Die „Theologie der
Prosperität“, das Evangelium des Reichwerdens
Hit in den Sektenkirchen
Brasiliens/Kleinunternehmer
und Arme davon begeistert
von Klaus Hart
Ausgerechnet im größten
katholischen Land propagieren die Sektenkirchen derzeit mit enormem Erfolg
ihre Theologie der Prosperität, garantieren all jenen großen materiellen
Wohlstand, die an den wöchentlichen Tempelsitzungen der Prosperidade
teilnehmen. Das Motto: Gott will nicht, daß du arm bleibst, Wohlstand ist
eine Gabe Gottes. Während die katholische Kirche Rekordarbeitslosigkeit
und wachsende Armut beklagt, die Sozial-und Wirtschaftspolitik der
Regierung von Staatschef Lula scharf kritisiert, sagen die Sekten,
an allem persönlichen Mißerfolg, an deiner Misere, deiner
Arbeitslosigkeit ist nur der Teufel schuld. Wir treiben ihn aus, zeigen
Auswege – wenn du nur willst, intensiv genug glaubst. Und das zündet
gerade an den Slumperipherien der Großstädte, aber auch bei kleinen Händlern,
hochverschuldeten Mini-Unternehmern.
„Komm am Montag in unsere Tempel“,
trommelt alle paar Minuten einer der acht
UKW-Sektensender auf der Radioskala von Rio de Janeiro, „mach mit bei
der Versammlung der Prosperität! Bettler, Verelendete, Hochverschuldete
wurden reich, leben jetzt im Wohlstand!“ Schon Dreijährige hören in
den Slumbaracken aufmerksam zu, sagen zur Mutter, laß uns da hingehen,
dann haben wir immer zu essen, können hier weg. Und immer montags, bei
der Reuniao da Prosperidade, sind landesweit die Tempel der Sektenkirchen
tatsächlich voll.
„Ich war
pleite“, schildert die Unternehmerin, live übertragen, „jetzt läuft
wieder alles blendend, Schulden bezahlt, Prozesse gewonnen – und selbst
mein Mann kehrte aus den Armen der Geliebten zu mir zurück!“
Riesenbeifall - Tausende
strecken Schuldscheine, Arbeitsbücher, Entlassungspapiere, Kreditkarten,
Zettel mit geschäftlichen Projekten gen Himmel – euphorische Stimmung.
Pausenlos fließen Spenden, Opfergaben in die Sektenkassen.
Der selbsternannte Bischof Edir Macedo, Gründer der
Universalkirche vom Reich Gottes, setzt in Brasilien am erfolgreichsten
auf die Teologia da Prosperidade. „Wer ein üppig-reiches Leben führt,
genießt die Segnungen des Herrn. Gott ist doch kein Sadist, will nicht,
daß wir Armut leiden – Wohlstand ist eine Gabe Gottes, und durch die
Macht des Glaubens erreicht man ihn auch.“
Daß Sektenpastoren im Luxus leben, der politisch einflußreiche Bischof
Macedo das teuerste Privatflugzeug Brasiliens besitzt,
und nicht etwa irgendein Banker oder Industrieller, ist da nur
folgerichtig, wird akzeptiert, bewundert. Die katholische Kirche, welche
an die Sekten immer mehr Gläubige verliert, fühlt sich von diesem
Evangelium des Reichwerdens zunehmend provoziert. „Ich liebe Gott, weil
er mich reich macht – das ist doch betrügerisch, eine Täuschung“,
sagt Brasilias Erzbischof Joao
Braz de Aviz. „Die Glaubenserfahrung ist doch mehr als das!“
Religionswissenschaftler untersuchen das neue Phänomen – für Silvia
Fernandes vom katholischen Forschungsinstitut CERIS in Rio handelt es sich
klar um eine neoliberale Ideologie. „Sie wurde aus den USA
importiert und hat viel Erfolg hier, weil wir in der katholischen Kultur
genau den entgegengesetzten Diskurs pflegen. Ein Leben in Armut gibt Würde,
heißt es, ist eine Tugend. Der neoliberalen Logik des Konsumismus dürfe
man nicht verfallen. Die Theologie der Prosperität rennt dagegen an –
wer sagt denn, daß du arm sein mußt! Und die Armen wollen ja aus der
Misere raus. Diese neue Richtung hat deshalb hier direkt etwas Revolutionäres!“
Doch was sagen die Sektenbischöfe, Sektenpastoren jenen Anhängern,
die weiterhin bitterarm
und arbeitslos sind, immer noch nicht in eine Villa umzogen, immer noch
keinen neuen Wagen fahren? Dein Glaube ist eben nicht tief, nicht intensiv
genug – deshalb steckt der Teufel immer noch in dir, läßt dich nicht
vorwärtskommen. Und gerade von den am wenigsten Gebildeten wird das
so hingenommen, akzeptiert.
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