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Brasilien:
Kleiderständer selbst
bei C & A in Hakenkreuzform
Hakenkreuzornamente aus der Nazizeit in
Wohngebäuden, einem Theater, amtliche Vornamen wie Hitler und
Himmler – auch für die Lula-Regierung kein Grund zum Eingreifen
Klaus Hart
In Deutschland machen
Hakenkreuzschmierereien von Neonazis immer wieder Schlagzeilen, erregen
die Öffentlichkeit – auch die brasilianischen Medien kommentieren ausführlich.
Doch in dem sehr konservativ geprägten Tropenland, das im zweiten
Weltkrieg die letzten beiden Jahreauf
der Seite der Alliierten gegen die Wehrmacht kämpfte, dominiert dagegen
erstaunliche, schockierende Indifferenz, Toleranz gegenüber Nazisymbolen,
die man im Alltag geradezu häufig antrifft. Für Juden, die Auschwitz überlebten,
ist eine ungeheure Provokation, daß überall in den Modegeschäften,
selbst bei C & A, schwarze Kleiderständer im Hakenkreuz-Design
stehen. Praktischerweise nennt man diese auch gleich Suastica, Hakenkreuz
- so werden sie in den Katalogen der entsprechenden Fabriken,
Vertriebsgesellschaften angeboten, kosten umgerechnet pro Stück etwa 28
Euro. Befragte Durchschnittsbrasilianer wissen durchaus um die
symbolische, historische Bedeutung des Hakenkreuzes, wissen von Hitler,
der Judenvernichtung – aber Hakenkreuz-Kleiderständer – warum denn
nicht, was soll denn da schon dabei sein? In deutschen Geschäften wären
diese „Suasticas“ natürlich ein Skandal, ein Medienthema, in
Brasilien überhaupt nicht
Der polnische Jude Aleksander Laks war in Auschwitz, seine Mutter wurde
dort vergast, sein Vater erschlagen – er selbst wurde von KZ-Arzt Josef
Mengele selektiert, der seinen Lebensabend geruhsam und ungestört wie
viele andere Kriegsverbrecher in Brasilien verbrachte. Laks wanderte nach
Brasilien aus, leitet in Rio de Janeiro eine Assoziation der Holocaust-Überlebenden.
Wenn er unweit seiner Wohnung bei C & A vorbeikommt, die Hakenkreuze
sieht, sind die Erinnerungen an das Grauen sofort wieder da. „Es es
nicht zu fassen – solche Kleiderständer selbst bei einer so großen
Kette wie C & A, ebenso in den anderen Modegeschäften!“ Produziert
und vertrieben werden die „Suasticas“ landauf, landab, ob in
Pernambuco oder in Sao Paulo. Laut Gesetz, Verfassung sind solche
Nazisymbole verboten – das Justizministerium in Brasilien sieht auf
Anfrage keinen Grund, von sich aus etwas zu unternehmen. An den vielen
Hakenkreuzfliesen aus der Nazizeit, damals aus Sympathie für Hitler
millionenfach in Gebäuden und sogar amZiembinski-Theater Rios verlegt, stößt sich der Staat, die
Regierung ebensowenig wie an den amtlichen Vornamen Hitler, Himmler, Göring,
Eichmann. Ziembinski war ein polnischer jüdischer Regisseur, der vor den
Nazis nach Brasilien geflüchtet war, dort die Theaterszene von Grund auf
modernisierte. Hakenkreuzornamente an dem nach ihm benannten Theater –
seit der Einweihung des Hauses 1988 sah man darin kein Problem, trotz
Kritik von Stückeschreibern.
Der Auschwitz-Überlebende Laks ist enttäuscht, daß auch die jetzige
Regierung weder die Nazi-Vornamen verbietet noch die Hakenkreuzornamente,
Hakenkreuzfliesen entfernen läßt.„Daß
so etwas existiert, ist gefährlich, ohne Zweifel, besorgniserregend. Es
gibt hier Nazis, nazistische Websites, Antisemiten, die den Holocaust
leugnen. Aber organisierten Neonazismus, Skinheads wie in Europa und den
USA sehe ich hier nicht.“ Auch Dora Finkielsztajn in Rio, als Folge der
Lagerhaft von schweren Krankheiten gezeichnet und fast blind, traf in
Auschwitz auf Dr. Mengele, verlor dort fast alle Angehörigen. Der heutige
Antisemitismus in Brasilien, die Hakenkreuzornamente, die nazistischen
Vornamenerschrecken die 78-jährige
– Neonazismus müßte hier, aber auch in Deutschland ganz radikal bekämpft
werden. Selbst in ihrem Wohnblock werde sie, ihre Tochter Ana grob
antisemitisch beschimpft.
„Eine sehr häßliche Sache – als sie an eine Schulmauer
in Rio große Hakenkreuze malten, haben wir die Polizei gerufen. Die
Ornamente aus dem Ziembinski-Theater müssen weg – obwohl man diese dann
sicher woanders anbringen wird. Viele Leute in Brasilien mögen keine
Juden – undbetonen dies
ganz offen.“ Tochter Ana reagiert wegen der täglichen Erfahrungen sehr
erregt, Sympathien für Hitler sind schließlich bei vielen Brasilianern
nicht zu übersehen. “Die Regierung, die Politiker wissen von den
nazistischen Vornamen, den Hakenkreuzornamenten – doch niemand tut etwas
dagegen. Hier gibt es alle Formen von Antisemitismus und Rassismus – man mag weder Schwarze noch Juden.
Der Deutsche hier im Haus sagte zu mir: Juden dürften hier nicht
leben, die müssen sterben, die müssen ins Massengrab!“
Die Auschwitz-Überlebenden Dora Finkielsztajn und Aleksander Laks wohnen
nur wenige Schritte von der „Praca Filinto Müller“ entfernt. Filinto
Müller war unter Diktator Getulio Vargas Chef der Geheimpolizei,
gelehriger Schüler der Gestapo. Er sorgte für die Auslieferung der Jüdin
Olga Benario an Hitlerdeutschland – in Bernburg wurde sie vergast. Nach
Filinto Müller sind in Brasilien viele Schulen und Plätze, sogar ein
Parlamentssaal benannt.
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