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Buchbesprechungen

 Fasziniert von der Welt       Alle besprochenen Bücher

Von unten und von oben
Drei neue Bücher zu Venezuela
 von Günter Pohl

Eines der zentralen Themen der drei nahezu gleichzeitig im Frühjahr erschienenen Bücher über den bolivarianischen Prozess in Venezuela ist der Putsch gegen die Regierung von Präsident Hugo Chávez im April 2002. Dass es vorher kaum eine (deutsche) Sicht auf den Prozess – außerhalb von Venezuela, und so auch von den Autoren, häufiger „Revolution“ als dort selbst genannt – gab, gibt nicht nur Aufschluss über die Verfasstheit der hiesigen Linken, sondern auch über das Artikulationsproblem der venezolanischen Regierung in einem Land, dessen Medien fest in der Hand der rechten Opposition sind. Mit dem Putsch, d. h. viel mehr mit seinem Scheitern, rückte das Land in das internationale Blickfeld. Die in den Büchern vorgenommene Annäherung an das Thema Venezuela entspricht weitgehend der politischen Herkunft der Herausgeberin Sahra Wagenknecht sowie der Autoren André Scheer und Raul Zelik. 

Raul Zelik, dem die Freude am Schreiben anzumerken ist, orientiert sich bei seiner Beschreibung an den Basisbewegungen, die die Regierung Chávez tragen. Nicht von ungefähr wählt er die Reportage als Transportmittel seiner Gedanken. Erfreulich ist dabei, dass er die LeserInnen an seinem eigenen Erkenntnisprozess gegenüber dem Modell des neuen Venezuela und der dabei zentralen Figur Hugo Chávez teilhaben lässt. Raul Zelik, dessen Buch von einer Architektur-Bildreportage über Caracas ergänzt wird, nimmt sich Zeit mit der Bewertung dessen, was er selbst anfangs nicht versteht und was er der Leserschaft auf eine ebenso Widersprüche produzierende wie sie zuweilen kurz darauf auflösende, zuweilen als Frage stehen bleibende Art näher bringen will. Dagegen ist schade, dass er eigene (immerhin selbstkritisch zugestandene) bisherige Versäumnisse wie z.B. die unterschiedlich vorzunehmende Einordnung des Nationalismus in abhängig gehaltenen und in imperialistischen Ländern gleich allen „Linken in Deutschland“ mit ankreidet. Raul Zelik gerät oft selbst in den Mittelpunkt des Geschehens und auch „tue Gutes und rede darüber“ empfindet er offenbar nicht als Ironie, sondern als Mission. Die Leserin/der Leser wird immer wieder mit Zeliks Guerillaerfahrung, seinem KLM-Vielfliegerbonus oder dem Umfang seiner Literaturkenntnisse konfrontiert, was etwas die Lesefreude schmälert, nicht aber den Erkenntnisgewinn. Den Prozess von unten erklärt zu haben und jenes „Das hat uns Chávez beigebracht“ einmal auf Seite 55 erwähnt, aber dennoch in immer neuen Facetten durchgängig neu erklärt zu haben, ist das Verdienst dieses sehr lesenswerten Buches.

Was von Sahra Wagenknechts „Aló Presidente“ gar nicht zu sagen ist. Dieses Buch ist eine Aneinanderkettung von Interviews und Reportagen, die bereits größtenteils in den letzten Monaten in diversen Zeitungen und Zeitschriften zu lesen waren. Guten Beiträgen wie von Dario Azzelini oder Marta Harnecker stehen äußerst fragwürdige wie die von Ralph T. Niemeyer gegenüber, für den beispielsweise der Plan Colombia nichts anderes als ein „Codewort für die Stationierung von US-Soldaten in Arauca“ ist. Journalistische Freiheit lässt den Autor auch kolportieren, an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze seien etwa 20 000 US-Soldaten stationiert: Hier müssen kolumbianische Guerilla und venezolanische Regierung versäumt haben, die Weltöffentlichkeit zu informieren. Auch der Text von Sahra Wagenknecht „Sieben Tage in Caracas“ verrät wenig über Caracas, aber viel über Eindrücke bei erstmaligem Lateinamerikakontakt, was für sich genommen nicht uninteressant ist – aber zu einem VHS-Diavortrag und nicht in ein Buch gehört, das den (auch nicht richtigen) Anspruch hat, das „erste über das neue Venezuela“ zu sein. Erheblich besser gelungen ist ihr der Text zur venezolanischen Erdölpolitik. Sahra Wagenknechts Kenntnisse der politischen Ökonomie sind unbestritten: Sie sollte sich diesen Themen widmen statt nach politischem Tourismus Bücher zu verfassen. Zudem wäre für die Endredaktion jemand mit ausreichenden Spanischkenntnissen zu bevorzugen gewesen – die Fehlerquote bei den spanischen Wörtern ist sehr hoch.

André Scheer hat zwar erst jetzt ein Buch über den „Kampf um Venezuela“ herausgegeben, ist aber einer von einer Hand voll Menschen in Deutschland, die den bolivarianischen Prozess schon seit 1999 solidarisch unterstützt und zahlreiche Artikel zum Thema verfasst haben. Sein umfangreiches Wissen listet er nüchtern auf, ohne den Anspruch auf literarische Besonderheiten zu legen. Wo Raul Zelik den Prozess „von unten“ erklärt, tut es André Scheer „von oben“, indem er nicht nur Personen, sondern auch Parteien, Gewerkschaften und andere politische Organisationen als Akteure anerkennt. Mehr als in den anderen Büchern wird auf die Rolle Bolívars eingegangen. André Scheer und Raul Zelik haben zwei sehr unterschiedliche Bücher geschrieben, die sich aber geradezu ideal ergänzen.

Die Frage, ob es sich in Venezuela um Reform oder Revolution handelt, bewegt alle drei Bücher. Ob bei Raul Zelik Gramsci oder bei Sahra Wagenknecht und André Scheer Marx Kronzeuge ist: Venezuelas Vizepräsident José Vicente Rangel fasst es in „Kampf um Venezuela“ so zusammen: „Wir haben den Reichen nicht ihr Häuschen genommen, aber die Macht, sich Regierungen anzueignen!“

Made in Venezuela - Notizen zur "Bolivarianischen Revolution" Raul Zelik/Sabine Bitter/Helmut Weber,   € 13,00 www.assoziation-a.de.

Aló Presidente - Hugo Chávez und Venezuelas Zukunft, Sahra Wagenknecht, € 12,90 www.edition-ost.de

Kampf um Venezuela - Hugo Chávez und die bolivarianische Revolution, André Scheer, €12,90 NeueImpulse@aol.com

Fasziniert von der Welt
 und den Menschen

Eine biographische Annäherung an
 Nelly Meffert-Guggenbühl  
von Gert Eisenbürger

Seit den achtziger Jahren erlebt die mexikanische Malerin Frida Kahlo einen internationalen Boom. In den zahlreichen Büchern, Filmen, Aufsätzen und Theaterstü­cken, die sich mit dem Leben der surrealistischen und sozialistischen Künstlerin beschäftigen, spielte neben Fridas Malerei immer auch ihre hochkomplexe Beziehung zu dem Maler Diego Rivera eine zentrale Rolle. Der extrovertierte Lebemann und hochgeschätzte Künstler Diego, der stets Affären mit anderen Frauen hatte und die zarte, als Malerin zu Lebzeiten kaum wahrgenommene Frida, die einen lebenslangen Kampf gegen ihre durch einen schweren Unfall verursachten körperlichen Leiden führte. In ihrer Gegensätzlichkeit und bei allen Verletzungen, die sich zufügten, waren sie ein tief verbundenes Paar.

Bei der Lektüre von Bernhard Brack-Zahners Buch „Nichts Menschliches ist mir fremd – Das Leben von Nelly Meffert-Guggenbühl“ fühlte ich mich immer wieder an die Berichte über Frida Kahlo und Diego Rivera erinnert. Auch wenn bei Nelly Guggenbühl und Jupp Meffert (eigentlich Carl Meffert bzw. mit Künstlernamen Clément Moreau) vieles anders war. Nelly war keine Künstlerin, Jupp war zwar einerseits der geniale Künstler und Lebemann, gleichzeitig war er aber auch der, der stets von Selbstzweifeln geprägt war und einen verzweifelten Kampf um seine Gesundheit führte.

Dabei reduziert das Buch Nelly Guggenbühl keineswegs auf die Beziehung zu Meffert/Moreau. Im Gegenteil: Ihre Kindheit im bürgerlichen St. Galler Milieu, ihre sozialistische Politisierung und ihr Engagement für Naziverfolgte in Zürich, ihre kinderpsychologische Arbeit in Buenos Aires und St. Gallen nehmen einen breiten Raum ein. Aber all das sind Bedingungen mit denen sich Nelly konfrontiert sah und mit denen sie umzugehen wusste. Aber die Liebe zu Jupp Meffert war etwas, das sie zeitweilig als unsägliches Glück und dann wieder als Alptraum empfand. Dabei waren die Affären Jupps wohl das kleinere Problem, die Herausforderung an der auch die psychologisch geschulte Nelly scheiterte, war Jupps Drogenabhängigkeit. Seit seiner Jugend hing Clément Moreau an der Nadel, brauchte täglich Morphium. Sein Leben, besonders in Argentinien, war ein beständiges Auf und Ab von Zusammenbrüchen, Therapien, Rückfällen, erneuten Therapien und neuen Zusammenbrüchen. Dazwischen Phasen relativer Normalität, dann wieder solche extremer Gereiztheit Mefferts. Nelly und ihre gemeinsamen Kinder litten enorm unter der Situation. Doch ihre Liebe zu Jupp und zu seiner Kunst, ließen sie immer ausharren und hoffen, dass die nächste Therapie gelinge. Dabei reflektiert sie rückblickend selbst, ob ihr Verständnis nicht letztlich kontraproduktiv war.

Bernhard Brack-Zahner lernte Nelly Meffert-Guggenbühl kennen, als sie schon über neunzig war. Er war offensichtlich fasziniert von ihrer Persönlichkeit (mir ging es seinerzeit genauso), ihrer ruhigen humorvollen Art über Dinge zu sprechen, die für viele Leute Tabus darstellen. Der Autor gewann Nelly dafür, ihm ihre Geschichten für eine Veröffentlichung zu erzählen. Als die Arbeit fast abgeschlossen war, starb Nelly 1999 im Alter von 95 Jahren. Zunächst ließ Brack-Zahner das Manuskript liegen. Dann entschied er, die Arbeit doch fortzusetzen, recherchierte die fehlenden Teile, sprach mit Freunden und Verwandten Nellys. In den so entstandenen Text montierte er Briefe, die Nelly geschrieben und erhalten hat. Durch diese Technik wird der Erzählfluss gebrochen, rückblickende Erinnerungen werden mit unmittelbaren Reaktionen aus der Zeit kombiniert. Das bewirkt in vielen Passagen eine ungeheure Verdichtung. Vor allem in den Teilen, wo es um Jupps Drogensucht geht. Zu lesen, wie jemand immer wieder neue Therapien beginnt, um die Sucht zu überwinden, diese dann abbricht oder rückfällig wird, ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es, mit den Briefen konfrontiert zu werden, die sich das Paar während dieser Phasen schrieb, wo mit jeder Therapie neue Hoffnungen bei Nelly und gute Vorsätze bei Jupp verbunden waren, dieses Mal werde es klappen und dann die verzweifelte Enttäuschung, dass es wieder nichts gebracht hat.

„Nichts Menschliches ist mir fremd“ ist ein faszinierendes Buch über eine politisch bewusste Schweizerin, die fast das gesamte 20. Jahrhundert erlebt hat. Der historische Bogen ihrer Erzählungen reicht von ihren Erinnerungen an die Zeit des Ersten Weltkrieges bis zu den Anti-Atom-Demonstrationen der Achtziger, an denen sie noch teilgenommen hat. Besonders nett sind die Anekdoten, die sie zu erzählen weiß. Wo liest man schon, dass der später hochdekorierte Sänger Ernst Busch, als illegaler Flüchtling in der Schweiz in der Badewanne, so laut revolutionäre Arbeiterlieder sang, dass er zum Sicherheitsrisiko wurde. Sie habe ihn zurechtweisen müssen, meinte Nelly, weil sonst die Nachbarn Verdacht geschöpft hätten.

Nelly Meffert-Guggenbühl schildert immer wieder kritische Situationen, politische während ihrer Fluchthilfearbeit in Zürich, persönliche in ihrer Beziehung zu Jupp oder beim Selbstmord ihrer Schwester. Aber danach beschreibt sie wieder voller Begeisterung Menschen, die sie kennen lernte oder bericht über positive Erlebnisse. Sie blieb bei allen Härten stets eine offene und neugierige Person, die sich von der Welt und den Menschen faszinieren ließ.

Bernhard Brack-Zahnder: Nichts Menschliches ist mir fremd - Das Leben von Nelly-Meffert Guggenbühl, Appenzeller Verlag, St. Gallen 2004, 174 Seiten € 25, 38 sfr