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¡Marichiweu! Zehnmal werden wir siegen!
Über die Widerstandsbewegung der Mapuche in Chile
 von Björn Seyl

Die Mapuche in Südchile blicken wie viele indigene Völker in Lateinamerika auf eine lange Geschichte der Unterdrückung und des Widerstandes zurück. Nach der Ablösung der Militärdiktatur 1990 setzten viele Mapuche-Organisationen ihre Hoffnung auf den mit der Regierung ausgehandelten Pakt von Nueva Imperial und dem daraus 1993 hervorgegangenen neuen Indígena-Gesetz. Die Mapuche sahen sich jedoch in ihren Erwartungen nach Land und mehr Beteiligung an der sie betreffenden Politik durch die chilenische Regierung enttäuscht. So steht heute dem chronischen Landmangel in den Mapuche- Comunidades der rücksichtslose Ausverkauf riesiger Landflächen an transnationale Forstkonzerne gegenüber. Weiteres Paradebeispiel neoliberaler Politik ist der Bau eines Megastaudammprojektes auf Mapuche-Territorium. Der wurde gegen heftigen Protest und entgegen der neuen Indígena-Gesetzgebung durchgesetzt. Deshalb war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Konflikt 1997 in Form von Demonstrationen, Straßenblockaden und Landbesetzungen eskalierte.

Mit der Geschichte der Mapuche-Bewegung vom Beginn der spanischen Conquista im 16. Jahrhundert bis zum aktuell entbrannten Konflikt hat sich Olaf Kaltmeier auseinander gesetzt. Dabei werden die historischen Ereignisse aus der Dialektik von Herrschaft und Widerstand verstanden und analysiert. Von der „erstarrten Conquista“, während der die Mapuche ihre Unabhängigkeit weitgehend gegen die Spanier behaupten konnten, über die militärische Besiegung durch chilenische Truppen und die Ansiedlung in Reservaten Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der aktuellen Mapuche-Bewegung, deren ProtagonistInnen durch die ab 1997 aufgetretenen Mobilisierungen und Protestbewegungen in den Fordergrund gerückt sind. Auf Grundlage der Betrachtung von vier führenden Mapuche-Organisationen, mit deren Sprechern und Aktivisten der Autor während seines Forschungsaufenthaltes gesprochen hat, werden die Besonderheiten der neuen Akteure dargestellt. Der aktuelle Protestzyklus ist nicht nur als simple Fortsetzung des Widerstandes über die Jahrhunderte hinweg zu verstehen. Vielmehr erklärt er sich durch die spezifischen Entwicklungen und Dynamiken in Chile und nicht zuletzt durch die Wechselwirkung mit dem kapitalistischen Weltsystem. Die neoliberale Modernisierung als Ursache sozioökonomischer Ungleichheit in Chile ist somit einer der Hauptgründe der Protestwelle der letzten Jahre.

Die Regierung ihrerseits tut nur wenig, um den Landmangel, die Armut und die Krise der kleinbäuerlichen Ökonomie der Mapuche effektiv zu bekämpfen. Jedoch artikuliert die Mapuche-Bewegung ihren Widerstand keineswegs nur aus wirtschaftlicher Not heraus. Auch der Kampf um die Ratifizierung der Rechte indigener Völker nach der ILO-Konvention der Vereinten Nationen und um Anerkennung der kulturellen Vielfalt in Chile spielen seit den neunziger Jahren eine zunehmende Rolle. In diesem Zusammenhang vollzieht sich in den letzten Jahren ein Prozess der Identitätsfindung und -bildung innerhalb der Mapuche. Ähnlich der großen territorialen Einheiten, zu denen sich die Mapuche während der Conquista im Kampf gegen die Spanier zusammen schlossen, kristallisieren sich heute die einzelnen Regionalidentitäten als Ausdruck der kulturellen Heterogenität des Volkes heraus: Repräsentiert durch ihre jeweiligen Organisationen, unterscheiden sich die Mapuche so in Wenteche, Lafquenche, Pehuenche, Huilliche und Nagche. Neben der Darstellung der unterschiedlichen Positionen und Differenzen innerhalb der Bewegung findet auch die Beziehung zum chilenischen Staat ausführliche Beachtung. Da die Mapuche keineswegs immer nur auf Konfrontationskurs mit dem Staat waren, werden hier Wandel und Persistenz der Forderungen genau unter die Lupe genommen.

Olaf Kaltmeiers Promotionsarbeit ist eine der umfassendsten Arbeiten, die über dieses Thema in den letzten Jahren publiziert wurden. Neben dem breiten historischen Abriss, der immerhin 450 Jahre umfasst, bietet das Buch einen ausführlichen Ansatz zum Verständnis des gegenwärtigen indigenen Protestes in Chile. Die neue Mapuche-Bewegung wird in ihrer komplexen Verflechtung von traditionellen Elementen mit neu entstandenen Mechanismen und Strukturen als Reaktion auf das neoliberal orientierte System offengelegt und analysiert. Ein Buch, das der aktuellen Brisanz und Tiefe des Mapuche-Konfliktes gerecht wird.

Olaf Kaltmeier: ¡Marichiweu! – Zehnmal werden wir siegen! – Eine Rekonstruktion der aktuellen Mapuche-Bewegung in Chile aus der Dialektik von Herrschaft und Widerstand seit der Conquista, Edition ITP-Kompass, Münster 2004, 420 Seiten, 24,80 Euro.

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