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Hoffen in Zeiten der Dürre
Wichtige neue Bücher zu einer befreienden Theologie

Romeros Aktualität

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Der deutsche Jesuit Martin Maier hat einige Jahre in El Salvador als Pfarrer gearbeitet. Am Morgen des 16.11.1989 fand er im Garten des Hauses der Jesuiten die Leichen seiner in der Nacht ermordeten sechs Mitbrüder, unter ihnen Segundo Montes, Ignacio Martín-Baró und der Rektor der Zentralamerikanischen Universität San Salvadors, Ignacio Ellacuría. Maier ist derzeit Gastdozent an dieser Universität. Wie im Titel Oscar Romero, Meister der Spiritualität angedeutet, fokussiert Maier seine Biographie auf die Spiritualität Romeros als eigentliche Wurzel seines Engagements. Maiers Erfahrungen in El Salvador haben die Entstehung des Buches maßgeblich bestimmt. Er schreibt dazu in seinem Vorwort: „Auf diesem persönlichen Hintergrund steht dieses Buch über Oscar Romero. Ich versuche dem Zeugnis und dem Geheimnis dieses Menschen nachzugehen, der, wie Ignacio Ellacuría es ausdrückte, ,innerhalb von drei Jahren aus der Namenlosigkeit und Bedeutungslosigkeit zu öffentlicher Bekanntheit und größter gesellschaftlicher Wirksamkeit gelangte'. Ellacuría hat auch die Richtung gewiesen, in der eine Antwort zu suchen ist. ,Der Heilige Geist hat sich seiner bemächtigt und all die Schemata und Perspektiven, einschließlich seiner eigenen, durchbrochen.'“

 Neben eigenen Erfahrungen und persönlichen Kontakten zu Menschen, die Bischof Romero nahe standen, nutzte der Autor die Predigten und Tagebücher Romeros sowie die zahlreichen meist nur in spanischer Sprache vorliegenden Biographien für sein Buch. Als Ergebnis ist eine informative und spannend geschriebene Biographie entstanden, durch die neue Fokussierung eine wichtige Ergänzung zum bisher Publizierten. Die inneren Prozesse Romeros und seine Suche nach einer befreienden Spiritualität, die er ja bis zur letzten Konsequenz gelebt hat, versucht Maier den LesernInnen nahe zu bringen. Er arbeitet heraus, dass die bedingungslose Entscheidung Romeros für die Armen zugleich eine spirituelle Entscheidung war, die zwangsläufig implizierte, zu den politischen Ereignissen Stellung nehmen zu müssen. „Romero als Meister der Spiritualität macht deutlich, dass Spiritualität nichts mit Weltflucht und auch nicht mit Esoterik zu tun hat, sondern dass es ihr vor allem um das Leben der Armen geht.“ „Romero findet Gott in den Armen. Das war die beglückendste Erfahrung seines Lebens. Eine seiner Formulierungen lautet: ,Ich habe Gott kennen gelernt, weil ich mein Volk kennen gelernt habe.' Deshalb stehen die Armen auch im Mittelpunkt seiner Spiritualität, deren entscheidendes Kriterium ist. ,Wie verhalte ich mich gegenüber dem Armen? Denn in ihm ist Gott.'“

Maier gelingt es auch eine Brücke zur ersten Welt zu schlagen. Er skizziert, wie der von Romero gelebte Glaube eine „Verbindung von Mystik und Politik“, eine Aufforderung ist, sich nicht abzufinden mit der ungehemmten Ausbreitung des Kapitalismus und dem Erstarken des Neoliberalismus im Zeitalter der Globalisierung. „Romeros Spiritualität ist heute so aktuell wie vor 20 Jahren. Der Weg seiner Bekehrung ist wegweisend für eine Globalisierung, in der nicht der Markt, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.“

María López Vigil hat etwa tausend Stunden mit rund zweihundert Menschen gesprochen, die ihr von ihren Begegnungen mit Romero erzählten. Eine Biographie im herkömmlichen Sinne ist ihr Buch nicht, das nun auch in der deutschen Übersetzung vorliegt: Oscar Romero, Ein Portrait aus tausend Bildern. Bei der Anordnung der vielen Zeugnisse folgt Vigil dem Lebensweg Romeros und reiht diese Zeugnisse „einfach“, ohne eigenen Kommentar, aneinander. Oft sind sie nicht länger als eine halbe Seite. „Bei der Rekonstruktion des Portraits von Oscar Romero hat sich mir gezeigt, dass die Wahrheit dieser Zeugnisse immer auch von Liebe überformt ist (...) Jedes von ihnen hat eines oder mehrere Steinchen für das große Mosaik geliefert. Meine Sache war es, diese Steinchen zu fassen, sie zu schleifen, zu polieren, hier und da die Farben leuchtender hervortreten zu lassen.“ Durch die Auswahl und Anordnung ist es Vigil gelungen ein plastisches und lebendiges Bild Romeros, reflektiert von der Volksseele, entstehen zu lassen. Seine Entwicklung und sein Wandlungsprozess werden konkret nachvollziehbar: vom streng konservativen und ängstlichen Kleriker, dessen Spiritualität noch nicht geerdet war, hin zu dem unermüdlichen und unerschrockenen Verteidiger der Menschenrechte, dem Freund und Sprachrohr der Armen und Verfolgten. Ein Buch, das sich nicht zusammenfassen lässt, denn wie der Titel schon ankündigt, es ist ein Portrait aus tausend Bildern. Ein Bild aber lässt sich nur durch intensive Betrachtung erschließen, kann nur auf diesem Weg seine Wirkung entfalten. (Sigrid Becker-Wirth)

Martin Maier,  Oscar Romero. Meister der Spiritualität, Freiburg 2001, 191 S., 9,90 Euro
María López Vigil, Oscar Romero, Ein Portrait aus tausend Bildern, Luzern 1999, 336 S., 22,- Euro

 Plädoyer für eine Theologie des Alltags

Das Böse ist eine Realität, unter der Menschen leiden. Ivone Gebara betrachtet dieses Phänomen aus der ökofeministischen Perspektive. Siehe den Artikel „Der Aufbruch zu einem geschwisterlichen Bund“ in diesem Heft.) Ihr Anliegen ist es aufzuzeigen, dass bisher alle theologischen Reflexionen zu diesem Thema bestimmt waren von einer androzentrischen Sicht (die meint uns, der Säzzer!), einem von hierarchischen Dualismen geprägten Denken. Das, was Frauen widerfahren ist, wurde nicht beachtet und blieb so gut wie unbekannt. Dieses Schweigen will Gebara „in ein öffentliches Wort verwandeln“ und skizziert eine Phänomenologie des Bösen aus der Sicht der Frauen. Die dunkle Seite Gottes, Wie Frauen das Böse erfahren. Frauen erfahren das Böse als materiellen Mangel, als Machtlosigkeit, als Mangel an Wissen, als Wertlosigkeit, als Unglück der Hautfarbe und als Mangel an Gerechtigkeit. Sie erleiden es: in ihrem Körper, den sie verkaufen um selber leben zu können, im häuslichen Bereich als Hausangestellte, „wo die Hunde mehr gelten“, innerhalb der katholischen Kirche „eine der letzten Bastionen der Männerherrschaft“.

Der Gender-Begriff wird zur Kategorie der hermeneutischen Vermittlung und zum Interpretationsschlüssel, der die im christlichen Weltbild „allgegenwärtigen Dualismen“ überwinden hilft, wo das Böse seinen festen Platz hat. „Die weibliche Seite wurde immer als minderwertig, weniger begabt und als der Materie näher stehend angesehen. Die männliche Seite hingegen wurde als höherwertig, klar und als dem Geist näher stehend bezeichnet und galt damit als besser geeignet, Gott zu repräsentieren.“ Das Böse ist aber ebenso wie das Gute Teil der menschlichen Existenz. Menschliches Leben ist ein „Gemisch“ aus beidem. Es sind „keine voneinander unabhängigen Größen mit je eigener Identität“. „Nur von diesem Gemisch aus, das für den Menschen konstitutiv ist, können wir also lieben und Gerechtigkeit und Solidarität suchen.“ Und in diesem Gemisch mit den zwei untrennbar verwobenen Fäden ereignen sich die Heilserfahrungen, die „Vermischung von Kreuz und Auferstehung“. Diese Heils- und Auferstehungserfahrungen sucht und findet Gebara auch im Frauenalltag. Auferstehung ist dann kein einmaliges Ereignis mehr, sondern wird zu einer kollektiven Erfahrung mitten im Leben. Die einseitige Fixierung einer patriarchalischen Theologie auf das Paradigma des Kreuzes, das für viele Frauen dazu führte „die Leiden dieses Mannes am Kreuz zu betrachten und ihr eigenes Kreuz zu akzeptieren“ will Gebara überwinden. Sie sucht im Kreuz Zeichen des Heils. „Es geht nicht um den Lobpreis auf ein Folterinstrument, das zum Sieg über den Tod wird. Das Kreuz büßt seine ausschließliche Zentralstellung ein und wird zum Element des Lebens, das von allen getragen ist.“

Überwinden möchte sie auch die Theorien von einem universellen Heil. „Sie werden leicht von den großen ideologischen Systemen vereinnahmt und werden zu Instrumenten im Dienst dieser Ideologien. Die Mächtigen dieser Welt brauchen die Allmacht Gottes und das universelle, einheitliche Heil um ihre Macht zu festigen.“ Die Suche nach Heil muss jeden Tag neu begonnen werden, denn es ist ein dynamischer Prozess und kein Zustand. Dieses Heil ist nur in der Gegenwart, im Alltag, im Körper zu finden. „Es ist überall, in verschiedenen Ausprägungen gegenwärtig und lädt uns ein, den Schrecken und die Beklommenheit, die uns ergreift, zu überwinden.“ Gebara will eine Befreiung mitten im Alltag und entwickelt eine befreiende, von Hoffnung und Lebensfreude durchdrungene Theologie. An die Stelle der Spekulation über einen mit männlichen Attributen besetzten Weltenlenker tritt das Staunen über den Geheimnischarakter Gottes, „der in uns lebt und in dem wir leben, das Geheimnis in allem und jenseits von allem“.

Kritisch setzt sie sich mit dem Entwurf der traditionellen Theologie der Befreiung auseinander. Auch das Gottesbild der Befreiungstheologen trägt dualistische Züge und gründet in der Erfahrung von Männern: Ein machtvoller, über allem stehender Gott, der eine hierarchische Ordnung der Gerechtigkeit garantiert und der mit den Armen und Unterdrückten auf dem Weg ist, diese Ordnung in der Gesellschaft aufzubauen. Für Gebara muss es einer befreienden Theologie aber auch um die Befreiung im Alltag und in den Beziehungen gehen. Das alleinige Versprechen einer neuen Gesellschaft, in der jede Person in ihrer Würde geachtet wird, ist zu wenig. „Es sind Gesten des Heils, die uns leben lassen und die die wichtigsten Symbole unseres Glaubens sein sollten.“

Ivone Gebara legt keinen geschlossenen Entwurf mit fertigen Antworten vor, sondern lädt zu einer Entdeckungsreise ein. Ihr Buch, das mit vielen gängigen Vorstellungen bricht, ist faszinierend, spannend und anspruchsvoll. Die eigene Auseinandersetzung wird provoziert und ein Weiterdenken anregt. (Sigrid Becker-Wirth)

Ivone Gebara, Die dunkle Seite Gottes, Wie Frauen das Böse erfahren, Freiburg 2000, 224 S., 20,50 Euro

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Lektüre gegen die Hoffnungslosigkeit

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Elsa Tamez gehört neben Ivone Gebara zu den bekanntesten feministischen Befreiungstheologinnen. Sie ist Professorin an der Universidad Biblico Latinoamericana und Mitarbeiterin des ökumenischen Forschungszentrums DEI (Departamento Ecumenico de Investigacion) in Costa Rica. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist stets der Alltag, der dann theologisch reflektiert wird. Ihr jetzt ins Deutsche übersetztes Buch „Da hasste ich das Leben, Eine Lektüre des Buches Kohelet“ ist kein klassischer Bibelkommentar, sondern „eine Lektüreempfehlung für unsere Zeiten der Hoffnungslosigkeit“, schreibt sie in ihrem Vorwort.
 
 In diesem biblischen Buch, auch unter dem Namen „Prediger“ bekannt, fallen viele Ähnlichkeiten zu unserer momentanen Situation ins Auge, so dass es keiner direkten Übertragung mehr bedarf. Im Buch Kohelet geht es „um die Ratschläge eines Weisen aus dem dritten Jahrhundert vor Christus, der auf dem Boden der Provinz Palästina Zeuge der 'Globalisierung' des hellenistisch-ptolemäischen Systems wird, das in Alexandrien, dem Zentrum des griechisch-makedonischen Reiches in Ägypten, seinen Mittelpunkt hat“.

Elsa Tamez entdeckt in diesem Buch vier Wege, die aufzeigen, wie es möglich ist in einer „Kultur der Hoffnungslosigkeit“, in der sich auch die Utopien für eine ersehnte andere Gesellschaft verdunkeln, trotzdem sinnvoll leben zu können. Ein Weg, den sie bei Kohelet gefunden hat, ist die Bejahung des konkreten und sinnlichen Lebens. „Das konkrete Leben illusionslos zu leben und dadurch die um sich greifende Frustration innerhalb einer seelenlosen Gesellschaft zu überwinden. Licht, Freude, Vergnügen, Lust und Humor sind die unerlässlichen Zutaten, um das Leben hier und jetzt intensiv zu schmecken und zu genießen.“ Ein anderer Weg ist der Weg der Unterscheidung der Geister, um differenzieren und mit Verstand handeln zu lernen. Dabei bedarf es der Solidarität, „denn zwei sind besser als einer“ und „die dreifache Schnur reißt nicht“.

Ein erfrischend lebendig geschriebenes und Mut machendes Buch, das keine theologischen Kenntnisse voraussetzt. Die Spruchweisheiten dieses alten Buches aus der Bibel, vielen LeserInnen vielleicht noch unbekannt, gelingt es Tamez so zu erschließen, dass sie wie Lichtstrahlen durch die Risse eines dunklen, niederdrückenden Raumes fallen ohne die Hoffnungslosigkeit zu verdecken. (Sigrid Becker-Wirth)

Elsa Tamez, Da hasste ich das Leben, Eine Lektüre des Buches Kohelet, Luzern 2001, 176 S., 25,- Euro

Zurück zu Leben und Freiheit

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Hier gehts zu Amazon „Ohne Paulus von Tarsus“, schreibt Pablo Richard im Nachwort des Buches mit dem Untertitel Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung, „ist Nietzsche nicht zu verstehen, weil Nietzsche sich selbst als Anti-Paulus begreift; sein Antichrist ist in Wahrheit ein Anti-Paulus. Nietzsche will die Kultur seiner Zeit ändern, indem er durch den Kampf gegen Paulus die Fundamente dieser Kultur angreift. Nietzsche legt so den Grund für die postmoderne Kultur, die in Wahrheit postchristlich ist. Ebenso wie die Paulusbriefe gehört auch das Johannesevangelium zu den Gründungstexten unserer Kultur; wer unsere Realität verstehen will, kann darum das Johannesevangelium nicht übergehen.“ Für LeserInnen, die keinen eigenen Bezug zu Kirche und Kirchengeschichte haben, ist es hilfreich, mit diesem Nachwort zu beginnen. Pablo Richard fasst Hinkelammerts Arbeit von außen betrachtet und an manchen Stellen übergeordnet zusammen und skizziert aktuelle oder zukünftige Szenarien des Lebens (oder des Todes) unter dem Kapitalismus im neoliberalen Gewand.

 Johannes will den Menschen seiner Zeit das religiöse und soziale Anliegen Jesu darstellen. Dazu beschreibt er, wie Jesus zu seinen Lebzeiten gewirkt hat und mit welchen Argumenten seine politischen Gegner – die römische Kolonialmacht und die jüdischen Hohen Priester – gegen ihn vorgegangen sind. Besonders wichtig ist es Johannes, Jesus als Symbol des Lebens zu zeigen, als Verkörperung des lebendigen Glaubens an das Leben. Offensichtlich haben sich im römischen Imperium etwa 80 Jahre nach Christus bereits die ersten Kräfte unter den Christen (und unter den Herrschenden) darangemacht, die Gestalt und die Lehre Jesu für moderne Machtzwecke umzuinterpretieren (so was geht sehr schnell, wie wir aus der sozialistischen und grünen Geschichte wissen).

Einer solchen Abkehr vom ursprünglichen Sinn wollte Johannes mit seinem niedergeschriebenen Evangelium entgegenwirken. Wir wissen, dass auch die Schriftform keine unveränderliche „Wahrheit“ wiedergibt. Auch schriftlich festgelegte Inhalte muss jede Generation mit den sich wandelnden Zeitläufen stets aufs Neue begreifen lernen. Aber auch dann hängt die Auslegung der Worte davon ab, wie gut der/die BetrachterIn den ursprünglichen Sinn zu begreifen vermag und welche Interessen die jeweiligen InterpretInnen verfolgen. Johannes konnte nicht verhindern, dass ungefähr drei Jahrhunderte später das Christentum zur Staatsreligion umgedeutet wurde. Dennoch hat er mit seiner Interpretation für das Leben dafür gesorgt, dass das Christentum selbst unter reaktionärsten Lebensbedingungen immer wieder zu einer Quelle der Hoffnung und des Aufbruchs zum Leben wurde.

Die Nationen und Staaten produzieren immer wieder Gesetze, die nicht nur die Interessen der Herrschenden verkörpern. Solche Gesetze können sozial und menschlich durchaus sinnvoll sein, vorausgesetzt sie werden im Sinne des lebendigen Lebens interpretiert und angewandt. Schulden zurückzahlen ist solange in Ordnung, solange der/die SchuldnerIn ohne in Not zu geraten zahlen kann. Schulden mit Gewalt eintreiben und dabei den Schuldner ruinieren ist das eigentliche Vergehen. Dem Leben, nicht den Schulden dienen! Nur im Leben – zu dem auch der natürliche, nicht aber der gewaltsame Tod gehört – kann der Mensch die von Gott gewollte Erfüllung seines Seins erfahren. Diese dem Leben nahestehende Interpretation des christlichen Glaubens leitet Johannes ab von der positiven Haltung des jüdischen Glaubens der semitischen Gesellschaft zur Zeit Jesu, die indessen – das macht Hinkelammert etwa am Beispiel der biblischen Ehebrecherin deutlich – auch nicht frei von Macht- und Eigeninteressen ist. (Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.)

„Diese Tradition wird als Semitismus bezeichnet, den der Antisemitismus des Christlichen Imperiums heftig bekämpft.“ (Pablo Richard). Während der gesamten abendländischen Geschichte diente der christliche Antisemitismus dem Machterhalt in Kirche und Staat bzw. zur Stigmatisierung der inneren Feinde. Und dieser Tradition ist die Kirche unter anderem in ihren Angriffen auf die Theologie der Befreiung, die Frauen und die Homosexuellen bis heute treu geblieben. Mit großer Systematik und spannenden Bibel-Interpretationen legt uns Hinkelammert, Mitarbeiter des Ökumenischen Forschungszentrum DEI in Costa Rica, eine moderne – keinesfalls modische – Auslegung des Johannesevangeliums vor. Er zeigt, wie die Machthaber der Imperien auf „christlicher“ Basis in der Geschichte durchgängig bis heute auf allen Ebenen das Menschliche in der Lehre Jesu weginterpretieren und daraus (Klassen-)Gesetze fabrizierten. Und weil das Imperium zu jeder Zeit besonders solche Ideen fürchtet, die mit Hoffnung auf mehr denn auf die Brosamen der Herrschenden und deren neoliberale Heilsversprechen vom Wohlstand über den „trickle down“-Effekt in Verbindung stehen, erfand es den Antisemitismus oder dessen logische Ableger den Antiutopismus, Antisozialismus und Antikommunismus.

Dabei hatten in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder viele Menschen (sogar Sozialdemokraten) von „Systemüberwindung“ geredet und meinten damit zumindest eine Domestizierung des Kapitalismus. Die Entwicklung des Kapitalismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat indessen viele seiner KritikerInnen buchstäblich sprachlos gemacht. Eine Lektüre des Buches von Hinkelammert kann für ebenso viele als intellektuelle Basis für eine Neubelebung der Auseinandersetzung mit den Allmachtsansprüchen des Kapitals dienen. Ganz nebenbei ist Der Schrei des Subjekts auch für nicht religiös sozialisierte ZeitgenossInnen „einfach so“ äußerst spannend zu lesen und macht neugierig auf die Bibel. Am Anfang war das Wort ... (Gernot Wirth)

Franz J. Hinkelammert, Der Schrei des Subjekts, Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung, Edition Exodus, Luzern 2001, 410 Seiten, 34, - Euro

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