Reality-Shows im Tropenland
Brutalo-Moderator Ratinho wurde
Kultfigur
von Klaus Hart
Stärkeren Tobak präsentiert, wie es aussieht,
weltweit kein anderer Kollege – Carlos Massa alias Ratinho, kleine
Ratte, traut sich, darf mehr als die Konkurrenten, und das allabendlich
bis zu vier Stunden. Beim Beschreiben programmtypischer Szenen sträubt
sich die Feder: Ratinho, 41, Ex-Kongreßabgeordneter, stellt einen Jungen
vor, dem ein Schwein das Geschlechtsteil abfraß. Wie üblich, feuert
jemand die mehreren Hundert im
Studio an, per Sprechchor den Verschüchterten zum Herunterlassen der
Hosen zu veranlassen. Schließlich tut er es, steht ganze fünf Minuten
da, zeigt die entsetzliche Wunde, die Kamera geht ganz nahe ran – das
Publikum reagiert zufrieden bis begeistert. Ein Lump, der an platten
Voyeurismus denkt, kommentiert Ratinho, ein medizinischer Fall werde
realistisch vorgeführt, weiter nichts, dem armen Jungen solle auf
Senderkosten geholfen werden. Das gleiche Schema bei den Riesenbrüsten
von Slumbewohnerinnen: Sie leiden unter der Last, werden gehänselt, haben
Probleme bei der Arbeitssuche – ganz menschlich-mitfühlend interviewt
Ratinho; dann wieder die Sprechchöre, alle wollen die Brüste sehen.
Achtzehnjährige, Frauen über sechzig haben sichtlich Hemmungen, Ratinho
redet gut zu, alles diene der Volksaufklärung und der Medizin; schließlich
heben sie, eine nach der anderen, sehr Dicke und sehr Magere,
die T-Shirts hoch bis zum Hals, oder knöpfen Blusen auf, grotesker
gehts nimmer.
Ratinho verspricht Gratis-Operationen, schielt in den
Einschaltquoten-Monitor. Der sogenannte „Ibope“, ständig gemessen,
steigt sprunghaft – freudestrahlend, lauthals herauslachend, teilt der
populistische Demagoge jeweils mit, wenn
das private TV Globo, meistgesehener
Kanal der immerhin fünfzehnten Wirtschaftsnation der Erde, wieder einmal
überrundet wurde, verspottet dessen Programm-Macher. Ratinhos SBT(Sistema
Brasileiro de Televisao), im Besitze eines ehemaligen Straßenhändlers, rangiert
auf Platz zwei, legte seit dem
Ankauf des neuen Nationalidols deutlich zu. Zuvor war das Medienphänomen
beim einst Ibope-schwachen Sektensender „Rede Record“,
katapultierte ihn mit seiner Kult-Reality-Show auf den dritten Rang.
Stoff, der ähnliche US-Programme in Poesiealbum-Nähe rückt, fehlte nie
– schließlich werden in Rio de Janeiro oder Sao Paulo täglich Menschen
lebendig verbrannt, zerstückelt, in Gruppen massakriert. Ratinho, der zum
Karrierestart laut Nachrichtenmagazin „Isto è“ den Finger in die
Einschußlöcher Ermordeter steckte, stimulierte bereits unter den
wohlwollenden Augen der Sektenbischöfe überzogen-grotesk die Paranoia
des kriminalitätsgeplagten Durchschnittsbrasilianers, appellierte ans
rechtsextremes Volksempfinden – liegt damit im Trend: Allein in der
Sieben-Millionen-Stadt Rio de Janeiro( schon 1997 offiziell über zwölftausend
Morde) sind 52 Prozent für Lynchjustiz, die täglich praktiziert wird.
„Nur Intellektuelle mögen Banditen“, schimpft Ratinho und wünscht
Kriminellen den Tod, fordert
die Todesstrafe:“ Der Entführer ist ein Tier, muß sterben, muß
verfaulen!“
Gelegentlich springt er auf die Kamera zu, schreit solche
Sprüche so heftig heraus, daß die Linse beschlägt. Und schaltet seine
Ansichten auch in Kolumnen fürBoulevardblätter durch. Vergewaltiger müßten
entmannt werden:“Mit dem Messer die Eier abschneiden, den Katzen
hinwerfen – und fertig.“ Obszöne Kraftausdrücke der Vulgär-und Fäkalsprache,
die jedem deutschen Moderator sofort den Job kosten würden, gehören
zu Ratinhos Standardrepertoire. Bricht unterm Zuckerhut wieder einmal eine
Tropenkrankheit epidemienartig aus, konstatiert er:“ Die Rio-Bewohner
werden grade vom Dengue-Fieber gefickt.“Eine eher noch harmlose
Bemerkung. Bezeichnend für Brasiliens gesellschaftliches Klima, daß
weder Öffentlichkeit noch Medien auf eine Ratinho-Spezialsendung zum
Jahrestag des ungesühnten Polizeimassakers von 1992 an mindestens
111 Häftlingen Sao Paulos reagieren: Einen Menschenrechtler läßt er
durch Blutbad-Befürworter niederbrüllen, ruft die Zuschauer zu Pro-und
Contra-Anrufen auf. Neben dem Studiotisch, auf den Ratinho alle paar
Minuten kommentarverstärkend mit einem Polizeiknüppel haut, dort sogar
gelegentlich tanzt, steht der lockende Hauptgewinn – ein nagelneuer
Import-BMW. 77,7 Prozent sind schließlich für den grauenvollen Militärpolizeieinsatz
von 1992, der weltweit Schlagzeilen machte.
Natürlich erntet
Ratinho in den Qualitätszeitungen nur gröbste Verrisse, muß sich
nachweisen lassen, daß die üblichen Studio-Schlägereien zwischen
Ehepartnern, verschmähten oder betrogenen Liebhabern wie anderes Hanebüchene
gelegentlich getürkt, inszeniert waren. Oder die beliebte Szene, wenn
Ehegatten nachgewiesen wird, daß ihre Kinder nicht von ihnen, sondern von
anderen Männern sind – die auch noch live auftauchen. Falls eine
Geschichte mal nicht stimmte, schiebt Ratinho alles
Dritt-Produktionsfirmen in die Schuhe -
seine Glaubwürdigkeit, Popularität bleibt hoch. Den Massen gefällt
offensichtlich, daß Ratinhos Programm politisch unkorrekt,
handwerklich eher stümperhaft, reine Improvisation ist, der Chef
live Kritiker, patzende Mitarbeiter zurechtweist:“Ich mache , was ich
will – in dieser Scheiße hier befehle ich!“ Als die
Firmen-Selbstkontrolle von ihm vergeblich fordert,
nicht länger ein unwirksames Haifischmehl „gegen brüchige
Knochen“ permanent anzupreisen, kommt abends nach acht prompt die Begründung:“
Warum
mache ich die Propaganda? Jedesmal, wenn ich das Pulver erwähne, kriege
ich siebenhundert Dollar!“ Ein Klacks gegen die über hunderttausend
Dollar Monatsgage. Längst ist Ratinho nebenbei auch noch Unternehmer,
unterstützt Politiker im Wahlkampf, wird sogar von der großen
Sambaschule Mangueira in Rio gefeiert.
Im europäischen
Fernsehen, betonen Soziologen, sorgten sich Kommissionen um
ethisch-moralische Fragen, existierten Regeln – das brasilianische TV,
bis auf einen kleinen öffentlichen Kanal durchweg privat, werde dagegen
von der Gesellschaft überhaupt nicht kontrolliert, banalisiere Sex, Tod
und Misere. Jurandir Freire Costa, Uni-Prof und Therapeut in Rio, geht
noch weiter:“In Europa gibt es noch verantwortungsbewußte kulturelle,
politische und moralische Eliten, die sich um die Erhaltung einer
lebendigen, eigenen Kultur sorgen, gegen solche Medien vorgehen würden.
Derartige Eliten hat Brasilien nicht mehr, die existierenden bleiben untätig
und indifferent. Praktiziert wird eine Demokratie der Apartheid, im Lande
herrscht ethisch- moralische Schizophrenie.“
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