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„Wir werden
weiter terrorisiert“
Prozeß gegen die
Mörder der Urwaldmissionarin
Dorothy Stang beginnt in Brasilien Jane Dwyer aus
dem US-Bundesstaat Massachusetts wird diesen Februartag nie vergessen:
Seit Jahren kämpfte sie in der Amazonas-Gemeinde Anapu an der Seite von
Dorothy Stang aus Ohio für die Menschenrechte der Landlosen und
Kleinbauern, gegen die Urwaldvernichtung durch Holzfirmen und Großgrundbesitzer.
Jane Dwyer und Dorothy Stang gehören zum „Orden der Schwestern unserer
Lieben Frau von Namur“, lebten in Anapu unter einem Dach, leiten die
katholische Bodenpastoral des Ortes. Doch an jenem Tag kehrt „Irmã
Dorothy“, wie sie dort jeder nennt, nicht in das schlichte Häuschen zurück. Auf einem Waldweg lauern der 74-jährigen zwei Pistoleiros auf,
feuern sechs Revolverschüsse auf sie ab. Jane Dwyer muß seitdem täglich
damit rechnen, das nächste Opfer zu sein.
„Der Terror gegen uns geht
weiter - in den letzten Tagen hat man hier zwei Gewerkschafter, beide
Familienväter, liquidiert.“ Über fünfzig kirchliche
Menschenrechtsaktivisten, die mit „Irmã Dorothy“ zusammenarbeiteten,
würden mit Mord bedroht. Zwar hat die Regierung nach der Tat wegen des
internationalen Aufsehens Militär in Anapu stationiert – doch laut Jane
Dwyer sind die Soldaten lediglich Pappkameraden: “Die tun nichts,
greifen nicht ein – Berufskiller
laufen weiter hier frei herum, schüchtern die Leute ein.“ Niemand von
der Bodenpastoral setze aber sein Leben leichtfertig aufs Spiel. „Wir
passen auf, so gut wir können – unsere Mission ist, den einfachen
Menschen hier zu helfen, die von der Regierung im Stich gelassen
werden.“ So absurd es scheint – Dorothy Stang starb auf Staatsbesitz,
in einem Projekt für nachhaltige Waldnutzung, das zwar bereits unter
Staatschef Luis Inacio Lula da Silvas Amtsvorgänger Fernando Henrique
Cardoso formell ausgerufen wurde, jedoch nie offizielle Unterstützung
genoß.Jetzt wird das Projektgebiet von einem Großgrundbesitzer
okkupiert, dessen Bruder mit zwei Komplizen als Auftraggeber des Mordes an
Dorothy Stang angeklagt ist. „Niemand vertreibt diesen Großfarmer und
seine Leute von dort“, prangert Jane Dwyer an. Solche Projekte sind
Amazoniens Holzfirmen und Großfazendeiros ein Dorn im Auge, da sie
totalen Kahlschlag wollen, um dann auf den Flächen Soja und Zuckerrohr zu
pflanzen oder Rinder zu mästen – alles für den Export besonders in
Industriestaaten wie Deutschland.
Am Freitag
beginnt in Belem, der Hauptstadt des Amazonas-Teilstaates Parà, der Prozeß
gegen Clodoaldo Batista und Rayfran Sales, die beidengeständigen Mordschützen. Auch
Jane Dwyer wird dort sein und mit mehreren tausend Pastoral-Mitarbeitern,
Umweltaktivisten und Gewerkschaftern direkt vor dem Gerichtsgebäude
kampieren. „Wegen der unguten Erfahrungen mit solchen Prozessen sind wir
skeptisch, wie das Verfahren ausgeht – die Straflosigkeit bei solchen
Delikten muß endlich aufhören.“
In Parà von der
mehrfachen Größe Deutschlands wird gemäß Rechtsexperten nur in vier
Prozent der Mordfälle überhaupt ermittelt, gibt es einen Prozeß. In
Belem werden indessen auch ein Bruder und eine Schwester Dorothy Stangs
sowie die UNO-Sonderberichterstatterin Hina Jilani den Geschworenen auf
die Finger sehen. Acht Familienangehörige von „Irmã Dorothy“ hatten
sich zuvor in einem offenen Brief an Staatschef Lula schockiert darüber
gezeigt, daß Pistoleiros und Auftraggeber nicht wie gefordert von einem
Bundesgericht verurteilt würden, sondern ausgerechnet von der Justiz des
von Straffreiheit gezeichneten Parà. 1996 hatte dort eine Spezialeinheit
von 146 Militärpolizisten bei einem Massaker mindestens
neunzehn Landlose getötet – sämtliche Beamten und ihr Kommandeur sind
weiter auf freiem Fuß.
Dorothy Stang wird häufig mit dem von der UNO
ausgezeichneten Amazonas-Umweltaktivisten Chico Mendes verglichen, der
1988 beinahe aus gleichen Motiven ermordet wurde. Damals war der heutige
Staatschef Lula sofort zum Tatort geflogen und hatte bei der Beerdigung in
einer flammenden Rede der Polizei, Justiz und Regierung schwere Versäumnisse
und Untätigkeit angesichts brodelnder Land-und Umweltkonflikte
vorgeworfen. Als Dorothy Stang in Anapu beigesetzt wurde, ließ sich Lula
indessen nicht blicken. Landesweit war man deshalb enttäuscht, erstaunt. Das
Grab, so konstatiert auch Jane
Dwyer, wurde zum Wallfahrtsort
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