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„Demokratischer“ Staat und Banditendiktatur in
Brasilien
Organisiertes
Verbrechen verhindert Kampf
der Slumbewohner um Menschenrechte
von Klaus Hart
„Wenn die Massen
aus den Hügelslums eines Tages zuhauf in unsere besseren Viertel
hinabsteigen, um sich zu nehmen, was ihnen am nötigsten fehlt, sind wir
geliefert“, lautet eine Standardreflexion von Mittel-und Oberschichtlern
der Zehn-Millionen-Stadt am
Zuckerhut. Und auch mancher ausländische Tourist, der sich an den Stränden
der schicken Viertel Ipanema und Leblon tummelt, in feinen Hotels wohnt,
nimmt extreme Sozialkontraste
wahr, beobachtet vom Zimmerbalkon aus, daß die Verelendeten da oben in
ihren Steilhangkaten dichtgedrängt wie die Ameisen hausen. Und fragt
sich, wieso die nicht protestieren und rebellieren, nur einige hundert
Meter weiter unten, vor Shoppings, Boutiquen, Freßpalästen eigentlich
keine Randale machen, ihre Menschenrechte nicht einfordern, was zu essen
haben wollen. Schließlich ist Brasilien die dreizehnte Wirtschaftsnation
der Erde, weltgrößter Fleischexporteur, dazu größte bürgerliche
Demokratie Lateinamerikas – doch auf dem UNO-Index für menschliche
Entwicklung weit abgeschlagen hinter Kuba.Etwa fünfzig Millionen Brasilianer unterhalb der Armutsgrenze, die
hohen Einkommen mehr als das dreißigfache über den niedrigen.
Die
Passivität der brasilianischen Slumbewohner erscheint umso unverständlicher,
da die Landlosenbewegung MST,
auch von deutschen Kirchen und
regierungsunabhängigen Organisationen stark unterstützt, der
Mitte-Rechts-Regierung von Staatschef Lula kontinuierlich Ärger macht.
Beinahe täglich berichten die nationalen Medien ausführlich über
Protestdemos, Landbesetzungen, Straßenblockaden – doch in den Städten,
wo die große Masse der verarmten, verelendeten Brasilianer meist in Slums
haust, die scharfen Sozialkontraste am sichtbarsten, spürbarsten sind,
bleibt weiterhin alles ruhig.
Befreiungstheologisch orientierte Kardinäle, Bischöfe und Padres der
katholischen Kirche begründen dies seit Jahren mit der Diktatur des
organisierten Verbrechens über die Slums – der absichtlich zugelassene
Banditenterror verhindere perfiderweise politische Aktivitäten, den Kampf
für Menschenrechte, mache apathisch. Ganz im Sinne der Autoritäten,
Eliten. In der Ersten Welt, und selbst in Brasilien, heute ein internationales Testlaboratorium für neoliberale Politik, hatte
sich bislang kaum jemand für diese brisante These interessiert. Lästiges
Protestpotential mit Hilfe von Gangstersyndikaten in Schach halten, mündigen
Bürgern auf diese Weise die Zivilcourage abgewöhnen– geht das, taugt das gar zur Nachahmung?
Jetzt hat erstmals
ein renommierter Historiker aus Rio die These auf einer Wissenschaftlertagung bekräftigt, mit
interessanten Argumenten vertieft - und damit erhebliches öffentliches
Interesse hervorgerufen.
Der 65-jährige Josè
Murilo de Carvalho zählt zu den Koryphäen des brasilianischen
Geisteslebens, ist Lehrstuhlinhaber an der Bundesuniversität von Rio de
Janeiro, Kollege von Anita Prestes, der Tochter von Olga Benario, und
zudem gewähltes Mitglied der ehrwürdigen Dichterakademie des
Tropenlandes. In Rios trubeliger City beobachtet, studiert er nicht ohne
Sympathie von seinem Kabinett aus, wie Monat für Monat nur einige
zehntausend MST-Mitglieder überall in Brasilien mit gezielten Aktionen
die Lula-Regierung unter Druck setzen, damit sie die sogar in der
Verfassung vorgeschriebene Bodenverteilung vorantreibt. Von Pistoleiros
lassen sich die Landlosen nicht einschüchtern. Erst Ende November 2004 richteten Killer der Großgrundbesitzer in einem Landlosencamp des
Teilstaates Minas Gerais erneut ein Blutbad an, erschossen fünf Menschen,
verwundeten über zwanzig Kinder, Frauen und Männer teilweise schwer. Im
Dezember weitere tödliche Attentate.
„Diese Landlosenbewegung“, so Historiker
Carvalho, „ist
gutorganisiert, sehr effizient, hat enormen Erfolg, da sie die Regierung
dazu bringt, endlich die Agrarfrage zu lösen. Doch wie überall in der
Welt wird auch unsere Landbevölkerung immer kleiner, ist nur eine
Minderheit. Die Masse der sozial Ausgeschlossenen konzentriert sich in den
großen Städten – alleine Rio de Janeiro hat über sechshundert Slums,
mit 1,5 Millionen Bewohnern
– dort steckt schon von der Zahl her ein explosives Potential, nicht in
den Agrarregionen. Doch warum organisieren sich diese Massen nicht nach
dem Vorbild der Landlosenbewegung – warum kommt es eigentlich nicht zu einer sozialen Explosion, warum explodiert
Brasilien nicht?“
Professor Carvalho meint, daß eine Organisation der
Slumbewohner, der Arbeitslosen, die beispielsweise die vielen
leerstehenden Gebäude und Wohnungen besetzt, natürlich ganz andere gesellschaftliche Wirkungen hätte als die
Landlosenbewegung. Die habe zwar immer wieder versucht, ihre Aktionen auf
die Städte auszudehnen – doch ohne Erfolg. Carvalho ist regelmäßig im Parallelstaat der Rio-Slums, kennt das
strenge, neofeudale Normendiktat der Verbrechersyndikate, hochbewaffneten
Banditenmilizen, die sich regelmäßig sogar ganz in der Nähe von
Touristenhotels heftige Gefechte liefern. „A noite do poder paralelo“,
die Nacht der Parallelmacht, titelt
2004 Rios größte Qualitätszeitung O
Globo, zeigt das hellerleuchtete Sheraton-Hotel Rios, den angrenzenden
Hangslum Vidigal wegen Banditengefechten dagegen in völlige Dunkelheit
gehüllt, die vielbefahrene Avenida Niemeyer blockiert. Und das Fernsehen
zeigt mit NATO-Mpis feuernde Vidigal-Gangster – solche Bilder kennt man
aus dem Irak, aus Afghanistan, Palästina. Man erinnert sich gut, daß
Vidigal-Banditen 14-jährigen Mädchen die Füße durchschossen, die
Slumbewohner zusehen mußten. Ein Mann wurde verdächtigt, für die
Polizei zu spionieren. Also wird ihm mit einer Zange die Zunge
herausgerissen, schneidet man ihm mit einem Messer die Ohren ab. Zunge und
Ohren werden auf öffentlichem Platze für jedermann sichtbar an einem
Pfahl angenagelt. Ende 2004 werfen im Rio-Slum Chatuba Banditen sogar
Handgranaten in eine Freiluft-Massendisco, schießen mit Mpis in die
Tanzenden – zwei Tote, sechsundvierzig Verwundete. Die Presse spricht
von einer „Ataque narcoterrorista“.
Banditenkommandos verhängen nicht nur in Rio, sondern auch in Sao
Paulo, drittgrößte Stadt der Welt, regelmäßig Ausgangssperren, schüchtern
die Slumbewohner mit drakonischen Strafen ein, darunter Foltern, Handabhacken, Köpfen, Zerstückeln, lebendig Verbrennen.
Der pure, alltägliche Terror. Deshalb lautet Carvalhos Schlußfolgerung: “Die Existenz des organisierten
Verbrechens in den Slums
blockiert die Politisierung der Bewohner, hält sie ruhig, verhindert eine
Rebellion, Protestaktionen jeder Art. Die Gangsterkommandos dienen damit
der Aufrechterhaltung von politischer Stabilität im Lande – und das ist
den Autoritäten sehr recht, ist gut für sie. Natürlich würden sie das
nie eingestehen. Ohne Zweifel gehört zum strategischen Kalkül auch der
jetzigen Regierung, daß es
wegen der so hilfreichen Gangsterkommandos keine soziale Explosion geben
wird – und das ist natürlich reiner Zynismus. Denn die Slumbewohner
besitzen ja nicht einmal die elementarsten Bürgerrechte, können sich
nicht frei bewegen, haben nicht einmal das Recht auf das eigene Leben, können
von verirrten Kugeln getötet werden. Soziale Rechte, wie Arbeit, Gesundheit und Bildung fehlen
ebenfalls. Wir haben soviele Gewalttote wie in Bürgerkriegen. Und die
Assoziationen der Slumbewohner werden total vom organisierten Verbrechen
dominiert. Das Drama der Slum-NGO besteht darin, ohne Zustimmung der
Banditenmilizen nicht agieren zu können, mit ihnen verhandeln zu müssen.
Und wenn man mit den Gangsterkommandos verhandelt, legitimiert man sie.“
Große Teile von dichtbewohnten Millionenstädten wie
Rio de Janeiro oder Sao Paulo wirken nach Einbruch der Dunkelheit wie
ausgestorben, weil sich auch in Mittelschichtsvierteln aus Angst vor
Kriminellenterror kaum noch jemand auf die Straße traut. Schlecht für
Versammlungen, Treffen von Bürgerinitiativen oder progressiven Parteien. Nach
neuesten Studien sind zudem 74 Prozent der Brasilianer von über fünfzehn
Jahren nicht in der Lage, einen simplen Zeitungs- oder Buchtext zu
verstehen – und damit entsprechend leicht zu manipulieren.
Historiker
Carvalho weist auf die enormen Truppenkontingente in Großstädten wie
Rio. „ Die sind dort keineswegs rein zufällig. Man will
vorbereitet sein, falls die Lage doch einmal außer Kontrolle gerät. Denn
gäbe es Aktionen nach Art der Landlosenbewegung in den Städten, mit
anderthalb Millionen Slumbewohnern alleine in Rio, wäre das zwangsläufig
ein Schlag gegen die Stabilität des Systems, müßte man Truppen
einsetzen, um die Kontrolle wiederherzustellen.“ Laut Historiker Carvalho wird nichts unternommen, um
die Diktatur der Banditenmilizen zu beenden. „Unter Lula wurde ein Städteministerium
gegründet, das sich eigentlich dieser Problematik widmen müßte – doch
es tat bisher absolut nichts! In den letzten zehn Jahren gab es keinerlei
Fortschritte, ich bin enorm pessimistisch.“ Ironisch fügt er hinzu: „Warum wohl, lautet die
Frage, werden weder Brasiliens Grenzen noch die Drogenmafia in der Bucht
von Rio streng kontrolliert, greifen da die Streitkräfte nicht ein?“
Machteliten und organisiertes Verbrechen
Über die Verbindungen der Machteliten, von Politik
und globalisierter Wirtschaft mit dem organisierten Verbrechen gibt es
zahlreiche Hinweise. So hausen nach Angaben der aus der Oberschicht
stammenden Künstlerin und Menschenrechtsaktivistin Yvonne Bezerra de
Mello die obersten Bosse der Verbrechersyndikate natürlich nicht in den
Slums. „Die wohnen in den Nobelvierteln.“ Und bereits 1992 hatte der
progressive Abgeordnete Carlos Minc konstatiert: “In Rio de Janeiro sind
Straftäter und Autoritäten Komplizen – das organisierte Verbrechen,
das Drogenkartell herrscht in den Favelas, pflegt enge Beziehungen zur
Geschäftswelt, zur Stadtregierung, zu Polizei und Justiz, die daher
Straffreiheit walten lassen, die Gesetze nicht anwenden, die
Menschenrechte der Bewohner Rios mißachten. “Mincs Analyse wurde von einer parlamentarischen
Untersuchungskomission für zahlreiche andere Millionenstädte und große
Teile Brasiliens bestätigt. 2002 zeigt eine Unesco-Studie, wie das
organisierte Verbrechen in Ländern wie Brasilien in Politik,
Administration und Justiz eindringt, in einigen Teilstaaten sogar mit der
staatlichen Macht konkurriert. Die Drogenmafia, hieß es, könnte sich
ohne Beteiligung des Staates gar nicht halten, selbst wenn diese nur
indirekt sei. Und die progressive brasilianische Monatszeitschrift
„Caros Amigos“ konstatiert in einer Analyse über die „Schmutzigen Hände“
der Landeselite:“Das Verbrechen hat sich im Herz des Staatsapparates
installiert“.
Banditen-Okay für Kulturminister Gilberto Gil
Bezeichnend, wie die Lula-Regierung mit dem Problem
umgeht: Im Dezember 2004 weilen Kulturminister Gilberto Gil und
Arbeitsminister Ricardo Berzoini zu einer offiziellen Visite in Rios
Slumregion „Complexo da Marè“, um Qualifikationsprogramme für
Jugendliche vorzustellen. Wie die Qualitätszeitungen berichteten, hatten
beide für den Aufenthalt die Erlaubnis der lokalen Gangsterkommandos,
verzichteten auf jeglichen Polizeischutz, sogar auf die sonst üblichen
Bodyguards. Wie der Soziologe Jailson Silva analysierte, wird in solchen Fällen
erschreckenderweise vom Staat anerkannt, daß er selbst die Parallelmacht
darstellt, und nicht etwa das organisierte Verbrechen. „Alles eine
Konsequenz fehlender Aktionen des Staates in diesen Zonen.“ Paulo Sergio
Pinheiro, Experte für Gewaltfragen an der Universität von Sao Paulo zu
den Modalitäten der Ministervisite:“Damit ist bestätigt – der
brasilianische Staat kontrolliert große Teile seines Territoriums nicht
mehr. Um einen Slum des Complexo da Marè betreten zu können, brauchten
die Minister für Arbeit und Kultur die Erlaubnis der lokalen
Drogenbanditen, sowie die Unterstützung von fünfzehn Sicherheitsleuten,
die just von diesen Gangstern ausgesucht worden waren. Es wäre besser,
wenn sich der Staat nicht den Kriminellen unterwerfen und vom
organisierten Verbrechen jenes Territorium des Terrors zurückerobern würde.“
Tage
zuvor weilte Minister Gil in der berühmten, vom Staatskonzern Petrobras
gesponserten Sambaschule Mangueira, die gerade einen herben Verlust
erlitten hatte: Nach den bisherigen Ermittlungen hatten Mitglieder des im
Mangueira-Slum herrschenden Verbrecherkommandos den Vizepräsidenten der Sambaschule, gleichzeitig Chef der
Perkussionsgruppe (Bateria), auf barbarische Weise ermordet, weil nicht die
von ihnen ausgewählte Tänzerin zur „Königin der Bateria“ bestimmt
worden war. Aus Angst vor Repressalien, Racheakten lehnten Mitglieder der
Sambaschule, darunter sogar der landesweit berühmte Sänger Jamelao,
jegliche Stellungnahme zu dem Fall ab. Umso mehr war von manchen erwartet
worden, daß Minister Gil als Repräsentant der Regierung klar Position
bezieht, den zunehmenden Druck der Banditenmilizen des organisierten
Verbrechens auf die Sambaschulen scharf zurückweist. Doch Gil zog es vor,
gegenüber den zahlreichen Journalisten von Presse, Funk und Fernsehen
dazu kein einziges Wort zu verlieren. Stattdessen geheuchelte Fröhlichkeit,
Sambagetrommel, defilierende Kinder - ein Minister, der Optimismus und Karnevalsvorfreude auszustrahlen
sucht. Auch bei dieser Slum-Visite verzichtete der Minister auf jeglichen
Begleitschutz.Keine geringere als des Kulturministers Tochter, die
bekannte Sängerin und Schauspielerin Preta Gil, hatte 2004
klargestellt: “Es ist aussichtslos – nicht nur die Slums werden von der
gutorganisierten Drogenmafia beherrscht. Tudo dominado! Die Polizei ist
korrumpiert, die Regierung ist korrumpiert, alle sind doch verwickelt, das
ändert sich nie mehr, ist zu tief verwurzelt!“
„Wie die westlichen Regierungen mit der
Drogenmafia kooperieren“
Nur charakteristisch für ein Land der Dritten Welt,
mit dem die deutsche Regierung eine „strategische Partnerschaft“
pflegt? Keineswegs. Im Münchner Bertelsmann-Verlag veröffentlichte Jürgen
Roth im Jahre 2000 ein gut recherchiertes Sachbuch mit dem Titel
„Schmutzige Hände – Wie die westlichen Staaten mit der Drogenmafia
kooperieren“. Im Pressetext wird auf „Verbrecher mit Parteibuch und
Diplomatenpaß“ verwiesen, und daß die organisierte Kriminalität mit höchsten
Regierungsstellen kooperiere: “Sie sind unangreifbar, mächtig und einflußreich,
sie erpressen Regierungen, die sich wiederum ihrer bedienen – die
auswechselbaren Protagonisten weltweit vernetzter krimineller Imperien.
Wer wagt überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, daß politische
Entscheidungsträger demokratischer Staatengemeinschaften und mächtige westliche Konzerne genau das fördern, was sie
vorgeben, mit aller Härte und Entschlossenheit zu bekämpfen? Sie
scheinen – ob bewußt oder unbewußt, sei einmal dahingestellt –
offensichtlich mit jenen anscheinend finsteren Kräften zu paktieren, die
sie in aller Öffentlichkeit verdammen. Schlimmer noch: Sie gehen enge
Allianzen mit mächtigen internationalen Verbrechern ein, ermöglichen
ihnen die Anhäufung immenser Reichtümer, verschaffen ihnen Prestige in
den staatlichen Institutionen....Warum werden Drogenkartelle und
kriminelle Syndikate zur politischen Manövriermasse westlicher
demokratischer Regierungen?...Weil in den letzten Jahren kriminelle
Strukturen hofiert wurden, konnten sich diese Strukturen in unserem
demokratischen System einnisten – insbesondere auch deshalb, weil sich
kaum noch Widerstand gegen sie regt. Insofern ist das verbale und
publizistische Trommelfeuer um den zu führenden Kampf gegen mafiose
Strukturen und das organisierte Verbrechen in Wirklichkeit nicht mehr als
eine Verhöhnung derjenigen, die bis heute davon überzeugt waren, genau
diesen Kampf im Interesse einer intakten demokratischen Gesellschaft führen
zu müssen. Aber die daran glaubten, sterben langsam aus. Sie resignieren.
Und lassen sich ohne Gegenwehr die Hände binden, wenn ihre Ermittlungen
in die Spitzen der Gesellschaft führen sollten.“
Deutschlands Machteliten zeigten nach dem Anschluß
der DDR an die Bundesrepublik überdeutlich, mit welcher kriminellen Energie sie weiterhin
vorzugehen bereit sind. Die flächendeckende vorsätzliche
Wirtschaftsvernichtung und deren soziale Folgen wurden bereits ausreichend
untersucht. Indessen wurde auch ein vergleichsweise kriminalitätsfreies
Gebiet absichtlich dem organisierten Verbrechen geöffnet, was die
Verbrechens – bzw. Gewaltrate geradezu sprunghaft ansteigen ließ.
Westdeutsche machen sich gewöhnlich keinen Begriff, welche
einschneidenden, einschränkenden Verhaltensänderungen bei den
Ostdeutschen damit einhergingen: Angst vor Gewalttaten, Einschüchterung,
Individualismus, hohes Mißtrauen gegenüber Mitmenschen,
Selbstbewaffnung. Offener Verkauf lateinamerikanischen Kokains in
Straßenbahnen von Halle, Schießereien zwischen Verbrecherbanden auf
Bahnsteigen Leipzigs -
Resultat jener hofierten kriminellen Strukturen,die nicht nur Jürgen Roth ausführlich analysiert hat.
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