Brasiliens Schwulenszene boomt
– doch fast täglich werden Homosexuelle ermordet
Klaus Hart
Die Schwulenpolitik des
Tropenlandes bleibt weiter höchst widersprüchlich: Zwar startete die
Regierung eine Kampagne gegen Homosexuellen-Feindlichkeit, doch werden
nach wie vor selbst laut Amnesty International so viele Gays ermordet wie
in keinem anderen Land. In Großstädten
wie Sao Paulo und Rio de Janeiro geht die Hatz auf Homosexuelle
ungehindert weiter. Sogar in Strandvierteln der Mittel-und Oberschicht,
wie Ipanema und Leblon, lauern
Gruppen von bis zu fünfzehn jungen Männern den Schwulen an ihren
Treffpunkten auf, schlagen sie brutal zusammen, bewerfen sie mit Steinen,
traktieren sie mit Stöcken
und Eisenstangen. Beim letzten Karneval häuften sich solche Übergriffe
derart, daß Homosexuelle in Rio dem Volksfest fast ausnahmslos
fernblieben. Denn die Polizei unternimmt gewöhnlich nichts. Gemäß einer
neuen UNESCO-Studie erklären sehr viele Jugendliche geradezu mit Stolz,
gegen Homosexuelle zu sein – und auch der neue Staatschef Luis Inacio
Lula da Silva ist dafür bekannt, sie mit den üblichen machistischen
Schimpfwörtern zu verspotten.
“Bei Morden an Schwulen liegt Brasilien weiterhin an der Spitze“, sagt
in der nordostbrasilianischen Millionenstadt Salvador da Bahia der
schwarze Schwulenaktivist Oseas, „durchschnittlich jeden zweiten
Tag wird einer umgebracht, keine andere Minderheit wird so abgewertet, so
diskriminiert. Wir leben noch in einer heterosexistischen Gesellschaft, Änderungen
sind nur auf sehr lange Frist vorstellbar.“ Im Teilstaat Bahia, mehr als doppelt so groß wie Deutschland, stellen
die dunkelhäutigen Sklavennachfahren über achtzig Prozent der Bevölkerung
– schwer zu übersehen, daß gerade hier, wie im gesamten Nordosten, der
Machismus sehr ausgeprägt ist. Oseas schmerzt, eben auch von Schwarzen
sehr schlecht behandelt zu werden: “Ich bin Negro und Gay – für die
schwarzen Heteros verrate ich meine eigene Rasse, werde als Bedrohung des
Männlichkeitsideals angesehen – in Bahia ist es für Schwule sehr
schwierig.“ Nach außen vermittle Brasilien den Eindruck, tolerant und
sexuell freizügig zu sein. Doch das sei eine Lüge.
Die brasilianische Homosexuellenbewegung stützt sich bei ihrer
Mordstatistik auf Presseveröffentlichungen. Doch die wirkliche Zahl der Tötungen,
so heißt es, sei vermutlich sogar dreimal so hoch, da viele Verbrechen
als gewöhnliche Morde registriert würden, viele Untaten überhaupt
nicht. Zu den Opfern zählten
jedes Jahr auch Europäer, darunter Deutsche.
Politisches Asyl für
brasilianische Schwule
Brasilianische Homosexuelle haben die letzten
Jahre sogar politisches Asyl in Australien, Kanada und in den USA
erhalten. Amnesty International nennt die Situation paradox, da die
brasilianische Lesben-und Schwulenbewegung andererseits zunehmend
selbstbewußter an die Öffentlichkeit trete, jedes Jahr in Sao Paulo eine
der weltweit größten Christopher-Street-Day-Paraden veranstalte.
Milton Cunha ist in Rio de Janeiro Psychologe, Kolumnist,
moderiert im brasilianischen Kultur-und Bildungskanal TV Educativa
wöchentlich zwei populäre Sendungen, gehört ebenfalls zum Movimento Gay.
Den offiziellen Erklärungen Brasilias gegen die Diskriminierung sexueller
Minderheiten begegnet er mit unverhohlener Skepsis: “Werden Homosexuelle
ermordet, gibt es keine Ermittlungen, hat die Polizei keinerlei Willen,
die Täter zu fassen. Und sollten wir uns ins Kriminellenmilieu begeben,
um auf eigene Faust zu ermitteln, würde man uns umbringen. Und so bleibt
alles nur bei schönen Worten, geschehen weiterhin furchtbare Dinge,
bleibt alles beim Alten. Ich sehe in diesem Land sehr viel Widersprüchliches,
eine tägliche Kollision zwischen Ultraarchaischem und Ultramodernem, bin
aber als Brasilianer darüber nicht einmal mehr erschrocken, habe wie
jedermann zwangsläufig gelernt, damit zu leben.“
Nicht zufällig liegt Kuba auf dem UNO-Index für menschliche Entwicklung
auf dem 52. Platz, mit Deutschland, den USA, Argentinien, Chile und
Uruguay in der Gruppe jener Staaten mit hohem Entwicklungsgrad –
Brasilien, gezeichnet auch von Folter, Todesschwadronen und sogar
Sklavenarbeit, jedoch nur auf
dem 72. Platz, unter den Ländern mit mittlerem Entwicklungsgrad.
Auf der traditionell besonders buntschillernden, täuschenden
Erscheinungsebene gibt es offenbar kaum Grund
zur Kritik, Brasilien wird immer mehr zu einem bevorzugten
Urlaubsziel für Homosexuelle, gilt als das größte bisexuelle Land der
Welt. Troca-troca, erwähnt sogar in einem berühmten Samba von Chico
Buarque, ist homosexueller Verkehr, gewöhnlich die erste geschlechtliche
Erfahrung der heranwachsenden Jungen; so gut wie jeder weiß, wie es geht.
Fußballstar Pelè wurde von einer Zeitschrift gefragt, wie sein
„erstes Mal“ war. Er antwortete freimütig:“Mit einem Schwulen –
unser ganzes Team hat ihn penetriert, damals in Bauru.“
Viele bleiben dabei, sagen Frau oder Freundin nichts davon,
benutzen später gar Straßen-Transvestiten, „Travestis“, die für
einen beträchtlichen Teil der einheimischen Männer seit vielen
Jahrzehnten zur sexuellen Kultur einfach dazugehören. Über achttausend
Travestis gibts allein in Rio, etwa ebensoviele in Sao Paulo, weit
weniger in Salvador da Bahia, werden von Ausländern oft zunächst für
besonders aufreizende Frauen gehalten, reproduzieren indessen das
machistische Mann-Frau-Schema bis zum Exzeß. Die einschlägigen Experten
nennen den brasilianischen Mann eminent bisexuell, der die Sexualität
genitalisiert, auf den Penis reduziert, als ob andere Ausdrucksformen
nicht existieren. Lebten zwei Männer ihr Schwulsein aus, sehe sich der
Aktive nicht als „Bicha“, das sei der Passive, der deshalb auch noch
verachtet werde. Lateinamerikas Kultur stuft häufig den aktiven
Bisexuellen als dollen Macho ein; in Kolumbien wird er regelrecht
glorifiziert, tolerieren Frauen seinen Verkehr mit Schwulen, in Brasilien
nicht. „Mit einem anderen Mann Sex zu machen, zugeben, daß man dann
eben schwul ist – das ist schmerzhaft“, sagt der renommierte
Sexualwissenschaftler Marcos Ribeiro. “Mit einem Travesti hat man
weniger Konflikte – der ist eine Frau mit Penis, und das ist
komfortabler für die Psyche.“ Tausende brasilianische Travestis bieten
sich inzwischen am Bois du Bologne in Paris oder in Rom, selbst in
Deutschland feil.
Die katholische Kirche des Tropenlandes akzeptiert Homosexuelle – die
rasch wachsenden Sektenkirchen wollen sie „umdrehen“ von ihrer Sünde
„befreien, reinigen“, ganz nach US-Vorbild: Pedro Santana steht
jahrelang als Strich-Transvestit auf dem Uni-Campus von Sao Paulo,
aufreizend, täschchenschwenkend, mit Silikonbusen, bekannt als „Sandra
Le Baron“, hat Dozenten und Studenten als Kunden. Pedro ließ sich
„behandeln“, ist heute Pastor, predigt in der Kirche „Wunder Jesu“
mitten in der trubeligen City, ist verheiratet, hat drei Kinder, nennt
sich „geheilt“ verurteilt Homosexualismo als „Dämonenwerk“. Fast
in jeder Ausgabe stellt die auflagenstarke Sektenzeitung „Folha
Universal „“konvertierte“ Gays vor, ruft die Schwulenszene auf,
deren Beispiel zu folgen. Mit minimalstem Erfolg. Schließlich stehen
selbst in Brasilia sogar
Regierungsangestellte und Politiker auf Travestis. Doch gar nicht gut für
deren Ruf – immer wieder überfallen welche gar in Gruppen sogar ausländische
Touristen an der Copacabana.
Kein Zweifel, auch schwule Österreicher und Deutsche mögen Brasilien,
beschreiben es als „Paradies“, enmpfinden vor allem Rio de Janeiro
kommunikativer, heißer als jeden vergleichbaren Ort des Erdballs. „Bichas“
kennt jeder brasilianische Hetero selbst in der Provinz persönlich, hat
fast jeder reichlich im Bekanntenkreis, von Bisexuellen ganz zu schweigen.
Stundenhotels nur für Gays sowie Partneragenturen haben Konjunktur –
regelmäßig sah ich, wie alternative Frauen ganz offiziell einen schwulen
Carioca ehelichten, dies mit ihm in
einem Copacabana-Restaurant groß feierten – damit er künftig völlig
legal bei seinem deutschen, österreichischen Partner wohnen kann.
Aus Miami importierte Gay-Classics verkaufen sich erstmals in Rio und Sao
Paulo ebensogut wie Homo-Literatur und die erst Mitte der Neunziger gegründete
Schwulen-Illustrierte „Sui Generis“, für Leute mit Niveau – und
Geld. Editor Nelson Feitosa erläutert:“
Gays verdienen normalerweise gut, haben ihr ganzes Einkommen zum
Konsumieren, da sie ja weder für eine Ehefrau noch für die Privatschule
der Kinder zahlen müssen. Tun sich zwei Schwule zusammen, ist das für
sie finanziell noch vorteilhafter.“
Feitosas Sicht verrät einiges, denn er bezieht sich nur auf
Schwule der Mittel-und Oberschicht, die in der achtgrößten
Wirtschaftsnation gerade rund zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht,
ihre Kids tatsächlich fast ausschließlich in Privatschulen schickt, während
für den Rest der über einhundertachtzig Millionen Brasilianer nur die
katastrophal schlechte öffentliche Schule bleibt. Besserbetuchte Gays
haben natürlich mehr von der boomenden Schwulenszene, die aus der
Unterschicht trifft dagegen die Kehrseite weit brutaler.
Intellektueller
Schwulen-Führer Luis Mott aus Bahia
Salvador de Bahias Bürgermeister
schaut vom Schreibtisch auf
die pittoresken Hafenkais, an denen Jahrhunderte zuvor portugiesische
Segelschiffe mit verbannten Homosexuellen anlegten. Die Grupo Gay de
Bahia(GGB) ist die älteste und rührigste Schwulenvereinigung nicht nur
Brasiliens, sondern ganz Lateinamerikas. GGB-Präsident Luiz Mott,
Uni-Dozent, machte seinen Anthropologie-Doktor
an der Sorbonne, ist intellektueller Kopf der brasilianischen Homos, nennt
sofort auch die Schattenseiten:“ Schwule siehst du überall, weit mehr
als in den anderen Latino-Staaten, viele sind Stars auch im Karneval –
andererseits werden Homos und Bisexuelle serienweise ermordet, unsere
Statistik ist sehr unvollständig.“
Leider wahr – in Brasilien werden ungezählte Gewaltopfer
gar nicht registriert – und sei es, um die Bilanzen zu schönen. Mott
ist Weißer – Nachfahren
afrikanischer Sklaven gründeten
1995 ihre eigene „Grupo Gay Negro da Bahia“, gingen prompt mit
einem Afrikaner hart ins Gericht: Als ihnen zu Ohren kam, daß
ausgerechnet Zimbabwes Präsident Robert Mugabe Schwule als „niedere
Tiere, schlimmer als Hunde und Schweine“ deklariert habe, Festnahmen
verfügte, protestierten sie mit Erklärungen rund um den Erdball und an
Mugabe selbst. Uni-Prof Mott,
der fünf Jahre verheiratet war und zwei erwachsene Töchter hat,
macht zu schaffen, daß immer mehr Gays und Lesben Opfer des in
Brasiliens Nordosten besonders eingewurzelten Machismus werden, die „Homofobia“
zunimmt, organisierte Neonazis in Sao Paulo gezielt Schwule
zusammenschlagen und sogar ermorden. Was selbst in Österreich Politiker
protestieren läßt.
Noch vor
wenigen Jahren drucke eine große Zeitung Bahias regelmäßig folgende
Anzeige:“Halte Salvador sauber – töte jeden Tag einen Homo! “Die Mörder,
oft Strichjungen mit Raubabsichten, argumentieren vor Gericht, sich
lediglich verteidigt zu haben – der Schwule habe sie zwingen wollen,
beim Analverkehr den passiven Teil zu spielen. „Das reicht fast
ausnahmslos zum Freispruch“, beklagt Mott, „ein Viertel der Täter
sind Polizisten.“ Angegriffene gehen nicht zur Polizei, „weil wir auf
den Wachen stets als Schuldige, nicht Opfer behandelt werden, mit Demütigungen
rechnen müssen.“ Mott, politisch hyperaktiv,
gibt erst in Bahia, dann in Belo Horizonte, Recife, Curitiba einen
„Überlebensführer“, das „Manual de Sobrevivencia Homosexual“
heraus. Bei Attacken und Provokationen auf der Straße, empfiehlt er, ja
nicht ängstlich klein beizugeben, sondern den Angreifer zunächst
anzuschreien, ihn danach, sofern die eigenen körperlichen Kräfte
ausreichen, ebenfalls zu attackieren, erst zu fliehen, wenn keine andere
Wahl bleibt. Inzwischen lernen Gay-Gruppen geschlossen Kampfsportarten.
„In Brasilien sind mindestens vierzehn Todesschwadronen hinter
Homosexuellen her, jedes Jahr trifft es auch Europäer, darunter
Deutsche!“
In Bahias archaischem Nachbarteilstaat Alagoas gibt sich ein Abgeordneter
im Radio als bisexuell zu erkennen – sofort danach wird er entführt,
gefoltert, kastriert, der Kopf mit den ausgestochenen Augen und
abgeschnittenen Ohren wird in einen Fluß geworfen. Von London aus
prangert Amnesty-International- Expertin Fiona Macaulay seit Jahren die
hohen Mordraten an:“ Die Straffreiheit erschreckt ebenso wie das Ausmaß
der Gewalt. Viele Fälle werden gar nicht untersucht, die Regierung bleibt
untätig.“ 1997 erschießt ein 26-jähriger Ex-Soldat in der
Nordost-Stadt Santo Antonio de Potengi an einem einzigen Tage nach
detailliertem Plan fünfzehn Männer, die angeblich ausgestreut hatten, er
sei homosexuell. Der verheiratete Macho wollte in der von Blutrache geprägten
Region seine Ehre „wiederherstellen“, wurde indessen vor dem Begehen
weiterer zehn Morde von einem Polizisten zur Strecke gebracht. Der Fall
erregte keineswegs größeres Aufsehen, zeigte indessen laut Joao Trevisan,
auch in Deutschland und Österreich verlegter
Schriftsteller, wie groß das Vorurteil gegen Homosexuelle im
scheinbar liberalen Brasilien noch ist.
Studie über
Schwulen-Feindlichkeit— Homosexuelle und Aids
Eine seriöse
Untersuchung spricht Bände: Sechsunddreißig Prozent der Brasilianer würden
einem Schwulen selbst dann keine Arbeit geben, wenn er der
bestqualifizierte Bewerber wäre; jeder Fünfte würde sich von einem
homosexuellen Kollegen bewußt
fernhalten, sechsundfünfzig Prozent würden ihr Verhalten ändern. Rund
die Hälfte stimmte unter keinen Umständen für einen homosexuellen
Kandidaten und wechselte auch sofort zu einem anderen Arzt, falls die
homosexuelle Präferenz des bisherigen entdeckt würde. Neunundsiebzig
Prozent, im Nordosten sogar siebenundachtzig Prozent, würden nicht
akzeptieren, wenn ihr Sohn mit einem Schwulen ausginge. Über sechzig
Prozent geben den Gays die Schuld an der weltweiten Aids-Ausbreitung.
Scheinheiliger, widersprüchlicher gehts nimmer – von „typisch
brasilianischer Doppelmoral“ reden dann auch die Travestis, ihre
Hauptkunden sind schließlich verheiratete Familienväter, die gewöhnlich
„Camisinhas“ (Kondome) ablehnen. Deshalb stieg die Aidsrate in
scheinbar heterosexuellen
Partnerschaften so stark an, wie Brasiliens Experten überrascht
feststellten. Sieben von zehn
Frauen mit Aids werden von ihren Männern angesteckt, gehören keineswegs
zu einer Risikogruppe, sechsundsiebzig Prozent sind Mütter, weit über
der Hälfte aller betroffenen Frauen geht
erst ein Licht auf, nachdem der Ehepartner deutliche Krankheitssymptome
zeigt. „Die meisten dieser Männer infizierten sich bei homosexuellem
Verkehr“, betont David Uip aus Sao Paulo, einer von Brasiliens führenden
Aids-Forschern, Zweitausend wird bekannt, daß auch unter den Schwulen San
Franciscos die Immunschwächekrankheit wieder stark zunimmt.
Laut Kollege Caio Rosenthal hat HIV unter den Armen Brasiliens das
gleiche Profil wie in Afrika und einigen Karibikstaaten, treffe besonders
schwerwiegend die Frau:"Sie ist Zielscheibe des Mannes, der
fremdgeht, Drogen nimmt, bisexuell ist.“ Erfahren die Frauen das
HIV-Testergebnis, kriegen sie höllische Wut, und Lust, den Partner auf
irgendeine Weise für den Vertrauensbruch zu bestrafen. „Vor lauter Haß
habe ich auf ihn eingeschlagen, danach zweimal Selbstmordversuche
unternommen“, sagt Jaqueline Normandia in Belo Horizonte. Die Männer
unternehmen gewöhnlich alles,
damit niemand etwas erfährt, haben Angst, die Freunde könnten denken,
man sei schwul. Brasiliens Frauen tun das Gegenteil, informieren Familien
, Verwandte, sagen den eigenen Kindern die ganze Wahrheit, nennen den
Schuldigen. Verlassen ihn jedoch bis zu seinem Tode, trotz abgrundtiefen
Hasses, meist nicht, pflegen ihn bis zuletzt. „Jetzt ist er
tot“, klagt eine Dreißigjährige aus Rio, “ich möchte mich verlieben,
habe soviel Lust, mit jemandem zu schlafen – aber wer will eine Frau mit
Aids, und sovielen Kindern?“
Valeria Piassa Polizzi, aus einer Unternehmerfamilie Sao Paulos, infiziert
sich beim allerersten Mal, mit fünfzehn, veröffentlicht mit
sechsundzwanzig ihre Autobiographie, spricht Tabus offen an: “Hier in
Brasilien gibt es so viel Scheinheiligkeit. Da Homosexualität nicht
akzeptiert wird, existiert eine Unmenge von Bisexuellen. . Beim Heiraten
denken die Leute, ewige Treue sei inbegriffen. Nur geht der Mann mit
anderen fremd, und die Frau auch. Und beide tun so, als wäre alles
okay.“
In Rio lebt ein Manager, dessen Partner an Aids stirbt – er ist zwar
sicher, HIV-positiv zu sein, vermeidet jedoch den Test, zu dem ihm
Freunde, auch Heteros überreden wollen. Lieber schläft er weiter mit
neuen Partnern ungeschützt, verdrängt das Risiko nach Kräften. Die
Annahme, daß effiziente Kampagnen zur Aidsprävention erwünschte
Verhaltensänderungen bewirken und die Ansteckungsraten erheblich senken würden,
hat sich erwartungsgemäß, ebenso wie in Afrika, auch im Drittweltland
Brasilien weitgehend als falsch erwiesen. Neue Studien zeigen, daß
zahllose Männer und Frauen trotz der bestens bekannten Risiken weiterhin
extrem fahrlässig handeln – ein als Serial Killer beschriebener Typus
legt es sogar bewußt darauf an, andere mit dem HIV-Virus zu infizieren,
„aus Rache und Empörung“. Maria
Ines de Carvalho leitet in Rio die Betreuungsklinik der Erzdiözese für
Aids-Kranke, nennt ein übliches Argument:“ Jemand übertrug den Virus
auf mich und sagte mir nichts. Warum soll ich jetzt solidarisch mit den
anderen sein? Warum soll ich mit Sex aufhören, wo ich doch sowieso
sterben muß?“ Einige, so die Direktorin,“ haben das typische
Verhalten eines Serial Killers. Das ist zwar kriminell, aber in Brasilien
schwerlich zu beweisen.“
Infizierte Mädchen vom Straßenstrich würden
für die Arbeit in Nobel-Nachtclubs aufgepeppt – „gutbetuchte
Brasilianer, besonders aber ausländische Touristen verzichten auf Präservative,
weil sie meinen, mit einer Frau aus der Mittelschicht zu schlafen, die auf
Hygiene und Gesundheit achtet.“ In den total überfüllten Gefängnissen
hat einer von sechs Insassen Aids – Padre Geraldo Mauzeroll von der
Gefangenenseelsorge Sao Paulos beschreibt mir, was mit jenen passiert, die
wegen Vergewaltigung, bewiesen oder nicht, eingeliefert und in eine
Massenzelle gesteckt werden. Ritualhaft werden sie von zwanzig und mehr Männern
penetriert. „Das ist Gesetz in den Kerkern, so verbreitet sich Aids sehr
schnell.“ Renato Russo, schwuler Rockstar, erinnert sich an die wilden
Siebziger:“ In einer Nacht hatte man
mit dreißig Typen Verkehr, sehr eigenartig. Aber heute passen alle, die
ich kenne, auf. Ohne Camisinha gehe ich nicht aus dem Haus.“ Sein großer
schwuler legendärer Rock-Kollege
Cazuza, nach dem in Rio ein Platz benannt ist, starb an Aids, Russo dann
schließlich auch. US-Anthropologe Richard Parker forscht seit 1982 in
Rio, die in den USA und Europa übliche Differenzierung zwischen Homos und
Heteros, meint er, funktioniert in Brasilien nicht. „Hier pflegt
man eine Vielzahl sexueller Praktiken, ohne sich deshalb einer
bestimmten Kategorie zuzuordnen.“ Der Gipfel sei eigentlich Sex mit
Travestis:“
Selbst wenn der Kunde den passiven Part spielt, hält er sich
nicht für homosexuell, hat den Eindruck, mit einer Frau zu schlafen.“
Transvestiten, Hits im Karneval, in der Kultur- und Unterhaltungsbranche,
gehören zu Brasiliens Alltag, werden dennoch auch serienweise ermordet,
regelmäßig, wie in Rio und Sao Paulo
geschehen, aus vorbeifahrenden Autos mit Maschinenpistolen
erschossen. 1998 läuft Bischof Mauro Morelli abends von seiner Kirche an
der Rio-Peripherie zu Fuß nach Hause – nur Meter
vor ihm liquidiert ein Unbekannter mit zehn Pistolenschüssen einen
Strich-Travesti, verwundet einen zweiten schwer, geht weg, wird nie gefaßt.
Morelli, der Anti-Hunger-Kampagnen initierte, Todesschwadronen,
Polizeiterror, die Herrschaft des organisierten Verbrechens über die
Slumbewohner auch im Ausland anprangerte, sucht erneut die Öffentlichkeit
aufzurütteln:“ Wir sind Gefangene in einem ungerechten, schlimmen Land
– ich bin es müde, an den Straßenrändern Leichen zu sehen. Häufig
hallen Schüsse neben der Kathedrale, doch auch neben jedem beliebigen
Wohnhaus. Die Gewalt ist Resultat der krassen sozialen Ungerechtigkeit,
der Konzentration von Reichtum und Misere, auch noch als Fortschritt
verkauft.“ Morellis Appelle verhallen wie stets, Gewalt und Doppelmoral
herrschen weiter.
Wie bei den Streitkräften: In Rio wird ein
hochdekorierter Oberstleutnant eines Elite-Regiments, verheiratet, drei Töchter,
bei drastischem Sex im eigenen Auto mit
einem Dreißigjährigen erwischt – und gefeuert; im Dienst piesackte er
systematisch schwule Soldaten. Jeder Rekrut weiß, daß das eigentlich
strikt Verbotene absolute Kasernen- und Flottennormalität ist. Gemäß
einer Statistik des Oberkommandos liegt die Aids-Rate dort um das fünffache
höher als in der Bevölkerung außerhalb der Militärquartiere. Die alljährlich
für Radio und TV neu komponierten Anti-Aids-Songs der Regierungskampagnen
klingen deshalb sehr anders als in Mitteleuropa:“Wenn du Drogen,
Sauereien, Troca-troca magst, bist du dran – dann kriegt dich
Aids!“
Gay-Selbstkritik
Auch Brasiliens Schwulenszene hält nichts
von politischer Korrektheit, übt regelmäßig harte Gay-Selbstkritik, geißelt
Risikosex. „Unsere Gesellschaft ist scheinheilig und lügnerisch“,
sagt der Schwulenaktivist und Literat Silverio Trevisan, dessen Roman
„Ana in Venedig“ über die Familie Mann sich im ganzen
deutschsprachigen Raum gut verkauft. Und geißelt den eigenen
Haufen:“ Viele kämpfen nur für das Recht, Gymnastik-Akademien und
Nachtbars zu frequentieren, kontinuierlich Sex zu haben. Soll das schon
alles sein? So entstehen Feier-Ghettos und man ist dazu verurteilt,
schnelle Resultate zu suchen.
Wie sich die Leute in der Gay-Szene
kennenlernen, ist doch wie im Fleischerladen – man sucht jemanden nicht
etwa aus, weil er intelligent, interessant und sensibel ist, sondern nur,
weil man ihn köstlich, appetitlich findet.“ Thomas-Mann-Experte
Trevisan spricht von einem Narzissmus, der schlicht“ zum
Kotzen “sei:“ Alles natürliche Konsequenz der kapitalistischen
Gesellschaft – „Wert hat nur die Erscheinung.“ In seiner
Sui-Generis-Kolumne konstatiert Trevisan „eine Annäherung an die alten
machistischen Werte, jetzt festgemacht an maskulinen Signalen. In
bestimmten Homo-Anzeigen dreht sich alles mehr um den Schwanz als um die
Person. “Und dann wird seine Argumentation vollends
schmerzhaft:“ Erschreckend, daß nach Jahrzehnten der „Selbstbefreiung“
weiterhin
zwischen den Schwulen chronische emotionale Instabilität fortexistiert
– ebenso wie die Tendenz zur Grausamkeit in den Beziehungen, zum
schmutzigen Spiel mit Lügen, Fremdgehen und jeder Art von Gefühlsmanipulierung.
Die Konsequenzen reichen von schlimmer Einsamkeit bis zu Selbstmorden.
Leider wird uns nur gelegentlich bewußt, zu welcher Wildnis des Sadismus
das homosexuelle Universum unserer Tage wurde. Trotz scheinbarer
Enthemmung unsereres Erotismo anal leben wir mit denselben Makeln wie
damals, als man uns als Sodomiten verurteilte.“
Bichas und Heteros in Brasilien amüsiert, daß ausgerechnet der auch in
Deutschland und Österreich tourende Star der Musica Popular Brasileira,
Caetano Veloso, nicht mehr zu seinen jedermann bekannten, zuvor recht
offen deklarierten Neigungen steht. Der Sänger und Komponist legte sich
ausgerechnet mit der New York Times an, die, von Aktivist Luiz Mott aus
Bahia korrekt informiert, Gilberto Gils und Velosos „Bisexualidade
Tropicalista“ erwähnt hatte. Er beschimpfte öffentlich den
NYT-Korrespondenten als Kanaille, der
das Unverständnis über Brasilien
nur noch steigern
wolle. Vergeblich, die ganze brasilianische Nation kicherte. Veloso hatte,
wie ein Nachrichtenmagazin betonte, in den 70er Jahren seine sexuelle
Option schließlich in alle vier Winde hinausposaunt.
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