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Folter wie im Irak
'Menschenrechtsaktivisten weisen
auf gravierende
Situation - Appell an die Weltöffentlichkeit
Klaus Hart
„Die Folterfotos aus dem Irak zeigen
uns unglücklicherweise überhaupt nichts Neues, das kennen wir alles“,
sagt Isabel Peres, Leiterin der brasilianischen Sektion von ACAT –
Christen für die Abschaffung der Folter, in Sao Paulo bedrückt, empört
zur ila. „Wegen des Irakkriegs finden die Aufnahmen jetzt besondere
Aufmerksamkeit, doch in Brasilien geschieht all das ganz systematisch in
Gefängnissen und Polizeiwachen! Die Lage hier ist sehr gravierend. Gerade
starb wieder ein Häftling an seinen
Verletzungen – ACAT hat
deshalb weltweit einen Appell verbreitet“.
Die Internationale Föderation ACAT hat
ihren Sitz in Paris, ist in 31 Ländern sowie bei der UNO vertreten.
Isabel Peres und ihre Mitarbeiter bekommen alleine aus dem relativ
hochentwickelten Teilstaat Sao Paulo auch unter der Lula-Regierung täglich
Folteranzeigen aus den über vierzig Gefängnissen. Landesweit sind die
Haftanstalten noch stärker überfüllt als vor Lulas Amtsantritt. „Oft
müssen sich die Gefangenen halbnackt ausziehen und
Spießruten laufen. Die Militärpolizisten prügeln auf sie ein,
immer wieder gibt es Tote. Bereits auf dem Transport werden Häftlinge zur
Einschüchterung gequält, kommen stark verletzt in der Anstalt an.“
Eigentlich müßte sie ein Arzt laut Gesetz bei der Ankunft untersuchen
– doch meist wird das einfach unterlassen. „Wenn wir von Folterungen
erfahren, gehen wir mit einem Mediziner, einem Psychologen und einem
Anwalt sofort in das betreffende Gefängnis, protokollieren den Fall,
schicken den Bericht auch an die entsprechenden Autoritäten im Ausland.
Doch zwei Monate später stellen wir oft
fest, daß die mißhandelten Häftlinge weiter mit gebrochenen
Armen, gebrochenen Beinen in ihren Zellen liegen, nicht richtig
medizinisch behandelt wurden. Ein Nationalplan der Regierung gegen Folter
steht doch nur auf dem Papier. Wir apellieren deshalb an die
Menschenrechtler im Ausland, uns zu helfen.“
Auch der österreichische Pfarrer und Gefangenenseelsorger Günther Zgubic
gehört zur ACAT Brasilien, prangert seit Jahren
die in Brasilien üblichen Foltermethoden an, verglich Gefängnisse
mit Konzentrationslagern:“Häftlinge erhalten Elektroschocks, werden mit
dem Kopf unter Wasser oder gar ins Klosett gehalten, müssen Fäkalien
essen – man treibt ihnen Nadeln unter die Finger-und Fußnägel, drückt
glühende Zigaretten sogar auf die Intimteile – hinzu kommt sexueller Mißbrauch.“
Pfarrer Zgubic zeigte hunderte Folterfälle, aber auch Gefängnisdirektoren
und sadistische Beamte an, machte sich dadurch viele Feinde. Für die UNO
erarbeitete er immer wieder Dossiers. „Brasiliens hat formell fast alle
UNO-Abkommen zum Schutze der Menschenrechte unterzeichnet, besitzt sogar
ein Anti-Folter-Gesetz – doch immer noch gibt es die Torturen.“
Auch Omar Klich, Leiter der Nationalen Bewegung für Menschenrechte/MNDH
in Brasilia, nennt die Lage landesweit gravierend. Gefoltert werde jedoch
nicht am meisten in den größten Städten, sondern im stark
unterentwickelten Hinterland. Und dort fehlten Expertenteams wie von ACAT
– die allerdings gar nicht in die Gefängnisse gelassen würden.
„Die Regierung reagiert nur manchmal und punktuell, obwohl Folter nicht
nur in Rio de Janeiro, sondern landesweit zur Routine wurde,
überall im Sicherheitsapparat“, so der deutschstämmige Klich zu
ila. „Folter ist eine systematische Praxis, eine Ermittlungsmethode der
brasilianischen Polizei. Das hat hier vor vier Jahren schon der
UNO-Sonderberichterstatter Nigel Rodley festgestellt. “
Die Struktur der Justiz, der öffentlichen Sicherheit Brasiliens sei aus
der 21-jährigen Diktaturzeit unverändert in die Demokratie übernommen
worden. “Die gleiche Militär-und Zivilpolizei, die damals folterte und
politische Gegner verfolgte, haben wir auch heute noch. Natürlich werden
Reiche, Bessergestellte nie gefoltert – bevorzugt dagegen Menschen aus
der Unterschicht, also Schwarze, Arme aus den Slums. Ungezählte
Folteropfer machen aus Angst vor Rache keine Anzeige.
Und oft passiert folgendes: Von oben wird
jener Polizeichef, der angezeigt wurde, damit beauftragt, den Fall
höchstpersönlich aufzuklären. Da ermittelt sozusagen der Täter gegen
sich selbst – und meistens wird die Sache dann
ergebnislos eingestellt.“
Klich kommentiert neue Studien, denen zufolge in Sao Paulo ein beträchtlicher
Teil der Bevölkerung die Folter befürwortet, damit Tatverdächtige
gestehen. “Gewalt ist in unserem Land ein kulturelles Problem, war seit
der Gründung unserer Nation immer präsent. Der Brasilianer reagiert auf
Gewalt gewöhnlich wieder mit Gewalt – dies ist in Ländern wie Großbritannien
ganz anders, deshalb ist dort die Verbrechensrate so niedrig. Und Folter
ist in Brasilien kulturell legitimiert, gilt in der öffentlichen Meinung
als gerechtfertigt, um Verbrechen aufzuklären. Zu unserer Kultur gehört
die Idee, daß man so für Gerechtigkeit sorgt, zumal die Justiz sehr
langsam arbeitet. Frauen sind besonders oft Gewaltopfer – und meinen
daher wohl, Folter sei die richtige Antwort.“
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