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Trotz Job auf der Straße schlafen
Neue soziale Phänomene durch Reallohnverlust
und Rekordarbeitslosigkeit in Brasilien
von Klaus Hart

Im Nationalkongreß von Brasilia droht im März ein verzweifelter Arbeitsloser damit, sich von der hohen Zuschauer-Brüstung in den Senatssaal zu stürzen – die Parlamentarier unten springen aus den bequemen Ledersesseln, flehen ihn an, es nicht zu tun, sammeln in Windeseile Geld, versprechen ihm einen Job. Schließlich läßt er von seinem Vorhaben.

Der Mann macht genauso Schlagzeilen wie die beinahe täglichen Zusatz-Verkehrsstaus in den Millionenstädten wegen riesiger  Schlangen von Arbeitssuchenden. In der Amazonas-Hauptstadt Manaus braucht ein Supermarkt einige Aushilfskräfte – über zwölftausend stellen sich an. In Sao Paulo bietet die U-Bahn dreißig Stellen – tagelang stehen sich deshalb über einhundertdreißigtausend Menschen die Beine in den Bauch. Das lockende „Traumsalär“ – umgerechnet keine zweihundertfünfzig Euro monatlich.

Für Hochqualifizierte, mit Uni-Abschluss, die gleiche Situation: Private, staatliche Unternehmen haben oft nur zwei, drei, fünf Stellen frei, unterziehen dafür aber gleich Tausende von Bewerbern sonnabends und sonntags jeweils sechsstündigen schriftlichen Prüfungen, mieten dafür Gymnasien, Fakultäten an. Unter den Akademikern Sao Paulos ist derzeit die Arbeitslosenrate höher als unter den  Analphabeten -  mehr Bildung  vergrößert keineswegs mehr – wie früher – die Beschäftigungschancen. Unvergessen ist, wie letztes Jahr  in Rio sogar Anwälte, Ärzte, Lehrer und Buchhalter mit über hunderttausend weit weniger Qualifizierten nur um die Anwartschaft auf eine Stelle als „Gari“, Straßenfeger konkurrierten –  alle wurden ausgerechnet im Sambodrome, dem weltberühmten Schauplatz der prächtigen Karnevalsparaden, in provisorischen Präfekturbüros registriert. 

Der neue Staatschef Lula war vor allem wegen seiner Versprechen gewählt worden,  Erwerbslosigkeit und Armut rasch und wirksam zu bekämpfen – doch nun sorgen  die von seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik provozierte Rekordarbeitslosigkeit, dazu der stetige Reallohnverlust,  für immer neue schockierende Sozialphänomene. Virginia de Jesus Santos  wäre mit dem Bus bequem in  einer halben Stunde auf ihrer Arbeit – doch der kostet umgerechnet fünfzig Cents, und das ist für die Brasilianerin unerschwinglich teuer. Also steht sie jeden Tag vorm Morgengrauen auf, läuft drei Stunden größtenteils im Nachtdunkel bis in die City der Megametropole Sao Paulo - und abends wieder drei Stunden im Dunkeln zurück. Anders könnte sie die Miete für das winzige Zimmer, in dem sie mit ihren beiden Kindern lebt, nicht aufbringen – ganz zu schweigen vom Essen, der Kleidung für alle drei.

In Südamerikas reichster Stadt und Wirtschaftslokomotive mit über tausend deutschen Firmen verfahren inzwischen rund zweihunderttausend auf die gleiche Weise – bei brasilianischen Stundenlöhnen von nicht selten unter fünfzig Cents ist jemand, der auch noch mehrmals umsteigen und damit mehrmals zahlen müsste, schlichtweg geliefert, lässt Busflotten, Vorortzüge und Metro an sich vorübersausen.  Gar nicht mitgerechnet jene Hunderttausenden, die sich täglich paradoxerweise im Verkehrsgetümmel der drittgrößten Stadt der Welt zu Fuß auf die Arbeitssuche machen. Andere, die weit entfernt an der Slumperipherie hausen, doch mit einem dreistündigen Fußmarsch wie Virginia de Jesus Santos längst nicht  Hütten und Katen erreichen, stellten sich noch radikaler um: Wochentags schlafen sie nach der Arbeit wie die Obdachlosen unter Brücken, in Parks und Massenasylen, machen sich nur am Wochenende auf den langen Weg, sehen nur dann ihre Familien.

Nicht zufällig ging die letzten Jahre in ganz Brasilien die Zahl der Busbenutzer um dreißig, in Sao Paulo sogar um fünfzig Prozent zurück – während gleichzeitig die Fahrscheine um bis zu sechzig Prozent teurer wurden. Weil auch im zweiten Amtsjahr Lulas die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe bleibt, die ohnehin niedrigen Reallöhne bereits im ersten Amtsjahr abrupt um durchschnittlich vierzehn Prozent sanken, beobachten die Kirche, aber auch die Sozialwissenschaftler ständig neue Verhaltensweisen.  Wer sich am Strand von Rio, im Ibirapuera-Park von Sao Paulo ein Samba-oder Klassikkonzert mit der Bier-oder Cola-Büchse in der Hand anhört, dem wird die  ausgetrunkene „Lata“ regelrecht aus der Hand gerissen, gibt es neuerdings oft gleich mehrere „Anwärter“: Jugendliche, junge Erwachsene, die auf den Arbeitsmarkt drängen und trotz oft guter Bildung einfach keine Stelle finden – entlassene Fabrikarbeiter und selbst Rentner, von denen etwa achtzig Prozent  mit nur  umgerechnet 75 Euro auskommen müssen. Durvalina do Nascimento in Sao Paulo war mit der Miete im Rückstand, hatte nicht einmal mehr Geld für eigentlich billigen Reis, reihte sich deshalb mit 72 Jahren ins Heer der „Catadores de Lata“ ein, bekommt für zwei große Säcke voll plattgetretener Alu-Dosen umgerechnet achtzig Cents. 

In keinem Land der Erde werden derzeit makabrerweise „dank“ hoher Arbeitslosigkeit mehr Latas recycelt, ist der Begriff „Dosenpfand“ unbekannt. Und gehört jenes Krachen, wenn Catadores eine Lata routiniert per Fußtritt verkleinern, zu den normalen Straßengeräuschen auch in Rio, Salvador da Bahia oder Recife. In manchen Vierteln von Sao Paulo sind über siebzig Prozent arbeitslos. Doch ohne Zugang zu bezahlbaren Verkehrsmitteln bleiben die meisten im Ghetto, verzichten zwangsläufig  auf die Stellensuche, vegetieren in psychischer und physischer Lethargie dahin. Denn mehr als sechzig Prozent der brasilianischen Erwerbstätigen sind im sogenannten informellen Sektor tätig, arbeiten also nach europäischen Kriterien schwarz, ohne soziale Rechte – stehen bei Krankheit, Unfällen oder Arbeitslosigkeit ohne einen Centavo da. Und selbst in Sao Paulo existieren gemäß einer neuen Studie 72 Prozent der Firmen schwarz, führen also auch keine Steuern ab – geduldet von den Autoritäten. 

Im zweiten Regierungsjahr räumt der Staatschef kleinlaut ein, daß durch Wirtschaftswachstum – 2003 war die Ökonomie sogar geschrumpft – nicht notwendigerweise neue Stellen geschaffen würden, da die Firmen auf Rationalisierung und Überstunden setzen. „Hauptfunktion der Wirtschaft ist es, den Menschen ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu ermöglichen“, stellte daraufhin die  Bischofskonferenz CNBB erneut klar.“  Ihr Vorsitzender, der als gemäßigt geltende Kardinal Geraldo Majella Agnelo, kritisierte im März die Wirtschafts-und Sozialpolitik Brasilias sogar in bisher schärfster Form, forderte erstmals „radikale Änderungen“ der Regierungslinie:“Hunger und Misere gab es immer in Brasilien – doch nie waren sie so sichtbar wie heute. Früher sah man in den Straßen nur Armut, doch so viel Elend wie heute nicht. Die Realität des brasilianischen Volkes ist heute ein tristes Schauspiel.“ Nur zu viele hätten nicht genügend zu essen – damit werde die Würde des Menschen verletzt, das sei Gewalt. Angesichts der Rekordgewinne von Banken und Spekulanten unter Lula  analysierte Agnelo:“ Man sorgt sich sehr darum, die Kapital-Seite zu belohnen, doch der Arbeit alle Last aufzubürden.“  Selbst er gehört inzwischen offenbar zu jenen, die bei Lulas tagtäglichen populistischen Reden, gehalten im In-und Ausland, nur noch abwinken:“ Er hat immer dasselbe gesagt – doch die Wirklichkeit ist ganz anders.“ 

Nach den jüngsten Skandalen und Affären der Regierung  murrt selbst das Regierungslager, drohen konservative Koalitionspartner mit dem Absprung, herrscht im Präsidentenpalast erstmals „Clima de Velorio“, Begräbnisstimmung. Im Juli 2003 startete Lula mit großem propagandistischem Aufwand das Beschäftigungsprogramm „Primeiro Emprego“(Erste Arbeitsstelle) – innerhalb von zwölf Monaten sollten 250000 junge Leute einen Job erhalten. Das kam gut an, das Volk gab Lula weiterhin einen großen Vertrauensvorschuß.  Doch neun Monate später erweist sich „Primeiro Emprego“ als Flop – nur 503 Stellen wurden bisher vergeben. Gemäß neuesten Umfragen sinkt die Popularitätsrate des Staatschefs erstmals deutlich, sieht erstmals eine Mehrheit das Land auf dem falschen Weg. Lula versucht wieder einmal auf seine Weise gegenzusteuern – weiht Ende März mit großem Pomp im Teilstaate Minas Gerais die große Straßenbrücke „Ponte Presidente Lula“ ein. Wie käme das wohl in Deutschland an, würde Gerhard Schröder grade jetzt  vor viel herangekarrtem Volke und Würstchenbuden eine „ Kanzler-Schröder-Brücke“ dem Verkehr übergeben?