen
unzufrieden mit Lula-Regierung
von Klaus Hart
Seit
dem Amtsantritt des sozialdemokratischen Staatschefs Luis Inacio Lula da
Silva vor über einem Jahr hat sich die gravierende Menschenrechtslage in
Brasilien entgegen den Erwartungen weiter verschlechtert. Dieses Fazit
haben renommierte brasilianische Menschenrechtsorganisationen Mitte Mai in
Sao Paulo bei der Vorstellung ihres neuesten Lageberichts für 2003
gezogen. Die Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung würden bis heute enttäuscht,
die Lula-Regierung unterscheide sich kaum
von ihren Vorgängern, hieß es. Dies zeige sich besonders bei den
Konflikten um eine gerechte Bodenverteilung - unter Lula seien letztes
Jahr dreiundsiebzig Landarbeiter ermordet worden, 69,8 Prozent mehr als
2002. Gegen die Milizen der Großgrundbesitzer werde nicht ausreichend
ermittelt. Auch die Zahl der Morde an Indianern sei gestiegen, ebenso die
Polizeigewalt.
Daß von Beamten der Militär-und Zivilpolizei letztes Jahr allein
in Rio de Janeiro 1195 Personen getötete worden seien - in Sao Paulo 868
- werde fälschlicherweise als Zeichen von "Effizienz" bei der
Kriminellenbekämpfung gewertet. In allen Teilstaaten der größten
lateinamerikanischen Demokratie ist danach zudem Folter weiterhin üblich
- um Geständnisse zu erzwingen oder als "Bestrafung". In dem
nach Sao Paulo und Rio de Janeiro drittwichtigsten Teilstaat Minas Gerais
wurde sogar eine Zunahme der Folteranzeigen um sechzig Prozent gegenüber
2002 registriert.
Obwohl nachweislich sehr oft völlig Unschuldige in Polizeiwachen und Gefängnissen
mit mittelalterlichen Methoden gequält werden, wird dieses
Vorgehen weiterhin von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung sogar
befürwortet. In der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, der
drittgrößten Stadt der Welt, mit über tausend deutschen Unternehmen,
betonen gemäß einer neuen Studie immerhin 24 Prozent der Einwohner, in
bestimmten Vierteln sogar 31 Prozent, daß die Polizei stets oder
entsprechend der Situation foltern sollte, damit Tatverdächtige gestehen.
Wie es in der Studie hieß, findet die Folter damit in der Bevölkerung
mehr Unterstützung als noch vor sechs Jahren. Die Mehrheit der Befürworter
seien überraschend Frauen zwischen 16 und 25 Jahren mit Grund-und
Mittelschulbildung, während die Gegner vor allem in der Altersgruppe über
41 Jahre, mit Hochschulausbildung sowie mittlerem bis höherem Einkommen
zu finden seien. Doch von diesen sprechen sich immerhin 55 Prozent für
die Einführung der Todesstrafe aus.
Die Resultate werden auf die Ängste der Stadtbewohner
angesichts stark gestiegener Gewaltkriminalität zurückgeführt. Die
Raten für bewaffnete Raubüberfälle, Einbruchsdiebstähle und
Drogendelikte sind in jüngster Zeit deutlich gestiegen, weil
gemäß anderen Studien immer mehr Menschen wegen der
Rekordarbeitslosigkeit, mangels anderer Alternativen, ins Verbrechen
abrutschen.
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