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Menschenrechtsaktivisten
der USA und Brasiliens :
UNO-Friedenstruppe
in Haiti deckt
Polizeiterror gegen Zivilbevölkerung
„Brutalste Übergriffe der Polizei,
summarische Exekutionen, Massengräber – die UNO-Truppe Minustah schaut
zu, wie internationale Menschenrechtsnormen offen verletzt werden!“ So
schildert der nordamerikanische Anwalt und Rechtsdozent James Cavallaro
von der renommierten Harvard-Universität jetztin Rio de Janeiro die Zustände im Karibikstaat Haiti.
Lateinamerika-Fachmann Cavallaro arbeitet in der
brasilianischen Menschenrechtsorganisation „Centro de Justicia
Global“ mit, untersuchte die letzten Monate auf Haiti gemeinsam mit
Expertenteams das Vorgehen der von
Brasilien geführten Minustah, stieß sogar auf geheime Friedhöfe. Nahe
der Hauptstadt Port-au-Prince grub er Leichenteile aus, sogar ein getötetes
Kind. Im Juni letzten Jahres
hatte der Sicherheitsrat den UNO-Einheiten das Mandat erteilt, in Haiti für
Sicherheit und demokratische Entwicklung zu sorgen, Kämpfer der aufgelösten
Streitkräfte ebenso wie Banden zu entwaffnen, die Menschenrechte zu
garantieren. „Nichts davon geschieht, die Minustah erfüllt ihr Mandat
nicht“, betont Cavallaro bei der Vorstellung des auch in den USA und in
der Schweiz veröffentlichten Haiti-Berichts, „in dem Karibikstaat
herrschen weiter Chaos und Anarchie.“
Nach rund neun Monaten UNO-Mandat
existiere nicht einmal ein Entwaffnungsplan, würden weite Gebiete Haitis
immer noch von den Ex-Militärs kontrolliert. „Wir haben mit ihnen
gesprochen, waren in deren Regionen –
die sind gut gerüstet, ihrer wachsenden Stärke bewußt, die geben
nicht auf.“ Die jüngsten Gefechte, bei denen auch UNO-Soldaten getötet
wurden, scheinen Anwalt Cavallaro zu bestätigen. Er verurteilt zudem, wie
die Minustah Operationen der
„extrem gewalttätigen und sehr korrupten“ Polizei Haitis unterstütze
– vor den Augen der UNO-Soldaten werde die Zivilbevölkerung
terrorisiert. „Doch die Minustah schaut zu, statt es zu unterbinden –
die Verbrechen bleiben straflos. Menschenrechtsverletzungen werden von den
Einheiten nicht einmal dokumentiert - unsere Anzeigen, unsere Bitten um
Ermittlung blieben unbeantwortet.“ Dies alles sei schockierend.
Der Bericht beschreibt, wie die Polizei selbst Krankenhauspatienten tötet,
deren Leichen in Massengräbern verschwinden läßt. Zudem verbreite die
Minustah selber Terror unter der Bevölkerung, indem sie in dicht
besiedelten Armenvierteln von Städten wie Port-au-Prince völlig
unbegründet und ziellos das Feuer eröffne, wobei zahlreiche unschuldige
Zivilisten getötet worden seien.
Cavallaro zieht Vergleiche zu
Blauhelm-Einsätzen in Sierra Leone und Liberia – unter viel
schwierigeren Bedingungen als in Haiti sei es dort gelungen, zehntausende
Kämpfer zu entwaffnen, den demokratischen Prozeß zu fördern – doch
auf der Karibikinsel fehle den Minustah-Militärs dafür der politische
Wille. „Entweder haben sie ihr Mandat nicht verstanden - oder wollen es
nicht verstehen.“ Laut Anwalt Cavallaro ist gut möglich, daß Brasilien
einen ständigenSitz im
Sicherheitsrat bekommt. Dann hätte das Tropenland eine zunehmend
wichtigere Rolle in internationalen Angelegenheiten. „Doch leider ist
die brasilianische Zivilgesellschaft überhaupt noch nicht fähig, zu
kontrollieren, was das Land außerhalb der eigenen Grenzen tut. Und das wäre
bei einem Sitz im Sicherheitsrat umso dringlicher.“ Der jetzt
vorgestellte Bericht sei der bisher einzige über Brasiliens Aktivitäten
in Haiti – denn die brasilianische Presse verhalte sich völlig
unkritisch. „Was Brasilien in Haiti anrichtet, ist nun einmal eine
extrem unglückliche Sache.“ Amnesty International beurteilt die Lage ähnlich.
Brasiliens Staatschef Lula rühmt die Truppenentsendung nach Haiti als
international anerkannten Beitrag für den Frieden auf der Welt –
doch zahlreiche prominente Brasilianer, Kongreßabgeordnete seiner eigenen
Arbeiterpartei, Intellektuelle und Bischöfe der katholischen Kirche
verurteilen seine Entscheidung als schweren politischen Fehler. „Wir können
nicht akzeptieren, daß brasilianische Einheiten an einer Okkupation
teilnehmen“, warnten sie Lula in einem Manifest bereits lange vor dem
Verschiffen der 1200 Soldaten des Tropenlandes. Die bereits auf Haiti
stationierten Soldaten aus den USA, Kanada, Frankreich und Chile seien
Interventionstruppen, die eine Marionettenregierung installiert hätten.
Die Bush-Regierung wolle in der Region grenzenlose Hegemonie – was durch
die Haiti-Intervention nur noch unterstützt werde. Deutliche Worte an den
„Excelentissimo Senhor Presidente da Republica, Luis Inacio Lula da
Silva“, der, wie viele meinten, ein solches Manifest noch vor mehreren
Jahren, als Führer der wichtigsten Oppositionspartei Brasiliens,
sicherlich mit unterschrieben hätte.
Auf Druck von Großmächten wie den
USA und Frankreich, wie die Manifestunterzeichner fest überzeugt sind, übernahm
Brasilien mit General Augusto Pereira im Juni 2004 sogar das Kommando der
bislang von den USA geführten Haiti-Truppen. Für die befreiungstheologisch orientierten Bischöfe Demetrio Valentino und Tomas
Balduino weckt das alles schlimme Erinnerungen. Denn 1965 war das damalige
brasilianische Militärregime den US-Truppen in der Dominikanischen
Republik zu Hilfe gekommen, als der rechtmäßig gewählte Präsident Juan
Bosch gestürzt und eine diktatorische Regierung eingesetzt worden war.
„Wir verurteilen diesen Putsch von 1965 – doch jetzt hilft Brasilien
mit beim Putsch in Haiti, gegen Präsident Aristide!“, kritisiert
Balduino, „die USA haben ihr Vorgehen in Lateinamerika seit den 60er
Jahren nicht geändert, befürworten immer wieder solche
Staatsstreiche.Auch hinter den Vorgängen in Venezuela stecken die USA, um
die gewählte Regierung von Präsident Hugo Chavez zu beseitigen.“ Lula
entschied aus politischem Kalkül, sind sich alle Manifestunterzeichner
einig. Denn Brasilia will seit Jahren einen ständigen Sitz im
UNO-Sicherheitsrat – der sei, so Bischof Balduino, von den USA jetzt als
Gegenleistung für die brasilianische Truppenentsendung in Aussicht
gestellt worden. „Keineswegs geholfen haben die USA indessen der legalen
Regierung von Aristide -welcher
viele Fehler machte, doch bereits dabei war, sie zu korrigieren.“ Wenn
die brasilianische Regierung hinter einem Sicherheitsratssitz her ist, so
Bischof Valentino ironisch, müsse sie in solchen Situationen
wie jetzt in Haiti natürlich aktiv werden. „Doch es ist eine
Intervention, gegen alle von Brasilien stets verteidigten
Prinzipien – und damals in der Dominikanischen Republik hat sie
uns nur die Antipathie der Bevölkerung eingebracht – bis heute mag man
uns dort nicht.“ In Haiti drohe dasselbe.
Enttäuschung über die
Friedenstruppe nennen selbst brasilianische Generalstäbler ein großes
Risiko.Bischof Valentino
sieht zudem Parallelen zumUS-Truppeneinsatz
im Irak und in Afghanistan. „Die USA spielen sich als Welt-Richter auf,
mit dem Auftrag, die Weltordnung zu stützen – in Wahrheit gemäß
eigenen Interessen. Einem Land, das sich über die UNO hinwegsetzt, sollte
man jedoch niemals vertrauen.“ Haiti ist hier – Lula weiß das, doch
will es ignorieren - steht jetzt täglich in den brasilianischen
Zeitungen. Der unerklärte Bürgerkrieg in Brasilien fordere weit mehr
Opfer als in Haiti – oder im Irak. „Brasilianische Truppen müssen
unser Territorium befrieden, nicht das anderer Länder“, schreibt der
auflagenstarke „O Globo“ in Rio de Janeiro. Der Kon greßabgeordnete
Fernando Gabeira, der wegen Lulas neoliberalem Kurs aus dessen
Arbeiterpartei austrat, schlug dem Justizminister Thomaz Bastos
vor, die die für den Haiti-Einsatz vorgesehenen Gelder besser in
den Kampf gegen die Gewalt inRio
zu investieren:“Die Bush-Regierung arbeitete ernsthaft darauf hin,
Aristide zu stürzen . Doch Haiti ist hier –
in Rio sterben mehr Menschen durch Gewalt als bei den politischen
Unruhen in dem Karibikstaat.“ Ende März ereignet sich in Rio das bisher
größte Blutbad – Todesschwadronen ermordeten in einer einzigen Nacht
mindestens 27 Menschen.
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