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Pfarrer Ricardo Rezende in Rio
de Janeiro Kämpfer gegen die moderne Sklaverei 1983 zeigte er
sogar den VW-Konzern an
von Klaus Hart
Brasiliens Monarchie schaffte 1888
offiziell die Sklaverei ab - einhundertsechzehn
Jahre später gibt es in Lateinamerikas größter Demokratie jedoch immer
noch Sklaven und Sklavenhalter. Ricardo Rezende, ein katholischer Pfarrer,
kämpft seit der Diktaturzeit gegen dieses brutale, heimtückische
Ausbeutungssystem, hat dabei viel erreicht. Er
ist heute der führende
Sklaverei-Experte Brasiliens, sogar mit Doktorgrad, dazu einer der
bekanntesten Menschenrechtsaktivisten des Tropenlandes.
Damals, in den siebziger Jahren, hätte
Rezende gut in diesem beschaulichen Städtchen Juiz de Fora seiner
Heimatregion Minas Gerais bleiben können. Da gab es Theater und
Kino, Bibliotheken, malte er Bilder, machte Ausstellungen, konnte er
studieren, sich in kirchlichen Gruppen engagieren. Doch dann reiste
Rezende eines Tages eher zufällig ins tausende Kilometer entfernte
Hinterland des Amazonasteilstaates Parà, um Dominikaner-Ordensbrüder zu
besuchen. Und lernte ein völlig anderes Brasilien kennen, mit Sklaverei,
Todesschwadronen - er war schockiert, entschied auf der Stelle, zu
bleiben. Der angesehene Bischof Pedro Casaldaliga, ein erbitterter
Diktaturgegner, hatte gerade die Bodenpastoral gegründet, zur Unterstützung
der Landlosen, der Landarbeiter und Kleinbauern gegen die feudalen Großgrundbesitzer.
Mit ihm arbeitete er eng zusammen, wurde 1980 Gemeindepfarrer von Rio
Maria. Wir lebten völlig isoliert, ich hatte nicht einmal Telefon. Weil
es in der Region Widerstand gegen die Diktatur gab, drangen Soldaten auch
in sämtliche Kirchen und Gemeindehäuser ein, , schlugen, folterten sogar
Pfarrer, vergewaltigten Ordensschwestern – es war ein Horror für die
Kirche.“ Durch Padre Rezende
erfuhr die Weltöffentlichkeit erstmals vom Terror im Hinterland. Daß man
Sklaven, die zu flüchten versuchten, ermordete – oder grauenhaft
folterte, die Ohren abschnitt, davon sogar eine Sammlung anlegte. Daß Großgrundbesitzermilizen
ein dreizehnjähriges Mädchen entführten, vergewaltigten, lebendig
verbrannten. Und Rezende legte
sich sogar mit dem Volkswagenkonzern an -
wegen Sklavenarbeit.
“Bischof Casaldaliga hatte entdeckt, daß es drei jungen Männern seiner
Prälatur gelungen war, von der Volkswagen-Großfarm zu flüchten. Ich bin
hingefahren, habe die drei kennengelernt, und 1983, am Sitz der
Bischofskonferenz in Brasilia den Konzern als erster vor der Presse
angezeigt. Damals gab es auf der Farm etwa tausend versklavte Arbeiter,
viel Gewalt gegen sie. 1984 waren wir sogar mit einer
Parlamentarierkommission dort, haben alles bewiesen. VW kündigte an,
gegen mich zu prozessieren, hat es aber gelasssen, die Großfarm veräußert.
Das Eigenartige: Damals bezahlte Volkswagen in Deutschland bereits
Historiker, um herauszufinden, ob der Konzern während des Zweiten
Weltkriegs Sklavenarbeiter nutzte. In Deutschland wurde geforscht, doch
hier wurden Sklavenarbeiter gehalten.“Der VW-Konzern hat die Vorwürfe
Rezendes stets bestritten – VW sei nie verurteilt worden.
Der Pfarrer kämpfte weiter, erhielt internationale
Menschenrechtsauszeichnungen, doch auch immer mehr Morddrohungen. Auf sein
Haus wurde geschossen, er entging Attentaten, auch einer Entführung,
stand vier Jahre lang sogar ständig unter Polizeischutz, bis auch das
nichts mehr half. Er verließ Rio Maria, ging ins Dominikanerkloster von
Rio de Janeiro, machte an der städtischen Universität seinen Doktor –
natürlich über Brasiliensklaverei, leitet dort die Forschungen zum
Thema, koordiniert zwei
Menschenrechts- organisationen mit. Jetzt
hat die neue Regierung von Staatschef Lula eine schwarze Liste mit
Sklavenhaltern vorgestellt, die nicht mehr subventioniert werden sollen
– eine alte Forderung der Kirche.
„Ich bin glücklich, daß diese Liste von der Regierung
schließlich doch veröffentlicht wurde – es gab ja sogar Großfarmer,
die sozusagen als Rückfalltäter stets erneut Sklavenarbeiter beschäftigten
– und dennoch immer aufs neue staatliche Subventionen erhielten. Der Förderungsstopp
kommt aber merkwürdig spät.“ Laut internationaler Arbeitsorganisation
werden in Brasilien noch bis zu vierzigtausend Menschen versklavt. 2003
konnte die Bundespolizei nach Anzeigen der kirchlichen Bodenpastoral
jedoch erst rund 4300 Sklavenarbeiter befreien.“Die Regierung handelt
widersprüchlich. Bisher liegen über zweihundert Anzeigen gegen
Sklavenfazendas vor – doch nur die Hälfte davon wurde bisher von der
Bundespolizei kontrolliert. Und bis die Beamten wirklich auftauchen, haben
die Sklavenhalter schon alles vertuscht. Wir wollen, daß Sklavenfarmen
entschädigungslos enteignet werden, doch ein solches Gesetz wurde immer
noch nicht verabschiedet.“
Padre Rezende, inzwischen fünfzig, grauhaarig, aber weiterhin
schlank und sehr agil, sieht
zwar einige Fortschritte – doch setze die Lula-Regierung einfach die
Prioritäten falsch. “Brasilia gibt vor, daß ihr Mittel fehlen, auch für
Gesundheit und Bildung. Doch die Gelder fehlen nur, weil die Rückzahlung
der Außenschulden Vorrang hat. Das wirkt sich sogar auf den Kampf gegen
die Sklavenarbeit negativ aus – und das ist doch furchtbar. Die
Regierung steht sich mit den internationalen Märkten, mit der Weltbank
gut, doch die sozialen Ungerechtigkeiten läßt sie weiterbestehen.“
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