Brasiliens
„Hoffnungsträger“ Lula durch Korruptionsfälle angeschlagen
Regierung
kann längst bekannte Skandale
nicht länger vertuschen
Brasilien ist
Deutschlands „strategischer Partner“ im Ringen um einen ständigen
UN-Sicherheitsratssitz – doch die Regierung des Tropenlandes macht
derzeit die allerschlechteste Figur, könnte über ausufernde
Korruptionsskandale sogar stürzen. Politische Gefangene, Folter und andere gravierende
Menschenrechtsverletzungen, brachiale Umweltvernichtung nicht nur in
Amazonien, wachsendes Massenelend – und nun auch noch Brasiliens
rechtssozialdemokratischer Staatschef Luis Inacio Lula da Silva stark
angeschlagen. Die Kirche, Führer der Sozialbewegungen sowie
Politikexperten hatten immer wieder betont, daß der Lula-Regierung die
engen Bündnisse mit zwielichtigen Rechtsparteien, korrupten
Diktaturaktivisten übelster Sorte zum Verhängnis werden könnten. Die
Voraussagen scheinen sich nun zu bewahrheiten - daß die Lula-Regierung in
ihre bisher schwerste politische Krise schlitterte, kommt nicht überraschend.
Lula und die Führungsspitze seiner Arbeiterpartei hatten bereits vor dem
Amtsantritt von 2003 wohlbegründete Anklagen wegen Korruption und anderen
betrügerischen Machenschaften öffentlich stets als „Bobagens“,
Dummheiten, abgetan, sämtliche Skandale geschickt unter den Teppich
gekehrt. Selbst Lulas Vize und Verteidigungsminister, der Milliardär und
Großunternehmer Jose Alencar von der rechtsgerichteten Partei „Partido
Liberal“ wurde schwer belastet. Doch nach einer extrem populistischen,
enorm teuren, aufwendigen Wahlkampagne im Stile Nordamerikas galt Lula
noch als Hoffnungsträger der Nation, als eherne Säule der Ethik. Kaum
ein Amtsvorgänger genoß so viel Glaubwürdigkeit unter den rund 185
Millionen Brasilianern. Auch die jüngsten Korruptionsvorwürfe tat Lula wiederum als
„Bobagens“ ab, niemand im Lande habe mehr moralische Autorität im
Kampfe gegen die Korruption als er selbst. Doch diesmal erntete der
Staatschef darauf nur Hohngelächter – vom Mann auf der Straße, von der
Kirche, den sozialen Bewegungen, den politischen Kommentatoren. Und von allen Seiten muß sich Lula anhören: Sage mir, mit wem du
umgehst, und ich sage dir, wer du bist.
Ausgerechnet einer seiner neuen
Freunde, eine der übelsten, zwielichtigsten Figuren der brasilianischen
Politik, nämlich Roberto Jefferson, Chef der Rechtspartei PTB, bringt
Lula, seine Regierung, die Führung der Arbeiterpartei mit Enthüllungen
ins Wanken. Kern der Vorwürfe
Jeffersons: Lulas Chefstrategen installierten ein raffiniertes System des
Stimmenkaufs – über achtzig Abgeordnete von mit Lula verbündeten
rechtskonservativen Parteien erhielten monatlich Millionensummen in bar,
damit sie für Gesetzesvorlagen der Regierung votierten. Andere
Abgeordnete wurden mit Schmiergeldern veranlaßt, zur Arbeiterpartei PT
oder in andere Parteien des Regierungsbündnisses überzuwechseln. Und aus
großen Staatsbetrieben wurden laut Jefferson Unsummen für Lulas PT und
weitere Regierungsparteien abgezweigt, meist zur persönlichen
Bereicherung. Das hochangesehene PT-Führungsmitglied Celso Daniel, das
bereits vor Lulas Wahl solche krummen Touren aufdecken wollte, sei deshalb
sogar ermordet worden. Drei Minister, fünf Abgeordnete und ein Senator
haben gegenüber Brasiliens Nachrichtenmagazin „Veja“ die
Schmiergeldzahlungen an die über achtzig Politiker bestätigt – nun
sollen parlamentarische Untersuchungsausschüsse die Beweise erbringen.
Beinahe täglich muß Lula schwerbelastete Genossen sicherheitshalber
entlassen – sogar seine rechte Hand, den Chefminister des
Zivilkabinetts, Jose Dirceu.
Die Dreckarbeit, nämlich die Übergabe der
Bestechungssummen, wurde danach von einer Werbefirma erledigt, dessen
Mitbesitzer ein enger Verwandter von Lulas Vize Jose Alencar ist. Auch
Marta Suplicy, die Vizepräsidentin von Lulas Arbeiterpartei, soll sich während
ihrer desaströsen Amtszeit als Präfektin Sao Paulos die Gefolgschaft von
Abgeordneten mit Bestechungsgeldern erkauft haben.
Ein Blick auf
Brasiliens jüngere Geschichte zeigt – alles nichts Neues, in einem der
korruptesten Länder des Erdballs gehören derartige Skandale beinahe seit
jeher zum politischen und sonstigen Alltag. Schriftsteller, Intellektuelle
weisen immer wieder auf die tiefverwurzelte „Kultur der
Unehrlichkeit“, von deren Dimensionen sich in Europa kaum jemand einen
Begriff macht. Nur war vielen bisher entgangen, daß in der einstmals
linksprogressiven Arbeiterpartei längst der rechte, neoliberale Flügel
die Oberhand gewonnen hatte, nahezu sämtliche Führungsposten besetzte,
sich sogar mitrechtsextremen
Oligarchen anfreundete.
Kurioserweise
meldeten auch deutsche Kommerzmedien immer wieder, Lula sei ein
Progressiver, ein Linker, ein Sozialist. Waldemar Rossi in Sao Paulo,
einer der bekanntesten Führer der sozialen Bewegungen des Tropenlandes,
zudem Koordinator der katholischen Arbeiterpastoral, organisierte früher
mit Lula Streiks, kennt ihn wie kaum ein anderer: "Lula ist in Wahrheit
nicht einmal sozialdemokratisch, ist ideologisch fragil, wuchs in der
Gewerkschaftsbewegung faschistischen Ursprungs auf, in einer von
multinationalen Konzernen geprägten Industriestruktur. Seine Weltsicht,
seine Sicht von Entwicklung ist just jenes derzeit auf der ganzen Erde
dominierende Modell. Lula fehlt eine klare Vision der Differenziertheit in
der heutigen Welt – Lula war nie ein Linker. All dies erklärt seine
teilweise Bewunderung für Adolf Hitler.“ Bereits als Gewerkschaftsführer
sagte Lula 1979 in einem
Interview wörtlich – und nie dementiert, berichtigt: “Hitler irrte
zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer,
sich einzubringen, um etwas zu erreichen... Was ich bewundere, ist die
Veranlagung, Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe.“
Brasilianische
Politikexperten urteilen ähnlich wie Rossi – Lulas Arbeiterpartei sei
am Ende, habe längst die eigenen Prinzipien und natürlich die Wähler
verraten. Hauptfeind Brasiliens, der Menschenrechte, sei die Korruption, häufig
durch das Drogengeschäft gefördert. Nicht zufällig beklagen
Menschenrechtsaktivisten und Intellektuelle heftig, daß auch unter Lula
die hochbewaffneten Drogenmilizen als Parallelmacht über die riesigen Großstadtslums
akzeptiert, gerade die ärmsten Bewohner neofeudal terrorisiert werden. In
Rio de Janeiro gelang es den Milizen jetzt offenbar sogar, einen
Armeehubschrauber abzuschießen – selbst der Verkehr auf der
Stadtautobahn zum internationalen Flughafen wird immer wieder durch
Feuergefechte unterbrochen. Arbeitsminister Ricardo Berzoini und
Kulturminister Gilberto Gil fuhren völlig ohne Begleitschutz in einen
Rio-Slum ein, hatten laut Landespresse zuvor die lokalen Banditenbosse um
eine Besuchserlaubnis gebeten. Auch dies spricht Bände.
Brasiliens
soziale Bewegungen haben unterdessen ein Manifest veröffentlicht, das die
Lula-Regierung auffordert, konservative und korrupte Minister zu
entlassen, die neoliberale Wirtschaftspolitikaufzugeben, die in der Verfassung definierten sozialen Rechte,
darunter auf Arbeit, Wohnung oder Bildung, endlich zu verwirklichen.
Mehr
Informationen über Brasilien:
Klaus Hart, Unter dem Zuckerhut – Brasilianische Abgründe, Picus-Verlag
Wien, 2.Auflage 2005
Elisabeth
Blum, Peter Neitzke (Hg.), FavelaMetropolis – Berichte und Projekte aus
Rio de Janeiro und Sao Paulo, 2004 Birkhäuser-Verlag für Architektur,
Basel – Boston - Berlin<
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