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Buchbesprechungen

 Alle besprochenen Bücher

Leben, um davon zu erzählen
Gabriel García Márquez schreibt den Roman seines Lebens
 von Klaus Jetz

Im erzählerischen Werk von Gabriel García Márquez scheiden sich in Deutschland bekanntlich die Geister. Für die einen ist er ein faszinierender Erzähler, der seine Leserinnen und Leser in eine exotische Welt entführt, durch den Aufbau von Spannung fesselt und so schnell nicht mehr frei gibt. Für die anderen ist er ein Tropenphantast, mit dessen Kosmos aus einer Mischung von Magie und Realismus, Mythen, Witz und Tragödien sie als mitteleuropäisch geprägte Vernunftmenschen nicht viel anfangen können. Ihnen bietet sich das nicht fiktionale, journalistische Werk des großen Erzählers als alternative, versöhnliche Lektüre an, auch wenn der Autor kein großer Freund von gattungstheoretischen Trennungsmerkmalen ist. Denn gerade seine großen Reportagen wie „Tagebuch eines Schiffbrüchigen“, „Das Abenteuer des Miguel Littín“ oder „Nachricht von einer Entführung“ lesen sich eben auch wie fesselnde Romane. Nicht viel anders verhält es sich mit der lange erwarteten Autobiographie des Kolumbianers.

„Leben, um davon zu erzählen“, „Vivir para contarla“, titelte García Márquez den ersten Teil seiner Erinnerungen. Sie beginnen wie ein Roman, mit der Erzählung, wie seine Mutter versucht, das Haus zu verkaufen. Da ist es wieder, das Haus der Großeltern in Aracataca, das die Vorlage für den Familiensitz im Kosmos Macondo lieferte. Und die Erinnerungen enden nach mehr als 600 Seiten wie ein Roman, oder besser wie die erste Folge einer spannenden Telenovela mit der überstürzten Abreise des Autors nach Europa, mit einer Taxifahrt durch Barranquilla und dem unkonventionellen Heiratsantrag des Autors an Mercedes Barcha, seine künftige Frau.

Ein rundes Vierteljahrhundert umfasst also dieser erste Teil des Lebensberichtes, genauer gesagt die Jahre zwischen García Márquez' Geburt 1927 und seinem zweiten Lebensabschnitt, der 1955 beginnt, als er, mittlerweile ein bekannter Journalist, als Berichterstatter für El Espectador nach Europa geschickt wird. Exkurse in die kolumbianische Geschichte, ins 19. Jahrhunderts und die Jahrhundertwende werden nicht ausgespart, zumal sie auch in seinen Romanen immer wieder eine Rolle spielen, wie etwa das berühmt-berüchtigte Massaker der United Fruit Company an streikenden Bananenarbeitern an der Nordküste oder der so genannte Krieg der Hundert Tage. Im Mittelpunkt aber stehen naturgemäß die historischen Ereignisse, die der Autor selbst erlebt hat.

Wie ein roter Faden zieht sich dabei das Drama Kolumbiens, die Violencia, durch die Autobiographie. García Márquez hat den Bogotazo, den Aufstand und die Repression, den unvorstellbar grausamen Ausbruch staatlicher Gewalt, die auf den Mord vom 9. April 1948 an dem Führer der Liberalen Partei, Jorge Eliécer Gaitán folgte, als Zwanzigjähriger in der kolumbianischen Hauptstadt miterlebt. Minuziös zeichnet er die sozialen Probleme und die politische Konstellation am Vorabend des kolumbianischen Bürgerkrieges nach. Als Ursache des ewigen Konflikts zwischen der Konservativen und Liberalen Partei, der seit mehr als 100 Jahren das Land polarisierte, sieht García Márquez den jahrzehntelangen Versuch der konservativen Elite aus Großgrundbesitz, Militär und katholischer Kirche, längst überfällige Reformen und politische Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit zu vereiteln, ein Versuch, der zwangsläufig in den Militärputsch des Generals Gustavo Rojas Pinilla vom 13. Juni 1953 mündete.

Die Autobiographie liest sich allerdings auch wie ein Who is who der kolumbianischen Literatur und des kolumbianischen Journalismus der 40er und 50er Jahre. Der Leser erhält Informationen aus erster Hand zum Innenleben der Redaktionen von El Espectador in Bogotá oder El Universal in Cartagena. Natürlich würdigt García Márquez Verleger und Autoren wie Guillermo Cano, Alvaro Mutis, Clemente Manuel Zabala, literarische Tertulias und Dichterzirkel wie Piedra y Cielo in Bogotá oder die Gruppe von Barranquilla. Und die großen Namen der kolumbianischen Literatur, des 19. und des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, Jorge Isaacs, José Eustasio Rivera, Tomás Carrasquilla, sie dürfen selbstverständlich nicht fehlen in García Márquez' Autobiographie. Er nennt zudem all die großen Namen der europäischen und nordamerikanischen Literaturgeschichte, die ihm Vorbild und Lehrer waren, Balzac und Zola, Thomas Mann, Kafka, Joseph Conrad, Hemingway und Tolstoi, ihre unzähligen Werke, die ihn in seinem Werdegang als Literat beeinflussten und die er schon als Jugendlicher verschlang, immer auf der Suche nach den „Baugeheimnissen“, nach der Antwort auf die eine Frage: Wie schreibe ich einen Roman?

So waren die eher reservierten Urteile einiger Kritiker, etwa Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Dezember 2002, nicht wirklich überraschend. Das Buch sei zu langatmig, zu ausführlich, enthalte zu viele Namen. Dass man nicht genug davon bekommen kann, möchte man ihnen entgegenhalten. Auch bei seiner Autobiographie scheinen sich also die Geister der Rezensenten zu scheiden. García Márquez ist eben ein großer Erzähler, der es nicht lassen kann. Er schaut auf ein bewegtes Leben zurück, hat einiges zu berichten. Voller Ungeduld warten seine Fans auf die Fortsetzung dieser Lebensgeschichte, auf die Abenteuer, die der große Romancier als Reporter in West- und Osteuropa, in Nord- und Südamerika erlebte, auf die Freund- und Feindschaften, die er zu Politikern und Literaten des Kontinentes pflegte, auf die Zeit, als seine Meisterwerke entstanden.

Gabriel García Márquez, Leben, um davon zu erzählen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 604 Seiten, 24,90 Euro.

Jude, Gringo, Deutscher
Die Lebenserinnerungen des Werner Max Finkelstein
von Ali Al Nasani

Hermann Finkelstein hatte im ersten Weltkrieg freiwillig für Deutschland gekämpft. Später dachte er, dass der „braune Spuk“ nicht lange andauern würde. Doch nach der Machtergreifung der Nazis änderte sich alles schlagartig. Er musste sein gut gehendes Geschäft im ostpreussischen Gumbinnen aufgeben. Die Familie Finkelstein zog nach Berlin in der Hoffnung, hier leichter überleben zu können. Wenige Monate später starb Hermann Finkelstein und ließ seine Frau Frieda sowie seinen Sohn Max in einer immer feindseligeren Umgebung zurück. Nach der Reichspogromnacht fiel der Entschluss zu emigrieren und Max, damals 14 Jahre alt, wurde mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt. Erst nach Kriegsausbruch gelang der Mutter die Emigration nach Bolivien, und Max reiste ihr nach: durch Finnland, Russland, Japan sowie mit einem Zwischenstopp in San Francisco und Acapulco.

In Bolivien erwartete den 16jährigen eine Welt, die in drei Klassen eingeteilt war: die reiche weiße Oberschicht, die Mestizen und ganz unten die Indigenen. Max Finkelstein schlug sich zunächst als Bauarbeiter durch, später beaufsichtigte er ein Arbeitsprojekt im so genannten „Panóptico-Gefängnis“ von La Paz und registrierte mit Erstaunen, dass sich die Insassen dort mit eigenen Schlössern einschlossen. Ihre Furcht vor Diebstahl richtete sich jedoch nicht gegen die Mitgefangenen, sondern gegen die Vollzugsbeamten. An den sozialen Grenzen der Gesellschaft zerbrach auch der Versuch, ein Alphabetisierungsprojekt für die indigene Bevölkerung aufzubauen. Da die Indigenen immer nur von der weißen Bevölkerung ausgebeutet worden waren, gab es keine Bereitschaft, sich auf ein Alphabetisierungs- projekt einzulassen. Das Misstrauen war zu groß. 

Später reiste Max Finkelstein nach Argentinien weiter und lebte dort zunächst illegal ohne Papiere. Doch schon nach vier Monaten hatte er das Glück, bei einer der regelmäßigen Amnestien legalisiert zu werden. Bei all seinen Unternehmungen blieb Finkelstein immer optimistisch und bis heute ist ihm Zukunftsangst fremd. „Mir ist es oft sehr dreckig gegangen“ so Finkelstein, „doch ich hoffte immer, dass es wieder bergauf ginge.“ In Buenos Aires begann er, beim Argentinischen Tageblatt zu arbeiten, das sich nicht, wie die damals von der deutschen Botschaft unterstützte La-Plata-Zeitung, von den Nazis hatte einnehmen lassen. Das Argentinische Tageblatt überlebte einen Anzeigenboykott der deutschen Unternehmen sowie zwei Bombenattentate. Es war die Zeit der ungebrochenen Machtausübung der argentinischen Militärs, die alle wichtigen Posten innerhalb der Gesellschaft besetzten. Insgesamt arbeitet Finkelstein 33 Jahre als Redakteur beim Tageblatt und schrieb sowohl über Außen- und Innenpolitik als auch über Wirtschaft und Kultur. Trotz der langen Zeit scheint er in Argentinien nicht heimisch geworden zu sein. „Ich wusste, dass ich nicht auf Reise war, dass ich hier meinen Job hatte. Doch ein Zuhause war es nicht.“ 

Eines Freitagsabends kreierte er in der Redaktion Geschichte, als er wegen eines bevorstehenden Wochenendtrips nicht auf die Rede des damaligen Präsidenten Arturo Illia anlässlich des Tages der Industrie warten wollte. So beschloss Finkelstein, das übliche Gerede über „die Bedeutung der Industrie für die Wirtschaft des Landes“ selbst zu verfassen. Am Montagmorgen wurde er dann in der Redaktion davon überrascht, dass das Tageblatt als einzige Zeitung den Präsidenten zitierte. Der hatte nämlich kurzfristig auf seine Rede verzichtet. 

In den letzten Jahren war er gleichzeitig Redakteur der Zeitung der jüdischen EmigrantInnen, der Semanario Israelita, die sich mit jüdischen Themen der ganzen Welt auseinander setzte. Selbst diese kleine deutschsprachige Zeitung wurde im argentinischen Innenministerium kontrolliert und als Finkelstein eines Tages den Unterrichtsminister in seiner Zeitung als Faschisten bezeichnete, kam der argentinische Staatsschutz in die Redaktion. Dies war eine eindeutige Warnung in Zeiten, in denen missliebige Personen einfach „verschwanden“. Da die Zeitung hauptsächlich von deutsch-jüdischen EmigrantInnen gelesen wurde, sank im Laufe der Jahre die Zahl der AbonnentInnen. „Mit jedem Emigrant verstarb auch ein Abonnent“, resümiert Finkelstein. Schließlich musste die Zeitung aus wirtschaftlichen Gründen ganz eingestellt werden.

1999 kehrte Max Finkelstein schließlich nach Deutschland zurück und begab sich auf Spurensuche in seine Geburtsstadt Gumbinnen und sein erstes Exilland Schweden. Seine Lebensgeschichte wurde von seiner Frau aufgezeichnet und liegt nun in Buchform vor. Noch heute lässt ihn im Rückblick das Gefühl nicht los, relativ sorglos im Exil gelebt zu haben, während andere in Konzentrationslagern litten und dort getötet wurden. Es war der Schrecken des Holocaust, der seinen Glauben an Gott zerstörte.

Kerstin Emma Schirp: Jude, Gringo, Deutscher - Das abenteuerliche Leben des Werner Max Finkelstein, Books on demand, Berlin 2002, 15,90 Euro

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