Kein Olympiafieber in Rio de Janeiro
von Klaus Hart
Um die Bewerbung der Zuckerhutmetropole für die
Olympischen Spiele 2012 ist es nach anfänglicher Begeisterung deutlich
stiller geworden. Die letzten Wochen und Monate kein Wort mehr davon in
den Medien, nicht mal auf den Sportseiten der großen Tageszeitungen –
irgendwelche Hinweise im Straßenbild, gar Werbeflächen -
nichts dergleichen. Und auch in den Gesprächen der
Stadtbewohner, überhaupt der Brasilianer,
ist Rio 2012 wirklich kein Thema – ganz anders als in Leipzig.
Staatschef Lula, der anfangs so kräftig die Trommel rührte, hat mit der
Zehn-Millionen-Stadt seit Monaten ganz andere Probleme. Täglich Gefechte
zwischen hochbewaffneten Banditenmilizen des organisierten Verbrechens,
die sämtliche Slums beherrschen, deren zwei Millionen Bewohner
terrorisieren, Ausgangssperren verhängen, sogar Straßen, Stadtautobahnen
sperren. Regelmäßig muß deshalb für über zehntausend Schüler der
Unterricht ausfallen. Wer sich nicht an das Normendiktat der neofeudalen
Milizen hält, wird zur Abschreckung sogar
geköpft, gevierteilt, lebendig verbrannt.
Vor allem in der
Regierungszeit von Präsident Fernando Henrique Cardoso, Ehrendoktor der
FU Berlin, veröffentlichten
Rios Tageszeitungen jahrelang beinahe täglich Fotos von abgeschlagenen Köpfen,
verkohlten Leichenteilen – Menschenrechtsorganisationen der Ersten Welt
hat dies nicht im geringsten interessiert, Proteste blieben aus, bis heute
wird diese Slum-Realität von vielen Drittweltbewegten regelrecht verdrängt.
Die Polizei Rio de Janeiros gilt
bei vielen Stadtbewohnern als korrupt, hat die Lage nicht im Griff – die
Banditengangs attackieren neuerdings sogar Kasernen und Waffendepots der
Armee, holen sich von dort
deutsche Heeres-MGs, Handgranaten, Bazookas, schwere Landminen. Und
ausgerechnet die UNO konstatierte jetzt im Mai, daß in ganz Brasilien jährlich
mehr Menschen durch Feuerwaffen getötet werden als im Irakkrieg. Für die
Olympischen Spiele dieses Jahres hatte sich Rio ja auch vergeblich
beworben – was dem bekannten unerschütterlichen Optimismus vieler
Brasilianer aber keinerlei Abbruch tut. “Ich denke, wir kriegen die
Spiele, Rio hat viel mehr Chancen als diese deutsche Stadt“, sagt eine
junge Frau im Strandviertel Copacabana,
auf dem Weg zur Arbeit. „Und Rio hat doch schon bei anderen Großereignissen
bewiesen, wie man die Gewalt fernhält.“ Ein neunzehnjähriger Schüler
sieht Rio eher im Mittelfeld der Olympiabewerber, „aber besser geeignet
als Leipzig.“
Allergrößte Skepsis dagegen bei einem
gutinformierten Sportfan:“Der ganze Teilstaat Rio de Janeiro ist derzeit
Konfliktregion, wegen dieser Welle der Schießereien und Gefechte kriegen
wir die Spiele nie, hier wird doch alles vom organisierten Verbrechen
beherrscht. Dazu die schlechte ökonomische und soziale Lage Brasiliens,
so viel Armut. Wir sind doch schwach im Sport, Deutschland ist dagegen
sehr stark. Dort ist der ideale Platz für die Spiele – diese deutsche
Stadt hat neunundneunzigprozentige Chancen gegen uns.“
“Rio ist wegen seiner natürlichen Schönheit
einfach unschlagbar“, glaubt eine ältere Dame.“Da kann doch diese
deutsche Stadt, die ich nur aus dem Fernsehen kenne, überhaupt nicht
mithalten. Wir haben allerbeste Aussichten, Rio ist doch wunderbar. Gegen
die Gewalt wird die Regierung sicher die Armee einsetzen, so wie beim
UNO-Umweltgipfel 1992. Das hat doch gut geklappt.“
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