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Brasiliens gravierende Umweltsituation
Katholische Kirche schlägt Alarm
Klaus Hart

„Wir sind nach wie vor ein Land zum Ausplündern, Ausrauben – Amazonien ist das beste Beispiel“, empört sich Bischof Demetrio Valentini aus dem Teilstaat Sao Paulo gegenüber ila.  „Immer hat die Wirtschaft Vorrang, die Umwelt wird überfahren!“ Fast täglich kommen jetzt wieder Hiobsbotschaften aus dem größten, wichtigsten, bislang noch artenreichsten Waldgebiet des Planeten: Illegales Abholzen, dazu  stupide Brandrodungen dauern unvermindert an –  letztes Jahr wurden erneut mindestens 23000 Quadratkilometer Urwald vernichtet, verbrannten ungezählte Tiere in den bis zu 50 Kilometer langen Flammenwänden lebendig. Bunte exotische Papageien sind ein Markenzeichen Brasiliens – doch in keinem Land der Erde sind heute mehr Vogelarten vom Aussterben bedroht. Wegen der Urwaldfeuer, so fanden auch deutsche Forscher heraus, ändert sich das Klima, regnet es in Amazonien deutlich weniger, was neue Brände begünstigt. Besonders bedenklich: In den Indianerreservaten wuchs 2003 der illegale Holzeinschlag selbst laut Regierungsangaben um über fünfzig  Prozent – denn bestimmte Edelhölzer wie das begehrte Mahagoni gibt es inzwischen fast nur noch dort. „Einige Stämme entdeckten, daß sie mit Mahagoni richtig gut Geld verdienen können“, sagt Benediktinermönch Marcelo Barros, einer der renommiertesten katholischen Umweltexperten, zur ila. “Die Caiapos beispielsweise exportieren sogar Edelhölzer – das ist sehr traurig. Brasiliens Umweltsituation ist  ziemlich grauenhaft, kompliziert – daß die Regierung auch bei genmanipulierten Nahrungsmitteln soviele Zugeständnisse machte, ist wirklich furchtbar!“

Stichwort Gen-Soja: Auch laut Greenpeace wird sehr viel Urwald vernichtet, um wegen der großen Weltnachfrage mehr Soja anzubauen, das als Viehfutter massenhaft selbst nach Deutschland exportiert wird. Zudem rücken die Viehzüchter rücksichtsloser nach Amazonien vor. „Die Regierung will den Fleischexport verdreifachen, Devisen erwirtschaften – das geht nur, wenn die Landwirtschaft auf Amazonien ausgedehnt wird,“erläutert Greenpeace-Experte Paulo Adario. „Alles auf Kosten der Umwelt, und sogar mit Sklavenarbeit vorangetrieben!“ Vom neuen Staatschef Luis Inacio Lula da Silva hatte sich auch die Kirche weit besseren Umweltschutz versprochen. Doch nach den jüngsten Amazonas-Katastrophen ist Lulas Glaubwürdigkeit bei den „Ambientalistas“ auf dem Tiefpunkt. Umweltministerin Marina Silva wirkt isoliert, ist ohne Rückhalt, nötige Strukturen. Greenpeace empfiehlt ihr den Rücktritt, „um den guten internationalen Ruf zu retten.“ Die Umweltorganisationen fühlen sich von der Lula-Regierung „verachtet, nicht ernstgenommen.“ Und manche Umweltschützer werden sogar verfolgt, brauchen Bodyguards, schußsichere Westen.

Bereits 1979 zur Diktaturzeit, als die Militärs den Run auf Amazonien starteten, umweltfeindliche pharaonische Projekte, darunter Riesenstaudämme, realisierten, warnte die Kirche vor den Folgen. Als noch kaum jemand an Umweltschutz dachte, lange vor dem UNO-Umweltgipfel von 1992 in Rio, widmete die Bischofskonferenz damals eine Brüderlichkeitskampagne der bedrohten Natur. Das Motto - “Schütze, was allen gehört“ . Die diesjährige „Campanha da Fraternidade“ fordert den Schutz der Wasserreserven – „das Thema brennt doch allen auf den Nägeln“, weiß Bischof Demetrio Valentini. Im Großraum der Megametropole Sao Paulo hat er es täglich vor Augen – über 25 Millionen Menschen können längst nicht mehr mit trinkbarem Wasser versorgt werden, die zwei großen Flüsse Sao Paulos sind eine eklig stinkende Kloake. In den meisten Hospitalbetten Rios liegen Leute, die wegen schlechtem Wasser erkrankten. „Bereits die Flußquellen sind häufig vergiftet, Wasser darf nicht privatisiert werden.“ Umweltschützer hätten selbst in der Schweiz eine Kampagne gegen den Multi Nestle gestartet, weil er im Teilstaate Minas Gerais übermäßig, aus reiner Gewinnsucht  Mineralwasser abpumpe, dadurch ökologische Schäden verursache. „Aber aus Angst vor ökonomischem Druck des mächtigen Nestle-Unternehmens wurde diese Wasser-Ausbeutung erlaubt – da nutzt man die Abhängigkeit Brasiliens aus.“ Daß die Lula-Regierung siebzig Wasserkraftwerke errichten will, nennt Bischof Tomaz Balduino von der Bodenpastoral eine verfehlte Energiepolitik, „weil dadurch etwa hunderttausend Familien von ihrem Land vertrieben werden.“