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„Mehr
Tote durch Feuerwaffen In dem
Tropenland, einem der am meisten von Gewalt und Mord heimgesuchten Staaten
der Erde, fordern Nicht-Regierungsorganisationen und die Kirche seit über
einem Jahrzehnt das Verbot des Verkaufs von Waffen und Munition an
Zivilisten. Die Regierung von Staatschef Lula hat bereits eine landesweite
Kampagne zur Volksentwaffnung gestartet, bei der jedermann legal oder
illegal erworbene Pistolen, Revolver, Gewehre oder Maschinenpistolen
abgeben kann. Jetzt rückt ein für Oktober geplantes Referendum über das
Waffenverkaufsverbot in greifbare Nähe – muß nur noch die letzte
parlamentarische Hürde nehmen.
Es könnte
klappen – in der Rua do Russell von Rio de Janeiro herrscht vorsichtiger
Optimismus. In einem alten Kolonialhaus arbeitet dort die regierungsunabhängige
Organisation „Viva Rio“ - sie
hatte die Idee zu dem Referendum, sie hat es seit der Gründung 1993 in
jahrelanger Kleinarbeit geschafft, immer größere Teile der
brasilianischen Bevölkerung vom Sinn eines Waffenverbots zu überzeugen. Faktor Straflosigkeit— In Bezug auf Morde herrscht in Brasilien nahezu Straflosigkeit – nur etwa acht Prozent der Verbrechen werden aufgeklärt, was nicht heißt, daß man die Täter auch faßt, aburteilt. An den riesigen Slumperipherien der Großstädte liegt die Aufklärungsrate gar bei nur einem einzigen Prozent. Auf dem amerikanischen Kontinent ist Brasilien nach den USA der zweitgrößte Waffenproduzent, ein großer Exporteur. 75 Prozent der bei Morden benutzten Schußwaffen kommen aus nationaler Produktion. Laut Viva-Rio-Mitarbeiterin Josephine Bourgois führt dies zu den Gründen des erbitterten Widerstands gegen ein Referendum durch die sogenannte „Bancada da Bala“, die Schußfraktion im Nationalkongreß. “Das sind Politiker, denen die Waffen-und Munitionsindustrie den Wahlkampf finanziert hat, da sind wirtschaftliche Interessen im Spiel. Die Schußfraktion ist sehr aktiv, hat Abstimmungen über das Referendum immer blockiert. Sie wollen Zeit gewinnen, das Referendum hinauszögern, inhaltlich abschwächen, am liebsten ganz verhindern.“Alle paar Tage berichtet Brasiliens Presse, daß Granatwerfer aus Schweden, Maschinengewehre, Pistolen aus den USA und europäischen Ländern bei Banditenmilizen beschlagnahmt wurden. Viva Rio befaßt sich auch mit diesem Problem. “Die sogenannten Langwaffen aus den USA sind hier auf dem illegalen Waffenmarkt die Nummer Eins. Wir von Viva Rio haben deshalb im Gouverneurspalast bei einer Zeremonie beschlagnahmte ausländische Waffen den Diplomaten der betreffenden Länder übergeben – darunter die USA, Belgien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien. Und wir haben diese Diplomaten gefragt – wie konnten diese Waffen aus euren Ländern hier in die Hände von Verbrechern gelangen. Unternehmen sie etwas dagegen!“ |